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DOS & DON'TS
Magazin
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![]() VON LINDSAY COLEMAN, ILLUSTRATIONEN: LAURA PARK
Ihre Freundin Stef hat eine ähnliche Geschichte. Sie hat das Reservat verlassen und wurde, als sie zehn war, zur Prostitution gezwungen und ist seitdem in Saskatoon. „Das erste Mal, dass ich es gemacht habe“, erzählte mir Chantelle, „nahm mich ein Typ mit um die Ecke und zwang mich ihm einen Blowjob zu geben.“ „Und das war, als du neun warst“, hakte ich noch mal nach. „Ja, Kinderprostitution ist ein Riesending hier. Ich sehe hier kleine Kinder und ich gebe ihnen paar hinter die Ohren. Ich sage ihnen, dass sie sich von der Straße scheren sollen. Aber was soll man machen? Viele von ihnen werden von ihren Familien dazu gezwungen, damit sie etwas mehr Geld haben.“ „’99 kostete ein Blowjob 60 Dollar, Sex 80 Dollar und Halb-und-Halb 100“, sagte Stef. Fast ein Jahrzehnt später sind die Preise am Boden. „Jetzt liegen die Preise eher um 20 oder 10 Dollar, weil die Konkurrenz so groß ist. Jetzt ist es sehr viel schwerer als früher, seinen Lebensunterhalt zu verdienen.“ Chantelle nickte zustimmend. Die Gegend hat einen Zustrom von Sexarbeitern erlebt, die oft niedrigere Preise anbieten, um die Kundschaft von der Konkurrenz wegzulocken. „Die meisten unserer Freier sind Leute, die wir kennen, oder irgendwie über jemanden kennen“, erklärt Stef, „aber die, die wir nicht kennen, die hier anhalten, um ein bisschen Spaß zu haben, die rauben wir aus.“ Stef und Chantelle beschlossen, dass es Zeit war, etwas trinken zu gehen. Wir bogen in eine Seitenstraße und gingen zu einer nahe gelegenen Bar. Es war so stürmisch, dass die Ampeln sich im Wind hin und her bogen. Fast jedes Haus auf der Straße sah aus wie eine kleine, zerfallene Scheune. Eine Reihe absackender Veranden, durchlöcherter Dächer und kaputter Schilder folgte auf die nächste. Viele der Häuser waren mit Brettern vernagelt. Stef und Chantelle haben kein eigenes Zuhause. Sie bezahlen Leuten Geld, damit sie sie eine Weile auf ihrer Couch oder in einem freien Zimmer schlafen lassen. Einige Teile von Saskatoon sind sehr wohlhabend und das Wirtschaftswachstum hat die Grundstückspreise gen Himmel getrieben. Die Mietpreisbindung wurde abgeschafft. Nun sind sogar die letzten Drecklöcher für viele der Anwohner schlichtweg unerschwinglich. Arme aus der Arbeiterschicht wohnen in ihren Autos oder in Motels wie dem Barry hier um die Ecke, wo man die Zimmer auf Wochenbasis mieten kann. (Dort hing ein weißer Zettel im Fenster, auf dem „Geschlossen“ stand und als ich ein paar Tage später wiederkam, fand ich heraus, dass es abgerissen werden sollte. Als ich einen Blick in das Motel warf, fand ich Zimmer voller benutzter Spritzen und blutbeschmierter Wände.) Neben der Bar gab es einen Parkplatz und direkt dahinter einen weiteren. Außen war sie von einem gruseligen blauen Licht erleuchtet, aber innen waren die Räume sauber und mit Teppichboden ausgelegt. Im hinteren Teil der Bar gab es einen Raum für private Feiern und Bankette, der mit einem Vorhang vom Hauptteil abgetrennt war, und eine Reihe von Video-Lotterie-Maschinen, die schrille elektronische Krach- und Quietschgeräusche von sich gaben. Eine große Gruppe amerikanischer Frauen in schwarzen Sweatshirts saß um einen großen Tisch. Sie waren um die 30 und starrten uns an, als hätten sie große Lust, uns ordentlich die Fresse zu polieren, aber keiner sagte etwas. Ein Typ saß alleine da und trug eine Sonnenbrille und einen schwarzen Cowboyhut. Drei Wodkadrinks kosteten uns 14 Dollar. Ich fragte die Mädchen nach den örtlichen Gangs, wie dem Terror Squad, dem Native Syndicate und der Indian Posse. Alle waren bekannt dafür, in der hiesigen Nachbarschaft eine wichtige Rolle zu spielen. „Ich hab keine Ahnung, wovon du redest“, sagte Stef und schüttelte den Kopf. „Ich weiß nichts von irgendwelchen Gangs. Diese Namen haben wir noch nie gehört, stimmts?“ Sie warf Chantelle einen Hilfe suchenden Blick zu. „Nee“, pflichtete ihr Chantelle bei. Es gibt wohl kaum einen besseren Beweis für die eiserne Hand, mit der die Gangs die örtliche Gemeinschaft im Griff haben, als die Tat-sache, dass die Anwohner sich weigern, auch nur über sie zu sprechen. Der Drogen- und Sexhandel ist dennoch zum größten Teil über die Netzwerke der Gangs organisiert. „OK, hör zu, ich kann dir keine Namen nennen, aber ich kann dir sagen, dass es in der Gegend hier Gangs gibt“, gestand Chantelle schließlich ein. „Ich wurde vor ein paar Jahren von einer rivalisierenden Gang der Gang meines damaligen Freundes festgehalten“, sagte sie. „Sie hielten mich fünf Tage lang als Geisel fest. Die meiste Zeit davon gefesselt. Sie haben mir den Arm gebrochen, und meine ...“, sie verstummte. „Ich wollte nur noch sterben.“ Sie brachten sie schließlich zu ihrem Exfreund zurück. Während ihrer Gefangenschaft meldete sie keiner al vermisst und die Polizei unternahm folglich auch nichts. Derartige Vorfälle sind extrem häufig, und da sie normalerweise nicht gemeldet werden, ist es unmöglich, genaue Statistiken davon zu erhalten. „Wir wissen, wer die meisten der wichtigen Akteure sind. Wir behalten diese Leute im Auge“, erzählte mir Lorne Constantinoff, der Polizeikommissar von Saskatoon. „Das einzige Problem ist, sich zu überlegen, wie man sie erwischt.“ Die Gewalt in dem Viertel ist aber nicht auf eine einzige Quelle zurückzuführen. Die Gangs mögen den Großteil der Straftaten verüben, aber Schießereien und Messerstechereien sind auch unter Nicht-Gangmitgliedern an der Tagesordnung. Stef und Chantelle erzählten mir, dass immer mehr Prostituierte bei Überfällen benutzte Spritzen als Waffen verwenden. „Prostituierte, die auf Entzug sind, machen das oft“, sagte Stef. „Sie bedrohen sie mit benutzten Spritzen, da das einfacher und schneller ist.“ Obwohl weder Stef noch Chantelle bisher positiv auf HIV getestet wurden, haben beide Hepatitis C. Laut der Einschätzung des stellvertretenden Vorsitzenden der örtlichen Gesundheitsbehörde, Dr. John Mark Opondo, sind fast zwei Drittel der Neuinfektionen mit HIV in Saskatoon auf benutzte Spritzen zurückzuführen. „In den letzten Jahren haben wir einen raschen Anstieg bei HIV-Neuinfektionen beobachtet, besonders in den Risikogruppen der Sexarbeiter“, sagte Opondo. Die Leute spritzen sich alles, von Kokain bis hin zu Ritalin. In einem Versuch, die Verbreitung von HIV einzudämmen, hat das Gesundheitsministerium Programme wie die kostenlose Verteilung von Spritzen geschaffen. „Wir haben einen Kleinbus, der verschiedene Orte in der Nachbarschaft anfährt, und wir haben drei oder vier feste Stellen, wo Spritzen ausgetauscht werden können“, sagte Opondo. Das Gesundheitsministerium hat auch besondere Behälter für das Sammeln und die sichere Entsorgung kontaminierter Nadeln aufgestellt. „Wir beobachten gerade einen Anstieg im intravenösen Drogenkonsum. Besonders Crystal Meth wird immer beliebter, ebenso wie der intravenöse Konsum von Crack“, sagte Constantinoff. Die Tatsache, dass Saskatoon sich im totalen Niemandsland in der Mitte Kanadas befindet, bedeutet, dass es seinen Drogenbedarf ausschließlich aus dem Drogentransit durchs Land decken muss, so dass Razzien und Verhaftungen in anderen Landesteilen den regelmäßigen Zugang zu Drogen hier erschweren können. Und da Saskatoon dem Rest der Welt in Sachen Popkultur ungefähr 15 Jahre hinterher hinkt, ist die Rave-Szene hier gerade jetzt erst angekommen. Drogen wie Special-K sind momentan extrem gefragt, aber als kürzlich ein Dealer in British Columbia hochgenommen wurde, führte das zu einem kompletten Versorgungsstopp in ganz Saskatoon. Heute ist es fast unmöglich hier an K zu kommen, und wenn es einem doch gelingt, kostet es mehr als Kokain. Stef erzählte mir, dass es eine kleine, unabhängige Gruppe gibt, über die es manchmal aus Ontario eingeschmuggelt wird. Was sich vermutlich lohnt, denn die Leute blättern hier für K ein echtes Vermögen hin und den Dealern winken riesige Profite. Wenn die Nachfrage größer ist als das Angebot, prostituieren Stef und Chantelle sich für Drogen statt für Geld. „Kokain und Schmerzmittel sind die Drogen unserer Wahl. Aber ich finde Kokain am besten“, sagte Stef. Die Bar füllte sich langsames war Karaoke-Abend. Auf einem großen Bildschirm liefen Videos. Stef kam von ihrem dritten Klo-Abstecher zurück und schien plötzlich wesentlich besser drauf zu sein. Sie lächelte mehr und schwitzte weniger. Die Mädchen redeten über ihre Pläne für den Rest des Abends. Chantelle zappelte auf ihrem Stuhl hin und her. Sie wirkte sehr unruhig. Stef hatte mehr von ihrem Koks aufgebraucht, als sie ausgemacht hatten. Um ihre Einnahmen aus der Prostitution aufzubessern, verkaufen sie beide, was sie an Drogen gerade übrig haben, aber inzwischen hatte Stef den Großteil davon selbst aufgebraucht. Wir gingen nach draußen, um zu rauchen. Stef machte den Reißverschluss ihrer Hose auf und zog sie ein Stück nach unten. Sie griff sich in den Slip und begann, sich in der Schamgegend zu kratzen. „Oh, Zeit mich mal wieder zu rasieren“, sagte sie. Sie kratzte weiter angestrengt an sich herum, während zehn andere Raucher ihr dabei zusahen. Als wir wieder nach drinnen gingen, verschwand sie sofort wieder aufs Klo. Chantelle und ich saßen am Tisch und tranken den Rest Drinks. „Ich war an der Uni, musst du wissen“, erzählte sie mir. „Ich war in Maschinenbau eingeschrieben, habe dann aber vor allem als Drogenberaterin gearbeitet. Ich bin durch Schulen gezogen und habe Vorträge darüber gehalten, wie ich Drogen genommen habe und warum ich damit aufgehört habe. Ich war vier Jahre lang clean.“ Sie stocherte in dem Eis in ihrem Glas herum, während sie mir von ihren drei Kindern erzählte, die alle drei bei Pflegeeltern leben. „Ich denke, wo sie jetzt sind, geht es ihnen besser“, sagte sie. „Ich kann mich nicht um sie kümmern, wenn ich so drauf bin wie jetzt. Ich kann keine Sachen mit ihnen unternehmen, wenn ich high bin. Sie würden mit mir in den Park gehen wollen und ich würde nicht mit ihnen hingehen, weil ich bloß Drogen nehmen wollen würde. Ich würde auch nicht genug verdienen. Das Amt hat nur 475 Dollar von meiner monatlichen Miete von 1.300 Dollar übernommen. Für eine vierköpfige Familie! Das ist einfach nicht genug. Man ist gezwungen, auf anderem Wege an Geld zu kommen. Ich möchte meine Kinder wiederhaben und wieder arbeiten. Aber ich habe kein Zuhause, gar nichts und niemanden, auf den ich mich stützen kann.“ Als die Mädchen soweit waren, loszugehen, nahm ich sie noch ein Stück mit zu einer kleinen Einkaufsmeile. Chantelle und Stef umarmten mich und hüpften aus dem Taxi, als hätte ich sie gerade ins Kino gebracht. Was sie aber wirklich hier machten, war für 20 Dollar Blowjobs zu verkaufen und vielleicht ein paar Typen zu beklauen, um sich genug Geld für ein paar Drogen zu beschaffen. Und das war wahrscheinlich noch eine gute Nacht, hier in Riversdale, Saskatoon, der flachsten Stadt Kanadas.
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