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SELTSAME FRÜCHTE

Die süße Subkultur der Exotenfrüchte

VON ADAM GOLLNER
ILLUSTRATIONEN: MAT BROWN

Wie weit würdest du gehen, um an eine Banane zu kommen? Wahrscheinlich nicht viel weiter als bis zum Laden an der Ecke. Aber das liegt nur daran, dass du noch nie eine blaue Banane mit Eisgeschmack probiert hast, oder eine orangefarbene Haa Haa, oder eine Popoulou (deren Kaugummi-pinkes Fleisch nach Apfel schmeckt). Es gibt Tausende von Obstsorten, die es nie bis in unsere Supermarktregale schaffen. Hier sind unsere fünf Favoriten:


1. DIE PARADIESNUSS—Die Paradiesnuss, oder Sapucaia, ist eine brasilianische Fruchtkapsel, die wie ein Vollkorn-Muffin aussieht. Sie ist braun und holzig und fühlt sich an, als wäre sie im Ofen zwei Stunden zu lang bei 250 Grad geröstet worden. Während der Wachstumsphase bilden diese Muffins sechs Samen aus, die aussehen wie Orangenschnitze. Wenn sie reif sind, brechen die Samen aus der Unterseite der Nuss heraus und verteilen sich auf dem Boden. Ungeduldige junge Affen schlagen manchmal mit der Hand in einen der unreifen Muffins hinein und krallen sich dann an dieser Handvoll Nüsse fest. Da ihre kognitiven Fähigkeiten noch zu wünschen übrig lassen, verstehen sie nicht, dass sie die Nüsse loslassen müssen, um ihre Hand wieder herausziehen zu können und schleppen diese Sapucaia-Handschellen dann meilenweit mit sich herum.

2. DIE SEYCHELLENNUSS—Das als Coco de Mer oder auch als Meereskokosnuss bekannte Gewächs ist mit Abstand die sexieste Frucht der Pflanzenwelt. Ihre leicht anzügliche Außenhülle ist ein maßstabsgetreues Abbild der weiblichen Geschlechtsgegend, einschließlich dem nacktem Bauch, den Hüften, zwei Schenkeln, der Schamspalte und einem erschreckend echt aussehenden Haarbüschel auf dem Schamhügel. Von hinten hat sie außerdem eine erstaunliche Ähnlichkeit mit dem weiblichen Gesäß. Besucher der Seychellen bezeichnen sie als Schamfrucht, Lüsterne Frucht oder Po-Nuss. Die unreife Frucht verbirgt in ihrem aufreizenden Äußeren zudem ein saftiges, puddingartiges Fruchtfleisch. Bis in die 70er-Jahre hinein wurden hochrangige Besucher mit einer Kostprobe des durchsichtigen Gelees der Coco de Mer beehrt, die damals auch als die „Milliardärsfrucht“ bekannt war. Heute sind diese Früchte vom Aussterben bedroht, wodurch es noch schwieriger geworden ist, an sie heranzukommen. Die einzig legale Art, sie zu probieren, ist, jemanden zu finden, der einem ein Stück abgibt, denn sie zu kaufen, kann einem bis zu zwei Jahre Gefängnis bescheren. Es ist eine im wortwörtlichen Sinne verbotene Frucht.

3. DIE BUSCHMANGO AUS KAMERUN—Kameruner benutzen Heilpflanzen so, wie man in der westlichen Welt Nurofen oder Prospan nimmt. Die Majaimainjombe, oder Blut-eines-Tieres-Pflanze, wird als Schmerzmittel verwendet. Diese Ölpalme wirkt gegen alles, von Masern bis zu Leistenbrüchen. Die Buschmango soll angeblich Y-Chromosome produ-zieren, weswegen die Mitglieder der lokalen Ebu- und Bayangi-Volksgruppen sie vor dem Geschlechtsverkehr essen, um männliche Kinder zu bekommen. Mein Führer beim Besuch des Botanischen Gartens in Limbe hatte mit seiner Frau Doris drei Kinder—alles Mädchen. Hätte er es nicht einmal mit der Busch-Mango probieren können? „Es gibt unterschiedliche Traditionen“, erklärte er uns. „Da, wo ich herkomme, essen wir sie nicht.“ Interessanterweise haben britische Wis-senschaftler vor Kurzem festgestellt, dass das, was eine Frau im Zeitraum der Empfängnis isst, tatsächlich das Geschlecht ihres Kindes beeinflussen kann. Frauen, die am Morgen danach nicht frühstücken, haben niedrigere Glukosewerte, was die Wahrscheinlichkeit eines weiblichen Babys erhöht. Wenn du einen Jungen willst, solltest du dich also über das Obst hermachen—am besten nimmst du kamerunischen Buschmangos.

4. DIE NIPPELFRUCHT—Viele Pflanzen sind in Anspielung auf ihr obszönes Aussehen benannt worden: Teton de Venus-Pfirsiche, Frauenbrust-Äpfel und Jungfrauenbirnen. Pobacken, Hoden, Brüste, Schenkel, Finger und alle möglichen anderen Körperteile werden von Züchtern immer wieder gerne als Namensspender herangezogen. Die auch als Kuheuter-Frucht bekannte Nippelfrucht ist ein orangefarbener, eiergroßer pflanzlicher Alien mit nippelähnlichen Auswüchsen. Ihr lateinischer Name ist Solanum mammosum, wobei sie teilweise auch als Sodomsapfel bezeichnet wurde. Sie ist giftig, ihr solltet sie also nicht essen—falls ihr nicht zufällig ein Schamane seid. Ich dachte bis vor Kurzem, dass man sie nur in südamerikanischen Regenwäldern findet, habe aber neulich ein paar Nippelfrüchte in einem Blumenladen in der Nähe entdeckt, wo sie als Beiwerk zu Blumenbouquets verkauft wurden.

5. DIE WUNDERBEERE—Diese fingernagelgroße, rote Beere, vergleichbar mit einer kleinen Olive, hat eine wundersame Wirkung auf den Gaumen: Sie lässt alle säurehaltigen Nahrungsmittel süß schmecken. Sie benetzt die Geschmacksnerven mit einer Flüssigkeit, die für die Dauer von ungefähr einer Stunde die Wahrnehmung saurer Nahrungsmittel verändert. Nach dem Genuss einer Wunderfrucht schmecken saure Gurken wie Honig. Zitronen schmecken einfach nur noch irrsinnig süß. Essig schmeckt wie Limonade. Es ist das Natreen der Natur. Ihr aktiver Wirkstoff heißt Miraculin und wurde in den 70er-Jahren von der staatlichen Nahrungsmittelstelle verboten. Als ich die Wunderbeere vor sechs Jahren zum ersten Mal probierte, wusste ich, dass darin die Idee für ein Buch steckte. Zu der Zeit waren sie—von den Hinterhöfen von ein paar Obstfreaks abgesehen—so gut wie nirgendwo erhältlich. Inzwischen ist es einem ehemaligen Postboten namens Curtis „Miracle Fruit Man“ Mozie gelungen, die Beeren über Nacht einzuschiffen und ihnen zu ihrer Karriere als neuer Trend in der Geschmackstrip-Szene zu verhelfen. Unbekannte Früchte können groß rauskommen, aber nur, wenn die richtigen Leute auf den Geschmack kommen.

Adam Gollners neues Buch, The Fruit Hunters: A Story of Nature, Adventure, Commerce, and Obsession, ist gerade bei Scribner erschienen.
Mehr Geschichten aus der Unterwelt der Früchte findet ihr auch www.thefruithunters.com



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