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DIE ITALIENISCHE MAFIA
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Porträt: Lele Saveri

DIE ITALIENISCHE MAFIA - PART 3

Ein Gespräch mit Roberto Saviano

INTERVIEW: TIM SMALL

Was hat es mit dem berühmten Ehrenkodex auf sich?

Ja, so etwas gibt es, aber es ist ein ziemlicher Beschiss. Es sind nur anscheinend „edle“ Kodexe. Sie sagen, sie töten keine Kinder, aber sie bringen ständig Kinder um. Sie sagen, sie rühren keine Frauen an, aber sie haben schon immer Frauen misshandelt. Sie haben auch schon immer mit Drogen gehandelt, obwohl es ursprünglich ver-boten war. Unter den Mitgliedern sind auch immer Leute, deren Mütter Prostituierte waren, obwohl das theoretisch inakzeptabel ist. Dieser „Kodex“ existiert nur als eine Art Selbstregulierung. Nehmen wir zum Beispiel Drogen. Laut der Theorie ist der Verkauf von Drogen auf dem eigenen Gebiet nicht erlaubt, weil das etwas Schlechtes ist. Aber in der Praxis existiert das Verbot, weil man mit Drogen am schnellsten Geld machen kann. Mithilfe des Drogen-verkaufs kann ein Verbündeter, wenn er gut verdient, innerhalb von sechs Monaten zu einem ernsthaften Konkurrenten werden. Wenn er stattdessen mit Bauaufträgen oder Schmuggelware handelt, braucht er sechs Jahre, bis er dir Konkurrenz macht, und du kannst ihn leichter im Auge behalten. Natürlich gibt es ein paar eiserne Regeln. In meiner Gegend, in Secondigliano, ist es unvorstellbar, als Homosexueller ein Camorrista zu sein. In Neapel geht das schon eher. Einmal wurde bekannt, dass ein Mitglied des Casalese-Clans im Knast etwas mit einem nordafrikanischen Jungen hatte. Sie haben ihn dafür umgebracht. Erdrosselt. Ihre kulturellen Referenzen sind sehr machohaft. In den 80ern gab es mal einen berühmten Boss, der durch ganz Italien zog, um den ersten Freund seiner neuen Frau zu finden und zu erhängen. Dann gab es noch die Geschichte von diesem 40-Jährigen, der mit seiner 18-jährigen Nichte ausging. Sie brachten ihn an den Strand, fesselten ihn an einen Stuhl und brachten ihn um, indem sie ihn zwangen, Sand zu essen, damit er mit jedem Mundvoll Dreck über den Fehler nachdenken konnte, den er ge-macht hatte.

Diese Gewalttaten haben auch den Nebeneffekt, dass sie die Glaub-würdigkeit der Mafia unter den Leuten erhöhen, oder?

Ja, man kann das auch als die PR-Abteilung der Mafia bezeichnen. Wenn sie wollen, dass die Leute etwas mitkriegen, verhalten sie sich auch dementsprechend, wie zum Beispiel, als sie diesen einen Typen mit einem Trennschleifer enthauptet haben. Mit ihren Villen ist es genauso: Sie leben alle in riesigen, schicken Häusern, von denen sie aber gar nichts haben. Marmorsäulen prangen davor und drinnen wohnen Piranhas und Löwen. Es sind aber nur Symbole ihrer Macht. Denken wir nur an Walter Schiavone, einen Carmorrista, der sich bei Neapel eine riesige Villa bauen ließ, die eine exakte Kopie von Tony Montanas Haus aus Scarface war.

Wie hast du dein Buch eigentlich geschrieben?

Das Buch ist ein Zwischending aus einem Roman und einer thema-tischen Recherche. Ich wollte damit in Capotes Fußstapfen treten. Er hat in Bezug auf Kaltblütig einmal gesagt, dass er „einen jour-nalistischen Roman produzieren wollte, etwas Umfassendes, das die Glaubwürdigkeit von Fakten mit der Direktheit eines Films, der Tiefe und Freiheit von Prosa und der Präzision der Poesie verbindet.“ Jemand hat mich mal gefragt, womit ich meiner Meinung nach die Camorra so verärgert hätte, dass ich 24-stündigen Polizeischutz brauche. Ich sagte: „Literatur“, und er dachte, ich mache Witze. Aber ich glaube wirklich, dass es so ist. Immerhin macht Literatur etwas sonst Unlesbares lesbar. Fünfhundert Seiten einer reinen Recherche, die von 3.000 Leuten gelesen und auf den hinteren Seiten kleiner Zeitschriften rezensiert wird—das wäre denen egal gewesen. Aber wenn man eine Geschichte daraus macht, wird das automatisch für eine wesentlich größere Leserschaft interessant.

Und das hat dich in Gefahr gebracht.

Ich glaube nicht, dass ich per se deswegen in Gefahr bin, weil ich das geschrieben habe, sondern weil ich damit so viele Leser erreicht habe. Die New York Times nannte mich den „italienischen Rushdie“, aber ich finde, die Situation ist eine sehr andere. Rushdie wurde verfolgt, weil er ein Buch geschrieben hatte, ähnlich wie bei sowjetischen Au-toren. Die Mafia lässt einen machen. Du kannst über sie schreiben, was du willst. Sie wollen nur nicht, dass die Information anfängt, so viele Leser zu erreichen, dass es ihre Geschäfte beeinträchtigt. Nur dumme Diktaturen zensieren Bücher ohne zu verstehen, dass man ihnen so zu viel größerer Bekanntheit verhilft. Echte Demokratien zensieren dich, indem sie dich ignorieren.

Gab es einen besonderen Moment, wo dir klar wurde, dass du gerade vom frischgebackenen Schriftsteller zu jemandem geworden bist, der unter 24-stündigem Polizeischutz an einem geheimen Ort leben muss?

Das Buch kam im Mai 2006 heraus und bis September 2006 hatte ich keine Probleme. Am Anfang hat es sie nicht gestört. Sie betrachten Schriftsteller als verweichlichte, nutzlose Schwuchteln—und damit haben sie ja auch oft Recht. Als mein Buch sich aber zum 100.000sten Mal verkauft hatte, bekam ich Panik. Am 13. Oktober 2006 veränderte sich dann mein Leben. Ich ging zu einer öffentlichen Veranstaltung in Casal di Principe, dem Heimatort der Casalesi-Familien und verkündete: „Schiavone, Iovine, Zagaria, ihr seid alle so was von nutzlos.“ Das sind die Namen der drei wichtigsten Bosse. Stille senkte sich über das Treffen und seit dem Moment an stehe ich unter ständigem Polizeischutz. Sie stellen mir jetzt drei Polizisten und ein kugelsicheres Auto zur Verfügung.

Wie lebst du? Siehst du deine Freunde und deine Familie noch?

Nein, aber aus unterschiedlichen Gründen. Wo ich herkomme, ist es ein großes Problem, mit mir befreundet zu sein. Das macht mensch-liche Beziehungen unmöglich. Aber es gibt Hunderte von uns, die so leben. Ich denke an die, denen es schlimmer ergangen ist als mir. Wie Federico Del Prete, dem Gewerkschaftsvertreter, der 2004 ermordet wurde. Wegen der Telefonüberwachung weiß man, dass er ermordet wurde, nachdem man sich telefonisch über ihn informiert hatte. „Schreiben die Zeitungen über ihn?“, haben sie gefragt. „Nur die Lokalblätter“, war die Antwort. Also wurde er hingerichtet.

Würdest du sagen, dass dich dein Ruhm beschützt?

Ja, aber nur, solange er anhält. Ein Ex-Camorrista, der als Zeuge ausgesagt hat, meinte bekanntermaßen über mich: „Sie warten, bis das abebbt.“ So ist es immer. Sie wissen, dass der Medienrummel früher oder später abklingen wird. Dann kriegen sie mich.

Würdest du es im Nachhinein noch einmal so machen?

Der Schriftsteller in mir will hundertmal ja schreien. Aber das wäre gelogen. Ich wache fast jeden Morgen auf und denke: „Wenn ich nur die Zeit zurückdrehen könnte ...“ Es gab da diesen Teil von mir, der einfach nur ein Buch schreiben wollte. Ich wollte aber nicht, dass mein ganzes Leben von diesem Buch verschluckt wird. Aber was soll ich machen. Es war schließlich meine eigene Entscheidung! Das Schwierigste ist, mir selbst für die Probleme zu vergeben, die man den Leuten bereitet, die mir nahestehen. Am Anfang fühlst du dich sehr mutig, aber wenn du siehst, wie deine Familie danach leben muss, fühlst du dich wie ein mickriger Wurm. Ich würde wirklich niemandem empfehlen zu tun, was ich getan habe. Aber ich möchte dazu auch erwähnen, dass es desto besser ist, je mehr Leute sich mit diesen Problemen beschäftigen. Wenn ein paar italienische Schriftsteller mehr damit aufhören würden, sich ständig nur mit sich selbst zu beschäftigen, ginge es uns vielleicht auch besser.


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