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DOS & DON'TS
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KAI KÜHNEINTERVIEW: AMY KELLNER PORTRÄT: MARCELO KRASILCIC
Jeder Artikel, den man derzeit über Kai Kühne zu lesen bekommt, ist ungefähr wie folgt überschrieben: „Ein Wildfang wird erwachsen!“, oder: „Der stürmische böse Junge plötzlich ganz brav!”, oder wie es kürzlich die New York Times betitelte: „Kann ihm die Modewelt seine Vergangenheit verzeihen?”
Wie auch immer, wir fanden Kai schon immer toll und erinnern uns gern an seine frühen ungestümen Entgleisungen als Mitglied des Designerkollektivs AsFour. Er lieferte damals ja tatsächlich so Sachen, wie an den Kronleuchtern eines edlen Nachtclubs durch die Gegend zu schwingen, um dann vehement gegen den 200-Kilo Ex-Russenmafia-Bouncer anzukämpfen, der versuchte, ihn aus dem Laden zu schmeißen. Widerwillig sind wir jedoch dazu bereit, seine neue Reife zu akzeptieren, scheinbar ist es das, was Kai gerne möchte. Wenn sie über seine Solo-Kreationen schreiben, verwenden alle Modekritiker ein und dasselbe Wort, „elegant“und das ist in der Tat eine ziemlich treffende Zusammenfassung. Sie besteht aus geometrischen, formschönen Outfits, klarem Weiß sowie neutralen und stählernen Farben und gelegentlich eingestreuten, geschmackvoll glänzenden Akzenten. Mega-klassisch eben. Ich besuchte Kai in seinem hellen weißen Studio oben in der urbanen Tundra des Fashion Districts um die West 30s in Manhattan und hatte eine Menge Spaß. Er gab mir eine Blitzführung durch voll beladene Kleiderständer mit fertigen Outfits, Stoffen und exotischen Fellstoffproben und zeigte mir einige seiner Inspirationstafeln und Entwurfskizzen. Ich erfuhr mehr über die italienische Designerbewegung „Superstudio“ und wir schauten uns zu unserer Belustigung die durchgeknallte Modeszene in der katholischen Kirche aus Fellinis Roma auf YouTube an. Danach hatte ich das Gefühl, soeben einen Mode-Crashkurs absolviert zu haben, und weiß Gott, den hatte ich auch dringend nötig. Vice: Ich bin absolut kein Modeexperte. Kai Kühne: Ja, ich auch nicht. Natürlich bist du das. Also, bitte bring mir was über Mode bei, oder wenigstens über deine Mode. Nun, für mich ist alles eine Frage des Designs. Alle meine Linien sind sehr gerade, sehr grafisch, sehr kontrolliert, sehr deutsch. Ich möchte etwas Klassisches, Zugängliches und Elegantes schaffen. Eine körperbetonte, weibliche Form, weißt du, wie zum Beispiel einen Bleistiftrock. Es sind sehr sachliche Outfits, aber die Besonderheiten liegen im Design, in dieser Hinsicht beschreite ich neue Wege. Meine letzte Sommerkollektion war durch den Lauch inspiriert, also orientierten sich alle Linien am Wachstumsmuster einer Lauchpflanze. Wie jetzt, durch Lauch inspirier, ernsthaft? Pflanzen haben ihre eigenen universellen Wachstumsregeln und im Grunde genommen kann man das null kontrollieren. Der Lauch ist sehr deutsch. Er ist „Zack, Zack, Zack“ und wächst in kontrollierten Mustern. Das ist tatsächlich sehr deutsch. Ja. Ich entwerfe viel am Computer, weil ich gerne sehr genau arbeite. Durch die Verwendung bestimmter Stoffe werden die Kreationen dann organischer. Der Kontrast von geraden Linien und dem dreidimensionalen menschlichen Körper. Die Formen sind so designt, dass sie am Körper gerade sitzen, also müssen sie in Wirklichkeit leicht gewölbt sein. Das Schnittmuster ist konkav oder konvex und wird dann wieder zur geraden Linie. Das klingt alles so, als ob du Häuser entwirfst. Kleidung ist Architektur für den Menschen, ein Haus für den Körper. Ich glaube aber, dass es schwieriger ist, Kleidung zu entwerfen. Du musst gegen die Schwerkraft ankämpfen. Und du verwendest ja auch vor allem Weiß und helle, neutrale Farben. Ich versuche, die Struktur meiner Designs sichtbar zu machen. Der Schlüssel liegt in der „Konstruktion“. Wenn man dann einen Druck darüber legt, ist die zugrunde liegende Struktur nicht mehr erkennbar. Deshalb verwende ich bei den Farben einen eher minimalistischen Ansatz, um meine Aussage besser zu unterstreichen. Aber ich spiele gerne mit Reflexen und texturierten Stoffen, wie zum Beispiel Leinen oder Känguruleder. Känguruleder?! Ja, es ist wie Papier. Es ist fantastisch. Oh... Weißt du, da drüben essen sie das Fleisch so oder so, es ist also ungefähr wie hier Kaninchen oder so etwas in der Art. OK, anderes Thema bitte. Bist du in Deutschland aufgewachsen? Ja, bis zu meinem 22. Lebensjahr habe ich in Bremerhaven gelebt. Ich habe in Hamburg studiert, zuerst BWL, dann Modedesign. Dann habe ich angefangen, ein wenig zu modeln und war dadurch oft in Mailand und Paris. Irgendwann hat mich dann eine Agentur in Mailand entdeckt und meine Modelkarriere STARTETE DURCH! Hat dich Mode schon in jungen Jahren begeistert? Oh ja. Wenn ich zurückblicke, denke ich, dass ich jetzt genau das tue, wofür ich schon immer bestimmt war. Ich meine, ich hatte schon immer eine künstlerische Ader. Erst vor Kurzem habe ich mir Bilder aus meinem Kinderzimmer angeschaut und gesehen, dass ich damals kreative Skulpturen aus Drahtkleiderbügeln gemacht habeeine Art moderne Kunstskulpturen, aber ich hatte keinen blassen Schimmer von Kunst, ich hab’s einfach gemacht. Warst du ein Punk? Ich stelle mir einen kleinen Troublemaker vor. In gewisser Weise schon. Gleichzeitig war ich jedoch auch immer sehr anständig und adrett. So wie jetzt eben auch. Ich bin ein Punk, aber nicht in dem Sinne, dass ich Nieten trage oder so etwas, mehr in Hinsicht auf die Grundphilosophie von Punknicht direkt destruktiv, aber schon in dem Sinne, dass man Dinge aufmischt, um etwas Neues zu kreieren. Man muss erst zerstören, um Neues zu schaffen. Super. Ich wurde gerade von der Smithsonian für den „National Design Award“ nominiert. Darüber habe ich mich echt gefreut. Herzlichen Glückwunsch! Danke. Maria Cornejo und Isabel Toledo waren unter den Gewinnerinnen in den letzten Jahren und haben jetzt beide Outfits für Michelle Obama entworfen. Wahrscheinlich werde ich die First Lady demnächst wohl auch einkleiden müssen. Sie würde großartig in deinen Sachen aussehen, echt! Ja, ich glaube, das würde sie. Wie bist du letztendlich zum Modedesigner geworden? Erzähl mir, wie alles begann. Als ich als Model arbeitete, wurde mir irgendwann klar, dass das alles auf Dauer keine Zukunft für einen cleveren, intelligenten Jungen wie mich bietet. Also sah ich mich nach etwas Anderem um, nach einer Veränderung. Ich studierte Kunstgeschichte und Fotografie und ein paar andere Sachen und begann mit der Fotografie Geld zu verdienen, indem ich Models austestete. Du weißt schon, Fotos von ihnen machen und sie aussehen lassen wie echte Profis. Zu dieser Zeit traf ich Adi und Angela in einem Club namens Flamingo East. Sie arbeiteten dort als Türsteherinnen. Also begannen wir zusammenzuarbeitensie kümmerten sich um das Styling der Models und ich machte die Fotos. Ungefähr zur selben Zeit begann Gabi seine erste eigene Kollektion und wir taten uns alle zusammen und übernahmen das Styling und das Shooting und schufen somit etwas Neuartiges. Damals entsprach es genau unseren kreativen Vorstellungen. Als meine Wohnung dann irgendwann abbrannte, zog ich mit den Mädels zusammen, Gabi ließ sich von seiner Frau scheiden und zog ebenfalls ein und so wurde AsFour geboren. Unsere erste gemeinsame Kollektion entstand im Jahr 2000. Ihr habt alle zusammengewohnt und in einem großen Bett geschlafen, dafür seid ihr berühmt geworden. Genau. Wir nahmen unsere Arbeit sehr ernst, aber gleichzeitig hatten wir auch wahnsinnig viel Spaß. Es war eine neue Art von Kunst, man könnte fast sagen, die Schnittstelle zwischen Kunst und Mode. Was ich heute mache, betrachte ich als etwas Künstlerisches, aber es ist mehr darauf ausgerichtet, in der Modewelt zu bestehen. Du bist reifer geworden. Ich glaube, das ist ein natürlicher Prozess. Ich will, dass meine Arbeiten tragbare Skulpturen sind, aber gleichzeitig zugänglich. Nicht wie die Sachen, die ich früher gemacht habe, von denen alle sagten: „Wow, das ist großartige Kunst … Bis später!“ Heute sagen die Leute eher: „Wow, das will ich tragen.“ Manchmal vermisse ich die durchgeknallten Circle Bags von AsFour. Ich nicht. Ich habe wegen dieser Teile immer noch Probleme mit meiner rechten Schulter! Vermisst du manchmal die alten Zeiten? Findest du, dass New York immer noch cool ist? Nein und nein. Downtown hat sich wahnsinnig verändert. Die komplette Szene ist tot. Wahrscheinlich endgültig. Na ja, vielleicht kann sie ja jetzt mit der ganzen Rezession doch noch mal wiederaufleben. Hat es dir Spaß gemacht, immer in der Klatschpresse zu erscheinen und die Art von skandalöser Aufmerksamkeit zu erhalten, die dir damals zuteil wurde? Ich hab’s nicht wirklich genossen. Der meiste Scheiß war erlogen, deshalb war es eher nervig. Damals sagten mir die Leute immer: „Oh, das ist so cool, du bist auf Seite sechs“du weißt schon, die Klatschspalte der New York Post, und ich dachte nur: Nein danke! Du findest also nicht, dass es auch irgendwie cool ist? Die meisten Leute haben zu viel Angst wild zu sein, also lieben sie es, ihre Fantasien stellvertretend durch andere Leute auszuleben, die sich das trauen. Für mich ist meine Arbeit so viel wichtiger als der ganze andere Kram. Die Leute bewerten Sachen völlig über, sie messen dem Ganzen zu viel Bedeutung zu und dann bekommen sie Angst, sie beurteilen dich falsch und so verschließen sich eine Menge von Möglichkeiten. Aber andererseits stehen doch alle auf ein gutes Comeback, oder nicht? Richtigam besten jede Saison aufs Neue. Wir lieben Comebacks. Dein Studio ist sehr schön und weiß. Und ich liebe diese Gegend. Es ist nachts so gruselig und verlassen hieres ist wie in Blade Runner. Man kann aufs Dach hochgehen, es ist wunderschön. Ich bin bewusst hierher umgezogen, weil es der Garment District ist und ich wollte damit zeigen, dass „Crazy Kai“ sich durchaus für das Geschäft interessiert. Hast du immer noch das Gefühl, dass du solche Dinge unter Beweis stellen musst? Ja, irgendwie schon. Jede Kritik, die ich über dich lese, sprüht förmlich vor Begeisterung. Ich habe nicht ein einziges schlechtes Wort gehört. Ja, naja, ich hab’ mich ja auch gut benommen! Gibt es irgendwelche Designer, auf die du gerade besonders stehst? Das sind so viele. Chanels letzte Kollektion fand ich großartig. Sie ist komplett in beiß und crèmefarben gehalten und wunderschön. Die Schulterdesigns sind fantastisch. Karl hat hervorragende Arbeit geleistet. OK, Schultern. Erzähl mir etwas über Schultern. Schultern sind im Moment sehr wichtig. Durch Schultern und Silhouette kann man viel aussagen. Ich will, dass meine Schulterdesigns stark und gewagt sind, aber sie sollen auch nicht zu 80er wirken. Ein wenig majestätisch. Ich spiele gerade auch mit dem Gedanken, mehr schulterfreie Kleidung zu entwerfen. Was für eine amüsante Beschäftigung. Es ist ’ne Menge harte Arbeit, aber es bringt auch viel Spaß. Es ist wie Malerei! Stoffe auszuwählen, ist, wie die richtige Palette zusammenzustellen und die Kollektion ist dann wie ein riesiges Gemälde, mit dem Unterschied, dass es unzählige Stunden, eine Menge Leute und ’nen Haufen Geld erfordert, alles zusammenzufügenund dann bewegt es sich auf einmal! Kannst du mir als jemanden, der einen fürchterlichen Style hat, nicht verraten, wie ich das ändern kann? [flüstert] Das ist ein Geheimnis. Das können wir dir nicht verraten. Verdammt. Ach komm, du hast doch Style. Vergiss es. Schau dir doch nur mal meinen beschissenen Pferdeschwanz an. Aber das ist auch ein Style. No-Style! Ah, ein Anti-Style sozusagen? Ja, vielleicht. Kommt drauf an. Wenn du es absichtlich tust, wenn es eine bewusste Entscheidung ist, dann wird es zum Style. Wenn Leute sich zu sehr darauf konzentrieren, kann es abgehoben wirken, aber ich finde, dass Leute, die sich einfach alles erlauben können, eine bestimmte Originalität und Authentizität ausstrahlen. Magst du Designer, die abgedrehte Sachen machen, wie zum Beispiel Bernhard Willhelm? Er ist ein guter Freund von mir und ich liebe seine Arbeiten. Für mich ist das tolle Kunst, ein Statement, aber es ist nicht wirklich „Kleidung“. In meiner Zeit mit AsFour hat es mir Spaß gemacht, herumzuspielen und bestimmte Dinge auf die Schippe zu nehmen, aber mittlerweile versuche ich, das von meiner Kollektion fernzuhalten, damit sie nicht einfach nur zu einer Masturbation meiner Ideen verkommt. Letzten Endes sehe ich mich als Kleidermacher für Frauen und die brauchen Klamotten und keine Scherze.
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