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DOS & DON'TS
Magazin
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![]() INTERVIEW: KYLIE GRIFFITHS, ILLUSTRATIONS: LAURA PARK
Sophie wurde angegriffen, nachdem ihr Freund, Robert Maltby, Opfer einer ähnlich brutalen Behandlung geworden war. Sie wollte ihm helfen und man ging auf sie los, während er bewusstlos neben ihr lag. Robert lag anschließend mehrere Wochen im Koma. Als er aufwachte, erfuhr er, dass seine Freundin im Krankenhaus ihren furchtbaren Verletzungen erlegen war. Von einem einzigen Interview im BBC abgesehen, hat Robert sich zu der Sache nicht geäußert. Die wie immer extrem unsensible und dümmliche britische Presse betitelte den Mord an seiner Freundin auf stark vereinfachende Weise als „Grufti-Mord.“ Ein paar Wochen bot die Geschichte der Boulevardpresse ein gefundenes Fressen, dann wendete sie ihre Aufmerksamkeit anderen Dingen zu. Brendan Harris und Ryan Herbert, die zwei Anführer der Gruppe, die Sophie und Robert angegriffen hat, wurden als jüngste Personen in der britischen Kriminalgeschichte zu lebenslanger Haft verurteilt. Das Gericht beschrieb ihr Vorgehen als „verrohtes Schlägertum“. Drei andere Jugendliche, alle zwischen 16 und 17, bekamen lange Haftstrafen. Robert, ihr überlebendes Opfer, hat sich geweigert, mit der regulären Presse zu sprechen, aber er hat eingewilligt, seine Gedanken über diese Sache mit Vice zu teilenwas, wie wir hoffen, daran liegt, dass er weiß, dass wir einmal Kids wie er waren und sofort freudig auf einen Knopf drücken würden, der seine Angreifer zu Asche verwandelt, falls es einen solchen Knopf gäbe. Vice: Hattest du als Goth schon vor den Attacken Ärger? Robert Maltby: Ich war an der ganzen Goth-Sache mehr interessiert, als ich 15 war und schwarzen Lippenstift benutzte. Damals hatte ich viel Zoff, aber ich bin damit besser klargekommen, weil ich ein fetter Grufti war und fand, es gab einen Grund. Als Sophie und ich angegriffen wurden, waren wir nicht mal so goth-mäßig angezogen. Was hattest du denn an? Jeans und eine grüne Kapuzenjacke. Sophie sah auch nicht so extrem aus. Na ja, sie hatte ziemlich viele Piercings: über 20 in den Ohren, ein paar im Gesicht, den Brustwarzen, dem Bauchnabel und so weiter. Hmm... ich hatte zugegebenermaßen ein bisschen mehr schwarzen Eyeliner und Samtumhänge erwartet. Ist eure Heimatstadt denn besonders gewalttätig? Na ja, es gab in dem Sommer schon mehrere solcher Zwischenfälle. Ein Typ in Warrington sah aus dem Fenster, wie ein paar Kids auf sein Auto eintraten, also ging er raus, um sie davon abzuhalten und wurde zu Tode geprügelt. Das ist an dem Tag vor dem Angriff auf uns passiert. An was von dem Angriff auf dich und Sophie kannst du dich noch erinnern? Ich kann mich erinnern, dass wir zur Tankstelle gingen, um ein Päckchen Zigaretten zu holen. Auf der Straße trafen wir ein paar Leute, die OK zu sein schienen, also fingen wir an, uns mit ihnen zu unterhalten. Sie luden uns ein, mit in den Park zu kommen, aber als wir da ankamen, sagte ich mir: „Oh Gott, diese Typen gefallen mir überhaupt nicht.“ Ich wollte einfach nur weg von dort. Dann erinnere ich mich, wie mir jemand von hinten auf den Kopf schlug und Sophie mir etwas zurief. Ab dem Punkt kann ich mich an nichts mehr erinnern. Mein Gedächtnis setzt ab dem Moment wieder ein, als ich aus dem Koma aufgewacht bin. Es heißt, dass Sophie meinen Kopf hielt und ihr dann jemand in den Rücken trat und danach ins Gesicht. Es ist einfach krank. Was hast du gefühlt, als du im Krankenhaus aufgewacht bist? Ich bin die Wände hoch gegangen. Ich wollte einfach nur Sophie wiedersehen. Ich war nicht dabei, als sie starb, und das ist eine der Sachen, die ich mir am meisten vorhalte. Ich wurde an dem Tag, als sie starb, aus dem Krankenhaus entlassen, aber weil ich noch unter den Nachwirkungen einer ziemlich starken Kopfverletzung litt, wurde mir alles erst richtig klar, als ich Sophies Sarg bei der Beerdigung sah. Denkst du, dass ihr wegen eures Klamottenstils angegriffen wurdet? Ich glaube, am Anfang sagte jemand: „Los, die Gruftis schnappen wir uns.“ Denen wäre jede Ausrede gut genug gewesen, um uns zusammenzuschlagen. Wie sieht dein Leben momentan aus? Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie du die Kraft findest, mit all dem fertig zu werden. Ich gehe momentan nicht gern unter Leute und ich habe angefangen, mich alleine zu betrinken. Ich habe eine Unmenge angestauter Wut und ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll. Das Einzige, was mir noch bleibt, ist komplett durchzudrehen. Wenn ich hier in meinem Zimmer aus dem Fenster schaue, kann ich den Park sehen, wo sie meine Freundin ermordeten und versucht haben, mich umzubringen. Siehst du es als ein Hassverbrechen? So hat es das Gericht und die Presse bezeichnet? Ich glaube, sie haben es so genannt, weil es so noch eine politische Dimension bekommt. Am Tag der Urteilsverkündung kamen Goths aus dem ganzen Land dorthin, um ihre Solidarität zu bekunden. Das war einer der Gründe, warum ich nicht an den Verhandlungen teilgenommen habe. Hast du seit dem Angriff deinen Kleidungsstil geändert? Nicht wirklich. Das Einzige, was sich verändert hat, ist, dass ich keine schwarzen Jeans mehr trage. Aber das liegt nur daran, dass ich meine schwarzen Jeans verloren habe. Und wie fühlst du dich jetzt, wo das Verfahren vorbei ist? Ich dachte, dass es mir helfen würde, mit der Sache abzuschließen, aber um ehrlich zu sein, fühle ich mich kein Stück besser. Ja, es wird wohl leider noch eine ganze Weile dauern, bis du mit der Sache abschließen kannst. Vor einer Weile ging das Gerücht um, dass ich mich umgebracht hätte. Es war überall. Sogar in der Lokalzeitung. Sie mussten dann eine Geschichte drucken, dass ich noch lebe. An einem Tag war mir mal langweilig, also habe ich einen Spaziergang über die Berge gemacht. Am Ende lief ich bis zum nächsten Dorf, wo meine Mutter arbeitet und setzte mich bei ihr hin und unterhielt mich ein bisschen mit ihr, bevor ich wieder zurücklief. Am selben Abend rannte eine Frau, die mit meiner Mutter zusammenarbeitet, zu ihr und erzählte ihr, dass ich mich in den paar Stunden, seit wir uns das letzte Mal gesehen hatten, umgebracht hätte. So wie ich es verstanden hatte, hatten sich in dem Tal, wo ich wohne, zu der Zeit ein paar Leute umgebracht. Jemand muss das wohl gehört haben und wusste, dass ich nicht in dem besten Zustand war und hatte dann eins und eins zusammengerechnet. Es war mehr eine Art „stille Post“ als alles andere. Seitdem habe ich keine Gerüchte mehr gehört, aber geben tut es sie bestimmt. Wenn die Leute sich Zeug ausdenken wollen, hindert sie keiner dran. Ich habe momentan sowieso nichts mehr mit irgendjemandem zu tun, also wüsste ich eh nichts davon. Findest du, dass die Strafen, die deine Angreifer bekommen haben, gerecht waren? Ich war wirklich überrascht, als ich hörte, was sie gekriegt haben. Ich hatte nicht gedacht, dass sie auch nur annähernd so hohe Strafen bekommen würden. Ich war sehr glücklich darüber. Ich hatte gedacht, dass die zwei, die sie wegen Mordes rangekriegt hatten, zwölf Jahre kriegen würden und die anderen zwischen drei und fünf. Die Polizei sagte mir, dass man wegen ihres Alters nicht davon ausgegangen sei, dass sie auch nur annähernd so lange Strafen kriegen würden, wie sie es jetzt haben. Sind die Jungs, die das Verbrechen begangen haben, für dich immer noch anonym? Ich habe jetzt Fotos von allen gesehen. Vier von ihnen habe ich nicht erkannt, aber den Fünften glaube ich an dem Abend gesehen zu habenobwohl es auch sein kann, dass ich das durcheinander bringe. Ich sehe sein Gesicht nicht gerne. Es kam raus, dass einer von ihnen an die gleiche Schule ging wie ich. Ich kannte ihn nicht, aber er ist derjenige, auf den ich am wütendsten bin. Ich glaube, dass er es, weil er clever ist, geschafft hat, nicht für den Mord zur Verantwortung gezogen zu werden. Aber für mich ist er genauso schuldig wie alle anderen auch. Wie haben die Familien der Täter reagiert, als sie zu lebenslang verurteilt wurden? Die Reaktion in meiner Stadt war angeblich geteilt. Die ein Hälfte von Bacup findet, dass sie gekriegt haben, was sie verdienen. Aber die andere Hälfte denkt, dass man sie nicht hätte bestrafen sollen, weil sie noch Kinder sind. Ich nehme an, dass die Hälfte, die denkt, dass sie damit hätten durchkommen sollen, nur die Familien der Jungs sind. Das Einzige, was diese Familien bedauern, ist, dass die Jungs erwischt wurden. Wie hast du es geschafft, dich vor der Aufmerksamkeit der Medien zu schützen? Die britische Presse scheint ja bereit zu sein, jeden bis aufs Letzte zu verfolgen, egal wie verletzlich derjenige ist. Ich glaube, weil ich dieses eine BBC-Interview gab und klar gemacht habe, dass ich nicht mit der Presse reden will, haben sie mich dann in Ruhe gelassen. Das meiste, was ich dazu zu sagen habe, ist sowieso zu privat für die Mainstream-Presse. Wirst du immer noch auf der Straße erkannt, oder hat sich das beruhigt? Ich habe Glück gehabt. Ich habe meine Haare wieder schwarz gefärbt und geschnitten, also sehe ich nicht mehr so aus wie damals. Hast du manchmal Angst vor Racheaktionen? Nein, aber ich glaube der einzige Grund, warum sie nicht zu mir zurückgekommen sind, ist, weil ich keinen verpfiffen habe und noch nicht mal bei den Verhandlungen erschienen bin. Die Jungs, die in den Knast gegangen sind, sind Oper ihrer eigenen Blödheit. Ihre Familien leben noch hier, aber ich habe bisher noch keinen Ärger gehabt! Ich gehe mal davon aus, dass sie clever genug sind, zu wissen, dass alles, was sie mir jetzt antun, wieder auf sie zurückfallen würde. Sie hätten keinen auf ihrer Seite. Was passiert jetzt als Nächstes? Ich hab mich für die Uni beworben. Aber ich bin dann doch nicht an die Uni gegangen. Ich habe Agoraphobie bekommen. Im Moment gehe ich zu einem Therapeuten. Ich versuche, soweit ich kann, mit dem Zeichnen und Malen weiterzumachenum mir wenigstens zu beweisen, dass ich es noch kann. Manchmal versuche ich, Sachen von mir in eine Ausstellung zu kriegen, aber eigentlich wurstel ich nur vor mich hin. Ich würde immer noch gerne an die Uni gehen, aber so wie ich mich jetzt fühle, würde ich diesen Teil meines Lebens lieber auslassen und gleich mit dem Arbeiten anfangen. Was hältst du von der Gedenkgruppe, die für Sophie ins Leben gerufen wurde? Na, ich bin voll auf ihrer Seite. Aber ich will selber nichts damit zu tun haben. Ich finde alles gut, was sie tun, ganz ehrlich, aber ich bin zu bitter, um an all das zu glauben. Außerdem möchte ich irgendwann wieder eine Beziehung haben. Und in einem Verein zu sein, der meiner toten Exfreundin gewidmet ist, wäre dieser Person gegenüber sicher nicht fair. Ich habe mit Sophies Mutter gesprochen und alles was ich tun kann, ist, meine Ideen, mein Feedback oder meine Meinung beizutragen.
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