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DOS & DON'TS
Magazin
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VON CONOR CREIGHTON FOTOS: STEVE RYAN
![]() Während wir an Bord waren, befolgte die Besatzung den Ramadan. Sie hatten überall Wecker angebracht, um fünfmal am Tag zu beten, jeder für sich. Sechs Ägypter mit je fünf Weckrufen, dazu noch die Sirene des Kapitäns, um zu signalisieren, wenn die Netze eingeholt werden mussten. Gegen acht Uhr abends bereiteten wir den Fisch zu, den wir wegen der Quotenregelungen nicht verkaufen durften. Haifisch, Krebse, Schellfisch, Seezunge, Dorsch, gegrillt oder gekocht und auf Tellern aus Zeitungspapier serviert. Anschließend kifften wir uns zu und hörten ägyptische Tanzmusik in einer Küche, die so klein war, dass man beide Wände gleichzeitig berühren konnte. Dies war die einzige Mahlzeit, die die Ägypter zu sich nahmen. Den Rest des Tages kauten sie auf Zigarettenstummeln. Die meisten Fischerboote in Irland haben eine ausländische Besatzung. Die Iren selbst möchten für so eine miese Bezahlung nicht so hart arbeiten. Die Matrosen kommen von den Philippinen, aus Ägypten oder Russland. Die meisten Skipper bevorzugen Russen, denn die sind hart genug, um sich einen Finger abzureißen, ihn mit einem Stück Fischernetz wieder zu befestigen und weiter zu arbeiten. Die Ägypter sind etwas weicher. Einmal musste ein Crewmitglied ausgeflogen werden, weil eine Seilwinde ihm ein Ohr abriss und er ohnmächtig wurde. „Wer von Bord möchte, sollte sich schon etwas Besseres einfallen lassen, als nur umzukippen“, sagt Adrian. „Der Typ hat nur geschauspielert, weil er nach Hause wollteder Hubschraubereinsatz hat mich 1.500 Euro gekostet.“ Er überlegt einen Moment. „Manchmal kann es schon gefährlich sein, ja. Leute verlieren schon mal einen Arm oder so. Ich habe von einem Typen gehört, der sich in einem Netz verfangen hat und in zwei Teile gerissen wurde. Das kommt vor.“ Nach ein paar Tagen auf See findet man seinen Rhythmus. Man bewegt sich mit dem Seegang, damit man sich nicht an jeder Türschwelle den Kopf anhaut. Wenn man für ein paar Sekunden die Hände freihat, dreht man sich ein paar Zigaretten vor. Und wenn es so aussieht, als ob man mehr als eine halbe Stunde Zeit für sich hat, verzieht man sich in die Kajüte und versucht zu schlafen. ![]() Glaubt man dem britischen Geheimdienst, dann ist Schlafentzug die effektivste aller Foltermethoden. Halte jemanden lange genug wach, bis er sich die Haut aufgekratzt und die Fingernägel abgekaut hat, und er wird dir alles Mögliche erzählen. Vielleicht ist das der Grund, wieso Adrian den ganzen Tag am Steuerrad sitzt undabgesehen von gelegentlichen Ausflügen in die Küche, um Kaffee oder Sandwiches zu machennur Scheiße redet. Es gibt nichts, womit er sich beschäftigen könnte, außer dem Meer und seinem scheiß Fernseher, in den er manchmal, wenn Land in der Nähe ist, ein paar Kanäle reinbekommt. So sitzt er mit chronisch geröteten Augen da und kurbelt am Steuerrad, mit dem gleichen T-Shirt, das er seit Beginn der Fahrt trägt. Die Skipper der einzelnen Kutter unterhalten sich über CB-Funk. Dabei sprechen sie, als wären sie gerade aus einem jahrelangen Koma erwacht. „Drei der Typen, mit denen ich gerade gefunkt habe, wollen demnächst aufgeben“, erzählt Adrian. „So wie die Quotenregelungen jetzt sind, wird es fast unmöglich, mit dem Fischen Geld zu verdienen. Es ist echt deprimierend. Aber ich bin hart im Nehmen. Ich wollte sowieso nach Alaska, Königskrabben fischen. Ich habe von einem Typen gehört, der hat da in einem Sommer genug verdient, um ein Haus zu kaufen. Das klingt nach richtig Kohle.“ Er hält inne, um auf dem Handy ein paar Wetten zu überprüfen. „Ich hab Geld auf ein paar Pferde gesetzt.“ Adrian hat alle Pornomagazine auf dem Boot bei sich gehortet. Recht harmlose Sachen, englische Studentinnen und ein paar Pin-ups, aber den Ägyptern ist es immer ein wenig peinlich, wenn sie die Hefte sehen. Sie haben natürlich auch ein paar Fotos auf ihren Handys, holen sich aber meistens auf Porträts ihrer Freundinnen einen runter, dazu brauchen sie Adrians Magazine nicht. „Manche Leute sind einen Monat lang auf See“, sagt er. „Klar, dass man da ein bisschen durchdreht. Dann kommen sie an Land, gehen ein paar Pints saufen und drehen noch mehr durch.“ Adrian ist nicht durchgedreht, aber wenn es so weitergeht, wird auch er in ein paar Jahren anfangen, mit den Möwen zu sprechen. Auf See sind sie deine ständigen Begleiter. Sie haben ein sehr bequemes Leben. Aus irgendeinem Grund scheinen sie immer zu wissen, welches Schiff gerade den dicksten Fang macht und wo sie eine kostenlose Mahlzeit abgreifen können. Das gleiche gilt für Delfine und Schweinswale. Sie hängen sich an unser Schiff wie hungrige Kinder an einen Eiswagen. Auf Booten herrscht Aberglaube. Man sollte es nie grün streichen, weil das die Farbe des Landes ist, und auf See nie das Wort „Schwein“ sagen, weil Schweine nicht schwimmen könnenwenn sie es versuchen, schlitzen sie sich mit ihren Hufen die Kehle auf. Aber Moment: Das Deck der Argo K ist komplett grün gestrichen, ebenso das Dach der Kombüse. Und Adrian bezeichnet seine Sandwiches als „Schweineröllchen“. Ist es also nur eine Frage der Zeit, bis dieser Kutter untergeht, oder zählen die alten Seefahrerlegenden heute nichts mehr? Der wichtigste Zeitpunkt einer Seefahrt ist das Bergfest, ab dann kann man nämlich über all die Dinge sprechen, auf die man sich an Land freut, ohne dass es sich wie Folter anfühlt. Der Großteil der Zeit ist um und man kann langsam an die vielen Frauen denken, denen man in ein paar Tagen begegnen wird. Adrian freut sich aber mehr auf den Alkohol. Wenn er auf seinem kleinen Fernseher eine Bierwerbung sieht, springt er auf und versucht die Flasche zu greifen. Es ist ein einzigartiges Gefühl, wenn man am Ende eines solchen Trips in einem Hafen anlegt. Man steht unter Schock und riecht, als hätte man sich eine Woche zwischen ein paar Leichen herumgewälzt. Es dauert eine Weile, bis man sich an den festen Boden gewöhnt hat und nach zwei Pints ist es damit schon wieder vorbei. Die Ägypter trinken nicht, sie fahren direkt nach Hause, schlafen zwei Tage und Nächte und bitten dann ihre irischen Gespielinnen um ein wenig Zärtlichkeit. Steve, der Fotograf, und ich fahren zurück nach Dublin, um uns zu besaufen. Wir trinken alles, was wir finden können. Als der Wein alle ist, versuchen wir es mit altem Essig und Putzmittel. Bei einer Bar wollen sie uns nicht reinlassen, also pissen wir vor der Tür alles voll. Wir Fragen die behaarten Mädels an der Tankstelle, wann sie Feierabend haben. Wir hätten auch eine Obdachlose mit nach Hause genommen. Wir springen auf einen Müllwagen auf, bis die Müllmänner uns wieder runterzerren. So machen wir weiter bis zum nächsten Morgen, dann kollabieren wir und stehen zwei Tage nicht mehr auf. Da ist Adrian schon längst wieder in Donegal. Für die Fahrt braucht er zweieinhalb Stunden, dafür fährt er durchgehend doppelt so schnell wie erlaubt. Zu Hause angekommen, begrüßt er seine Mutter, zieht sich ein frisches Shirt an und macht sich wieder auf den Weg, um ein paar Polizeiwagen zu rammen und von der hohen See zu träumen. GARNELEN AHOI! | 1 | 2 | | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||