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MARY ELLEN MARK - PART 1


INTERVIEW: STEVE LAFRENIERE
PORTRÄT: ROE ETHRIDGE

Mary Ellen Mark hat in der Fotowelt eine Doppelfunktion inne. Sie ist einerseits für ihren nüchternen und unerschrockenen Fotojournalismus bekannt und hat sich andererseits parallel dazu als Porträtfotografin bei Produktionen in der Filmindustrie einen Namen gemacht. Einer ihrer Beiträge für eine Zeitschrift aus dem Jahr 1969 über Federico Fellinis Film Satyricon wurde zu ihrer Visitenkarte in Hollywood. Später schoss sie dann ein paar der enthüllendsten Fotos, die je von Marlon Brando, Jodie Foster, Johnny Depp und vielen anderen Stars gemacht wurden. Die größte Anerkennung gilt aber nach wie vor ihren bahnbrechenden Fotoessays. Angefangen bei den Aufträgen für die Zeitschriften
Life, Esquire und Look in den späten 60ern, zeugen ihre Bilder seither von einem unbeugsamen Blick für den unfreiwilligen Humor und die Misstöne im Leben ihrer Objekte. 1979 führt ihr Besuch in einer Hochsicherheitsheilanstalt für Frauen zu dem herzzerreißenden Bildband Ward 81, während Falkland Road den harten Alltag in einem Bombayer Bordell dokumentiert. Andere Arbeiten widmeten sich britischen Junkies aus der Arbeiterklasse, indischen Zirkusdarstellern, den Aryan Nations und den Halloween-Feiern von armen schwarzen Familien in der South Bronx. Sie gilt als Meisterin des vielsagenden Moments—ein Talent, das sich durch ihr ganzes Werk zieht: Der Betrachter bekommt automatisch das Gefühl, ihre Objekte mit eigenen Augen gesehen zu haben.

1983 dokumentierte Mark ein zweites Mal aus ihrer gerade abgeschlossenen Auftragsarbeit für das
Life-Magazin, die sie zusammen mit ihrem Ehemann Martin Bell gemacht hatte, von zu Hause weggelaufene Teenager—diesmal jedoch auf Film. Streetwise hat seit seinem Erscheinen Generationen von Dokumentarfilmern beeindruckt und ist auch heute noch ein brutaler Schnappschuss menschlichen Lebens. Anlässlich der kürzlichen Neuauflage dieses Fotobandes, haben wir uns gefragt, wo Tiny, Rat und Shadow wohl heute stecken.



Vice: Das Erscheinen von Streetwise jährt sich gerade zum 25. Mal. Sind Sie noch mit ein paar Ihrer Motive in Kontakt?

Mary Ellen Mark:
Mit Tiny habe ich noch Kontakt. Ich bin vor ein paar Jahren mit Martin nach Seattle gefahren, wo wir eine Art Update über ihr Leben gemacht haben. Ich fotografiere sie regelmäßig. Ich bin jetzt zwar schon drei Jahre nicht mehr dort gewesen, aber ich habe sie oft fotografiert. Ich habe sie fotografiert, nachdem sie ihr neuntes Baby auf die Welt gebracht hatte, aber zur Geburt des zehnten haben wir es nicht geschafft. [lacht]

Click here for a slide show of Mary's work.

Und was ist mit den anderen, wie Rat zum Beispiel?

Also, Rat arbeitet als Lieferant.

Ich bin fast ein wenig verblüfft, dass sie noch leben.

Ja, er war auch schon ein paarmal im Knast. Ich glaube, Mike ist gerade im Knast. Shadow arbeitet bei einem Sicherheitsdienst. Und, lass mich überlegen ... Patti starb an AIDS. Ich glaube, Roberta wurde von dem sogenannten Green-River-Mörder umgebracht. Lulu starb vor vielen Jahren. Sie wurde erstochen.

Man hätte nicht gedacht, dass Tiny ihre Jugend überlebt.

Sie sagt manchmal, dass sie sich gerne in einem Labor untersuchen lassen würde, damit sie rauskriegen, warum sie so lange durchgehalten hat. Und sie ist jetzt außerdem verheiratet. Ihre letzten fünf Kinder waren von demselben Mann.

Und dann noch zehn Kinder bekommen—wow. War Streetwise eine Auftragsarbeit, oder haben Sie die Idee selbst entwickelt?

Es war eine Auftragsarbeit für Life. Ich war so an die drei Wochen dort, um die Story zu machen.

Wie haben Sie es geschafft, das Vertrauen dieser Menschen zu erlangen? Haben Sie auch dort gewohnt?

Nein, aber wir kannten die Kids. Der Autor des Artikels—der nebenbei bemerkt nicht mehr lebt—hatte sie kennengelernt. Wir haben uns beide mit ein paar Leuten angefreundet und eines der Mädchen, Lulu, hat uns richtig ins Herz geschlossen. Ich glaube sie war es, mehr als sonst irgendwer, die uns Zugang zu den Kids verschafft hat.

Ich mag besonders das Bild von Tiny an Halloween, wo sie diesen Hut und die Handschuhe anhat. Es ist ein tolles Porträt. Um ehrlich zu sein, kannte ich das Bild schon seit Jahren, bevor ich überhaupt wusste, was es war. Eine Freundin von mir hatte es aus einem Buch oder einer Zeitschrift ausgeschnitten und es an ihre Wand gehängt.

Es ist wirklich komisch, wie manche Bilder die Zeiten überdauern. Ich weiß nicht, ich denke, es ist irgendwas an ihrem Gesicht, in Kombination mit dem Hut—sie war so schön. Es ist eins der einfachsten Bilder, die ich je aufgenommen habe, weil es fast wie ein Modebild wirkt, aber eigentlich echt ist.

Was das Ganze so interessant macht, ist, dass Sie Leute fotografiert haben, die so gerne glamourös sein wollten, und in diesem Moment halten Sie eine Kamera drauf. Entsteht da nicht irgendein seltsamer Zwiespalt?

Wenn man die Leute vor der Kamera hat und viel Zeit mit ihnen verbringt, ist das fast so, als würde man einen Film machen. Und dann ist Martin noch einmal dorthin gegangen und hat tatsächlich einen Film gedreht. Während dieser ganzen Zeit kannten wir die Kids sehr gut, weil wir ihre Geschichten ja mitverfolgt haben und ihre Verbindungen untereinander kannten, ihre Freundschaften und wer wen hasste.

Waren die Szenen eine Art Reinszenierung von den Dingen, die Sie schon über die Kids wussten? Hatten Sie ein Skript? Das ist immer eine häufig gestellte Frage bei diesem Film.

Nichts davon basierte auf einem Skript. Die Leute denken das immer, weil die Kids so offen waren, aber das war nicht der Fall. Man hat mir das sogar vorgeworfen, als die Story rauskam. Es war aber einfach so, dass es da diese starke Verbindung zwischen uns und diesen jungen Erwachsenen gab. Es gibt sie immer noch. Das merke ich zum Beispiel, wenn ich Tiny besuche. Sie ist in der Lage, sich für uns zu öffnen und die anderen Kids waren das auch. Sie lebten das Drama in ihrem Leben völlig aus. Sie lebten eine Art Märchen—ein verstörendes Märchen, aber nichtsdestotrotz ein Märchen—weit weg von ihren Familien, weg von einem Zuhause, das oft nicht besonders glücklich gewesen war. Und davon wurden wir Zeugen. Also haben sie ihr Leben vor unseren Augen ausgebreitet.

Hat Martin für den Film viel zusätzliches Material aufgenommen?

Martin ist sehr sparsam in der Art, wie er filmt. Er ist sich beim Filmen seiner Sache sehr sicher. Es ist ein fantastischer Kameramann. Er arbeitet immer mit einem Stativ, also gibt es nicht so viele Szenen, die Freihand aufgenommen wurden. Obwohl wir ein paar der Straßenaufnahmen natürlich Freihand machen mussten—zum Beispiel, als dieser Junge seine Mutter auf der Straße trifft. Wir waren nicht darauf vorbereitet, also mussten wir zu diesem Parkplatz rüberrennen. Martin ist auch technisch sehr versiert, weshalb auch der Ton immer sehr gut war. Er hat mit demselben großartigen Tontechniker gearbeitet, mit dem er schon seit Jahren zusammenarbeitet.

Also haben Sie sich mit ein paar der Menschen aus Streetwise wirklich angefreundet. Wie war das mit den Leuten, mit denen man weniger anfangen kann, wie zum Beispiel den Anhängern der Aryan Nations?

Mit den Aryan Nations konnte ich nur ein paar Tage lang arbeiten. Sie ließen mich nicht rein—ich musste draußen bleiben. Sie machten drinnen eine Ansage und die Leute, die sich fotografieren lassen wollten, kamen raus. Ich blieb für ein paar Tage, wobei sie aber allmählich unglaublich paranoid wurden. Das sind einfach paranoide Leute. Dann bin ich gegangen.

Was empfinden Sie in einer solchen Situation? Bleiben sie völlig objektiv?

Nein, ich bin immer subjektiv. Man muss subjektiv bleiben, egal, was man macht. Sogar bei einem Porträt ist man subjektiv. Es ist dein Eindruck von jemandem. Man sollte fair sein, aber subjektiv. Bei den Aryan Nations habe ich einfach nicht so viel geredet. Mir war klar, dass mir das, was auch immer ich sagen würde, negativ ausgelegt werden würde. Also hab ich den Mund gehalten. Ich habe nicht gesagt: „Oh, ihr habt so ein Glück, Teil der Aryan Nations zu sein.“ Ich bin kein guter Heuchler. Meine Freunde wissen, dass ich gnadenlos ehrlich bin.


CONTINUED
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