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PLOWBOYS AND INDIANS

Brasilianische Farmer schlachten für Land Eingeborene ab

VON FELIPE MILANEZ
FOTOS: ARAQUEM ALCANTARA


Click Here for more photos by Araquem Alcantara
Rita, eine indigene Piripkura, spricht nur ein rudimentäres Portugiesisch und ich verstehe ihre Muttersprache, Tupi-kawahib, genauso wenig, wie ich ihren Namen aussprechen kann. Im Laufe der ersten Stunde unseres Treffens gelang es uns trotzdem, gemeinsam die Geschichte des Massakers an ihrem Stamm zu rekonstruieren. Es begann eines Abends vor ungefähr 30 Jahren, als eine Gruppe mit Pistolen und Schlagstöcken fuchtelnder Männer in ihr Land eindrang. Die Mörder, die auch als Jagunços bezeichnet werden und die von Farmern angeheuert wurden, die scharf auf das Land der Piripkura waren, jagten die völlig ahnungslosen Mitglieder von Ritas Stamm und erschossen sie oder prügelten sie zu Tode. Ihr Vater wurde geköpft, wie auch Dutzende Kinder und Alte. Ihre Tante wurde schlafend in ihrer Hängematte erschossen und dann auf einen großen Haufen brennender Leichen geworfen. Rita wurde vergewaltigt. Vielleicht hat man einfach nur vergessen, sie umzubringen. Als sie sich nach dem Überfall in ihrem Dorf umsah, nahm sie an, dass sie die einzige Überlebende sei.

Während Rita mir diese Geschichte erzählte, saßen wir uns in einer heruntergekommenen Hütte im brasilianischen Regenwald gegenüber, irgendwo zwischen den Staaten Mato Grosso und Amazonas in der Stadt Colniza. Die Region ist als die gewalttätigste Gegend des Landes bekannt, was in Anbetracht der allgemein sehr hohen Mordrate Brasiliens bedeutet, dass sie zu den schlimmsten der Welt gehören muss.

In Brasilien werden Geschichten wie die von Rita gewohnheitsgemäß vertuscht oder einfach ignoriert. Tatsächlich sind ähnliche Genozide aber in der Region seit ihrer Kolonialisierung im Jahr 1964, während der Militärdiktatur, immer wieder verübt worden. Die Wurzeln der Gewalt gegen die indigenen Völker Brasiliens sind fast immer im Vorrücken der Holzindustrie zu finden—herzlos und aggressiv versuchen deren Protagonisten, von der immer größeren Nachfrage an Rohholz zu profitieren. Kleine, vertriebene Grüppchen Überlebender wie Rita irren wie Geister durch den Dschungel.

Über ein Jahr nach dem Angriff wurde Rita gefunden, als sie allein durch den Wald zog. Dass sie überhaupt gefunden wurde, ist den unermüdlichen Suchaktionen der staatlichen Agentur FUNAI zu verdanken, die ins Leben gerufen wurde, um die indigenen Völker zu schützen. Ohne andere Optionen wurde Rita abrupt in die brasilianische Gesellschaft gestoßen. Die empfing sie auf die schlimmstmögliche Weise: In den Städten, durch die sie kam, war sie körperlichen Misshandlungen und Bigotterie ausgesetzt und landete schließlich auf einer Farm, wo sie unter sklavenähnlichen Umständen arbeiten musste. Sie musste Hausarbeiten verrichten und sexuelle Dienste erbringen. Irgendwann rannte sie davon und heiratete einen Indio eines anderen Stammes. Heute führt sie tief im Wald ein traditionelles Leben. Rita erzählt mir davon mit derselben liebenswürdigen Art, mit der sie sich in den zahllosen Gesprächen, die ich seither mit ihr geführt habe, mit mir unterhält: schüchtern und zurückhaltend, mit einem höflichen, aber immer leicht argwöhnischen Lächeln.

Die vollständige oder zumindest teilweise Auslöschung indigener Stämme ist für manche Farmer ein Ziel an sich. Ritas Stamm wurde niedergemetzelt, weil er zufällig auf dem Land lebte, das die Holzfäller als ihr Eigen ansahen, und es gibt eine ganze Anzahl von Stämmen, denen aus dem gleichen Grund ein ähnliches Schicksal widerfahren ist. Weniger als 100 Meter von der Farm entfernt, wo ich mich mit Rita getroffen hatte, verbrachte ich einen Nachmittag mit der Familie Kanoe. Purá war eifrig dabei, seinem siebenjährigen Neffen Bakwa beizubringen, wie man mit Pfeil und Bogen jagt, während dessen Mutter, Tiramantu, mir schweigend ein Armband ums Handgelenk band. Diese drei sind die letzten verbliebenen Mitglieder des Kanoe-Stamms, der weiteren grundlosen Massenmorden zum Opfer gefallen ist. Sie teilen sich ein 250 Quadratkilometer großes Stück Land mit dem Namen Terra Indígena Omere mit den Akuntsuklan, die heute nur noch aus sechs Personen bestehen. Popak, einer der vier Männer des Stammes, sprach bei unserem Treffen in gehetzten Worten. Er warf mir finstere Blicke zu, als ich auf eine Narbe auf seinem Rücken zeigte und erklärte, dass er während eines Angriffs auf seinen Stamm von einer Kugel getroffen wurde. Manchmal vergesse ich, dass ich auch als nicht mordender, hellhäutiger Brasilianer immer noch das Arschloch bin.

Der Filmemacher Vincent Carelli, selbst ein nicht mordender, hellhäutiger Brasilianer, hat 20 Jahre damit verbracht, das Massaker an den Akuntsu-Indios zu dokumentieren. Er hat Beweise für die Beteiligung der örtlichen Farmer gesammelt (darunter sind belastende Zeugenaussagen von Arbeitern der Holzhandelsfirma, die die Morde verübte). Der daraus resultierende Film, Corumbiara, hatte im März Premiere in São Paulo und ist wahrscheinlich so ziemlich das einzig Gute, das aus dieser Geschichte hervorgegangen ist. Denn es hat sich mit Sicherheit nichts geändert. Es ist eher noch schlimmer geworden. Seit der Fertigstellung des Films wurde Carelli sogar Zeuge eines Massakers an einer weiteren Gruppe, die so tief im Dschungel wohnte, dass man ihnen noch nicht einmal einen Namen gegeben hatte. Erwiesenermaßen bestanden die ersten Versuche, den Stamm zu vertreiben, darin, ihnen Cocktails aus Arsen und Zucker anzubieten. Als das nicht funktionierte, jagte man ihnen die mörderischen Jagunços auf den Hals. Der einzige Überlebende lebt jetzt allein und ungestört in einem Erdloch im Dschungel.

„Niemand kam dafür ins Gefängnis oder wurde auch nur angeklagt. Nicht ein einziger dieser Banditen“, sagte Marcelo dos Santos, der Mann, der als erster Kontakt mit dem Stamm aufnahm und eine Suche nach den Verantwortlichen der Morde veranlasste. Santos hat zahlreiche Drohungen erhalten und zieht es vor, die Leute, die er für schuldig hält, nicht namentlich zu nennen. Die Bürger in den umliegenden Städten haben damit weniger Probleme: Einflussreiche lokale Größen wie Antenor Duarte, Antônio Vilela Junqueira, der frühere Senator Almir Lando und die berüchtigten Dalafini-Brüder werden alle verdächtigt, an dem Ganzen beteiligt gewesen zu sein. Wie es der Zufall will, besitzen sie die Farmen, die am dichtesten am Land des namenlosen Stammes liegen.

In Colniza, der gewalttätigen Stadt im Norden der Provinz Mato Grosso, stieß ich zufällig auf den Holzarbeiter Julio Pinto. Sein Vater Renato und 70 seiner Kollegen saßen im Gefängnis, nachdem man sie wegen Mordes oder der Anstiftung zum Mord an den Piripkura-Indios angeklagt hatte. Erwartungsgemäß waren Pinto und Co. der festen Überzeugung, dass der Stamm sich auf ihrem Land aufhielt. Das waren Rita und ihre Verwandten. Alle Angeklagten wurden schließlich freigelassen und Pinto sagte mir, ohne eine Miene zu verziehen: „Ich habe in dieser Gegend nie Indios gesehen.“ Frei nach dem Motto: Wie kann man jemanden umbringen, den man nie gesehen hat? (Kleiner Wink: Indem man jemanden bezahlt, es für einen zu tun.) Einer von Pintos Partnern, Luiz Durski, besitzt ebenfalls eine Farm in der Nähe des Landes der Piripkura. Er versicherte mir, dass die Anklage gegen Renato ein purer Akt des „Wahnsinns“ von Seiten des Bundes-staatsanwalts Mario Lucio Avelar gewesen sei. Er fügte noch nachträglich hinzu, dass auch er dort nie einen Indio gesehen hätte.

Diese Taten als Genozid zu bezeichnen, die Verantwortlichen zu verhaften und ihr Strafmaß zu bestimmen, scheint die Behörden vor die größten Probleme zu stellen. Na ja, das, sowie die Angst, die Bestechungsgelder und die Tatsache, dass es den meisten scheißegal ist. Das Rechtssystem des Amazonas ist ein Morast aus örtlichen Amtsinhabern, die eine beträchtliche politische Macht ausüben. Es ist nahezu unmöglich, Gesetze durchzusetzen, an deren Durchsetzung von vornherein keiner interessiert ist. Die Haupttäter sind die Holzfäller, Minenarbeiter und Farmer, und außerhalb dieser Kreise gibt es nur wenige, die ein Interesse daran haben, einen der gewinnbringendsten Wirtschaftszweige Brasiliens anzugreifen. Sicherlich nicht im Namen einiger im Busch umherirrender Geister.


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