ERINNERUNGEN AN DASH SNOW, 14. JULI. 2009
WORTE UND FOTOS: RYAN MCGINLEY
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Es fällt mir schwer, mich zu erinnern, wann ich Dash wirklich zum ersten Mal traf. Es kommt mir so vor, als ob wir schon immer beste Freunde waren. Vermutlich traf ich ihn Ende der 90er über Earsnot. Er war damals unter dem Namen Sace als Graffiti-Writer unterwegs. Er und Earsnot hatten die Graffiti-Crew IRAK gegründet. Sie waren die größten Vandalen der Stadt. Er war die Nummer eins auf der Gesuchten-Liste der Vandalismuskommission. Aber sie haben ihn nie gekriegt. Irgendwie ist er ihnen immer wieder durchs Netz geschlüpft.
Er war der durchgeknallteste Typ, den ich je kannte. Seine Tags waren echt überaller rannte auf Dächer und kletterte Feuerleitern hoch. Ich erinnere mich noch, dass er, als ich ihn kennenlernte, gerade ein Fill-In auf der Brooklyn Bridge machte. Es war der komplette Wahnsinn. Er kletterte auf einer winzigen Kante auf der Außenseite der Brücke entlang und sprayte ein riesiges „Sace“.
Dash und mich verband von Anfang an die Fotografie. Eins der Bücher, das wir uns am liebsten gemeinsam ansahen, um dann darüber zu reden, war
American Pictures von Jacob Holdt. Wir haben permanent Fotos gemacht. Wir liebten es, unsere Abenteuer zu dokumentieren und dann später zu vergleichen. Er schleppte überall seine Polaroid mit hin. Seine Fotos kamen von Herzen. Er hatte eine liebevolle Obsession für das Fotografieren und war zudem hochgradig hyperaktiv. Ich nahm immer an, dass das der Grund war, warum er Polaroids machte. Ich glaube, es fiel ihm sogar schwer, die eine Minute zu warten, die es dauerte, bis das Bild entwickelt war. Einmal wollte er mir nur dann etwas von seinem Koks abgeben, wenn ich es von Earsnots großem, schwarzem Schwanz schniefte. Das tat ich natürlich und er machte ein Foto davon, und ich glaube, es ist eins seiner berühmtesten.
| Ryan (ohnmächtig) und Dash (der Ryan überall mit Permanent-Marker vollgeschmiert hat), 2002. |
Mein bekanntestes Foto von ihm, „Dash Bombing“, ist beim Holland Tunnel entstanden, hoch über der Stadt auf einem Mauervorsprung im 20. Stockwerk. In der ersten Zeit, nachdem wir uns kennengelernt hatten, verbrachten wir viel Zeit auf der High Line, um zu trinken und abzuhängen. Snot und er machten diese großen Roller Graffiti. Man kann sie vom West Side Highway immer noch sehen. Das war zu der Zeit, wo wir alle diese Goldfront Basecaps von Charlie Gold Cap auf der Canal Street trugen. Dash hatte immer die besten, mit einem Haufen Diamanten drauf.
Er und Earsnot hatten auch ein Faible dafür, Penner zu taggen. Sie gaben den Typen 20 Dollar und kritzelten sie dann von oben bis unten voll. Da Penner nie die Klamotten wechseln, werden die Tags nicht entferntwie es passieren würde, wenn sie auf einer Tür oder einem Gullydeckel wären. Stattdessen laufen sie den ganzen Tag auf der Straße herum. Es war eine super Werbung und so eine geniale Idee, dass ich immer noch durchdrehe, wenn ich darüber nachdenke.
Ich erinnere mich noch, wie wir in Dashs berüchtigter Wohnung auf der Avenue C abhingen. Die Wände waren voller Saddam-Hussein-Masken, Pornohefte, Waffen, Titelseiten der
New York Post ... Seine damalige Frau, Agathe, war immer da und kümmerte sich um uns, und besonders um ihn. Er brauchte eine Menge Aufmerksamkeit. Ich verbrachte viel Zeit damit, die Liebe zwischen ihm und Agathe zu fotografieren. Sie waren das erste Paar, das mich Fotos von sich beim Sex machen ließ. Sie hatten ein Kaninchen, Gary, dass sie nach dem Graffiti-Writer Cinik benannt hatten, und einen Sittich, der Sergeant Slaughter hieß. Die beiden hüpften dann um uns herum, wenn wir bis spät in die Nacht da rumhockten. Wenn Dash besoffen war, sagte er einem immer, wie sehr er einen liebte. Wenn er Songs von den Stones sang, war er von keinem zu stoppen. Kurz vorm Refrain stupste er einen immer an und sang einem die Worte dann ins Gesicht.
Er war eine meiner ersten Musen. Er verkörperte alles, was ich fotografieren wollte, und alles, was ich sein wollte: leichtsinnig, draufgängerisch, sorglos, wild, reich. Wir waren einfach Kids, die Drogen nahmen und sich daneben benahmen. Jeden Abend in irgendwelchen Bars unterwegs waren. Ich glaube nicht, dass wir uns je bei Tageslicht gesehen haben. Wir waren wie Vampire. Wir verbrachten einen Großteil unserer Zeit damit in den Klos des Cock (als es noch auf der Avenue A war) und des Hole (als es auf der Second Avenue war) zu koksen. Es machte Spaß, ein großes Geheimnis darum zu machen. Ich war mit dem Typen wahrscheinlich auf dem Klo jeder Bar unterhalb der 14th Street. Wir zogen uns das Zeug von den Klobrillen oder von der Faust des anderen rein, und wachten morgens immer mit den Wohnungsschlüsseln des anderen in der Hosentasche auf.