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Undatiertes Porträt Napoleons, Quelle: AP

NAPOLEON BONAPARTE

Das Vice Interview

TEXT: JILL VAN DER AUWERA

Geschichte erzeugt eine ungeheure Ambivalenz: Über die Jahrhunderte sind wirklich viele bemerkenswerte, teilweise richtig coole Sachen passiert. Die einzigen Leute, die uns aber etwas annähernd Wirklichkeitsnahes erzählen können, sind schon Ewigkeiten tot. Da sitzen wir also auf der Insel Gegenwart. Wir sind auf Bücher angewiesen und da kann auch echt jeder Schrott drinstehen. Die Begeisterung ist also groß, als eine Frau namens Conny auf einer Messe für Fans paranormaler Phänomene erzählt, sie könne mit Napoleon Bonaparte kommunizieren. Genauer sagt sie an diesem sonnigen Nachmittag, als sie mit Napoleon Kontakt aufnimmt, dass sie das Gefühl habe, seine Seele wäre schon vor langer Zeit verschwunden und dass sie praktisch mit deren Abdruck kommuniziert: mit seiner Weisheit, seinen Erfahrungen und Gefühlen. Sie wisse einfach, dass sie das als Medium übersetzen müsse. Angesichts der Tragweite dieses Moments waren sogar wir einmal zu überwältigt, um ihn irgendwas Dummes zu fragen. Trägst du immer noch diesen großen Hut? Wie findest du es, dass man ein Eclair nach dir benannt hat? Nichts da. Wenn man die Chance hat, 30 Minuten mit einem Typen zu verbringen, der vor 200 Jahren ganz Europa in Schutt und Asche legte, sollte man das Beste draus machen, finden wir.

Vice: Also, Napoleon, was hältst du davon, dass die Leute dich mit Hitler vergleichen?

Napoleon:
Hitler und ich hatten denselben Antrieb. Wie auch er, war ich darauf aus, der alleinige Herrscher der Welt zu werden. Das ist etwas, was wir gemeinsam haben. Der Grund, der dahinter steckte, war bei uns aber sehr verschieden. Hitler machte das, um sein eigenes Volk zu retten, weil es gerade eine schwere Zeit durchmachte. Er wollte den Menschen Arbeit verschaffen und er wollte Deutschland in eine Macht verwandeln, die am besten die ganze Welt regieren sollte.

Hm, OK … du bist tot, also lassen wir das jetzt mal durchgehen.

Jedenfalls war es bei mir anders. Ich tat es, um mein Selbstwertgefühl zu stärken. Im Inneren war ich sehr klein—jemand, der sich hinter einer Maske versteckt. Ich wollte Frankreich vergrößern und das nicht, um meinem Volk Arbeit zu verschaffen, sondern um die Alleinherrschaft zu erringen. Umso mehr Siege ich errang und Land mein Eigen nannte, desto euphorischer wurde ich. Es versetzte mich in eine Art Rausch und ich brauchte das. Eine Niederlage war eine sehr schwerwiegende Sache für mich, denn ich war ein schlechter Verlierer. Aber jede Niederlage machte mich nur noch ent-schlossener, mich zu rächen und noch mehr Land unter meine Kontrolle zu bekommen.

Siehst du die Europäische Union als die Vollendung deines Projekts?

Ihr seid zu schwach. Ich wollte Europa zum Zentrum der Welt machen. Ihr seid nicht mehr das Zentrum. Ihr seid zu einem bloßen Pfand anderer geworden.

Hättest du lieber im 21. Jahrhundert gelebt?

Ja, ich möchte gerne reinkarniert werden. Aber ich möchte nicht als Napoleon zurück-kommen. Meine Seele wird die Rolle von jemand anderem übernehmen. Napoleon wurde im 18. und 19. Jahrhundert ge-braucht. Ich war sehr wichtig für die west-liche Zivilisation, für die Gesetzgebung und was soziale Fragen betrifft.

Was hältst du von Sarkozy?

Ich bin absolut gegen seine Art von Macht. Ich habe nie auf irgendwelche Leute gehört. Ich habe vielleicht manchmal um Rat gefragt, aber ich musste mich nicht danach richten. Wer auch immer heute der Präsident Frankreichs ist, ist für mich lediglich eine Marionette der Leute, die ihn wählen.

Die Leute streiten über deine Todesursache. Könntest du uns etwas darüber sagen?

Zum Schluss haben die Leute sich nur noch lustig über mich gemacht. Am Anfang bekam ich hervorragende Sachen zu essen, aber gegen Ende gab man mir sehr wenig oder gar nichts mehr. Man hat mich gebrochen. Ich wurde nicht verfolgt. Ich wurde nicht gefoltert. Ich wurde nur verspottet. Sie haben mich hungern lassen. Ich wurde ausgelacht und erniedrigt und schließlich einfach vergessen. Ich habe oft versucht zu fliehen, aber es gelang mir nicht. Sie haben mich krank gemacht. Könnten wir zur nächsten Frage kommen? Diese Frage ist mir nicht so angenehm.

Kein Problem, Eure Hoheit. Warum hast du immer die Hand in die Jacke gesteckt?

Es hatte mit meinem Herzen zu tun. Ich legte die Hand auf mein Herz. Es war mir wichtig, meinen Herzschlag zu spüren. So blieb ich in Kontakt mit mir selbst. Wenn man sich die Hand aufs Herz legt, entspannt man sich. Indem ich meine Hand auf mein Herz legte, fühlte ich mich stärker und mächtiger.

Bist du immer noch sauer, dass die Engländer dir bei Waterloo den Arsch versohlt haben?

Nein, ich bin ja nur ein seelischer Abdruck. Seelische Abdrücke sind nicht wütend. Dieser Abdruck besteht aus all dem, was man in seinem Leben erlebt hat—umgewandelt in Weisheit und Bewusstsein. Mit diesem Bewusstsein kehrt man in ein anderes Leben zurück, bis man genügend Bewusstsein angesammelt hat, um nicht mehr zurück zu müssen. Dann kann man selbst entscheiden, ob man noch eine Aufgabe übernehmen möchte oder nicht. Was ich getan habe, war nicht meine Aufgabe. Ich werde noch ein paarmal zurückkehren müssen.


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