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DOS & DON'TS
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„GIRLFRIENDS“Von Catherine OpieINTERVIEW: AMY KELLNEREins von Catherine Opies bekanntesten Fotos ist „Pervert“, ein Selbstporträt, auf dem sie oben ohne dasitzt und ihr Kopf von einer glänzenden, schwarzen Kapuze umhüllt ist, 46 Nadeln in ordentlichen Reihen in ihren Armen stecken und auf ihrer Brust frisch, in hübscher Schrift das Wort „Pervert“ eingeritzt ist. Das war in den 90ern, als Identität ein wichtiges politisches Thema war und Opie so etwas wie die offizielle Dokumentarfotografin der Lesben/Schwulen/Transgender/BDSM/Radical-Performance-Art-Community war. Dieses Foto erwähne ich nur, weil es ein paarmal im Interview zur Sprache kommtaber wie Opie auch selbst sagt, geschieht das immer, wenn Leute über ihre Kunst reden. Es wäre auch schwer zu vermeiden, auch wenn das natürlich nur ein kleiner Teil ihres Werkes ist. In ihrer großen Retrospektive im Guggenheim letztes Jahr hat sie gut 200 Fotos aus den beiden letzten Jahrzehnten gezeigtformale Fotos von Häusern aus Beverly Hills, Autobahnen in L.A., Mini-Malls und Kühlhäuser in Minnesota und Stadtlandschaften in Chicago, New York, St. Louis und Minneapolis, zusammen mit Porträts von Surfern, Football-Spielern aus der Highschool und na ja, OK, tonnenweise Lesben. Es dreht sich alles um Communities. Communities und Ladys mit großartigen Schnauzbärten. Vice: Kannst du mir etwas zu dieser Fotoserie erzählen? Catherine Opie: Die sind alle aus meinem Archiv. Ich arbeite an dieser neuen Zusammenstellung für eine Ausstellung, die „Girlfriends“ heißen soll, bei der ich ikonische Hardcore-Lesben fotografiere und außerdem diese ganzen alten, quadratischen Schwarz-Weiß-Fotos ausgegraben habe, die ich in den 80ern und 90ern gemacht habeals kleine Momentaufnahmen des sexuellen Verlangens und Gedächtnisses. Sie sind wie eine Ode an mein Leben, bevor ich häuslich und Mutter wurde. [lacht] Ich bin es nicht mehr gewohnt, so in den Kerkern abzuhängen und die SM-Community zu fotografieren, wie ich das früher gemacht habe. Wirst du nostalgisch, wenn du an diese Zeiten zurückdenkst? Ja, es macht echt Spaß, durchs Archiv zu gehen. Ich glaube, ich hätte mich nicht so ans Archiv gewagt, wenn es nicht für diese Ausstellung wäre. Außerdem gibt es mir eine ganz neue Rechtfertigung, wieder neu in meine Arbeiten einzusteigen, nachdem ich 20 Jahre lang meine Sachen im Guggenheim hängen hatte. Ich sehe, wie gierig ich damals alles dokumentiert habe. Ich habe mich oft dagegen entschlossen, bestimmte Fotos zu zeigen. Das hatte verschiedene Gründe, zum Beispiel orientierten sie sich zu direkt an Mapplethorpe, oder ich wollte als Dozentin verbeamtet werden. [lacht] Irgendwie spießige Gründe. Und dann bringe ich „Pervert“ raus, was keinerlei Sinn ergibt. Das ist die Dichotomie, die mir innewohnt. Aber wie konnten sich diese Fotos auf deine Verbeamtung auswirken? Na ja, das war am Anfang meine Angst, aber dann verstand ich, dass das unnötig war. Ich dachte: „Na super, sie werden nie jemanden verbeamten, der so krass und radikal ist wie ich.“ Aber dann ist bestimmt genau das Gegenteil eingetreten, stimmt’s? Ja, aber zu der Zeit wusste ich das nicht. Ich dachte: „Oh Gott, ich schneide mir hier ins eigene Fleisch.“ Also hattest du diese ganzen coolen Fotos auf Lager, die einfach nur rumlagen. Ja, Tonnen davon. Das erinnert mich an diesen Stapel Karten, die du mal gemacht hast, mit Porträts von Lesben auf jeder. Oh, „Dyke Deck“! Das war ungefähr zur gleichen Zeit, stimmt. Das was großartig. Ich weiß noch, wie ich mir jede einzelne von den Karten ganz genau angesehen habe. Es waren alles so unterschiedliche, merkwürdige Typen von Frauen. Ich weiß, das hat echt Spaß gemacht. Ich habe ein offenes Casting in San Francisco gemacht und ein großer Teil der Leute, die kamen, waren Freunde, aber viele kannte ich nicht mal. Sie sind einfach gekommen und vor mir aufgetreten, das war ein Riesenspaß. Die Porträts sind also von Freunden von dir? Ja, Freunde oder Liebhaber. Wer ist die Frau mit der Dornenkrone? Das ist Pig Pen. Man hat ihre Kopfhaut genadelt. Ja, das war für eine Ron Athey-Performance, die wir in Mexico City gemacht haben. Das ist ein Backstage-Schnappschuss von Piggy. Du steckst jetzt gar nicht mehr in der SM-Szene, oder? Ich habe noch viele Freunde in der Szene, aber als Vollzeit-Professorin, Künstlerin, Mutter und Partnerin habe ich einfach nicht mehr viel Zeit übrig, um zum Spielen und Entdecken rauszugehen. Meine Partnerin ist aufgeschlossen und weiß, dass das ein Teil von mir ist. Ich habe einen Freibrief, um nach San Francisco gehen zu können oder hier in L.A. zu spielen, aber um ehrlich zu sein, habe ich einfach keine Zeit dafür. Und außerdem ist es plötzlich nicht mehr so einfach, wenn du ein Kind zu versorgen hast, den Schalter umzulegen und zu sagen: „Oh, jetzt tu ich jemandem weh.“ Zumindest nicht mehr so einfach wie damals, bevor ich Mutter wurde und mich um ein kleines Wesen kümmern musste. Ich kann mir vorstellen, dass diese beiden Extreme nicht so gut zusammenpassen. Bei manchen Leuten tun sie das. Ich habe ziemlich verspielte Freunde, die Eltern sind und trotzdem kein Problem damit haben, aber für mich war das nie ein fester Teil meines Lebens in L.A. Es lief vor allem in einer Community aus San Francisco ab, die ich manchmal besuchte. Man hört nicht mehr so viel über die SM-Szene. Scheint, als wäre sie in den 90ern beliebt gewesen und dann wieder verschwunden. Na ja, sie ist nicht mehr schick. Es gab einen kurzen Moment, als sie so gut wie zur Populärkultur gehörte. Ich weiß noch, wie Freunde in L.A. den Club Fuck eröffneten. Wir machten endlich diesen echt coolen, alternativen Homoclub für uns selbst, wo wir SM-Performances zeigten und auf einmal rannten uns diese Hipster-Heteros die Bude ein. Dann kam noch das Publikum hinzu, das nur die „Freaks“ sehen wollte, was ja eigentlich das war, von dem wir wegwollten. Denkst du, du hast eine Rolle gespielt in der Popularisierung von SM? Ich glaube, du hast mal so was gesagt wie, dass du die SM-Community „normal“ zeigen wolltest? Mit mehr Menschlichkeit. Ich wollte sie menschlicher wirken lassen. Wahrscheinlich habe ich deswegen weniger Schwarz-Weiß-Sachen gemacht als Farbdrucke und Selbstporträts. Die sind einfach direkter. Sie sind zwar auch klassisch und schön, aber ein paar von ihnen haben etwas Krasses an sich, das ich so nicht rauslassen wollte, weil ich wusste, was für Vorstellungen das auslösen kann. Ich sehe nicht viele Pornos, aber mein Chef tut das und er sagt immer, dass SM es längst in die normalen Pornos geschafft hat. Das ist dein Verdienst. Ich glaube nicht nur meiner, auch der anderer Leute. Wenn Dinge immer wieder gezeigt werden, werden sie Mainstream. Die Darstellung von Dingen wird irgendwie leichter verdaulich. Ich glaube, es ist jetzt nicht mehr so ein Tabu. Und dann denkst du dir, super, was mache ich jetzt, da mein Tabu langweilig ist? Darüber habe ich auch schon nachgedacht und ich glaube, da kommen nur extreme Bodymod-Sachen in Frage. Leute spalten ihre Zungen und machen noch krassere Sachen mit ihren Körpern. Ich finde diese Frage, was wirklich noch grenzüberschreitend ist, unheimlich spannend. Wie kann man in unserer Kultur zu diesem Zeitpunkt noch echte Grenzen überschreiten? Na ja, ich denke, der Wechsel von der SM-Szene zum Muttersein und deine ganzen neuen Fotos, die idyllische, häusliche Szenen zeigendas ist irgendwie schockierend, weil die Leute so was gerne getrennt halten. Sie wollen es tatsächlich trennen. Also ist es für jemanden wie mich grenzüberschreitend, wenn man homogenisiert und Teil der Mainstream-Häuslichkeit wird. [lacht] Das ist echt eine lustige Idee. Das ist es, nicht wahr? Ich meine, ich lebe noch nicht mal in der Vorstadt, aber vielleicht kommt das noch. Ich bin schon den Mini-Van losgeworden. Ich hatte tatsächlich lange Zeit einen Mini-Van. Die Fotos sehen ziemlich nach Vorstadt aus. Na ja, es ist South Central, aber wir haben ein Haus und einen Garten mit Schaukel. Gemütlich. Drei Hunde, eine Katze, eine Schildkröte und fünf Hühner. Oh, süß. Ich weiß, es ist alles gut. Ich beschwere mich jedenfalls nicht, das ist sicher.
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