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MITTELALTERLICHER SCHLEIM

Zwei Wochen Ekel

VON THOMAS MORTON



Schenkt man solchen Quellen wie Hollywood, Geschichtsbüchern oder Menschen auf der Straße Glauben, kam das Mittelalter einem tausendjährigen Grunge-Revival gleich, in dem alle verdreckt und mit Flöhen übersät durch die Gegend liefen und man die soziale Klasse einer Person anhand des Gestanks seiner Eier bestimmen konnte. Das ist aber totaler Schwachsinn. Ich weiß das, denn ich habe gerade zwei Wochen hinter mir, in denen ich mich strikt an mittelalterliche Hygienepraktiken gehalten habe. Und trotz einiger Kratzspuren, unerklärlicher Geschwüre, schwerer Hautauschläge, viel Smegma und möglichem Antoniusfeuer habe ich die Sache ganz gut überstanden. Und so erging es mir während der zwei Wochen ...


DIE GRUNDREGELN
Zwei Wochen lang durfte ich keinen sanitären Gewohnheiten frönen, die nach dem Mittelalter entwickelt wurden. Darüber hinaus war ich gezwungen, 14 Tage dieselben Klamotten zu tragen. Um den angesammelten Schmutz auch sichtbar zu machen, entschied ich mich für ein vollständig weißes Outfit. Außerdem dachte ich mir, dass es meiner Anstrengung den Hauch einer Fitzcarraldo-Expedition verschaffen würde. Das kann ich aber erst jetzt, nach dem Versuch, zugeben.




PINKELN
Wenn es um die persönliche Hygiene geht, gehöre ich eher dem faulen Typ Mensch an. Was die ersten Tage meiner mittelalterlichen Hygiene demnach von drei Tagen meiner normalen Hygiene unterschied: das Wasserlassen. Zuerst entschied ich mich dazu, mein Geschäft im Freien zu erledigen, eine Technik, die ich während unzähliger feucht-fröhlicher Nächte perfektioniert hatte. Als ich aber bemerkte, dass sich das Pinkeln auf dem Bürgersteig um zehn Uhr morgens in nüchternem Zustand ein bisschen wie eine Generalprobe für eine Exhibitionismusnummer vor einer Vorschulklasse anfühlte, legte ich mir einen Nachttopf zu.

Meiner Meinung nach ist der Nachttopf das Beste, was dem Pinkler passieren konnte, seit der Erfindung der Blase. Allerdings gab es einige Grundlagen, die ich mir mühsam aneignen musste: Es war sinnvoller, den Topf an mein bestes Stück heranzuführen, anstatt waghalsige Zielübungen in den am Boden stehenden Topf durchzuführen. Außerdem musste ich erkennen, dass man nie mit dem vollen Strahl beginnen sollte. Nachdem ich also einige meiner ersten Versuche mit dem Ärmel aufwischen musste, konnte ich meine komplette Wohnung bedenkenlos als Toilette nutzen.

Der einzige Nachteil war allerdings das Ausleeren des Topfes. Ihn einfach aus dem Fenster zu schütten, war nicht möglich, da ich über meinem Vermieter wohne (außerdem ist dies seit dem „actio de ejectis et effusis“ der Römer von 500 v. Chr. ohnehin verboten). Meistens habe ich den Inhalt einfach zwischen parkenden Autos in den Rinnstein oder—wenn ich mich besonders pflichtbewusst gefühlt habe—in den Gully am Ende der Straße gekippt. Nach drei Tagen kriegte ich schließlich raus, dass man den Topf am besten mit viel Schwung ausgießt, damit einem nicht alles auf die Hose tropft.



ZÄHNE
Nach zwei Tagen der Vernachlässigung verfärbte sich der Belag auf meinen Zähnen von Hellgelb zu Ocker und ich fand immer mehr Ablagerungen von karamellisierter Limonade auf meinen Zahnkronen. Meine Freundin stufte den Geruch meines Atems irgendwo zwischen dem Gestank von Abfall und dem menschlicher Exkremente ein.

Miswak ist ein merkwürdiger Zweig aus dem Nahen Osten. Mohammed liebte das Zeug so sehr, dass er es eigentlich hätte heiraten müssen. Dabei handelt es sich eigentlich nur um einen Zweig, der ausfranst und dadurch eine einfache Zahnbürste abgibt. Das hat den Propheten aber nicht davon abgehalten, ihn im Hadith zu jeder sich bietenden Gelegenheit anzupreisen. Auch hält es die heutigen Miswak-Exporteure nicht davon ab, Behauptungen à la „stärkt den Rücken“, „hält böse Gedanken fern“ und „das Heilmittel für jede Krankheit außer dem Tod“ zu verbreiten.

Ich probierte diesen Stock also aus und musste feststellen, dass der Geschmack von Miswak auf seltsame Weise dem Geruch von WC-Steinen ähnelt. Dann bin ich auf ein uraltes ägyptisches Rezept gestoßen: Ochsenhufe, Bimsstein, verbrannte Eierschale und Myrrhe in einer Schale zermahlen und mit ein wenig Spucke zu einer dünnen, körnigen Paste schlagen. Die Mixtur hört sich zwar sehr eklig an und die Anwendung kam dem Abschleifen der Zähne mit Sandpapier gleich, aber es funktionierte.



KACKEN
Ich kacke eigentlich relativ wenig, sodass sich mein Nachttopf während der ersten drei Tage seiner Jungfräulichkeit erfreuen konnte—mal abgesehen vom Urin natürlich. Irgendwann war ich aber unvermeidlich dazu gezwungen, den Pott zu besteigen und einzuweihen. Dabei habe ich die Entdeckung gemacht, dass, egal wie sorgfältig die braunen Flecken im Topf danach auch wegpinkelt werden, der Gestank der Scheiße nie ganz verschwindet.

Trotzdem gestaltete sich das Scheißen in den Topf viel einfacher, als ich es mir vorgestellt hatte. Man muss nur sicherstellen, dass man sich über die richtige Stelle hockt, sein bestes Stück für einige Sekunden verstaut und den Dingen behutsam freien Lauf lässt. Und es hilft, obwohl es nicht logisch erscheint, wenn beim Kacken eine kleine Urinpfütze den Topfboden bedeckt—nicht zu viel, damit es nicht spritzt, sondern genau so viel, dass die Wurst sanft landet und nicht sofort an der Keramikoberfläche des Topfes festbackt. Ich stelle meine kleine Entdeckung auf die gleiche Stufe mit der Erfindung der modernen Klempnerei, da es das Prozedere des Ausschüttens meiner Exkremente in den East River von einer schrecklichen fünf- bis zehnminütigen Geduldsprobe auf ein einfaches „Auskippen und Weitergehen“ verkürzt hat.


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