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STEPHEN SHORE


INTERVIEW: STEVE LAFRENIERE

Selbst wenn Stephen Shore nur für die ikonischen Fotos bekannt wäre, die er als Teenager in Andy Warhols Silver Factory aufgenommen hat, wäre ihm damit wahrscheinlich ein Platz in der Geschichte der Fotografie sicher. Nachdem er aber auf einem Road Trip von Manhattan nach Amarillo, Texas, 1972 die Farbfotografie für sich entdeckt hatte, wurde Shore zu einem Pionier dieses Mediums als künstlerischer Ausdrucksform. In den folgenden Jahren dokumentierten seine Fotos Amerika und die Amerikaner auf eine Weise, die die nüchtern-direkte Herangehensweise eines großen Teils der zeitgenössischen Fotografie bereits vorwegnahm. So finden sich unter seinen Arbeiten Straßen- und Architekturaufnahmen, in denen diese wie verlassene Filmsets wirken, ebenso wie kryptische Vérité-Aufnahmen von Menschen, die er kennenlernte.

1998 brachte Shore ein Buch heraus, das seitdem unter den Fotografen in meinem Bekanntenkreis von Hand zu Hand geht. Das Wesen der Fotografie ist eine erhellende Untersuchung über die unausgesprochenen Vorstellungen, die der Art, wie wir Fotos machen und sehen, zugrunde liegen, und ist eines der Bücher, bei denen man schon beim Lesen merkt, wie sie die eigene Sicht verändern.

Seit 1982 ist Stephen Shore Direktor des Photography Department am Bard College.

Self-portrait, New York City, New York, 20. März 1976

Vice: Benutzt du Das Wesen der Fotografie, wenn du unterrichtest?
Stephen Shore:
Das Buch ist genau genommen auf Grundlage eines Kurses von mir entstanden, in dem es um „fotografisches Sehen“ ging. Ich benutzte zunächst John Szarkowskis Buch The Photographer's Eye als Unterrichtstext. Aber eins der Kapitel passte nicht zu der Art, wie ich unterrichten wollte, also schrieb ich stattdessen ein eigenes. Dann merkte ich, dass ich genug Material für ein Buch hatte. Und, ja, ich benutze es tatsächlich immer noch und ich habe den Eindruck, dass es bei den Studenten gut ankommt.

Hat es dich überrascht, dass du unter jungen Fotografen zu einer Art Pflichtlektüre avanciert bist?
Das war mir nicht bewusst. Bis mir einer etwas sagt, habe ich ja keine Ahnung, wie es ankommt. Es ist aber wunderbar für mich zu hören, dass es so gut aufgenommen wird.

Das Buch folgt einer sehr genauen Logik und ich frage mich, ob es das schwer macht, Studenten zu unterrichten, deren Gründe, Fotografen werden zu wollen, ja völlig andere sein können, als es deine waren?
Ihre Arbeitsweise und ihr Stil können komplett anders sein, ohne dass das ein Problem ist. Ich will das gerne genauer erklären: Als ich in den 80er-Jahren an das Bard College kam, konzentrierten sich die meisten Fotografieprogramme in den Vereinigten Staaten auf manipulierte Fotografie. Fotografie ging eher in Richtung Bildbearbeitung—man machte Collagen, bemalte Fotos oder bestickte Sachen und so. An der Fotografischen Fakultät am Bard College beschlossen wir aber, uns auf reine Fotografie zu konzentrieren—uns also auf diese bestimmte ästhetische Herangehensweise festzulegen und nicht zu versuchen, allen gerecht zu werden. Es gab ja genug andere Schulen, wo die Leute hingehen konnten, wenn sie sich für nachbearbeitete Fotografie interessierten. Und innerhalb der nicht-nachbearbeiteten Fotografie gibt es ja immer noch eine riesige Bandbreite an Herangehensweisen, von Schnappschüssen bis hin zu gestellten Fotos. Wir machten diesen Unterschied schon sehr früh klar, aber einige Studenten entfernen sich bei ihren Abschlussarbeiten dennoch wieder von dieser Vorgehensweise und gehen, indem sie Photoshop benutzen, in Richtung Bildbearbeitung. Ich habe damit überhaupt kein Problem. Ich empfinde es als meine Aufgabe, den Studenten zu helfen, ihre eigene Sprache zu finden.

Beeinflusst das Unterrichten deine eigene Arbeit?
Auf jeden Fall. Wenn ich zehn Leute in meiner Klasse habe, beginne ich, wie zehn verschiedene Leute zu denken. Ich versuche jeden Einzelnen von ihnen an ihren nächsten Schritt als Künstler heranzuführen. Wenn ich dann mit meiner Kamera losziehe, merke ich, dass ich sehr viel mehr visuelle Ideen habe, als wenn ich nicht unterrichten würde. Ideen, die nicht dem entsprechen, was die Leute unter meinem Stil verstehen. In den letzten fünf Jahren war mein Hauptprojekt eine Buchserie, die im Printing-on-Demand-Verfahren herausgebracht wurde. Diese Bücher gehen oft in ganz unterschiedliche Richtungen, denn ich kann hier Ideen austesten, mit denen ich mich vielleicht einen Tag lang beschäftigen möchte, nicht aber ein ganzes Jahr. Und ich denke, dass diese Arbeitsweise etwas mit der geistigen Flexibilität zu tun hat, die sich aus der Erfahrung speist, verschiedene Leute zu unterrichten.

Sicher haben auch die Digitalkameras geholfen?
Ich denke schon, dass die Digitalfotografie die Dinge erleichtert hat. Ich hätte vieles sicher auch mit Film machen können. Aber digital fließt es einfach mehr. Digital zu arbeiten, hat manchmal etwas sehr Leichtes und Spontanes an sich.

Wann hast du angefangen, digital zu fotografieren?
Für Arbeiten, die mir wichtig sind, vor circa sechs Jahren.

Vermutlich benutzt du sie für Modefotografie?
Für kommerzielle Aufträge arbeite ich ausschließlich digital. Es fließt einfach viel besser.

Welche Kameras benutzt du dafür?
Ich benutze unterschiedliche Kameras. Ich miete sie für den jeweiligen Job an. Letzte Woche habe ich für einen Auftrag eine Nikon D3 benutzt. Manchmal benutze ich aber auch eine Canon Mark III oder eine 4x5-Kamera mit einer digitalen Rückwand von Leaf. Es kommt immer auf die Situation an, was für Anforderungen sie mit sich bringt. Vor fünfzehn Jahren hätte man bei dieser Art Auftrag wahrscheinlich erst ein paar Polaroids geschossen und die endgültigen Aufnahmen dann erst gemacht, nachdem alle die Polaroids abgewinkt hätten. Das ist kein Problem, wenn es ein arrangiertes Stillleben ist. Aber im Januar habe ich zum Beispiel eine Kampagne für Nike gemacht, wo ich Sportler als Models hatte, die ich beim Rennen fotografierte. Ich musste ihre Bewegung beim Laufen festhalten, und ihre Beine in dem Moment ablichten, in dem sie auf eine visuell interessante Weise angeordnet waren, wobei aber gleichzeitige noch drei verschiedene Modelle von Laufschuhen klar zu erkennen sein mussten. Ich musste sie hundertmal rennen lassen. Wenn ich das mit einer Polaroidkamera hätte machen müssen, damit der Art Director und der Kunde es absegnen können, hätte ich danach angefangen, einen Film in die Kamera zu legen, um zu versuchen, es noch mal genauso hinzukriegen. Es wäre ein Ding der Unmöglichkeit gewesen. Heute schauen sie sich die Bilder einfach auf dem Computer an und sagen: Ja, das ist es, und das war’s.

Bei deinen künstlerischen Arbeiten ist das Konzept eines Fotos wichtiger, als die Notwendigkeit ein ästhetisches Objekt zu schaffen, dass das „authentische“ Produkt aus dem Negativ und dem in der Dunkelkammer entwickeltem Abzug ist. Da hätte sich die digitale Fotografie eigentlich schon viel eher angeboten.
Ich weiß auch nicht, warum ich nicht schon eher damit angefangen habe. Ich kann mich noch erinnern, dass eine meiner ersten Digitalkameras eine Casio Exilim war, die damals so groß war wie ein PDA. Nachdem ich 30 Jahre lang eine 8x10-Kamera benutzt hatte, hatte die Vorstellung von einer Kamera, die ein Viertel so groß war wie mein Belichtungsmesser, natürlich einen gewisse Reiz. Ich interessiere mich auch schon immer für Technologien und Prozesse, die weitläufig verfügbar sind und allen offen stehen. Also bin ich mir nicht sicher, warum ich nicht schon früher mit Digitalfotografie angefangen habe.

Ich habe einen Artikel gelesen, in dem du über einen gewissen Unterschied in der Ökonomie der digitalen gegenüber der analogen Fotografie schreibst.
Die Aufmerksamkeit, mit der ein Fotograf eine Aufnahme macht, steht in direktem Verhältnis zu den Kosten, die damit verbunden sind. Bei einer 8x10-Kamera wird man ein Bild vorher gut durchdenken, allein weil es zwischen 35 und 40 Dollar kostet, den Film zu entwickeln und Kontaktabzüge zu machen. Weil ein digitales Foto nichts kostet, ergibt sich ein Phänomen, das gute wie schlechte Seiten hat. Das Positive ist, dass man bei der Aufnahme freier und spontaner ist. Aber auf der anderen Seite entstehen so auch viel mehr Arbeiten, in die keinerlei Vorüberlegungen eingeflossen sind. Die Kamera erfordert es schlichtweg nicht. Wenn jemand die Kamera allerdings auf eine Weise benutzen möchte, bei der bewusste und konzentrierte Aufmerksamkeit in ein Bild fließt, gibt die Kamera das ebenfalls her.




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