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von neale lytollis

Mark Reeders Lebenslauf liest sich wie Mobys Weihnachtswunschzettel. In England zur Welt gekommen, hat Mark bei Virgin Records angefangen und ist dann aufgrund seines Faibles für Kriegsfilme in Berlin gelandet, wo er in den späten 70ern der dortigen Industrial-Szene verfiel. Aus diesen düsteren No-Wave-Wurzeln ist Reeder zum heißen Technoscheiß avanciert. Über seine professionellen Connections zum ehemals staatlichen DDR-Label Amiga konnte er sein eigenes Label namens MFS gründen und hat so erfolgreich die Minimal-Robotik-Seite des Techno zu etwas Wärmerem und Melodischerem weiterentwickelt. Mit Künstlern wie Cosmic Baby und Effective Force hat er die Zukunft des Elektro in Europa eingeläutet—oder auf dem Gewissen?

Vice: Hey Mark, vor fünf Jahren ist die Mauer gefallen.
Fünf Jahre ist das schon her? Kommt mir vor wie gestern, als MTV mich interviewt hat und mich fragte, ob sie jemals fallen würde. Ich sagte, nicht solange ich lebe. Das war Anfang Oktober 1989...

Was ist deiner Meinung nach die gegenwärtig wichtigste Musik in Deutschland?
Das wäre dann wohl Techno. Vorm Mauerfall bestand die Technoszene Berlins aus einer Handvoll Partyleuten, die in kleinen Clubs und Bars in Westberlin abhingen. Läden wie 90 Grad, Fischlabor und UFO. Der Mauerfall änderte das, weil ein Club nicht mehr in einem traditionellen Haus sein musste. 1992 war die gesamte Clubszene dann bereits in den Osten rübergewandert.

Denkst du, dass Techno auch ohne den riesigen Zustrom von neugierigen Ostdeutschen zu diesem Riesengenre herangewachsen wäre?
Die plötzlichen Massen von Ossis hatte einen massiven Einfluss auf die Musik- und Clubszene Berlins. Es war das erste Mal, dass ihre Generation frei entscheiden konnte, was sie wirklich hören wollte, und sie entschieden sich für Techno, weil es radikal und revolutionär war. Techno hält sich nicht an die alten Regeln des Blues und Rock & Roll und es gibt keine komplexen englischen Texte, die man verstehen muss.

Außerdem ging es ihren Eltern auf die Nerven.
Genau. Die Tatsache, dass auf einmal neue Clubs an Orten aufmachten, die vorher verboten waren und Ecstasy war natürlich auch nicht ganz unschuldig an der Sache.

Als du neu nach Berlin gekommen bist, hast du für Factory Records gearbeitet. Wie bist du dazu gekommen?
Ich hatte in Manchester für Virgin Records gearbeitet und kannte Tony Wilson ziemlich gut. Als er dann Factory gründete, vertrat ich sie in Deutschland. Ich werde niemals vergessen, wie Joy Division rüberkamen und diese Minitour spielten. Keiner wusste so wirklich, wer sie waren, das war im Januar 1980. Ian Curtis drehte total durch wegen der billigen Kippen in Ostdeutschland und rauchte die ganze Zeit Kette. Das Bild war unvergesslich. Mit dem Van unterwegs durchs karge Ostdeutschland und er rauchte nonstop. Aber wenn du mich damals gefragt hättest, wären sie meiner Meinung nach die Zukunft der Musik gewesen. Als Fan wollte ich, dass alle das gleiche machen wie Joy Division und A Certain Ratio.

Wie kam es, dass du ein Trancelabel gründetest?
Obwohl ich die Manchester-Szene total mochte, galt meine wahre Leidenschaft dem Underground Disco und amerikanischer und deutscher Elektromusik. Ich war hin und weg von der Berliner Undergroundmusikszene. Es war so anders als überall sonst. Diese radikale, avantgardistische Herangehensweise zum Musikmachen gab es so in England einfach nicht. Vor allem die frühen deutschen Elektrosachen wie P1/E, Geile Tiere oder Kosmonautentraum haben mir unheimlich gut gefallen.

Musikalisch gesehen war Berlin eine Brutstätte der Aktivität, als sich in den 80ern die Berliner Industrial-Szene entwickelte und Sachen wie die Neubauten ausspuckte. Was hast du im letzten Jahrzehnt alles so gemacht?
In den 80ern steckte ich richtig tief in der Musikszene drin und organisierte Konzerte, war der Manager von Malaria und mit New Order auf Tour. Es ist verrückt, wenn du jetzt nachdenkst, wie viel in so kurzer Zeit passiert ist. Sogar das allerletzte Album, das jemals in der DDR produziert wurde, geht auf mein Konto.

Was?
Ja, Torture von Die Vision. Um genau zu sein, würde ich mein Label MFS nicht führen, wenn das nicht gewesen wäre.

Wie ist es denn dazu gekommen?
Ich wurde gebeten, diese LP für Die Vision zu produzieren, was vielleicht ein bisschen an meiner West-Glaubwürdigkeit lag. Wie auch immer, jedenfalls nahmen wir die im Sommer und Herbst 1989 auf und als die Sessions vorbei waren, fuhr ich direkt für ein paar Wochen in den Urlaub nach Osteuropa. Am Tag als wir losfuhren fiel die verfickte Mauer. Das größte Ereignis, das Deutschland seit Ende des zweiten Weltkriegs erlebt hatte und wir hatten es verpasst! Als ich zurück kam, lag Amiga quasi in Trümmern und wir konnten die Platte in Westberlin mit den Ost-Technikern zusammen mischen. Das dürfte wohl die erste Zusammenarbeit von Ost- und Westberlin gewesen sein. Jedenfalls wurde Techno zu dieser Sache, die du nicht mehr ignorieren konntest und ich dachte, verdammt, wir haben hier ein Label oder zumindest das, was davon übrig ist und wir sollten unglaubliche Technoplatten rausbringen. Ich nervte sie und nervte sie und diese alten Männer in Anzügen hatten keinen Plan, wovon zum Teufel ich sprach und irgendwann sagten sie, „Na ja, wenn du so viel darüber weißt, dann mach es halt!“ und das tat ich.

Was waren deine Ziele?
Ich hatte vor, Musik zu präsentieren, die eher Richtung Afterparty und deepe, trippy Sachen ging. Ich nannte diesen Sound am Anfang Hypnotrance, aber es wurde dann immer öfter als Trance bezeichnet. Ich merkte, dass viele meiner Freunde und ehemaligen Discopartyleute sich generell für das Konzept von Techno interessierten, aber nicht so ganz auf den Sound klarkamen. Sie suchten nach einem Hook, einer Melodie, irgendetwas, das ihnen vertraut war.








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