NEWSLETTER



DOS & DON'TS

I’ve never wanted to be reincarnated as a gross piece of sticky brown stuff on a chair until now. Comments/Enlarge | See all


Thank God there's somebody out there who's fighting the racist and stereotypical view that the only people who cannibalise children these days are warlords from Liberia. Comments/Enlarge | See all






RELATED ARTICLES

VICE COMICS
Matt Furie
NACH WIE VOR BESSER ALS DIE GLOT...
GTA
ist zurück!!
DIE TRÄNEN DER PORZELLAN- CLOWNE...
Völlig unvermittelt hat uns Fotograf Luke...
AMIGOS CON RAMBO
Dieser Typ hier in der Rambo-Verkleidung ...







MEXIKANISCHE KNASTKUNST -
PART 2

Schmuggelware und Kunst in Mexikos überfülltestem Gefängnis

VON ANTONIO VEGA MACOTELA, TEXT: GABRIELLA GÓMEZ-MONT






Im Austausch dafür, dass ich Chuchos kleinen Bruder besucht und ihm zugehört habe, wie er in seinem Studio spielt und singt (wie es Chucho früher auch getan hat), zeichnete Chucho ein Symbol für jeden seiner Atemzüge während der einen Stunde, die ich mit seinem Bruder verbrachte.

Nachdem ich mich mit ein paar der Insassen angefreundet hatte, schlug ich ihnen einen Deal vor. Ich würde an einem speziellen Tag und zu einer festgelegten Zeit außerhalb des Gefängnisses einen gemeinsam ausgehandelten Zeitraum damit verbringen, Dinge für sie zu erledigen. Zur selben Zeit würden sie für mich die Dinge tun, um die ich sie als Künstler bat. Keiner von uns würde seine Zeit verschwenden. Wir würden die Zeit vielmehr einfach austauschen. Ziemlich oft verlangten sie von mir, einfach ihren Platz in der wirklichen Welt einzunehmen. Ich habe die Gräber ihrer Brüder besucht und ein paar Worte aufgesagt. Ich habe ihre Väter um Vergebung gebeten. Ich bin mir ihren Müttern tanzen gegangen. Ich habe ihre Söhne getroffen und war einen Tag ein Vater für sie. Ich habe einem sterbenden Verwandten in einem Krankenhaus einen Brief vorgelesen. Ein Gefan-gener hat mich sogar gebeten, zu seiner Freundin nach Hause zu gehen und ihr beim Masturbieren zuzusehen, um ihm die Szene danach bis ins kleinste Detail zu beschreiben.

Weil unsere Körper unsere einzige subjektive Art sind, um Zeit zu messen, bitte ich sie im Austausch für meine Dienste normalerweise darum, mit ihrem Körper die Zeit zu messen. Ich sage zum Beispiel: „Du willst, dass ich für deine Familie koche? OK. Dann wirst du in diesen drei Stunden, deine Hand auf deinen Hals legen und auf einem Stück Papier für jeden Herzschlag, den du spürst, einen Strich machen. Du wirst mir alle deine Herzschläge von diesen drei Stunden geben.“ Und weil wir unsere Aufgaben zur selben Zeit erledigen, entsteht zwischen uns eine merkwürdige und sehr starke Verbindung. Ich mache momentan fünf dieser Zeittauschs pro Woche. Für eine Weile werden sie ich und ich sie.

Manche Insassen bringen mir im Austausch für meine Zeit auch ihre „speziellen Fähigkeiten“ bei. Einer von ihnen hat mir zum Beispiel dafür, dass ich seiner Tochter das Lesen beibringe, gezeigt, wie man jemanden mit einem Schnürsenkel umbringt. Es funktioniert so, dass man den Schnürsenkel so hält, dass der Zeigefinger von demjenigen, dem man die Hand schüttelt, in einer kleinen Schlinge hängen bleibt. Dann zieht man mit viel Wucht an dieser Schlinge, sodass er die Balance verliert, schlingt ihm den Schnürsenkel um den Hals und zieht, so fest man kann. Der Gefangene, der mir diesen Trick gezeigt hat, ist ein echter Winzling, aber er kriegt das in einer einzigen, blitzschnellen Bewegung hin. Es ist krass, ihm dabei zuzusehen—beinahe wie ein Zaubertrick. Er war früher Schlosser und er behauptet, dass er ein Schloss erfunden hat, das noch nicht mal er selbst knacken kann. Er hat mich gebeten, ihm dabei zu helfen, es zu patentieren, also werde ich nächste Woche für ihn Patentrechte recherchieren.

Dieses Projekt hat mich in ein paar der gefährlichsten Ecken von Mexiko-Stadt geführt. Es ist komisch, aber ich glaube, dass diese Sache, also dass ich ihren Platz einnehme, dass ich für ein paar Stunden zu ihnen werde, mir auf eine seltsame Weise Schutz vor jedem Leid verschafft, wenn ich in ihrem Auftrag unterwegs bin. Sogar Familien, die komplett aus gefährlichen Schlägertypen bestehen, behandeln mich mit Respekt und tiefer Warmherzigkeit. Es ist so, als würde ich für die paar Stunden tatsächlich ihren Verwandten für sie darstellen. Einmal bat mich ein Gefangener, mir die Zeugnisse seines Sohnes anzusehen und ihn zu fragen, wie er in der Schule klarkommt. Seine Familie hatte schon vor ein paar Jahren aufgehört, ihn zu besuchen—er war ein ziemlich harter Typ und ich kann es ihnen nicht verdenken. Also bin ich losgegangen und habe mir die Noten des Jungen angesehen und habe mich eine Weile mit seiner Familie unterhalten. Mein Besuch schien irgendwie einen Nerv getroffen zu haben, denn eine Woche später begann die Familie, ihn wieder zu besuchen.

Man hat mir irgendwann die Erlaubnis entzogen, das Frauengefängnis zu besuchen, und ich muss sagen, dass es eine echte Erleichterung für mich war. Es ist sehr viel schwerer zu ertragen als das Männergefängnis, ob man es glaubt oder nicht. Es ist so verdammt deprimierend. Laut dem Gesetz müssen alle Kinder unter sechs Jahren mit ihren Müttern im Gefängnis leben, also gibt es da sechsjährige Kinder, die im Gefängnis geboren wurden und die Welt außerhalb des Gefängnisses überhaupt nicht kennen. Wegen der Bedingungen, unter denen sie aufwachsen, entsteht eine fast übernatürlich enge Verbindung zwischen ihnen und ihren Müttern, und dann werden sie ihren Müttern plötzlich, am Tag nach ihrem siebten Geburtstag, einfach weggenommen. Es gibt auch viele Frauen, die seit über zehn Jahren keinen Besuch bekommen haben. Ich habe vor kurzem eine Statistik gelesen, laut der von den 1.500 Frauen in Santa Martha nur 79 einen Partner außerhalb des Gefängnisses haben, der sich für regelmäßige eheliche Besuche angemeldet hat. Wenn Männer ins Gefängnis kommen, werden sie für ihre Familien zu so etwas wie Kinder. Wenn Frauen ins Gefängnis kommen, werden sie zu Phantomen. Sie werden verleugnet und dann vergessen. Die soziale Stigmatisierung ist für sie sehr viel schlimmer. Sie werden im Gefängnis meist sehr hart und aggressiv. Aber das müssen sie einfach.


Im Austausch dafür, dass ich die Grabkammer seiner Muter aufgesucht und für ihn mit ihr „geredet“ habe, hat Victor für mich eine Karte mit seinen Fußbewegungen durch das Gefängnis in der gleichen, dreistündigen Zeitspanne gezeichnet.

Männer bitten mich oft um Gefallen, die mit ihrer Familie und ihren Freunden zu tun haben. Frauen hingegen baten mich sehr oft um Dinge, die mit ihrem Glauben zu tun haben, zum Beispiel darum, auf Knien durch die Basilica de Guadalupe (eine der meistbesuchten Kirchen in Mexiko) zu kriechen, um in ihrem Namen Buße zu tun und für sie zu beten, oder Blumen zum Santa Muerte-Altar zu bringen. Es ist, als ob sie jenseits der Welt der Menschen nach Hoffnung suchen, weil das Reich der Menschen ihnen nicht mehr offen steht.

Die Idee für die Objektserie kam von den Gefangenen selbst. Eines Tages kamen ein paar von ihnen zu mir und sagten: „OK, Macotela, hör zu. Wenn Kunst, wie du sagst, die Veränderung des täglichen Lebens oder die Veränderung von Dingen und von Handlungen ist, um ihnen eine neue Bedeutung zu geben, dann haben wir eine Frage für dich: Denkst du nicht, dass das Überleben hier drin nicht auch Kunst ist? Denn wir nehmen normale Objekte und geben ihnen eine neue Bedeutung.“ Im Knast ist der Henkel eines Eimers nicht länger ein Henkel, sondern wird zu einer Waffe und dadurch zu Macht. Ein Ziegelstein und ein paar lose Drähte werden zu einer elektrischen Heizung, ein Splitter von einem Fensterbrett wird ein Messer. Sie sagten also, dass ihre Überlebenstechniken ihre Kunst seien und dass eine der Sachen, die ich für sie tun könnte, die wäre, diese Kunstwerke für sie in der Außenwelt zu verkaufen. Damit haben wir gerade angefangen und vor Kurzem haben sie sogar ein Künstlerkollektiv gegründet: Sie nennen sich die Rashes, nach dem englischen Wort „rash“—Ausschlag—weil sie finden, dass sie wie die kleinen hautfarbenen Insekten sind, die auf Kühen leben. Sie verursachen ihnen überall auf dem Fell Hautausschlag und sind außerdem sehr schwer loszuwerden. Sie sind gleichzeitig sehr sichtbar und auf schreckliche Weise unsichtbar. Ich musste so sehr lachen. Also sie mir sagten, dass sie sich so nennen wollen.


CONTINUED
MEXIKANISCHE KNASTKUNST | 1 | 2 | 3 |


< Seite Zurück

COMMENTS