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Foto: Chris Shonting

THOMAS CAHILL RETTET DIE ZIVILISATION - PART 2


INTERVIEW: JESSE PEARSON

Wir haben noch gar nicht richtig über die Römer gesprochen.

Nun, sie waren bei Weitem nicht so philosophisch wie die Griechen. Die rö-mische Gesellschaft war voller Grausamkeit.

Es war eine Form der Unterhaltung für sie.

Ja. Denken wir doch nur mal daran, dass sie sich anschauten, wie Leute bei lebendigem Leibe von Löwen gefressen wurden! Das ist der Ursprung des Zirkus. Nero hielt im Garten des Vatikans Vergnügungsfeiern ab und diese Feste wurden abends mit menschlichen Fackeln beleuchtet. Die Leute liefen herum, aßen und tranken beim Licht von Männern und Frauen, die man auf-gepflockt, mit Teer bestrichen und dann angezündet hatte. Der ganze imperiale Kreis war voll von solchen Dingen.

Es war interessant für mich, in Ihrem Buch zu lesen, dass es im Mittelalter eine Art ver-steckter Promikultur gab. Sie widmen zum Beispiel ein Kapitel der Hildegard. Das war diese Frau, die jung ins Kloster geschickt wurde. Klöster bedeuteten damals, Zellen-haft in der Kirche. Sie wurde jedoch nach und nach zu einer wichtigen Persönlichkeit und hatte großen Einfluss auf die Meinungen der Leute.

Ja, es war wirklich eine Prominentenkultur. Manche Leute wurden zu sehr wichtigen Figuren. Als Hildegard ihre Tour durch das Rheinland machte und in einer Kirche nach der anderen predigte, kam sie in volle Häuser. Das eine war, dass niemand je zuvor eine Frau hatte öffentlich reden sehen. Schon das allein zog die Leute an. Und was sie dann zu sagen hatte, war ungewöhnlich und mutig.

Gibt es heute eine öffentliche Persönlichkeit, die eine ähnliche Anziehungskraft hat, wie Hildegard es im Mittelalter hatte?

Vielleicht Barack Obama. [lacht] Er zieht sie echt in Scharen an, oder?

Ihr Buch Wie die Iren die Zivilisation retteten erzählt die Geschichte der irischen Gelehrten, die dafür verantwortlich waren, dass so viele Texte aus dem Altertum erhalten geblieben sind.

Es begann nach dem Fall von Rom. Sie werden wissen, dass Rom in Folge einer Reihe barbarischer Invasionen fiel. Ich denke aber, dass die Barbaren im Prinzip Immi-granten waren, die einfach rein wollten. Obwohl es stimmt: Sie waren wohl extrem primitiv. Bücher waren für sie Feueran-zünder. Sie brauchten mehrere Jahrhunderte, um lesen zu lernen. Zu diesem Zeitpunkt war die Alphabetisierung, zumindest in Europa, so gut wie nicht mehr existent. Im 6. und 7. Jahrhundert können wir in ganz Europa nur zwei Bibliotheken zählen. Wahrscheinlich gab es noch ein paar mehr, aber nur von zweien wissen wir mit Sicherheit, dass es sie gab.

Und wie kamen die Iren ins Spiel?

Patrick christianisierte die Iren, und ihm war klar, dass er ihnen, wenn dies von Dauer sein sollte, lesen und schreiben beibringen musste. Ihre Lesefibeln waren die Geschichten der römischen Märtyrer. Also Leuten, die in der Arena gestorben und von den Löwen ge-fressen worden waren. Die Iren, die sehr blutrünstig waren, liebten diese Geschichten. Aber noch mehr als die Geschichten, liebten sie die Erfahrung, lesen und schreiben zu lernen. Sie waren sehr kindlich und sie widmeten sich mit Freude der Aufgabe, Manuskripte zu kopieren. Irland wurde da-für in ganz Europa bekannt. Mönche aus so weit entfernten Orten wie der ägyptischen Wüste kamen mit ihren Bibliotheken nach Cork. Sie wussten, dass ihre Texte in Irland sicher sein würden.

Schickten die Iren auch Leute aufs Festland, um nach Büchern zu suchen?

Ja. Die Iren wurden zu großen Wanderern und schafften es bis in die entlegensten Win-kel, wobei sie alles sammelten, was ihnen in die Hände fiel.

Haben Sie einen Leitsatz, der Ihrer Arbeit als Historiker zugrunde liegt?

Die Frage, die ich mir immer stelle, wenn ich mir die Vergangenheit ansehe, ist: „Was gibt es da, das immer noch einen Wert hat und unser Leben auf gewisse Weise immer noch bestimmt?“ Zum Beispiel gab es im Mittel-alter genau genommen eine erste Welle des Feminismus.

Hat das etwas mit der wachsenden Verbrei-tung der Jungfrau Maria als religiöse Figur zu tun?

Damit fing es an. Wir werden alle von den Bildern geprägt, die wir sehen. Wenn du jedes Mal, wenn du in eine Kirche gehst, ein Bild von einer Mutter mit einem Kind siehst, verändert sich deine Vorstellung des Göttlichen, sogar wenn die Priester sagen, dass sie nicht Gott ist. Es macht das Ganze auch viel realer, denn es gibt kaum eine Arbeit, die alltäglicher ist, als eine Mutter, die ein Kind säugt. Und das war genau das, was man immer und immer wieder in den Repräsentationen von Maria und dem Kind sieht.

Bevor wir zum Ende kommen, will ich noch einmal zu der Frage zurückkehren, warum die Renaissance das Mittelalter so unglaublich ge-disst hat.

Die Humanisten der Renaissance waren die-jenigen, die den Begriff des Mittelalters präg-ten. Und mit der Wahl dieses Namens wollten sie ausdrücken: „Da gab es diese großartige Periode der Griechen und der Römer und dann gab es uns.“

Sie stellten das Mittelalter als eine bloße Brücke zwischen diesen beiden Epochen dar.

Genau. Und sie waren es auch, welche die Architektur des Mittelalters benannten. Sie nannten sie gotisch und damit meinten sie barbarisch. Sie blickten auf alles herab, was ihnen vorausgegangen war, obwohl das Mittelalter zur Entstehung dessen führte, was in der Renaissance los war. Jemand wie Giotto war der Vater von Leonardo und Michelangelo. Es gibt da eine großartige Theorie von Harold Bloom in seinem Buch Einflussangst. Künstler und Schriftsteller haben immer wieder verleugnet, von wem sie wirklich beeinflusst wurden.

Klar, weil sie wollten, dass man sie für ori-ginell und innovativ hält.

Wir verleugnen alle unsere Eltern. [lacht] Es ist lustig, weil nicht wenige der Sachen, die sie in der Renaissance machten, bei Weitem nicht so interessant waren, wie Sachen, die im Mittelalter passiert sind. Die gotische Architektur ist sehr viel toller als die palla-dianische. Und mir ist Dante auf jeden Fall tausendmal lieber als Petrarca.


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