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LEBEN UND STERBEN IN NEAPEL - PART 1Bilder aus 15 Jahren in der italienischen Hauptstadt des VerbrechensINTERVIEW: TIM SMALL
FOTOS: MARIO SPADA
Mario Spada ist ein Fotograf aus Neapel. Er fing 1986 in seiner Heimatstadt als Fotoassistent für eine Agentur an, die auf Hochzeitsfotos spezialisiert war. Ab 1993 begann er, verschiedene Aspekte des Lebens in Neapel zu dokumentieren, von den Kids in den Sozialwohnungs-vierteln des Quartieri Spagnoli bis zur Kleinkriminalität und Straßendealern, von Fußballhooligans bis zu Hunde-kämpfen und den Mafiakriegen von Scampìa. Seine Bilder sind seither regelmäßig in italienischen und internationalen Zeitschriften, wie dem Spiegel, Libé-ration, L’espresso und El Mundo erschienen. Jedes abgeschlossene Projekt landete in einer metaphorischen Schublade, zu der dann andere Projekte in anderen Schubladen hinzukamen, bis er einen kompletten neuen Schrank kaufen musste (wir sprechen hier immer noch metaphorisch, falls ihr’s schon vergessen habt) und so ging das dann weiter, bis Mario schließlich so etwas wie eine fotografische Enzyklopädie der letzten 15 Jahre neapolitanischen Lebens angesammelt hatte. In dieser Zeitspanne ereigneten sich auch so an die 2.000 Morde, die mit der Mafia in Verbindung gebracht wurden. Früher oder später werden sich Marios Bilder sicher in einem prächtigen und beeindruckenden Kunstband wiederfinden, den man dann immer wieder durch-blättern oder zum Beeindrucken seiner Freunde ver-wenden kann. Wir haben uns hier fürs Erste dafür entschieden, ein paar unserer Lieblingsbilder von ihm abzudrucken und ihm ein paar Fragen über seine Arbeit und seine Stadt zu stellen. Vice: Wie kam es dazu, dass du angefangen hast, so zwang-haft deine Heimatstadt zu fotografieren? Normalerweise verbringen Fotojournalisten ja ihre Zeit eher damit, nach Birma und Nigeria und Nicaragua oder an andere exotische und gefährliche Orte der Welt zu reisen. Mario Spada: Mich hat es von Anfang an gereizt, meine eigene Realität zu dokumentieren. Ich hänge sehr an Neapel und die Tatsache, dass ich schon wusste, wie man sich hier bewegt und mit wem man reden muss, war ein guter Anfang. Außerdem konnte ich es mir einfach nicht leisten wegzuziehen. Ich hatte schon immer die Vorstellung, ein Projekt wie die großen Fotojournalisten der Goldenen Jahre zu machen, die nur einen einzigen Ort fotografiert und beobachtet haben, wie er sich über die Jahre verändert hat. Wie Francesco Paolo Cito. Seine Arbeiten über Neapel aus den 80ern sind unglaublich. Was war dein erstes konkretes Projekt? Ich kann mich nicht wirklich daran erinnern. Es fing einfach mit einer Bildreihe an. Dann grenzte ich meine Arbeit zuerst einmal auf die Quartieri Spagnoli ein, Neapels berüch-tigtstes Viertel, und auf andere Gegenden, die so ähnlich waren. Ich begann, mich vor allem auf die Frauen zu konzentrieren, die in diesen Vierteln wohnen und sich mit Schmuggel, Drogendealerei und anderen kriminellen Aktivitäten über Wasser halten. Das war im Jahr 1995. War es schwer, Zugang zu dieser Welt zu bekommen? Es war sehr leicht. Als ich das erste Mal mit meiner Kamera dort ankam, begannen die Frauen zu klatschen und riefen sich zu: „Der Fotograf ist hier! Der Fotograf!“ Sie waren glücklich darüber, dass da so ein Junge war und sie fotografierte. Dann fingen ein paar von ihnen an, mich zu fragen, was ich mit den Fotos vorhatte und ich musste sie erst mal beruhigen. So ist es immer. Zuerst geben sie sich einem hin und dann verschließen sie sich. Meine Motive sind alle von Natur aus eitel. Aber wie hast du ihr Vertrauen erlangt? Das waren ja schließlich fast alles Kriminelle. Die Tatsache, dass ich als Fotoassistent bei Hochzeiten gearbeitet hatte, war wirklich sehr nützlich für mich. Viele der Hochzeiten hatten wir über viele Jahre hinweg in diesen Vierteln fotografiert und das half natürlich sehr. Die Leute lernten mich nach und nach kennen. In Scampìa oder anderen Sozialwohnungsvierteln muss man die Leute kennen und man muss wissen, wie man mit ihnen umgeht. Es geht darum, mit den Leuten zu reden und ihren Respekt zu erlangen. Aber, was den Umgang mit den Leuten betrifft, sind diese Viertel nicht so anders als der Rest von Neapel, oder, wenn man’s genau nimmt, als der gesamte Süden Italiens. Man muss immer eine gewisse Härte zeigen. CONTINUED LEBEN UND STERBEN IN NEAPEL | 1 | 2 | 3 |
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