|
|
DOS & DON'TS
RELATED ARTICLES
|
||||||||||||||||||||||||||||||||
LARS VON TRIERINTERVIEW: HENRIK SALTZSTEIN FOTOS: CHRISTIAN GEISNAES ![]() Wenn Lars von Trier einen wichtigen neuen Film herausbringt, tut er das immer in Cannes. Er reist in einem eigens für ihn umgebauten Trailer an, da er nur sehr ungern reist und sein Heimatland Dänemark nur sehr selten verlässt, wo sein Status als Nationalheld nur noch von der Anzahl von Leuten übertroffen wird, die ihn für einen totalen Psycho halten. Seine aggressive Art gegenüber Journalisten ist legendär, er ist ein größerer Neurotiker als alle, die du kennst, zusammen, und sein neuer Film, Antichrist, ist ein extrem verstörender, horrorartiger Streifen, der unter anderem Szenen von genitaler Verstümmelung und sprechenden Tieren enthält. Lars von Trier erklärt sein neues Werk folgendermaßen: „Ich bin jetzt in meine anale Phase eingetreten. Antichrist ist im Prinzip nichts anderes als Scheiße, mit der ich alles beschmiere. Ich bin nicht mehr der stille Junge, der im Unterricht immer ganz hinten sitzt.“ Und das sagt ein Typ, der unter anderem bekannt dafür ist, Björk an den Rand des Wahnsinns getrieben zu haben, als er mit ihr an Dancer in the Dark arbeitete. Wir wollen hier nicht zu sehr einen auf Freud machen, aber wir denken, dass ein Teil seiner extremeren Charakterzüge auf seine Mutter zurückzuführen ist. Um einen Sohn mit guten Genen zu produzieren, zog sie los und schlief mit einem cleveren Typen, der nicht der Vater war, mit dem Lars aufwuchs. Sie ließ Lars eine „freie Erziehung“ angedeihen, was bedeutete, dass er mehr oder weniger selbstständig aus ihrer Vagina kriechen musste und von da an nach Gutdünken in der Weltgeschichte rumlaufen und tun konnte, was er wollte. Erst auf ihrem Sterbebett gestand Lars Mutter ihm, dass der Mann, mit dem er aufgewachsen war, nicht sein wirklicher Vater war. Und nun ist Lars ein exzentrisches Genie und sie hat genau das gekriegt, was sie wollte. Man kann einfach nicht gewinnen, oder? Vice: Gut, worüber sollen wir sprechen? Lars von Trier: Keine Ahnung, aber Danke für die Hefte. Keine Ursache. Wie sieht es mit deinen eigenen mentalen Problemen aus? Wovor hast du Angst? Nun, ich bin ein Serienneurotiker und ein Hypochonder und habe Angst vor allem, das ich nicht kontrollieren kann. Ich vermute, dass irgendwas mit meinem mentalen Filter nicht stimmt und ich daher viel zu viel wahrnehme und davon überwältigt werde. Manche Leute werden einfach mit beschissenen Filtern geboren. Also nehme ich haufenweise Pillen und gehe regelmäßig zum Therapeuten. Was für Pillen? Das Mittel, das ich momentan nehme, ist ziemlich altmodisch, von vor dem goldenen Prozac-Zeitalter. Es scheint aber ein bisschen zu helfen, also möchte ich ungern wechseln. Ich habe viele verschiedene Antidepressiva ausprobiert, und ich habe keinerlei moralische Skrupel, sie zu nehmen. Aber was ist mit den künstlerischen Skrupeln? Hast du keine Angst, dass du deinen kreativen Antrieb verlierst, wenn du deinen kaputten Filter reparierst? Wenn es mir schlecht geht, geht es mir unerträglich schlecht. Wenn ich also eine Pille nehmen kann, von der ich mich besser fühle, aber ein etwas langweiligerer Filmemacher werdena gut, dann scheiß ich da drauf. Aber es ist nicht so, dass ich kiloweise Valium einwerfe und ein Sixpack Bier hinterher schütte. Ich stumpfe mich nicht ab. Dein neuster Film, Antichrist, ist sehr lange in der Produktion gewesen und als er schließlich rauskam, sagten sie in Dänemark alle: „Lars ist wieder zurück ganz oben!“ Aber zurück von was? Ich hatte zwei Jahre lang eine richtig heftige Depression. Ich kam nicht aus dem Bett. Ich glaube, meine Ängste und Phobien waren zu stark geworden. Es war, als wäre mein Körper zusammengebrochen, um mich vor meinem Geist zu retten. Ich bin ein zwanghafter Kontrollfreak, aber an einem bestimmten Punkt muss man einfach loslassen. Das zu tun, war gar nicht so unangenehm für mich. Es ging dir also wieder gut, als du anfingst, Antichrist zu filmen? Überhaupt nicht, aber um aus einer Depression zu kommen, musst du irgendwann anfangen, dich aus deinem eigenen Mief raus zu zwingen und ein paar Rituale einzuführen. Als wir Antichrist machten, war das meine Art, gegen meinen mentalen Zustand zu rebellieren. Antichrist lag nicht in meinen Händen. Ich ließ mich darauf ein und versuchte meinen üblichen Kontrolldrang zu überwinden. Es war eine schreckliche Erfahrung. Greifst du als Regisseur auf deine persönlichen inneren Kämpfe zurück? Natürlich. Es muss ein Kampf sein, aber nicht nur mit meinen eigenen Dämonen. Ich setze mir oft Grenzen, wie wir es mit „Dogma“ gemacht haben. Indem man auf ein paar Ebenen ein paar Optionen ausschließt, kann man sich besser auf andere Gebiete konzentrieren und neu darüber nachdenken, wie man die Dinge angeht. Tarkowski hat seine besten Filme unter der sowjetischen Zensur gemacht. Wann sind dir deine mentalen Probleme bewusst geworden? Ziemlich früh. Als kleiner Junge hatte ich schreckliche Angst davor, im Schlaf zu sterben. Die Schule war auch schrecklich für mich, ich habe sehr gelitten. Das Klassenzimmer fühlte sich für mich sehr klaustrophobisch an. Ich hatte total den Horror davor hinzugehen, weil ich von den anderen gnadenlos gequält wurde. Ich war körperlich nicht in der Lage, mich zu verteidigen, war aber gleichzeitig ein bisschen frech und gab nicht nach. Das ist eine beschissene Mischung, also ging ich irgendwann nicht mehr hin, um den Konfrontationen aus dem Weg zu gehen. Und du hattest diese sehr liberalen Eltern, die fanden, dass du nichts gegen deinen Willen machen solltest? Ja. Die Schule, der Zahnarzt, was immer es war, ich war bei allem der Boss, seit einem sehr jungen Alter. Und nachdem ich eine Weile nicht mehr in der Schule gewesen war, wurde ich zum Schulpsychologen geschickt. Ich muss so zwölf gewesen sein. Er sagte mir, dass die Bullen kommen würden, wenn ich es noch mal täte. Das war der Gipfel seiner Weisheit. Ich wusste, dass das Schwachsinn war. Lass uns noch ein bisschen über deine Kindheit reden. Du hattest diese 8mm-Kamera und deine Kommunisteneltern schleppten dich immer in all diese FKK-Lager. [lacht] Ich weiß, worauf du hinaus willst, aber die Antwort lautet: Nein, ich habe es nicht gefilmt. Für mich als Kind war das völlig normal, weil meine Eltern ja nicht verschämt oder schüchtern mit ihrem Körper umgingen. Und in Antichrist testest du das harte Leben eines Pornoregisseurs. Kannst du mir was über Willem Dafoes Schwanz-Double erzählen? Oh ja, Horst. Er war der Pornodarsteller, den wir für die Nahaufnahmen in der Ejakulationsszene verwendeten. Er wichste 15 Minuten lang und keiner von uns konnte verstehen, warum er nicht endlich kam. Dann stellte sich heraus, dass er gewartet hatte, bis wir ihm ein Zeichen geben. War also wohl mein Fehler. Was hältst du jetzt als Erwachsener vom Nudismus? Ich meine privat. Ich bin sehr dafür. Ich versuche, meine Badehose so selten wie möglich zu benutzen. Aber es ist seltsam, denn wenn amerikanische Schauspielerinnen bei uns sind, flippen die immer total aus, wenn sie im Umkleideraum nackte Frauen sehen. Ich vermute, es ist ein kultureller Unterschied. Wo wir gerade davon sprechen: Zögerst du deshalb damit, Washington zu machen und deine amerikanische Trilogie zu Ende zu bringen, weil du nicht noch mehr Amerikaner anpissen willst? Es ist ja nicht so, dass ich sie anpissen will, aber ich denke, dass die amerikanische Filmindustrie extrem dominant ist und ein wenig Widerstand kann da nicht schaden.
| |||||||||||||||||||||||||||||||||