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CROSS THE BORDER, CLOSE THE GAP

Moss sind frei in ihren Grenzen

Foto von Ester Segarra

Wer zum ersten Mal das neue, zweite Album von Moss hört, der wird sich unweigerlich einige existenzielle, für eine Mid-Life-Crisis typische Gedanken machen. Das Erste, was mir einfiel, als ich diese radikale Form von schwerfälligem, abgründigem, giftigem, düsterem, Dreck fressendem, atonalem Doom-Sludge hörte, war: Aha! Diese Aus-legung des Metal-Genres ist so kompromisslos, dass sich die wahren Anhänger von all jenen Pseudos trennen, die bei Ebay alte AC/DC-T-Shirts kaufen und Metal als Ausrede benutzen, um sexistische Witze zu machen. In dieser oberflächlichen Welt aus Ebay-Shirts und permanent verfügbarem musikalischen Wissen—wie kann ich da noch beweisen, dass ich mein AC/DC-Shirt schon besitze, seit ich 13 bin? Und dass es damals fast unmöglich war, eines zu finden? Dass ich das Logo einer Ausgabe der Pop Rocky entnommen und selbst aufgebügelt habe? Aber dann dachte ich: Scheiße, ich bin ein alter, verbitterter Mann geworden. Mit 13 habe ich jedem meine Punk- und Rock-Kassetten vorgespielt, und jetzt wo alle darauf abgehen, beschwere ich mich, dass sie es irgendwie anders interpretieren? Warum ärgere ich mich, dass es leichter geworden ist, solch großartige Musik zu finden? Wieso vergesse ich so leicht, dass Musik viel mächtiger ist als jeder Kontext, dass sie Menschen beeinflussen und prägen kann, unabhängig davon, wie sie darauf gestoßen sind? Es ist nicht ausgeschlossen, dass auch die Hipster Moss für sich entdecken. Ich stelle mir vor, wie ein paar völlig durchgefeierte Kids auf den völlig falschen Drogen diese Platte hören und sagen: „Wow, das ist echt kranker Scheiß!“ Ehrlich gesagt, glaube ich nicht, dass es irgendeinen Vorteil hatte, 1982 aufzuwachsen. Obwohl in diesem Jahr ein paar verdammt gute Platten rauskamen (Discharge ist nur ein Beispiel). Aber scheiß drauf. Es gab nichts zu tun, keinen Ort, wo man hin konnte, und Mädchen waren auch damals schon eine Art außerirdische Spezies für uns.

Vice: Als ihr mit Moss anfingt, hattet ihr da die Absicht, eine Lücke zu füllen? Wolltet ihr das Doom-Genre radikalisieren? Oder ein Bindeglied zwischen Crust/Sludge, Funeral Doom und Stoner Rock schaffen?

Chris Chantler (Drums):
Nichts der-gleichen—eigentlich hatten wir keine beson-dere Absicht. Dom hatte ein paar Riffs, Olly ein paar Ideen und mit der Zeit wurden wir immer langsamer und langsamer und geheimnisvoller. Am Anfang waren wir sicherlich beeinflusst von Bands wie Thergothon, Winter, Grief, Corrupted usw. Das war unser Ausgangspunkt und daraus haben wir uns mit der Zeit eine eigene Identität geschaffen.

Hast du das Gefühl, dass Doom in letzter Zeit vielfältiger geworden ist, verglichen mit den Anfangsjahren?

Ich weiß gar nicht genau, was gegenwärtig im Doom so passiert, aber es fühlt sich nicht so an, als ob es einen kreativen Aufschwung geben würde. Funeral Doom kam und ging so gegen 2002, das ganze Stoner/Sludge-Ding hat sich um die gleiche Zeit totgelaufen. In letzter Zeit gibt es scheinbar wieder mehr Drone Doom. Vielleicht auch nur, weil er nicht sonderlich schwierig zu spielen ist.

Wie stehst du der momentan sehr angesagten arty Drone/Doom-Szene gegenüber? Einige Leser des Terrorizer-Magazins, für das du auch schreibst, haben sich darüber beklagt, dass diese Richtung gegenüber den „authentischeren“ Formen des Metal an Boden gewinnt. Ist das für dich eher Dogmatismus oder ein gesunder Tra-ditionalismus?

Es überrascht mich immer, wie Leute so engstirnig sein können. Es gibt überall wertvollen, authentischen Kram, genau wie es überall wertlosen, uninspirierten Scheiß gibt. Kein Sub-Sub-Genre hat auf irgendwas ein Monopol. Man kann eine Menge Dinge aus Prinzip ablehnen und es mag viele gute Gründe geben, warum jemand einen be-stimmten Stil nicht mag, das ist ja auch alles in Ordnung. Aber ein Magazin dafür zu kritisieren, dass es zu viel über Musik berichtet, die einem persönlich nicht gefällt, ist irgendwie dumm. Die Leute regen sich auf, dass ein international vertriebenes Musikmagazin nicht exakt auf sie zuge-schnitten ist. Ich würde mir auch ein Heft wünschen, dass nur über Dinge berichtet, die ich cool finde. Es würde sich aber nicht sonderlich gut verkaufen.

Ich weiß, dass du privat gerne traditionellen Metal und NWOBHM hörst—was aber auf den ersten Blick keinen Einfluss auf Moss hat. Oder doch?

Wahrscheinlich nicht, aber ich liebe The Wurzels, Miles Davis, die Bonzo Dog Doo-Dah Band, Elvis oder Jethro Tull und es hat auch keinen Einfluss auf die Musik von Moss. Ich würde allerdings behaupten, dass wir musikalisch näher an Warning als an Sunn O))) sind, und ästhetisch näher an Witchfynde als an Earth.

Welche Rolle spielte Punk in eurer musikalischen Sozialisation? Würdest du sagen, dass ihr generell eher ungeschliffene, minimalistische Musik hört? Was hältst du von den Versuchen des New Wave und des Post-Punk, Anti-Musik zu machen?

Es ist schwer den Punk-Einfluss zu ver-meiden, wenn man in einem versifften Keller auf heruntergekommenem Equipment spielt. Tatsächlich ist der Großteil der für uns prä-genden Musik roh und minimalistisch, mit einigen Ausnahmen, wie z. B. Antonius Rex. Aber im Doom spielt Crust/Punk schon lange eine Rolle—etwa bei Winter, Grief und den frühen Cathedral, also ist es dahin kein so großer Schritt. Mit Anti-Musik bin ich mir nicht so sicher. Ich denke, auch Anti-Musik ist eine Form von Musik. Es gibt keine Melodien, keine Harmonien, vermutlich ist das damit gemeint. Aber es gibt einen Beat und Riffs und eine Art Gesang. Echte Anti-Musik sollte so etwas nicht haben. Die erste Throbbing Gristle LP ist vermutlich ziemliche Anti-Musik. Es ist auf jeden Fall die einzige Art davon, die mich interessiert.

Wie verhalten sich Inhalt und Ästhetik bei euch zueinander? Wo positioniert ihr euch zwischen Pop-Subkulturen (Sci-Fi, Horror) und traditionelleren Quellen (Literatur, Okkultismus)? Geht es euch um eine ur-sprüngliche, vielleicht jugendliche Faszina-tion des Seltsamen und Unheimlichen, also darum, eine gewissen Stimmung zu erzeugen, oder um eine übersinnliche Erfahrung, die ihr selbst beim Spielen macht?

Das ist ein schmaler Grat, aber ich denke, dass uns Horrorfilme und die Gruselromane der 1930er gleichermaßen beeinflussen. Es geht nicht darum, moderne Popkultur gegen historische Hochkultur auszuspielen, beide haben den gleichen Tiefgang. Oder eben nicht. Es gibt einfach Filme, die ihre Zuschauer beeinflussen, Bücher, die ihre Leser beeinflussen, und Songs, die ihre Hörer beeinflussen. Weder das Underground-Hor-rorkino der 1970er noch die Horrorliteratur der 1930er hatte einen besonders guten Ruf. Beides wurde missverstanden und als hirnlos und entartet bezeichnet, aber erst aus unserer heutigen Perspektive können wir den wahren Wert davon erkennen. Ich mag den Gedanken, dass dies bei Moss ähnlich sein wird. Sub Templum wird in 30 Jahren besser klingen als heute, einfach weil es ALT klingen wird.

Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Jus Oborn? Was für Gemeinsamkeiten seht ihr mit Electric Wizard?

Er hörte uns, es gefiel ihm und er verstand sofort, worum es bei uns geht. Er wohnt gleich in der Nähe und so kam er einfach mal vorbei. Mit Electric Wizard teilen wir die Liebe für Horrorfilme aus den 1970ern, Gruselgeschichten aus den 1930ern, Doom und, oh, da war noch was … was war es noch mal, äh, eine Substanz … verdammt, immer diese Gedächtnislücken. Mit liegt es auf der Zunge, ehrlich.

Es gibt bei euch eine erkennbare Entwicklung vom ersten zum zweiten Album—im Grunde von einem improvisatorischen, puristischen Ansatz hin zu mehr Struktur und Dynamik. Habt ihr bestimmte Grenzen, wie weit Moss gehen kann, oder geht es eher um eine vage Gesinnung, die sich zukünftig vielleicht auch ganz anders ausdrücken kann?

Ja, es ist eine Gesinnung, aber es gibt Grenzen, das ist uns auch wichtig. Moss ist nicht ein Ventil für all unsere kreativen Einfälle, das wäre unmöglich. Aber wir wissen instinktiv, welche Ideen zu Moss passen und welche nicht. Allerdings sind wir noch dabei herauszufinden, welche Grenzen sich verschieben lassen.

AVI PITCHON
Moss’ Sub Templum ist auf Rise Above erschienen.
www.myspace.com/cthonicrites


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