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DIE ITALIENISCHE MAFIA - PART 1Ein Gespräch mit Roberto Saviano
INTERVIEW: TIM SMALL
PORTRÄT: LELE SAVERI ![]() Roberto Saviano ist der 29-jährige Autor von Gomorrah, dem internationalen Bestseller, der die Funktionsweise der mächtigsten und am wenigsten erforschten Mafia Italiens, der Camorra aus Neapel, in einer Mischung aus narrativem und investigativem Journalismus ergründet. Im Laufe der letzten 30 Jahre hat sich die Camorra zu einem alles durchdringenden und an-scheinend unbesiegbaren Netzwerk aus erbarmungslosen Killern, Idioten und erfolgreichen Unter-nehmern entwickelt, dessen Geschäfte knapp zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts von ganz Italien ausmachen. Sein Buch ist eine laute Anklage gegen das „System“ (wie es von seinen Mitgliedern genannt wird) und eine schockierende Darstellung der Macht und der Brutalität der süditalienischen kriminellen Syndikate. Savianos Erfolg und seine Methode, die richtigen Namen und die Aktivitäten von Mitgliedern der Camorra öffentlich zu machen, haben ihn zu einem sicheren Ziel für zukünftige Mordanschläge gemacht. Er lebt seit drei Jahren unter 24-stündigem Begleitschutz von drei Polizisten, die ihm keine Minute von der Seite weichen. Vor Kurzem wurde bei dem bis dato größten Verfahren gegen die Mafia, dem sogenannten „Spartakus-Verfahren“, vom Anwalt der Beschuldigten ein 60-seitiger Brief verlesen, der von den Angeklagten unterzeichnet worden war. Darin wurde Saviano, dem Staatsanwalt und einem lokalen Journalisten vorgeworfen, dass sie versucht hätten, die Entscheidung des Gerichts zu beeinflussen. Saviano selbst hat den Brief als einen „unverhohlenen Aufruf zur Gewalt ... eine öffentliche Botschaft, die klar stellt, das wir zur Verantwortung gezogen werden, wenn es zur Anklage kommt“, bezeichnet. Als Reaktion auf diese Botschaft trat Saviano noch einmal ans Licht der Öffentlichkeit, um die Camorra im staatlichen Fernsehen ein weiteres Mal anzuprangern. Unser Interview mit ihm sollte am Tag nach seinem Auftauchen auf den Fernsehbildschirmen in den Wohnzimmern Italiens stattfinden. Als wir die Lobby des tristen Mailänder Hotels betraten, wo wir unser Treffen geplant hatten, wurden wir von einem Mann mittleren Alters angesprochen, der plötzlich geräuschlos an unserer Seite auftauchte, sich zu uns rüberlehnte und uns in kaum hörbarem Flüsterton zuraunte: „Sind Sie wegen Saviano hier?“ Wir wurden in einen fensterlosen, unterirdischen Raum gebracht, wo unsere Taschen geöffnet und durchsucht wurden. Schließlich kam Saviano herein, setzte sich zu uns, trank ein Glas Wasser und plauderte ein paar Stunden mit uns über die Macht der Mafia, sein Buch und sein Leben. Vice: Wenn du jemandem die Camorra erklären solltest, der noch nichts darüber weiß, was würdest du sagen? Roberto Saviano: Die Camorra ist eine kriminelle und wirtschaftlich-unternehmerische Organisation, die von Kampanien, der Region um Neapel, aus operiert. Ich möchte den unternehmerischen Aspekt dieser Organisation betonen, da die organisierte Kriminalität in Italien oft romantisiert wirdmit Geschichten von flüchtigen Banditen und Ehrenkodexen. In Wirklichkeit sind das aber kriminelle Kartelle, die in jedem Wirtschaftsbereich ihre Geschäfte machen, besonders in legalen Branchen wie der Textilindustrie, dem Verkehrswesen, dem Touris-mus, dem Baugeschäft und der Abfallwirtschaft. Erst danach kommt Kokain, Heroin und Schutzgelderpressung. Die Camorra ist zudem eines der am wenigsten untersuchten Drogenkartelle, obwohl es die italienische Mafia ist, die am weitesten vernetzt ist und auf deren Konto die größte Anzahl an Morden geht. Zusammen mit der kalabrischen ’Ndrangheta, einer anderen wenig sichtbaren Mafia, stellt sie wahrscheinlich den größten kriminellen Notfall in Europa unserer Tage dar. Wie mächtig ist die Camorra wirklich? Der Bruttoumsatz der drei italienischen Mafiasder Camorra in Kampanien, der ’Ndrangheta in Kalabrien und der Cosa Nostra auf Sizilienliegt bei ungefähr 144 Milliarden Euro pro Jahr. Und das sind nur ihre direkten Geschäfte. Wenn man alle anderen Bereiche zusam-menaddiert, könnte man sie auf 500 Millarden Euro pro Jahr schätzen. Nehmen wir mal die 144 Milliarden. Der Umsatz von Fiat zum Beispielder größten Industriegruppe Italiensbeträgt 50 Milliarden. Mit anderen Worten ist die Mafia der größte wirtschaftliche Akteur Italiens, und einer der größten in Europa. Was die Anzahl an Gewaltverbrechen betrifft, kommt man in den drei Regionen, Sizilien, Kampanien und Kalabrien, allein auf eine Gesamtzahl von ungefähr 10.000 Todesfällen, die in den letzten 30 Jahren mit der Mafia in Verbindung gebracht wurden. Das sind mehr, als während der letzten Intifada in Gaza umkamen. Es ist ein Krieg. In deinem Buch ist es dir besonders gut gelungen, die internationalen Dimensionen der Camorra hervorzuheben. Trotzdem wird die Mafia immer noch als etwas grundlegend Italienisches angesehen. Wie erklärt sich diese Dynamik? Das ist das nervigste Klischee, mit dem Italiener im Ausland kon-frontiert werdenman wird automatisch mit der Mafia in Ver-bindung gebracht. Das ist natürlich Schwachsinn. Aber es ist wahr, dass der kriminelle Aspekt dieser mittlerweile internationalen Organisationen seine Wurzeln in Süditalien hat. Hier haben sie ihr erstes Kapital erworben, ihre späteren Verstecke organisiert und ihre Hierarchien aufgebaut. Aber ihr Geld machen sie woanders. Das wäre hier unmöglich. Wie sollte man in einem so armen Gebiet, mit 40 % Arbeitslosigkeit, derartige Summen von Geld fabrizieren können? Sie benutzen den Süden als Goldmine. Sie bauen ihre Imperien auf, indem sie Fördermittel der EU umleiten, und sie benutzen den Süden als Basis, um riesige Drogenmengen zu lagern. Der Großteil des Kokains, das aus Lateinamerika oder Afrika nach Europa gelangt, wird in Süditalien zwischengelagert. Von hier aus wird es dann nach Mailand, Rom, Paris, London, Marseille und Bonn weitergeleitet. Die Möglich-keit, Süditalien als eine Art Startbahn für den Rest der Welt nutzen zu können, ist eine ihrer größten Stärken. Erreichen sie auch die Vereinigten Staaten? Die italo-amerikanischen Mafias sind sehr schwach. Auch wenn die italienischen Familien dort diese Sache am Leben erhalten wollen, sind es die Italiener selbst, die nach Amerika gehen, um zu investieren, was oft unter Vermittlung der albanischen und nigerianischen Mafias geschiehtalso den Mafias, welche die größten strukturellen Ähn-lichkeiten mit den italienischen haben. Das ist das Witzige: Die ita-lienische Mafia hat eine unglaublich starke internationale Anzie-hungskraft. Die meisten Mafias der Welt, vielleicht mit Ausnahme der russischen und der chinesischen, sind von ihr inspiriert. Da wir gerade bei der internationalen Anziehungskraft der Mafia sind, kannst du mir erzählen, was dir vor kurzem in Helsinki passiert ist? Ich ging in diesen riesigen Buchladen, der voll mit Leuten war. Mein Buch war gerade erst am Tag zuvor erschienen, also war mir klar, dass sie nicht wegen mir da sein konnten. Ich fragte meinen Verleger und der versicherte mir, dass sie doch alle wegen mir da wären. Und dann fand ich auch heraus, warum. Als der Moderator mich vorstellte, sagte er: „Bitte begrüßen Sie Roberto Soprano!“ Ich dachte, er macht gerade einen Scherz, aber er hatte nur etwas durcheinander gebracht. Die Sopranos waren in Skandinavien ein ziemlicher Hit und diese Leute dachten alle, dass ichwie es die Washington Post ausdrückte„ein Buch über die echten, fiesen Sopranos“ geschrieben hätte. Du weißt ja sicher, dass Tony Soprano ursprünglich aus Kampanien kam. CONTINUED DIE ITALIENISCHE MAFIA | 1 | 2 | 3 |
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