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DOS & DON'TS
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In diesem Dokument finden sich auch die Fälle der 140 Kinder, die im Iran momentan auf die Hinrichtung warten. Wir haben uns mit Mohammed Mustaaf’i und Javad Hosseini, zwei iranischen Jugendstrafverteidigern, die sich ebenfalls in dieser Sache engagieren, über ein paar der Fälle, an denen sie gearbeitet haben, unterhalten, und darüber, warum der Iran immer noch barbarischen Gesetzen folgt, die vor 1.400 Jahren eingeführt wurden.
Javad Hosseini: Es ist klar ersichtlich, dass die Regierung über die Verurteilung von Atefeh zahllose Falschheiten verbreitet hat und dass sie nicht hätte hingerichtet werden dürfen. Atefeh hatte eine sehr schwierige Kindheit. Ihre Mutter starb, als sie noch sehr klein war, bei einem Autounfall und ihr Vater wurde drogenabhängig. Sie wurde der Obhut der damit völlig überforderter Großeltern überlassen, die sie mehr oder weniger sich selbst überließen. Atefeh führte also praktisch ein Leben auf der Straße. Es war nicht die Art Leben, das ein junges Mädchen führen müssen sollte. Sie kam ins Gefängnis, weil sie Sex mit diesem verheirateten Mann, diesem Taxifahrer, gehabt hatte. Er war über 50 und hatte eine Tochter. Vor Gericht sagte Atefeh aus, dass sie vergewaltigt worden war. Trotzdem wurde sie weniger als eine Woche, nachdem sie angeklagt worden war, zum Tode verurteilt. Ihr Fall wurde viel zu schnell geschlossen, um die Beweislage wirklich angemessen sichten zu können. Und in Anbetracht der Gerüchte, dass der Richter Atefeh während ihrer Inhaftierung vergewaltigt haben könnte, glauben viele, dass die Schande und die Angst davor, dass die Wahrheit ans Licht kommen könnte, ihn veranlasste, sich für ihre sofortige Tötung einzusetzen. Mohammed Mustaaf’i: Laut islamischem Recht folgt, wenn ein verheirateter Mann oder eine verheiratete Frau außerehelichen Sex haben, die Todesstrafe. Dieser Fall ist kompliziert, aber die rechtliche Lage ist relativ eindeutig. Sollte nicht eher der Mann, der Atefeh vergewaltigt hat, am Seil baumeln? Hosseini: Er bekam 95 Peitschenhiebe. Was das Ganze noch schlimmer macht, ist, dass der Ausdruck „sexuelle Beziehung“ verwendet wurde, obwohl es sich in Wirklichkeit um eine Vergewaltigung handelte, und dass man ihr vor Gericht ein falsches Alter gab, nämlich 22, obwohl sie eigentlich erst 16 war. Mustaaf’i: Amnesty International hat die iranische Regierung darauf hingewiesen, dass keiner unter 18 zu Tode verurteilt werden dürfe, aber der Iran fühlt sich nicht an internationales Recht gebunden. Jedes Mal, wenn ich einen von diesen jungen Leuten vor Gericht verteidige, weise ich auf diese Sichtweise hin, aber das Argument erweist sich gegenüber dem islamischen Recht immer wieder als wirkungslos. Es ist ein Gesetz, das vor 1.400 Jahren eingeführt wurde. Ab welchem Alter dürfen Kinder im Iran hingerichtet werden? In unserem Land gilt die Regel, dass Mädchen ab einem Alter von neun und Jungs ab einem Alter von 15 Jahren mit dem Tode bestraft werden dürfen. Ab diesem Alter geht man davon aus, dass sie die Pubertät erreicht haben und in den Augen des Gesetzes somit fähig sind, Verbrechen sexueller Natur zu begehen und dementsprechend bestraft zu werden. Aber das gilt nicht nur für sexuelle Vergehen, sondern sie können ab diesem Alter für jegliche kriminelle Aktivitäten bestraft werden. Wer ist dafür zuständig, sich um diese Art sogenannter Verbrecher zu kümmern? Wir haben eine Art Polizei, die wir die Basij nennen. Es sind religiöse Beamte, die das islamische Recht vertreten. Dann gibt es noch die offizielle Polizei, die als 110 bezeichnet wird. Beide dieser Organisationen arbeiten unter dem Einfluss des Gerichts und des Obersten Gerichtshofs, aber die Basij nehmen das Recht immer wieder in die eigenen Hände und wenden eigene Regeln der Bestrafung an. Die Basij und die 110 behindern sich oft gegenseitig bei der Erledigung ihrer Pflichten und das ist etwas, über das wir, als Nation, sehr frustriert sind. Hosseini: Die 110 ist auch im Iran die Notrufnummer der Polizei und daher kommt auch ihr Name. Sie sind absolut nutzlos. Einmal wurde jemand in unserer Nachbarschaft ausgeraubt und sie brauchten eine Dreiviertelstunde, um am Tatort zu erscheinen. Als sie schließlich da waren, hatten sie keine Handschellen dabei. Sie fassten den Dieb und banden ihm die Hände mit einem Kabel zusammen. Nicht gerade Hightech. In der 110 gibt es auch eine Menge Korruption. Sie schlagen Studenten und junge Leute grundlos zusammen und sind bekannt für ihre Bestechlichkeit. Wenn du in der Verwandtschaft einen Anwalt hastoder irgendeine Verbindung zur Polizeibrauchst du nur deinen Namen zu nennen und sie lassen dich in Ruhe. Du kannst das Gesetz auf deiner Seite haben, wenn du Verbindungen oder Geld hastwas 90 Prozent der Iraner ziemlich dumm dastehen lässt. Und die Basij sind noch eine Nummer schlimmer. Es gibt diesen alten Witz, der folgendermaßen geht: Ein Mathelehrer fragt in der Schule einen Basij: „Was versteht man unter Parallelen?“ Worauf der antwortet: „Parallelen sind Linien, die sich nie überschneidenes sei denn, ein Oberster Rechtsgelehrter sagt, dass sie sich überschneiden müssen.“ Vielleicht macht das übersetzt keinen Sinn, aber es bringt deren Einstellung einfach perfekt auf den Punkt. In ihrer Sichtweise können sich sogar Parallelen kreuzen, wenn es ein Rechtsgelehrter so will. Ja, so ein richtiger Schenkelklopfer war es nicht, aber ich verstehe, was du damit sagen willst. Das ist wirklich deprimierend. Das ist es. Ich war vor Kurzem in Deutschland und habe viel über das Naziregime gelesen. Ich muss zugeben, dass ich da viele Ähnlichkeiten sehe. Hier gibt es nur 90.000 uniformierte Basij. Der Rest von ihnen sind die sogenannten Lebas Shakhsi, also „die ohne Uniform“. Sie kommen normalerweise aus armen Familien. Sie fungieren als eine Art Gestapo oder SS. Während des kürzlichen Studentenaufstands hier taten die 110 nichts, aber die Lebas Shakhsi schlugen alle zusammen, die sie zu fassen kriegten. Weil sie aber nicht offiziell zuzuordnen sind, kann keiner mit dem Finger auf jemanden zeigen. Und sie durchziehen alle Bevölkerungsschichten. Als ich an einem Abend mit meinen Cousins in Isfahan einen Kaffee trinken war, kamen ein paar uniformierte Basij und schnappten einen von ihnen und warfen ihn hinten in ihren Kleinbus, brachten ihn ins Gefängnis und schlugen ihn. Das war, weil er lange Haare hatteer war ein großer Metallica-Fan. Fahren sie also einfach auf den Straßen rum und halten nach Metalfans Ausschau, oder haben sie auch Informanten? Beides. Die Basij und die Geistlichen, unter deren Befehlsgewalt sie stehen, arbeiten unter dem jeweiligen Abgesandten des Obersten Rechtsgelehrten in ihrer Stadt. Ihre eigentliche Aufgabe besteht darin, jegliche Form einer Protestbewegung zu unterbindenbesonders unter den Jugendlichen und an den Universitäten. Wenn du ein junger, registrierter Basij bist, kannst du das auf deiner Bewerbung angeben und du wirst automatisch zugelassen, um Gruppen für Redefreiheit, Frauengruppen, usw. im Auge zu behalten. Ich frage mich, was sie wohl von den promiskuitiven Aktivitäten westlicher Studenten halten würden. Wenn an einer iranischen Uni jemand mitbekommt, dass ein Junge und ein Mädchen nebeneinandersitzen, kommen sie sofort und verwarnen einen, es nicht noch einmal zu tun. WEITERLESEN DIE FLEIßIGEN GALGEN DES IRAN | 1 | 2 | >
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