von tomokazu kosuga
illustrationen von ami kaneko
aus dem japanischen von lena oishi
Wenn es jemals Zweifel daran gegeben haben sollte, liegt die kulturelle Überlegenheit Japans gegenüber Amerika spätestens seit 1994 klar auf der Hand. Gegen unsere Sanitäranlagen sieht es bei euch so aus, als würdet ihr immer noch in Höhlenlöcher scheißen, die Haare unserer Rockabillys stehen im Durchschnitt vier bis fünf Zentimeter weiter in die Höhe als die von euern, und unsere Rezession tritt eure Rezession (auf der Messlatte der Rezessionen) ordentlich in den Arsch. Sogar unsere religiösen Spinner lassen eure Dumpfbacken weit hinter sich. Was heißt das schon, dass sich hundert texanische Kinderschänder mit ein paar Knarren und Kinderbräuten in einer Dorfkirche verbarrikadiert haben? Bei uns hat sich der Aum Shinrikyo-Kult inzwischen am Fuße des Fuji verschanzt, von wo aus seine Anhänger nicht nur das Ende der Welt vorhersagen, sondern rund um die Uhr aktiv darauf hinarbeiten, dass es Wirklichkeit wird. Und das nicht auf irgendeine Manson-Family-mäßige Weise, nach dem Motto „Lasst uns ein paar Filmstars umbringen und schauen, ob das einen Rassenkrieg auslöst.“ Wir reden hier von Atombomben, Nervengas, Tesla-artigen Lasern zum Auslösen von Erdbeben und sinkenden Kontinentenin anderen Worten: dem vollen Programm. Was diese Hengste der Durchgeknalltheit vom Rest der Herde unterscheidet, ist, dass sie damit vielleicht sogar Ernst machen.
œmu fing wie die meisten Dinge hier mit einem Haufen verklemmter Nerds an, die unter Sexmangel litten. Wenn ihr zufällig in den frühen 80ern große Leser paranormaler Fanzines wart, seid ihr dort vielleicht über eine Anzeige gestolpert, in der ein hemdloser, schwebender Depp namens Chizuo Matsumoto für seine „œmu Vereinigung von Bergzauberern“ warb. Chizuos Zauberlehre bestand im wesentlichen daraus, Yoga zu üben und dubiose Gesundheitswässerchen zu sich zu nehmen, und er versprach seinen Anhängern die Macht zu fliegen und Gedanken zu lesen, Röntgensicht, „Reisen in die Vierte Dimension“ und die Gelegenheit, mit Gott zu plauschen. Anscheinend forderte Gott Chizuo bei einer dieser Plaudereien dann auf, eine Armee für die Apokalypse aufzustellen, worauf Chizuo antwortete, „Geht klar.“
Irgendwann um 1987 oder 88 herum änderte Chizuo Matsumoto seinen Namen zu Shoko Asahara und benannte die Bergzauberer in Aum Shinrikyo um. Er begann aus Versatzstücken des Buddhismus, Hinduismus, des christlichen Buchs der Offenbarung undganz ohne Scheißden Werken von Isaak Asimov eine Religion zusammenzuschustern. Laut einem der über hundert Bücher, Pamphlete und Manga (diese japanischen Comics für Erwachsenez.B. Akira), die er und seine Anhänger im Laufe der letzten fünf Jahre herausgebracht haben, glaubt Shoko, dass Japan in zwei Jahren komplett im Meer versunken sein wird und China und der Westen sich bis 1999 mit Atomwaffen zu Brei gebombt haben werden, so dass es dann aum Shinrikyo obliegen wird, den Laden zu übernehmen. Obwohl von Zeitungsreportagen bestätigt wurde, dass man Aum direkten Zugang zu seinen Konten gewähren und eine Tasse vom Blut des Meisters trinken muss, um Mitglied zu werden, und obwohl der Meister für den Rest der Welt wie ein geistesgestörtes Mitglied der Flower Travellin’ Band klingt und aussieht, und trotz der Tatsache, dass ein Kumpel von uns, der einmal aus Versehen bei einer Einführungsveranstaltung von ihnen gelandet war, uns erzählt hat, dass sie versucht haben, ihm ein Stück von Shokos Bart zu verkaufen, ist die Gruppe im Kommen.
Seit 1993 wird ihre Mitgliederzahl in Japan auf über 8000 geschätzt. Das mag im Vergleich mit anderen ostasiatischen Kulten wie den „Moonies“ der Vereinigungskirche oder sogar unseren eigenen durchgeknallten Buddhisten, den Soka Gakkai, nicht nach besonders viel klingen, aber angeblich gehört ihnen ein Beraterstab aus Japans besten und klügsten Forschern und Wissenschaftlern an. Wie hat es ein Yogalehrer mit Highschool-Abschluss, der praktisch als ein besserer Verkäufer von Schlangenöl angefangen hat, geschafft, Leute wie den „Wissenschaftsminister“ der Aum Shinrikyo, Hideo Murai, einen Astrophysiker mit einem IQ, der 20 Punkte über dem Einsteins liegt, zu überzeugen, ihre Jobs bei den größten Industrie-giganten des Landes aufzugeben und ihm zu folgen? Ganz einfach, er hat ihnen versprochen, dass sie endlich mit jemand ins Bett dürfen. Nein, kleiner Scherz, er hat ihnen versprochen, dass er ihnen zu hellseherischen Fähigkeiten verhelfen würde.
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