|
|
DOS & DON'TS
RELATED ARTICLES
|
||||||||||||||||||||||||||||||||
HAMILTONS KLEINE ARZNEIMITTELKUNDEEine neue monatliche Kolumne von Hamilton MorrisSPICE GOLD IST GRAS, ABER NICHT WIRKLICH (ABER IRGENDWIE DOCH) Bis vor Kurzem gab es zahllose Websites, die Spice Gold verkauften, aber das wird wohl nicht mehr lange so sein. Wenn ich inzwischen auf spiceworld420.com gehe, begrüßen mich da knisternde Metal-Gitarrenriffs. Hier kann man alle möglichen Kräuterrauchmischungen kaufen: Space, Space Gold, Spicy, Spike, Smoke und andere sogenannte Spice-ähnliche Substanzen. Aber eine Rauchmischung glänzt durch Abwesenheit, und zwar die, die der Website ihren Namen gibtSpice Gold. Wo zum Teufel ist das ganze Spice Gold hin? Vor ca. einem Jahr tauchten die ersten Berichte über eine mysteriöse Kräuterrauchmischung namens Spice auf. Spice war billig und legal und war bei Drogentests nicht nachweisbar. Es bestand ausschließlich aus natürlichen Zutaten und, was das Wichtigste war, es machte einen richtig, richtig stoned. Ein anonymer Vertreter von Spice sagte, dass in Deutschland im letzten Jahr sieben Millionen Päckchen Spice gekauft wurden. Und das war natürlich nur ein Teil des weltweiten Verkaufsvolumens. Alles in allem errechnete ich, dass 2008 über 800 Millionen Pfeifenköpfe Spice konsumiert wurden. Das ist ziemlich beeindruckend, besonders wenn man bedenkt, dass keiner eine Ahnung hatte, was sie da rauchten. Ich beschloss, etwas von dem Zeug zu kaufen, aber es gab ein ganzes Gewürzregal an Varianten zur Auswahl. Alle waren als fertig gerollte Joints oder in größeren Sparpackungen erhältlich. Ich bestellte ein paar Päckchen Spice Gold und ein SPICE UP UND SPACE OUT!-T-Shirt. Das Spice sah aus und schmeckte wie Wollflusen aus dem Wäschetrockner. Ich stopfte etwas davon in eine Pfeife und nahm einen Zug. Bevor ich auch nur Zeit hatte auszuatmen, war ich schon völlig bekifft. Die Effekte waren schwindelerregend psychedelisch und von satten Farben durchtränkt. Ich schaute in den Spiegel und meine Augen waren blutunterlaufen. Ich war total bespiced. Ich zog mir mein Spice-T-Shirt an und legte mich dann hin, um mir Soylent Green anzusehen. Ich wurde kurzzeitig von der Vorstellung übermannt, dass ich gerade einen Menschen geschnupft hatte. Ich ging ins Bett und fiel in einen traumlosen Schlaf, um am nächsten Morgen immer noch benebelt aufzuwachen. Ein kurzer Blick auf die Rückseite des Päckchens offenbarte eine detaillierte Liste der Inhaltsstoffe, die aussah, als würden sie aus einem Laden für Hexenkräuter stammen: Beifuß, Meeresbohne, Helmkraut, Blauer Lotus, Pedicularis Densiflora und Sibirisches Herzgespann, abgeschmeckt mit etwas Honig und Vanille. Diese legalen Kräuter können einem vielleicht zu einem ganz zarten High verhelfen, aber Spice verschafft einem kein leichtes, flockiges Kamillenblüten-High, sondern ein fettes, Pizza verschlingendes Gravity-Bong-High. Spice war mit Sicherheit nicht aus Kräutern gemacht, die Hersteller erzählten uns Lügen, und es ging nur noch darum, das zu beweisen. Chemiker auf der ganzen Welt kniffelten um die Wette, um den Code von Spice zu knacken. Sie machten Auszüge aus Spice und unterzogen es jeder erdenklichen chemischen Analyse. Aber seine Geheimzutat blieb unter einem dicken Mantel von Beifuss versteckt. Von diesen erfolglosen Versuchen, den geheimen Inhaltsstoff zu erkennen, ermutigt, machten sich die Spice-Verleugner auf Internetforen breit: „Es gibt keinerlei Beweise dafür, dass Spice irgendeinen mysteriösen chemischen Stoff enthält und jeder, der etwas anderes sagt, will euch nur Angst machen.“ Wie bei den Verleugnern des Klimawandels oder der Evolution war auch das Spice-Mysterium ein Mikrokosmos menschlicher Dummheit. Ende Dezember 2008 gelang es Wissenschaftlern in einem deutschen Labor den aktiven Bestandteil von Spice zu isolieren. Er enthielt ein noch nicht erforschtes synthetisches Cannabinoid namens JWH-018, das dieselben Hirnpartien stimuliert wie Gras. Über Nacht zogen die Websites ihre Spice-Angebote zurück und Headshops entfernten das Zeug aus ihren Regalen. JWH-018 ist noch nie am Menschen getestet worden, andere Drogen aus derselben Familie wurden aber bereits an Mäusen getestet. Glücklicherweise stellten sie sich als komplett ungiftig heraus. Kleiner Scherz. Die Mäuse bekamen davon bösartige Lungentumore. Ohne Scheiß. Sobald sie im Körper ist, wird die Substanz rasch in eine neue krebserregende Substanz umgewandelt, die besonders das Lungengewebe angreift. Also habe ich John W. Huffman, den Chemiker, der JWH-018 erfunden hat, angerufen, um mich kurz mit ihm zu unterhalten. Vice: Hallo, hier ist Hamilton Morris. John W. Huffman: Ah, OK, schön von dir zu hören. Ich trinke gerade mit meiner Frau einen Martini. Super! Kriegst du inzwischen rund um die Uhr Anrufe wegen Spice? Hauptsächlich E-Mails. Außerdem hat mich ein Vertreter der US-Air Force angerufen. Warum das? Weil so ein paar Piloten das Zeug geraucht haben, was keine so gute Idee ist, wenn man gerade ein Flugzeug fliegt. Gruselig! Es ist inzwischen auf der ganzen Welt ziemlich beliebt. Hm, ja. Das Ding ist, dass JWH-018 sich extrem leicht herstellen lässt. Wie leicht? Na ja, es ist nur eine zweifache Synthese von Rohstoffen entfernt, die überall erhältlich sind. Ich habe es Studenten im Grundstudium herstellen lassen. Aber es gibt keinerlei Angaben zur Giftigkeit dieses Stoffes. Im Laufe der Jahre haben mich immer wieder Leute gefragt: „Können wir nicht mal ein paar ihrer Verbindungen selber ausprobieren?“ Ich sage dann immer: „Klar. Aber wir wissen nicht, ob sie giftig sind oder nicht.“ Eine Publikation hat nachgewiesen, dass JWH-018 im Körper in krebserregende Metabolite umgewandelt wird. Mmh, warum raucht ihr nicht einfach Marihuana, denn das ist sicherer. Eine Verbindung mit unbekannten biologischen Auswirkungen auf den menschlichen Körper zu rauchen, ist ziemlich bescheuert. Hast du je selbst synthetische Cannabinoide ausprobiert? Ich glaube, ich bin intelligent genug, keine unserer chemischen Verbindungen einzunehmen, zu deren Giftigkeit wir keine Daten haben. Außerdem bin ich der Meinung, dass Alkohol eine ziemlich akzeptable Alternative zu verschiedenen anderen Substanzen ist. Verständlich. Ein paar Tage nach meinem Interview hatten weitere Analysen von Spice ergeben, dass es zusätzlich zu JWH-018 einen Cocktail synthetischer Cannabinoide enthält, darunter eine israelische Verbindung namens HU-210, die hochgradig illegal ist. Nun bin ich gespannt, was die Zukunft noch so parat hältHuffman erzählte mir von Cannabinoiden, die noch stärker sind als JWH-018. Die Dosis, die man davon braucht, ist so klein, dass man sie mit bloßem Auge noch nicht mal sehen kann. Übrigens haben die Macher von Spice bereits eine neue „Kräuter“-Rauchmischung herausgebracht. Sie heißt „Genie“englisch für Flaschengeist, und wenn du vorhast, an dieser Zauberlampe zu reiben, sollte dein erster Wunsch vielleicht sein, immun gegenüber Krebs zu sein.
| |||||||||||||||||||||||||||||||||