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FREITAGS MIT FRANK UND SAMSTAGS MIT SINATRA

Sid Mark ist ein König des Swing, Daddy-o

INTERVIEW: ANDY BUTLER, FOTOS: STACEY MARK



Der Vater unserer Freundin, der Fotografin Stacey Mark, ist in Philadelphia ziemlich berühmt. Wir wissen, dass das für ein paar von euch ungefähr so beeindruckend ist, wie zu sagen, dass ihn blinde Mädchen sexy finden. Aber Sid Mark ist mehr als eine lokale Radio-Ikone. Er ist auch das letzte Exemplar einer aussterbenden Spezies: Typen mit echter Klasse. Denn davon hat er nun mal einfach jede Menge. Er ist einer der herausragendsten Frank Sinatra-Experten der Welt, kannte Billie Holiday und viele andere Jazz-Legenden und hat genau genommen sogar Nina Simone entdeckt. Kommt schon! Was hat euer Vater denn vorzuweisen? Dass er einmal im Jahr die nassen Blätter vom Rinnstein fegt?

Stacey war zu nervös, um das Interview mit ihrem Dad selber zu machen, weil es wahrscheinlich bei ihr ein paar seltsame Freudsche Intimitätskomplexe auslöst, also haben wir ihren Kumpel Andy gebeten, es stattdessen zu machen. Er war mit Stacey am Sarah Lawrence College. Und er spielt in dieser Band, Hercules and Love Affair, falls ihr das noch nicht wusstet.

Vice: Seit wie vielen Jahren arbeitest du schon fürs Radio?
Sid Mark:
Im November werden es 54 Jahre. Ich war von Anfang an auf Sendung. Davor habe ich drei oder vier Jahre in einem Nightclub gearbeitet und habe so ziemlich alle wichtigen Jazz-Performer, die es so gab, getroffen.

Stacey hat mir erzählt, dass du an einem Abend auch Billie Holiday getroffen hast.
Es war nicht nur ein Abend. In der Woche, in der Billie Holiday hier war, war sie sehr, sehr instabil. Wir beschlossen, dass wir sie, wenn es ihr recht wäre, in einer Wohnung nebenan, direkt über dem Club, unterbringen würden. Wir fragten: „Würdest du gern hier wohnen?“ Uns sie sagte, ja, sie und ihr Mann würden dort wohnen. Meine Aufgabe war es dann, ihr Tag und Nacht zur Verfügung zu stehen, sogar drei Uhr nachts, wenn sie mich anrief und fragte: „Sidney, meinst du, du könntest losgehen und mir etwas Orangensaft holen?“ Also zog ich los und besorgte ihr Orangensaft. Und Freitagabend vor ihrem Auftritt kochte meine Mutter ihnen eine Hühnersuppe mit Nudeln. Ich erinnere mich noch, wie ich mit ihr am Tisch saß, und sie war so begeistert. Und, wie immer es ihr zu dieser Zeit auch ging, wenn der Moment gekommen war, auf die Bühne zu gehen, schminkte sie sich, steckte sich die Gardenie ins Haar und war Billie Holiday.

Sie war natürlich bekannt dafür, ihre eigenen Dämonen und Drogenprobleme zu haben. Also nehme ich an, dass es damals nicht viel anders war, im Musikgeschäft zu sein, als heute.
Andy, der Unterschied zwischen den Künstlern heute und denen, mit denen ich es damals zu tun hatte, war, dass all diese Leute hart gekämpft haben, bevor sie auch nur annähernd Erfolg hatten. Heute braucht man nur eine einzige Platte und man ist drin. Diese Leute haben sich jahrelang durchgeboxt. Ich weiß, dass du Nina Simone magst und ich habe Nina gehört, als sie noch eine einfache Pianistin in einem kleinen Nightclub in Philadelphia war. Sie sang noch nicht mal, sie hatte an der Juilliard School Klavier studiert und spielte mit einem Trio. Irgendwann begann sie schließlich, sich auch als Vokalistin zu betätigen und unser Sender, die Leute dort, waren verantwortlich für ihren ersten großen Hit, „I Loves You Porgy“.

Hörst du immer noch viel Jazz?
Oh ja, absolut. Sinatra und Jazz.

Wann hat deine Leidenschaft für Sinatra begonnen?
Zu meiner Armeezeit, wenn ich ehrlich bin. Als wir noch kleiner waren, war meine Schwester ein größerer Sinatrafan als ich. Als ich beim Militärdienst war, während dieser einsamen Nächte, wo du in Louisiana sitzt und dann zurück in die Baracke gehst und das Radio anstellst und dir alles anhörst, was gerade läuft. Irgendwie ging mir seine Stimme unter die Haut und mir wurde klar, dass er genau wusste, wovon er sang. Wenn er über die Einsamkeit sang, wusste er, was Einsamkeit ist. Wenn er über die Liebe sang, wusste er, wie sich die Liebe anfühlt. Wenn er etwas Flottes spielte und swingte, sang er über die Dinge, die er in seinem Leben genoss, weil sie flott waren und Swing hatten.

Wann hast du dann eigentlich mit der Sinatra-Sendung angefangen? Hast du seine Sachen auch in deinen anderen Sendungen gespielt?
Zu Anfang spielte ich ausschließlich Jazz. Die Sendung hieß Sounds in the Night, weil sie erst zwei Uhr morgens lief. Die Sendung, die nach meiner kam, war eine All-Night-Show, die also die ganze Nacht lief und The Rock and Roll Kingdom hieß. Das war 1956. Eines Nachts schaffte es der Moderator der Sendung nicht ins Studio. Ich bekam einen Anruf: „Ich schaff es nicht.“ Und der Manager rief an und sagte: „Du bist den Rest der Nacht auf Sendung. Ist das in Ordnung?“ Und ich ging auf Sendung und sagte: „Ich werde den ganzen Rest der Nacht hier sein.“ Und, ein bisschen wie du, Andy, sagte ich mir in dem Alter damals: „Aber ich werde genau das tun, worauf ich Lust habe, und nicht was man mir sagt.“ Ich ging auf Sendung und verkündete: „Ich sag euch jetzt, was ich dabei habe. Es wird kein Rock and Roll Kingdom. Ich habe ein paar Sachen von Basie und Ellington und ein paar von Brubeck und außerdem einen ganzen Stapel Sinatra-Scheiben.“ Das war drei Uhr morgens und eine Schaufensterdekorateurin, die gerade in einer Herrenboutique das Weihnachtsschaufenster gestaltete, rief an und sagte: „Warum machst du nicht eine ganze Stunde mit Sinatra-Sachen?“ Es war ein Freitag, also sagte ich: „Ja, und ich nenne es Friday with Frank.“ Und das tat ich dann auch. Und um drei Uhr morgens fingen die Leitungen an zu glühen und die Leute sagten: „Mein Gott, das ist phänomenal.“ Und am Montag bekam ich einen Anruf vom Manager des Senders, der sagte: „Wenn du willst, kannst du die All-Night-Show haben, denn wir haben den anderen Typen rausgeschmissen, weil er nicht gekommen ist. Du machst dein Jazz-Programm und dann machst du das Rock and Roll Kingdom.“ Ich sagte OK, obwohl mir völlig klar war, dass ich kein Rock and Roll Kingdom machen würde. Ich dachte mir, dass die Bosse mitten in der Nacht eh nicht zuhören würden. Also legte ich freitags Sinatra auf und donnerstags Ella Fitzgerald. Ich spielte Nina Simone und Nat King Cole, machte also das, was man als „Black Programming“ bezeichnete. Sechs Monate später kriegten sie es mit und sie riefen mich zu sich. Ich dachte, sie würden mich feuern. Sie hatten mich aber gerufen, um mir zu sagen, dass die Studenten in Philadelphia sich in meine Show verliebt hatten und fragten mich: „Möchtest du die Sendung auf ein neues Level heben? Wir gehen auf UKW.“ Sie sagten: „Würdest du gerne UKW ausprobieren?“ Ich dachte, es wäre eine Droge, also sagte ich ja. Wer wusste 1955 schon, was UKW ist? Also stellten wir auf UKW um und wurden der erste Jazzsender der Staaten, der den ganzen Tag sendete und stellten dafür auch komplett neues Personal an. So wurde die Sinatra-Sendung geboren. Ich verschob ihre Sendezeit von der Nacht auf sechs Uhr abends, dann lief sie von sechs bis acht, sechs bis neun, sechs bis zehn. Sie begann abzuheben.








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