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NOBUYOSHI ARAKI - PART 2


INTERVIEW UND PORTRÄT: TOMOKAZU KOSUGA



Also sagst du, dass man die Leute so annehmen muss, wie sie sind?

Ja, denn die Leute vor einem, die Motive, sind sehr viel außergewöhnlicher als man selbst. Sie haben alle ihren besonderen, eigenen Charme. Aber oft sind sie sich selbst dieses Charmes gar nicht bewusst, also muss man ihn entdecken und ihnen präsentieren und sagen: „Das ist es!“ Sie strahlen alle diese Aura aus, und deine Aufgabe ist es also, diese Aura noch zu verstärken und sie ihnen zurückzugeben, indem man sie auf Film festhält. So gehe ich an meine Arbeit heran.

Du willst also nicht unbedingt nur schöne Menschen fotografieren.

Nein, ich mache keinen Unterschied zwischen meinen Objekten. Man muss in der Lage sein, sie alle und immer zu akzeptieren und anzunehmen. Sie sind alle toll, aber jede Person hat dieses ganz besondere, einzigartige Etwas an sich. Fotografen haben oft bestimmte Vorlieben, und manche wollen eigentlich nur eine einzige Schauspielerin oder so was fotografieren, aber bei mir ist das nicht so. Alles und jeder, den ich das Glück und die Ehre habe zu treffen, ist auf seine Weise etwas Besonderes. Manche Leute wirken vielleicht wie Arschlöcher, aber man muss offen genug sein, um sich klar zu machen, dass man vielleicht nur eine vorgefertigte Vorstellung auf sie projiziert, und dass sie nicht wirklich Arschlöcher sind. Auf die Weise kann man vielleicht etwas Liebenswertes an ihnen entdecken. Das sagt sich jetzt leicht, aber ich muss zugeben, dass es da draußen auch eine Menge Arschlöcher gibt! [lacht]

Wie bei vielen deiner Fotos scheint auch diese Arbeit anzudeuten, dass dein besonderes Interesse an erster Stelle Japan gilt. Woran liegt das?

Man muss fotografieren, was sich um einen herum abspielt, womit man vertraut ist. Ich werde oft ins Ausland eingeladen, aber wenn ich dort ankomme, denke ich immer: „Scheiße, ich muss mehr Fotos in Japan machen.“ Also konzentriere ich mich auf mein Stadtviertel und die Dinge, die mich im täglichen Leben umgeben, wie meine Freundin. Ich meine, wir sind Japaner, also sollte es eigentlich gar nicht nötig sein, sich bewusst dafür zu entscheiden, Japan zu fotografieren. Es sollte natürlich für einen sein. In meinem Fall war es also so, dass ich gedacht habe: „OK, ich sollte ein paar Japaner fotografieren“, woraus dann „Warum fotografiere ich nicht das ganze Land?“ wurde, was dann schließlich zu der Serie Die Gesichter Japans führte.

Click here for a slide show of Nobuyoshi's Work.

Du musst ja eine unglaubliche Energie haben, überhaupt auf die Idee zu kommen, ganz Japan zu fotografieren.

Ich weiß! Ich schieße in jeder Präfektur 500 bis 1000 Leute. Ich bin bisher erst in sechs Präfekturen gewesen und ich glaube nicht, dass ich es schaffen werde, das Projekt zu Ende zu bringen. Ich kann das ja nicht ewig machen! Ich werde schließlich irgendwann sterben! [lacht] Mir bleiben nicht mehr so viele Jahre. Aber ich verfolge meine Ideen eigentlich immer bis zum Ende, auch wenn sie zunächst sehr vage erscheinen. Wenn ich einmal anfange zu arbeiten und dann auf immer mehr Gesichter treffe, lerne ich von ihnen die ganze Zeit über immer etwas Neues.

Zum Beispiel kommen immer sehr viele Leute, wenn ich Freiwillige suche, und die haben natürlich die unterschiedlichsten Lebenshintergründe. Es waren ältere Paare darunter, die zu mir sagten: „Bitte machen Sie ein Bild von uns, denn wir sind seit 60 Jahren verheiratet und wir haben kein einziges Foto von unserer Hochzeit“, und so weiter. Oder: „Wir haben einen neuen Enkel, bitte machen Sie ein Familienporträt von uns.“ In der Vergangenheit habe ich mich immer auf die Gefühle konzentriert, die in der Beziehung zwischen mir und dem abzubildenden Objekt entstehen. Aber wenn die Leute heute zu mir kommen oder ein Ehepaar zu mir sagt: „Bitte machen Sie ein Foto von uns“, finde ich, dass die Gefühle, die sie füreinander haben, viel stärker sind als meine. Ich habe gemerkt, dass ich viel mehr aus einer Aufnahme herausholen kann, wenn ich mich mehr auf die Beziehung konzentriere, die die Leute miteinander haben, als auf die Beziehung zwischen mir und ihnen. Indem ich diese ganzen Leute fotografiere, habe ich unglaublich viel über die Essenz der menschlichen Natur gelernt. Kofuku Shashin war das Endergebnis dieser Erkenntnis.Ich vermute, dass ich jetzt an einem Punkt bin, wo ich genug Platz im Herzen habe, um endlich sagen zu können: „Wow, das ist so toll.“ Mann, ich rede, als würde ich gleich sterben oder so!

Witzig. Und ist dir in letzter Zeit etwas Interessantes passiert? Was gibt es sonst Neues?

Ich finde immer alles interessant. Eine Sache, die mir einfällt, ist, dass ich gerade in Berlin eine Ausstellung namens Kinbaku [„Bondage“] habe, die aus 101 Schwarz-Weiß-Bildern besteht. Wir hatten eine Eröffnungsparty und alle sind total ausgeflippt. Die Leute im Ausland sind so faszinierend—es gibt da so viele Freaks. Sogar Fernsehinterviews sind anders. Sie machen so einen auf „Ich habe hier ein Seil, bitte fesseln Sie mich!“, und dann machen sie den Rest des Interviews gefesselt weiter. Und die Kamera läuft die ganze Zeit, weißt du? Dann gab es noch einen anderen Vorfall—ich spreche natürlich die Sprache nicht, also weiß ich nicht genau, was da los war—als eine Frau, die ein totaler Fan von mir ist, plötzlich mitten in dem Raum ihre Sachen auszog und anfing mit den Hüften zu kreisen. Ich dachte nur: „Was geht hier ab?“ Und dann zieht sie sich plötzlich einen Tampon aus ihrem Schlitz, kommt auf mich zu und schwingt das Ding über ihrem Kopf!

Wow!

Sie war total durchgeknallt. Es war völlig surreal! [lacht] Also, diese Dinge sind sehr interessant für mich, kleine Zwischenfälle wie so was.

Deine Darstellung von Bondage stellt diese Sache in einem etwas anderen Licht dar, als das übliche Bild, das wir davon haben.

Das haben mir schon viele gesagt und ich antworte dann immer, dass ich ihre Seelen befreie, indem ich ihre Körper fessle. Klingt wie völliger Quatsch, oder? Bis vor Kurzem habe ich gesagt: „Ich fessle nicht ihre Seele, sondern nur ihren Körper.“ Aber jetzt formuliere ich es anders, weil ich ein Mädchen gefragt habe, was besser klingt, und sie meinte, dass sie das mit dem „Befreien der Seele“ besser findet. Also bin ich dabei geblieben.

Du hast heute also EROTOS mit dabei, he? Wow, es ist überraschend, dass du das überhaupt hast. Wenn ich ins Ausland gehe, sagen viele weibliche Kritiker oder Forscherinnen immer zu mir: „Araki, von all Ihren Büchern finde ich EROTOS am besten.“ Gut, oder? Blumen sind in meinen Augen immer erotisch. Sie sind alle Eros. Sobald man sich klarmacht, dass es Fortpflanzungsorgane sind, sehen sie alle wie Schwänze und Fotzen aus. Dieses Buch ist ein Klassiker. Ich mache von jedem Buch nur 500 bis 1000 Stück. Aber wenn es gut ist, finde ich das sehr ausreichend. Ich mag die Idee, dass nur 500 bis 1000 Leute das Buch besitzen. Auf jeden Fall ist es toll, dass die zwei Bücher, die du heute mitgebracht hast, EROTOS und Kofuku Shashin sind. Du musst einen Blick für diese Dinge haben.

Danke. Dann kannst du mir vielleicht einen Tipp geben, wie ich glänzende Bilder von Tausenden Frauen machen kann?

Ganz einfach, du solltest Sex mit ihnen haben! [lacht] Im Ernst—es hilf auf jeden Fall ein bisschen, das zu machen. Eine Verbindung zu ihnen herzustellen und sie körperlich zu berühren. Die Leute vernachlässigen den Akt der Berührung heute. Sie versuchen immer, die Distanz zu wahren. Sie stellen keine Verbindung zur Stadt her, oder zu Frauen, sie könne noch nicht mal mit den Augen fühlen. Ich persönlich kriege sofort einen Ständer, wenn ich ein Mädchen anfasse, weißt du?

Ich weiß. Vielen Dank für das Interview.

Hey, du solltest noch ein bisschen bleiben. Am Anfang wollte ich, dass du weggehst, weil du mich dummes Zeug gefragt hast, aber du bist in Ordnung. Du hast schließlich EROTOS und Kofuku Shashin mitgebracht, verdammt noch mal. Du hast bestanden! Komm, ich nehme dich zu einer geheimen Absteige von mir mit. Auf geht’s!


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