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DOS & DON'TS
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MAGIC JEWSVon Manischewitz zu MeskalinTEXT: HAMILTON MORRIS, FOTOS: JESS WILLIAMSON
Als ich das Apartment in der Lower East Side von Manhattan betrat, konnte ich zunächst nicht viel erkennen, weil das Licht ausgeschaltet war. Ich befand mich in einem langen, leeren Raum, dessen Wände mit Sofas zugestellt waren. Überall lagen leere Dosen und Flaschen herum. Das war alles, was um vier Uhr morgens von der Party übrig geblieben war. Eigentlich nichts Ungewöhnliches. Ein chassidischer Jude lag bewusstlos auf dem Rücken, seine Kippa war auf einem Kissen neben seinem Kopf platziert. Das Handy in seiner Wollhose gab unaufhörlich digitalisierte Klezmer-Musik von sich. Er lag aber völlig regungslos da. Ich ging zu ihm hin, um zu sehen, ob er noch am Leben war. Das Handy klingelte noch ein paarmal, bevor er entnervt auf seine Hosentasche schlug und ich erleichtert aufatmen konnte. Aus einem geschlossenen Raum am Ende des Ganges konnte ich gedämpften Gesang hören. Ich stieg über die chassidischen Partyleichen hinweg und betrat diesen Raum. Er war komplett dunkel. Die Luft war warm und es roch nach Körpern. Zehn, vielleicht fünfzehn nackte Juden saßen dort und sangen zusammen in vollkommener Harmonie. Sie hielten kurz inne, um mich zu begrüßen, dann fuhren sie fort. Einen Moment lang sah ich ihnen völlig sprachlos zu, fragte sie dann aber: „Was geht hier ab?“ Eine Stimme in der Dunkelheit machte eine unverständliche Bemerkung über LSD und alle brachen in elektrisierendes Gelächter aus. Dann begann der Gesang von vorn. Ich schaute ihnen einige Minuten zu, bevor ich mich aufraffte und den Raum verließ. Zurück in dem anderen Raum, informierte mich ein Chasside, den ich vorher völlig übersehen hatte, dass die Party vorüber sei. Das Acid sei auch alle und ich solle doch am nächsten Tag noch einmal vorbeischauen. Ich fragte ihn, wann und wie oft diese Partys hier stattfinden würden. Er antwortete: „Ständig.“ Für viele ist Religion eine langwierige Arbeit. Eine Pflicht, die von einer Generation an die nächste weitergegeben wird, und die nur Sachen belohnt, die unangenehm sind. Nur wenige sind schon einmal in den Genuss eines wahren religiösen Erlebnisses gekommen, das Verehrung, Ehrfurcht, Zeit und Glauben rechtfertigt. Ich weiß, dass ich nicht zu diesen wenigen Menschen gehöre. Im jüdischen Mystizismus wird Gott teilweise dadurch definiert, dass er nicht definierbar ist. Er ist unendlich und jenseits menschlicher Erkenntnisdas ewige Fragezeichen. Mein erstes psychedelisches Erlebnis hatte ich mit 16, als ich im Kombi eines Kumpels Salvia geraucht hatte. Ich lag auf dem Boden, krümmte mich vor Lachen und war durchnässt von Tränen, Schnodder und Geifer. Mir war klar, dass etwas Bedeutendes passiert war, etwas, das definitiv in die Kategorie „unendlich und jenseits menschlicher Vor-stellungskraft“ passen würde. Aber es als religiöses Erlebnis abzustempeln, wäre schlichtweg falsch. Es war nämlich viel besser. Zwei Tage nach der Party erhielt ich einen Anruf von einem aus der Gruppe. Ich erwartete eigentlich eine weitere Einladung zu einer Party, aber zu meiner Verwunderung bat er mich, der Beisetzung von einem ihrer Freunde beizuwohnen. Er war in der vorherigen Nacht an einer Überdosis Kokain verstorben. Also fuhr ich mit der Linie F nach Parkville, Brooklyn, und ging dann nervös weiter in Richtung 39th Street. Die Tatsache, dass ich in einem lilafarbenen Bauschmantel und ohne Kippa an der Beisetzung eines chassidischen Juden teilnahm, bereitete mir Unbehagen. Vor der Shomrei Hadas Chapel liefen ein paar Chassiden nervös auf und ab und rauchten dabei. Ich ging durch die Tür und setzte mich weiter hinten hin, um unbemerkt zu bleiben. Im vorderen Teil der Synagoge versperrte eine Wand von schwarz gekleideten Juden die Sicht auf das Geschehen. Ich lauschte den hebräischen Gebeten und bemerkte, wie sich meine soziale Unbehaglichkeit in Betroffen-heit umwandelte. Nach der Messe ging ich hinaus, um mit anzusehen, wie der Kiefern-sarg in einen Ford Excursion gehievt wurde, während die Angehörigen und Freunde heulten, rauchten und telefonierten. Hier habe ich auch Aaron getroffen, einen der wenigen anwesenden Juden ohne die typische religiöse Kleidung. Er hat mir einige Dinge erklärt. In der vorherigen Nacht war einer seiner ehemals chassidischen Freunde auf einem Drogengelage gewesen. Er hatte haufenweise Koks, Ecstasy und verschiedene Benzos genommen. Als er ins Bett ging, war er zwar vollkommen drauf, es ging ihm aber noch verhältnismäßig gut. Als seine Freundin am nächsten Morgen aufwachte, lag ihr Freund tot neben ihr. Aaron erklärte: „Es ist eine Nonstop-Drogenparty ohne jegliche Drogen-aufklärung. Diese Chassiden sind alle extrem behütet aufgewachsen. Man kann sich das überhaupt nicht vorstellen, bis man es selber gesehen hat. Wenn sie sich von ihren Familien losreißen, erzählt ihnen niemand, dass man bestimmte Drogen nicht zusammen einnehmen darf, zum Beispiel Speed mit Ecstasy oder Alkohol mit Xanax. Die Lage ist wirklich sehr ernst.“ „Wer verkauft ihnen denn das Zeug?“, wollte ich wissen. „Es gibt da Dealer, denen gibt es einen Kick, das Zeug an die Chassiden zu verkaufen, verstehst du? Eigentlich gibt es dagegen ja auch nichts einzuwenden. Das Schlimme daran ist aber, dass die Jungs sich damit richtig, richtig derbe abschießen.“ Als er mir das erzählte, fühlte ich mich irgendwie frustriert. Vielleicht war es etwas selbstsüchtig von mir, aber ich war wirklich traurig bei dem Gedanken daran, dass ich nur einen flüchtigen Moment vom Drogenleben dieser abtrünnigen Chassiden mitbekommen hatte. Scheinbar war alles schon vorbei, jeder hatte einen gehörigen Schrecken eingejagt be-kommen und die Szene würde sich in die Dunkelheit verabschieden, ohne dass ich je erfahren konnte, was dort eigentlich abging. „Ich nehme an, dass die ganze Sache jetzt vorbei ist“, forschte ich vorsichtig nach. Aaron hielt kurz inne und sagte dann: „Nein, nein, auf keinen Fall.“ Und in diesem Sinne lud er mich für die nächste Nacht auf eine Party ein. Um meinen religiösen Hintergrund kurz klarzustellen: Ich bin ein Jude. Ich hatte eine Bar-Mizwasogar in keiner geringeren Syna-goge als der von Masada in Israelging aber nie auf eine hebräische Schule. Ich bin nie regelmäßig zu den Gottesdienst gegangen. Ich habe ein absolut rudimentäres Hebräisch ge-lernt und mir meine Thora-Verse nur über die Aufnahmen von einer MiniDisc einprägen können. Um es kurz zu machen: Ich habe absolut keine Ahnung vom Judentum. Ich bin auch nicht religiös oder in irgendeiner Weise „spirituell“. Ich fühle mich sogar unbehaglich, wenn ich das Wort „Gebet“ sage. Die Juden, die ich in der Ridge Street getroffen hatte, stammen alle aus chassidischen und orthodoxen Nachbarschaften aus Brooklyn. Für viele von ihnen ist Jiddisch die Mutter-sprache. Außer der Liebe zu psychedelischen Drogen und vielleicht ein paar vererbten Genen von unseren Vorfahren, habe ich mit ihnen nicht viel gemeinsam. Kennengelernt habe ich die ganze Truppe über den Freund eines Freundes einer meiner Freunde. Da ein psychedelischer Pilz auch Magic Mushroom genannt wird, ist es nur logisch, diese Juden als Magic Jews zu bezeichnen. Also nannte ich sie fortan für mich so. CONTINUED MAGIC JEWS 1 | 2 | 3 | >
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