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STANDHAFT

Coalesce tragen falsche Schuhe und sind trotzdem noch unterwegs


Foto von Christoph Voy

Diese Band aus Kansas war in zweierlei Hinsicht verdienstreich. Zum einen, weil ihr Blues-geschwängerter, chaotischer Hardcore vor knapp 15 Jahren einen neuen Standard in Sachen Brutalität und Reizüberlastung definierte—es hat sich vorher beim Musikhören einfach noch nie so angefühlt, als würde dein Kopf von einer Planierraupe überrollt. Zum anderen, weil sie sich, im Gegensatz zu ihrem vermeintlich maskulinen Geprügel, bandintern gern wie kleine Mädchen aufführten und die Geschichte ihrer Auflösungen und Re-Unions ganze Soap-Opera-Drehbücher füllen könnte. Glücklicherweise sind sie nun doch irgendwie erwachsen geworden, haben ein erstaunlich abwechslungsreiches Album aufgenommen und es geschafft, sich nach zehn Jahren Tourabstinenz wieder in einen Bus zu quetschen und zum ersten Mal überhaupt nach Europa zu kommen.

Vice: Was ist anders, wenn ihr euch heute auf eine Bühne stellt, im Vergleich zu vor zehn Jahren, insbesondere jetzt auf einer Europatour?
Sean (Vocals):
Es ist schmerzhafter. Ansonsten gibt’s keine großen Unterschiede. Ich habe tatsächlich wieder denselben Groove wie in den Neunzigern. Der wesentliche Unterschied ist, dass du hier besser behandelt wirst. Hier bekommst du eine Unterkunft und wirst bekocht, in Amerika heißt es: „Du willst was essen? Na dann geh doch zu Taco Bell.“ Wir kriegen es auch nicht auf die Reihe, uns ein paar Sehenswürdigkeiten anzusehen. Wenn ich während der Tour mit meinen Kids telefoniere, fragen sie: „Dad, hast du den Eiffelturm gesehen?“ Und ich sage: „Nein, ich habe einen dreckigen Club gesehen.“

Gibt es denn einen Unterschied in der generellen Einstellung zur Band?
Sean:
Ja, den gibt es. Ich denke, wir gehen heute einfach anders mit der Band um als damals. Die Erwartungen und die Motive sind nicht mehr dieselben. Damals waren unsere Lebensumstände viel bewegter. Heute sind wir einfach gesetzter, jeder in der Band hat Kinder und Familie, das macht viel aus. Die Band ist für uns nur noch Spaß und kreative Verwirklichung, auf keinen Fall so etwas wie eine Karriereoption. Mit zwanzig hast du noch diese Illusionen, dass du mit einer Band richtig durchstarten kannst, so was sehen wir heute natürlich realistischer.

Es ist aber tatsächlich so, dass Coalesce einmal als Karriereoption wahrgenommen wurde?
Sean:
Für manche Bandmitglieder war es das, ja.

Würdest du sagen, ihr habt damals falsche Entscheidungen getroffen?
Sean: Was mich angeht: Ja, ich denke schon, dass ich die eine oder andere falsche Entscheidung getroffen habe. Aber die sind ja alle detailliert dokumentiert worden. Kann ja jeder im Internet nachlesen, haha.

Würdet ihr sagen, dass ihr noch einen konkreten Bezug zur der Szene habt, in der ihr euch mit Coalesce bewegt?
Sean: Wir interessieren uns nicht ernsthaft dafür. Nur als Beispiel, wir haben gestern mit einer Band gespielt, von der wir vorher noch nie gehört hatten und angeblich haben sie von ihrem Album 100.000 Einheiten abgesetzt. Wir kannten die einfach nicht. Es ist schon interessant zu sehen, wer heutzutage richtig groß ist.

Wer war das?
JR (Drums): Die Band heißt August Burns Red. Angeblich haben sie 100.000 verkauft.
Sean: Ja. Whatever. Aber wir kriegen schon mit, wenn Michael Jackson stirbt.

Ach ja, euer Kommentar dazu?
Sean: Das ist die Todesvariante, die ich bei ihm am wenigsten erwartet habe. Ich meine, Herzstillstand, wie langweilig ist das denn? Ich habe eine Krankheit erwartet, die man nicht mal aussprechen kann, oder dass er von Außerirdischen entführt wird. Aber das war mir dann doch eine Spur zu unspektakulär.

Was ist die größte Absurdität, die euch jemals in der Hardcore-Szene untergekommen ist?
Nathan (Bass): Erzähl die Sombrero-Geschichte!
Sean: Das war so vor zehn Jahren. Es gab diesen Typen, der eine große Nummer in der Westcoast-Punkszene war. Er hatte so ein bisschen was von Howard Stern, ist ein bisschen größenwahnsinnig. Er behauptete, so einflussreich zu sein, dass er neue Trends kreieren könnte, weil sämtliche Kids auf ihn hören. Und um das Ganze zu beweisen, begann er, Sombreros auf Shows zu tragen, und siehe da, zwei Monate später liefen etliche Kids mit Sombreros rum. Das ist auf der einen Seite ganz schön amüsant, irgendwie aber auch beängstigend
Nathan: Überhaupt, dieses Mode-Ding. Einmal kam ein Typ nach einer Show zu uns und sagte, der Auftritt sei ok gewesen, aber unsere Schuhe gingen gar nicht. Wir hatten ganz normale New Balance-Sneaker an. Da dachten wir uns: Ach, so läuft das heutzutage. Wir waren ehrlich gesagt wohl etwas überfordert. Wenn ich mir vorstelle, in den Neunzigern bei einer Prong-Show gewesen zu sein und danach zu sagen: Leute, in Nikes hätte das viel besser funktioniert, dann ist das schon ein bisschen grotesk.

Ihr seid allesamt Familienväter. Nehmt ihr Einfluss auf die Hörgewohnheiten eurer Kids?
Nathan: Unsere Kinder hören die Musik, die wir zu Hause spielen, also klar gibt es da einen Einfluss. Und meine jüngste Tochter, sie ist drei, steht total auf laute Musik. Es muss rocken, nur dann ist es gut, haha. Rockt es? Ja? Dann mach es verdammt noch mal laut. Das ist alles, was sie will. Meine Älteste ist das genaue Gegenteil, sie mag Indie, am besten ohne Drums.
JR: Meine Kinder mögen genau die Musik, die ich nicht mag. Ich denke, meine Frau ist schuld daran. Bei uns läuft sehr viel hawaiianische Musik. Meine Frau steht drauf, ich hasse es. Meine Kinder tanzen sehr gerne und mögen diese Instrumente. Sie stehen drauf, auf mein Drumkit einzudreschen, vielleicht ist das der größte Einfluss, den ich habe. Coalesce mögen sie nicht unbedingt. Ich lasse es manchmal im Auto laufen, um sie zu ärgern und nach einer Weile hören sie sogar auf zu schreien (lacht).
Jes (Gitarre): Ich höre zu Hause kaum Musik. Meine Kinder werden eigentlich nur dann mit Coalesce konfrontiert, wenn wir auf Tour gehen und ich im Schlafzimmer probe. Ich wohne ja ein bisschen abseits, in Chicago, deswegen können wir nicht zusammen proben. Darum mache ich das ganz allein im Schlafzimmer, wie ein 16-Jähriger, haha. Wenn wir Musik hören, dann eher so was wie Johnny Cash oder irgendwelche alten Compilations. Aber sie sind noch nicht so weit, dass sie irgendetwas davon richtig gut finden.

Wie alt sind sie?
Jes: Von sechs Monaten bis acht Jahre.

Und der Älteste hat noch keine Lieblingsband?
Jes: Nein, er ist ein ziemlicher Nerd. Er liest viel mehr.

Dann hast du wohl in der Hinsicht einen größeren Einfluss. Was liest er denn?
Jes: Er bedient sich oft bei meinen wissenschaftlichen Büchern, vor allem in der Astronomie-Abteilung. Er ist einer von diesen Jungen, der sehr an Fakten interessiert ist, die er dann auch gern mit den anderen im Haus teilt. Er steht auch auf Videospiele. Musik ist ihm nicht so wichtig. Musik ist bei uns auch nicht unbedingt gegenwärtig. Die einzigen Lautsprecher, die ich besitze, sind die an meinem Rechner.

Du hast keine Plattensammlung?
Jes: Nein, tatsächlich musste ich mir noch mal die ganzen Coalesce-Veröffentlichungen besorgen, als klar wurde, dass wir wieder zusammen sind. Sonst hätte ich mich gar nicht auf die Tour vorbereiten können.

Angeblich sollen sich Coalesce auch mal wegen religiöser Streitigkeiten getrennt haben, stimmt das?
Nathan: Das eigentliche Problem war eher, dass wir ein Haufen junger Typen auf der Suche nach uns selbst waren. Da hat Religion mit hinein gespielt, aber auch Ansichten über Karriere oder Familie etc. Wir kamen an einen Punkt, an dem jeder verbindlich festlegen musste, was er eigentlich will. Es gab dann Leute, die Religion studiert haben, andere nicht—es gab welche, die Familie hatten, andere hatten keine. Und irgendwann waren wir so abgekapselt voneinander und bewegten uns so sehr voneinander weg, dass die Band auseinanderbrach.

Dann gab es diesen entscheidenden Moment, als unser Van in Idaho den Geist aufgab. Das war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Da dachten wir: OK, scheiß drauf, das war’s. Ansonsten hätte es vermutlich einen langsamen Zersetzungsprozess gegeben. Danach haben wir uns nur noch getroffen, um das Album für Relapse aufzunehmen, weil wir dazu verpflichtet waren. Ansonsten hatten wir keinen Kontakt. Und als wir dieses Album im Kasten hatten, wussten wir: Die Band ist am Ende.

Ihr bemüht euch in letzter Zeit, sehr ausgefallenes Merchandise anzubieten. Wenn es wirklich keine Grenzen gebe, was wäre das Coalesce-Item eurer Träume?
Jes: Ich sehe Sean eine Coalesce-Edition von Muscle Cars produzieren, haha.
Sean: Ach, weißt du, ich beschäftige mich hauptberuflich mit Merchandise. Ich mag einfach keine Kleidung mit Aufdrucken. Das ist vermutlich so, als ob du in einem Pizzaladen arbeitest. Irgendwann magst du keine Pizza mehr. Ich besitze kein Merchandise und ich sammle nichts. Ich habe es sogar geschafft, mich endlich von meinen Transformers- und Star Wars-Actionfiguren zu trennen. Ich finde es gut, wie Fugazi es machen, aber nicht jede Band verkauft so viele Platten wie sie. Durch unsere Merchverkäufe waren wir überhaupt erst in der Lage, Ox aufzunehmen.

Apropos Transformers. Hast du den Film schon gesehen?
Sean: Nein, interessiert mich auch nicht. Die Filme langweilen mich. Ich war ein großer Transformers-Fan, aber ich find’s scheiße, wie sie in den Filmen aussehen. Ich mag keine animierten Augenbrauen, ich mag keine animierten Lippen, ich finde es nicht gut, dass Bumblebee Leute anpisst, ich mag das Gerücht nicht, dass angeblich einer von ihnen im neuen Film furzt.

Zum Abschluss: Wenn ihr euch aussuchen könntet, weswegen ihr euch das nächste Mal trennt, was wäre das?
Jes:
Vielleicht flippe ich irgendwann aus, wenn das Tourleben zu anstrengend wird. Aber das wäre natürlich etwas unspektakulär.
Sean: Vielleicht noch mehr Babys.
Bassist: Oder zu viele Fürze im Van.

AR
Coalesces OX ist bei Relapse erschienen.
www.myspace.com/coalesce


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