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DOS & DON'TS
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GASPAR NOÉINTERVIEW: KALEEN AFTAB PORTRÄT: MACIEK POZOGA ![]() Wir haben Filmemacher Gaspar Noé letztes Jahr in Kabukicho getroffen, dem von der Yakuza kontrollierten Sexdistrikt Tokios, wo du, wie es so schön heißt, alles bekommen kannst, was dein ekelhaftes, widerlich schwarzes, schreckliches Herz begehrt. Wenn du in Kabukicho bist, bist du zu keinem Zeitpunkt mehr als einen Meter von einem Büroangestellten entfernt, der es sich von einem Teenagermädchen mit einem 30 cm langen Umschnalldildo in den Arsch besorgen lässt, während er gleichzeitig Pferde-Urin aus einem kniehohen Stiefel trinkt. Wir trafen uns auf Empfehlung von Harmony Korine mit Gaspar, der uns von Kameras, die an Straßenlaternen hängen, Kameras, die aus Gullis ragen und Kameras, die mit waghalsigen Konstruktionen in Toilettenkabinen befestigt wurden, erzähltealles im Dienste von Gaspars Vision für seinen neuen Film, Enter the Void. Als wir den in Frankreich lebenden, gebürtigen Argentinier schließlich fanden, der mit Filmen wie Irreversibel (2002) und Menschenfeind (1998) seinen Ruf als Enfant terrible der Filmwelt etablierte, wurde schnell klar, dass er nächtelang nicht geschlafen hatte. Wir verstanden uns prima und verbrachten die nächsten paar Tage damit, mit ihm durch alle möglichen Etablissements zu ziehen, von völlig übertriebenen SM-Schuppen bis zu Orgienräumen oder den sogenannten „Companion“-Häusern. In einem dieser Läden sahen wir einen Mann, der an einem an seinen Eiern befestigten Stück Filz von der Decke hing, der an einem an seinen Eiern befestigten Stück Filz von der Decke hing, während ihm eine mit PVC bekleidete Dame in den Mund pinkelte. Er schluckte es runter und sagte dabei so etwas wie: „Ich bin eine menschliche Toilette.“ Während der Arbeit an Enter the Void war das für Gaspar so normal, wie seine E-Mails zu checken oder sich Kaffee zu holen. Ein paar Monate später hingen wir mit Gaspar bei der Premiere von Enter the Void in Paris ab. Er bekam zehnminütige stehende Ovationen. Oh, und übrigens hatten wir in Kabukicho und Paris Videokameras dabei und ihr werdet folglich bald eine Dokumentation über Gaspar in unserer neuen filmversessenen Fernsehshow, The Vice Guide to Film, sehen können. Haltet auf viceland.com und VBS.TV danach Ausschau. Hier habt ihr fürs Erste das, was gesagt wurde, als wir uns beim diesjährigen Cannes Festival noch einmal mit Gaspar trafen. Vice: Du bist bekannt dafür, ein Regisseur zu sein, den die Leute entweder lieben oder hassen. Gaspar Noé: Hier in Cannes bin ich es gewöhnt, dass die Leute anfangen zu schreien, wenn sie meine Filme sehen. Als das mit Enter the Void nicht passierte, dachte ich: „Das ist seltsam.“ Ich war schockiert, dass es keinerlei Buhrufe oder Pfiffe gab. Aber dann las ich die Kritiken und ein paar Leute hassten ihn und ich dachte: „OK, dann ist ja alles in Ordnung.“ Warum hast du dich dafür entschieden, den Film in Tokio zu drehen? Weil Tokio wie eine riesige Flippermaschine ist! Es ist ein Ort, der gleichzeitig furchterregend und außerirdisch ist. Ich wollte eine Stadt finden, die wie ein Tron-Spielautomat aussieht und heutzutage ist das entweder Las Vegas oder Tokio. Vegas mag ich nicht, denn es ist voller schlechtem Whiskey und dreckigem Geldalso hielt ich es für eine bessere Idee, in eine echte Stadt, also Tokio, zu gehen. Es ist außerdem ein Ort, wo die Leute vom Sex besessen sind. Nach den ersten 20 Minuten wird der Film aus der Perspektive der Hauptfigur erzählt, die gestorben ist und sich in der Nachwelt befindet. Glaubst du an Wiedergeburt? Ich habe vielleicht als Teenager an Gott geglaubt. Damals las ich viele Bücher über Nahtoderlebnisse und die Seele. Aber jetzt denke ich, dass das Leben etwas ist, in dem man nur eine Chance kriegt. Wenn es einen nicht mehr gibt, können sich nur noch andere Leute an deinem Leben erfreuen. Manche Leute haben solche Angst davor, eine bedeutungslose Existenz zu führen, dass sie sich einreden, dass sie nach dem Tod noch eine zweite Chance bekommen. So funktionieren auch die ganzen Religionen: indem sie behaupten, dass es ein Leben nach dem Tod gibt und dass es toll sein wird, allerdings nur, wenn du bis zu deinem Tod brav wie ein Lamm bist. Viele Leute sagen, dass es dir bei deinen Filmen nur darum geht, die Leute zu schockieren und dass du dich über das Publikum lustig machst. Was willst du mit deinem neuen Film eigentlich sagen? Es geht darum, darzustellen, dass das Leben der Hauptfigur nicht komplett bedeutungslos war. Und es geht auch um die Erfahrung eines kleinen Säugetiers unter Millionen von Säugetieren. Oft lässt sich ein ganzes Menschenleben auf eine einzige, extrem traumatische Erfahrung zurückführen. Die Hypothese des Films scheint ja zu sein, dass jeder sich von irgendeiner Art Trauma erholt. Ja. Ein Film, bei dem ich sehr weinen musste, war der Film Die letzten Glühwürmchen. Das ist ein japanischer Anime-Film über einen Bruder und eine Schwester, der in der Zeit nach der Bombardierung Hiroshimas spielt. Der Bruder versucht seine Schwester zu beschützen, aber sie stirbt am Ende vor Hunger. Es ist so dramatisch, wenn ein Bruder seine Schwester beschützt, noch dramatischer, als wenn ein Mann seine Frau beschützt. Hast du eine Schwester? Ja, sie ist ein bisschen älter. Versuchst du, den mentalen Zustand deiner Filmfiguren zu analysieren? Die Handlung ist ja oft eine sehr innerliche. Ich wünschte, dass mir ein Psychoanalytiker verraten würde, was bei mir zwischen den Zeilen versteckt ist. Aber ich denke, es ist ziemlich offensichtlich, was im Inneren der Figur, von Oscar, in meinem Film verborgen ist. Er hat diese Obsession für Titten und die MutterDinge, die so klar ersichtlich sind, dass man noch nicht mal einen Psychologen braucht. Du lässt in dem Film die Leinwand eine ganze Minute lang schwarz, um auszudrücken, wie die Zeit vergeht. Das Schwarz steht für neun Monate Schwangerschaft. Die meisten Leute hier in Cannes dachten, dass der Film vorbei sei! Viele fingen an, aus dem Kino zu gehen. Vielleicht muss ich noch irgendeinen Soundtrack hinzufügen, damit die Leute merken, dass der Film noch nicht zu Ende ist. Der Film wirkt weniger aggressiv als deine früheren Filme. Ich war früher sehr krass drauf. Aber ich habe meine alten Muster neu überdacht. Die Wahrheit ist, dass du wirklich keinen Film machen kannst, wenn du auf Drogen bist. Es braucht so viel Energie, einen Film zu machen, dass du völlig bei klarem Verstand sein musst. Ich bin in letzter Zeit extrem clean gewesen, bis auf Alkohol. Das Nächste, womit ich aufhören sollte, ist Wodka. Ich habe Probleme damit, auf eine Party zu gehen und nicht ein Glas nach dem anderen hinterzukippen. Auf VBS.TV findet ihr Updates über unsere neue Show, The Vice Guide to Film, in der ihr mehr über unsere Zeit mit Gaspar zu sehen bekommt.
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