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DOS & DON'TS
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WALTER PFEIFFER - PART 2INTERVIEW: BOB NICKAS ![]() Du meinst, dass die Leute, die deinen Film entwickelt haben, dachten, dass du schmutzige Bilder gemacht hast? Ja, sie haben behauptet, dass gar kein Film drin gewesen wäre.
Ich sag ja nicht nur: „Zieh deine Sachen aus und lass mich dich nackt fotografieren.“ Das wäre langweilig. Du lässt auch immer etwas versteckt, was eine tolle Art und Weise ist, mit sexy Bildern umzugehen. Es gibt ein Bild, auf dem dieser Junge fast komplett nackt ist. Er sitzt da und hat einen Teller mit Fisch über dem Geschlecht. Es ist sehr sexy, selbst wenn man keinen Fisch mag. Ich mag aber Fisch. Ohne den Teller wäre es einfach nur ein Junge auf einem Sofa. Das ist eine andere Sache, die du machst. Deine Bilder enthalten eine Menge Humor. Dass deine Bilder leichtherzig und witzig sind, ist ein wichtiger Aspekt deiner Arbeit. Ich habe gerne Spaß. Alle meine Models haben es gern, fotografiert zu werden und albern gerne herum, während wir die Aufnahmen machen. Wenn ich neue Modelle habe, sind sie am Anfang vielleicht etwas schüchtern, aber beim zweiten Mal ist es schon leichter. Man muss an sie rankommen, muss sie dazu bringen, sich zu verlieren. Wenn ich fertig bin, bin ich von der ganzen Anspannung immer total erledigt ... Wenn ich fertig bin, bin ich weg vom Fenster. Ich bin komplett außer Kontrolle. [lacht] Vor ein paar Tagen hast du mir ein paar Bilder von einem Shooting geschickt, dass eigentlich im Butt-Magazin erscheinen sollte. Es war ein Hockeyteam (ist hier „Eishockeyteam“ gemeint??) im Umkleideraum, wo sich gerade alle ihre Ausrüstung anziehen und überall ihre Sachen herumliegen. Es waren tolle Fotos, aber das Magazin wollte sie nicht drucken, weil sie sagten, dass die Jungs hetero sind. Ja, und ich frage nie nach, ob jemand schwul ist oder nicht. Das ist nie mein Problem gewesen. Sogar in den 70ern, als die ersten wirklichen Schönheiten auftauchten, habe ich sie immer wegen ihrer Schönheit ausgewählt und nicht nach ihrer sexuellen Orientierung. Ein Junge, der sehr, sehr maskulin und sehr schön war, sagte mir zehn Jahre später einmalvielleicht war er auch nicht der Cleverste„Oh, ich wusste nicht, dass Sie schwul sind.“ Es war nie ein Problem. Niemand hat es erwähnt. Ich war sehr deprimiert, als Butt die Bilder ablehnte, weil sie sehr gut waren und die Jungs viel Spaß gehabt hatten. Und dann meinten sie zu mir: „Die Jungs sind nicht schwul, also können wir die Bilder nicht drucken.“ Du hast mir erzählt, dass du, als du die Unterwäsche für diese Aufnahmen gekauft hast, die kleinsten und billigsten Modelle genommen hast, die du finden konntest, obwohl die Jungs in dem Hockeyteam ziemlich stämmig sind. Oh ja, ich habe die billigsten gekauft, weil ich sie selber bezahlen musste, und wie immer die kleinste Größe. Und sie waren wirklich gut gebauttolle Ärsche. Sie hatten viel Spaß an der Sache und vielleicht nehme ich sie noch mal für ein anderes Projekt. Das solltest du auf jeden Fall tun. Aber du fotografierst ja nicht nur Jungs. Dein letztes Buch war eine ziemliche Überraschung. Du hast ein Buch gemacht, das Cherchez la Femme heißt. In dem Buch waren ein paar Jungs und ein paar Paare, aber ansonsten waren es fast durchweg Frauen. Woher kam die Idee dafür? Ich habe viele Bilder von Frauenich bin immer von Frauen umgeben. Ich habe überall Musen. Jungs und Mädchen, die mir Ideen geben. Mein Verleger hat dann gesagt: „Warum machen wir kein Buch daraus?“ Und damit fing alles an. Aber mit dem nächsten Buch kehre ich wieder zu meinen Wurzeln zurück. Zurück zu den Wurzeln? [lacht] Sehr witzig. Meine Idee ist es, so eine Art Telefonbuch oder eine Art Biografie zu machen. Ich habe so viele Sachen für den Katalog der Retrospektive. Wir sind auch die Fanpost aus den 60ern und 70ern durchgegangen. Du hast Fanpost gekriegt? Ich habe alles behalten. Ich habe jede Menge Kisten davon, weil ich, bevor es diese blöden E-Mails gab, immer allen Leuten Briefe geschrieben habe und sie mir auch zurück geschrieben haben. Ich möchte das in einem guten Stil verpacken. Wir müssen cool bleiben, weißt du? Nicht heiß. Wenn ich Sachen mache, will ich cool sein dabei. Gab es, als du mit dem Fotografieren angefangen hast, Fotografen, die du bewundert hast? Oh, die klassischen. Als ich an der Kunsthochschule war, saß ich immer in der Bibliothek und blätterte Harper’s Bazaar durch und war von diesen ganzen Fotografen aus den 40ern beeindrucktGeorge Platt Lynes, Horst P. Horst, George Hoyningen-Huene, Herbert Listweil ich wusste, dass ich das nie so hinkriegen würde. Hast du Fotografie studiert, als du jung warst? Nein, weil ich Angst vor der Kamera hatte. Ich habe nie eine Kamera angerührt, weil ich so zittrige Hände hatte. Du bist also ein Autodidakt? Ich habe mit einer Polaroid angefangen, habe mich aber nicht als Fotograf gesehen. Das erste Foto, das ich gemacht habe, war zu Hause mit meiner Schwester und meiner Freundin, und ich fing einfach an, ihnen Anweisungen zu geben. Ich merkte, dass es mir Spaß machte, Leute zu dirigieren. Warst du in den 80ern und 90ern mit den Arbeiten von Nan Goldin und Wolfgang Tillmans vertraut? Als 1980 mein erstes Buch rauskam, hatte ich einen großen Fanmeinen ersten Fanund er sagte mir, dass ich mir die Bilder von Nan Goldin ansehen sollte, weil er so ähnliche Sachen machen würde wie ich. Aber es hat auch ein bisschen wehgetan, und ich wollte nicht so viel darüber nachdenken, denn es war eine Zeit, in der keiner was von mir wissen wollte. Die Bilder von Nan Goldin oder Larry Clark haben sie ja berühmt gemacht, weil es gute Bilder waren, aber auch, weil sie ziemlich reißerisch sind. Ich glaube nicht, dass du in deinem Leben ein einziges reißerisches Bild gemacht hast. Deine Ästhetik ist völlig anderssie ergreift die Leute nicht auf dieselbe direkte, körperliche Art. Viele der Fotos, die Nan Goldin berühmt gemacht haben, sind irgendwie mitleidslos. Bilder von Leuten, die ganz offensichtlich eine schwere Zeit durchmachen. Das Gleiche gilt für Larry Clark. Die Leute leiden und befinden sich in einem schlimmen Zustand. Die Bilder sind aus offensichtlichen Gründen nicht besonders schmeichelhaft. Du hast nie diese Art Bilder gemacht. Du hast nie Bilder von Verlierern gemacht. Ja, das stimmt. Das ist auch der Grund, warum ich nicht so viel über andere Fotografen wissen wollte. Tillmans sah ich zum ersten Mal, als ich in London war. Es war 1995 in der Serpentine Gallery. Ich war sehr deprimiert, weil er so gut war. Es war der Anfang einer neuen Ära. Du hast mir erzählt, dass du, als du die Ausstellung gesehen hast, gerade eine neue Kamera gekauft hattest. Du bist durch den Park gelaufen, hast über seine Bilder nachgedacht und wolltest die Kamera in den See schmeißen. Hab ich aber nicht. Es ist offensichtlich, dass die Leute dich in den letzten Jahren entdeckt bzw. wiederentdeckt haben, und dass sie dich jetzt auch wollen. Ich denke, es ist wichtig, die Übereinstimmung von deinen Fotos mit Dingen, die dann später in der Modefotografie und der Fotografie im Allgemeinen passiert sind, zu erwähnen. Du warst deiner Zeit immer voraus. Und ich denke, wenn man seiner Zeit voraus ist, kann man auch erst später entdeckt werden. Die Leute müssen einen erst einholen. Ja, sie holen mich langsam ein. Und es macht Spaß, weil es eine neue Generation ist30 oder sogar noch jünger. Sie sehen die Dinge anders. Meine Generation hat immer gesagt: „Oh, nein, es ist so schrecklich. Es ist nichts wert.“ Und es ist schön, jetzt zu sehen, wie die jungen Leute, die jungen Studenten, meine Sachen annehmen. In den 70ern haben die Leute also nicht gut auf deine Bilder reagiert? Du hast leider meine erste Fotoausstellung 1974 nicht gesehen. In der Mitte der Galerie war ein Tisch und man konnte sich dort Fotos ansehen, wo ich Jungs fotografiert hatte, die immer und immer wieder die gleichen Dinge machenwie in den Serienaufnahmen von Muybridge. Ich legte die Fotos auf einen Untergrund aus Stoffstücken, die die gleiche Farbe hatten wie die Fotos. Es sah gut aus. Das war meine erste Einzelausstellung. Die Galerie gehörte einem Mädchen, die sich nach meiner Ausstellung, oder vielleicht auch zwei Ausstellungen später, umbrachte. Hast du damals Fotos verkauft? Nein. [lacht] Ich habe sie in den Keller geschafft, manche habe ich auch vernichtetich bin ja so blödaber ein paar habe ich auch behalten. Da sind ein paar tolle Bilder darunter, das kann ich dir sagen. Na, dann füge sie doch deiner Retrospektive hinzu. Ja, das mach ich. Karlheinz Weinberger, der viele Jahre vor dir gearbeitet hat, ist der andere berühmt-berüchtigte Fotograf aus Zürich, und auch er ist erst vor Kurzem für seine Bilder von wilden Biker-Teens bekannt geworden. Was hast du gedacht, als du seine Bilder zum ersten Mal gesehen hast? Als ich ein Teenager war, fand ich eine Zeitschrift namens Der Kreis, in der seine Bilder unter seinem Pseudonym „Rico“ abgebildet waren. Was war Der Kreis? Es war ein kleines Magazin aus den 30ern, das bis Mitte der 60er Jahre weiterexistierte. Es kamen kitschige Geschichten, Fotos und Cocteau-ähnliche Zeichnungen darin vor, aber kein Porno, sehr künstlerisch, sehr 50er Jahre ... vor meiner Zeit. Karlheinz’ Bilder habe ich schließlich in seiner Museumsaustellung gesehen. Mir fielen dann wieder die Bilder aus Der Kreis ein und ich war sehr stolz darauf, dass jemand aus dem gleichen Land wie ich schon vor mir auf dem gleichen Feld gearbeitet hat. Nachdem das Buch Welcome Aboard! herausgekommen war, kam er zu einer Ausstellungseröffnung von mir und schickte mir später ein Geschenkein Foto von einem Schwanz in einem Boxhandschuh. Er sagte, dass ihn das Bild von dem Boxer in meinem Buch dazu inspiriert hätte. Wen magst du von den Fotografen, die jetzt arbeiten? Ryan McGinley arbeitet im Moment so wahnsinnig viel. Ich habe vor Kurzem in einer Galerie eine Ausstellung mit seinen Sachen gesehen, und da waren so viele Bilder dabei, bei denen ich dachte: „Dieses Bild will ich auch machen.“ Du willst ein paar von seinen Bildern kopieren? Ja. [lacht] Ich glaube nicht, dass es ihn stören würde. Ich liebe dieses eine Bild, wo ein Haufen Jungs unter einem Wasserfall stehen. Seine Auswahl von Models ist immer perfekt. Und im Inszenieren, wie du. Aber ihr habt in der Schweiz ja auch viele Wasserfälle. Sie sind zwar etwas kalt, aber es gibt sie. Ja, heute habe ich zu einem Jungen gesagt: „Diesen Sommer müssen wir in die Berge gehen. Ich will Akte und Felsen. Ich will in die Berge gehen, und deinem Bruder kannst du auch Bescheid sagen.“ Es sind zwei Brüder, die beide sehr schön sind, auf sehr klassische Weise. Aber die Wasserfälle sind so kalt, dass ich sie da nicht reinschicken kann. Das Wasser kommt direkt vom Gletscher, und da macht natürlich keiner mit. Wir müssen uns was anderes einfallen lassen. Meine Ideen kriege ich, weil ich mich ständig nach anderen Umgebungen umsehe. Ich weiß, du wanderst gern. Ja, ich wandere gerne, und immer zu anderen Stellen. Ich mache dieselbe Wanderung nicht gerne zweimal. Es ist interessanter, neue Wege auszuprobieren. Es gibt noch so viele, die mir noch offen stehen. Ich habe schon vorher über deinen Sinn für Humor gesprochen und darüber, dass du viele Akte fotografierst. Du fotografierst auch gerne Statuen, was ja eine sehr klassische Art ist, in der Fotografie mit der menschlichen Figur umzugehen. Oh, ich liebe das. Einmal war ich in Paris und bin jeden Abend in den Louvre gegangen. Leider darf man dort keine Fotos machen, aber ich habe eins von hinten gemacht. Die Leute sehen sich Statuen immer von vorne an und machen Fotos von vornedahinter geht nie jemand. Wenn Fotografen Bilder von Statuen machen, sehen die dann oft sehr ernst und nüchtern aus. Aber mit deinen ist es fast so, als würdest du die Statue dazu kriegen, extra für dich zu posieren. Sogar in den Räumen dieses berühmten Museums ist es verboten, Fotos zu schießen, aber ich habe trotzdem heimlich eins gemacht. Allerdings hat mich einer der Aufpasser erwischt. Er sagte: „Bitte geben Sie mir den Film.“ Das hab ich aber nicht getan. Ich sagte: „Oh, tut mir leid.“ Ich wusste ja, dass es nicht erlaubt ist, aber manchmal muss man halt ein bisschen frech sein, um zu kriegen, was man will. Meine Lieblingsschilder im Museum, die man überall siehtund man muss sich das in Verbindung mit der Tatsache vorstellen, dass man ja Fotograf istsind die, wo draufsteht „Fotografieren verboten.“ Als ich ein Teenager war, habe ich mir viele, viele Filme angesehen. Es war damals so eine Art Religion für mich. Oft wurde dann ein schwedischer Film, wie etwa Das Schweigen von Ingmar Bergman, gezeigt. Es hing dann so ein Poster im Fenster und nebenan ein Schild, auf dem stand: „Für diesen Film können wir keine Fotos aushängen.“ Ich bettelte einen Freund, der in dem Kino arbeitete, an: „Oh, bitte gib mir das Schild. Es ist so toll.“ Die Frauen hatten sogar schwarze Balken über den Brüsten. Wenn man die Balken sieht, ist das natürlich etwas, was offensichtlich tabu ist, und man denkt dann noch viel mehr darüber nach. Du arbeitest schon seit langer Zeit und kriegst jetzt eine Retrospektive und einen fetten Katalog. Dein erstes, schon lange nicht mehr erhältliches Buch 1970-1980 wurde vor ein paar Jahren neu aufgelegt. Betrachtest du dich nach all dem immer noch als Amateur? Es gibt so eine Zeitschrift, die Fantastic Man heißt. Ich hatte immer diesen Traum: „Oh, ich will bei Fantastic Man reinkommen. Bin ich zu schlecht, um es da reinzuschaffen?“ Letztes Jahr haben sie mich gebeten, ein paar Bilder für sie zu machen. Also bin ich mit meinen Models losgezogen und habe gesagt: „OK, Jungs. Packen wir’s an.“ Wir sind auf einen Hügel gestiegen, und da waren diese riesigen Wolken. Die Jungs nahmen ihre Hüte und warfen sie in die Luft. Ich schickte die Bilder zu dem Magazin und sie sagten: „Wir können sie nicht verwenden, weil sie zu unscharf sind. Die Bilder sind toll, aber wir können sie nicht nehmen.“ Wir hatten viel Spaß, aber ich hatte vergessen, den Blitz einzuschalten. Ich finde aber nicht, dass sie zu verschwommen sind. Man kann alles erkennen. Vielleicht ist es aber nicht stilvoll genug für sie. Also war meine Karriere bei Fantastic Man vorbei, bevor sie angefangen hatte. Ich finde, dass die besten Künstler auf eine gewisse Art und Weise immer Amateure bleiben. Ja, ich werde auch immer so bleiben. Ich bemühe mich zwar sehr, aber wir werden sehen ... Ich will das jedenfalls nicht verlieren. Ich suche immer noch nach Liebe ... aber jetzt weiß ich schon mehr. CONTINUED WALTER PFEIFFER | 1 | 2 |
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