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DOS & DON'TS
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(DON’T) FUCK (WITH) THE PASTLaibach sind missverstandene Geschichtslehrer—mit AbsichtIn der Nacht, als Laibach 2003 im Rahmen ihrer Tour zum Album „We Are Time“ in der Volksbühne spielten, kam ich mit meiner deutschen Ex-Freundin zusammen. Als wir uns trennten, flüchtete ich aus Berlin und verpasste Laibachs „Volk“-Konzert, bei dem sie ihre Interpreta-tionen von 14 verschiedenen Nationalhym-nen zum Besten gaben, darunter die der deutschen und der israelischen.Als ich, als jüdischer Nachfahre von Holocaust-Überlebenden, zum ersten Mal nach Berlin kam, erwartete ich, dass die Geschichte mir in die Eier treten würde. Stattdessen empfing mich eine durch und durch hedonistische Gegenwart: Berlin war eine Ansammlung von strahlend glücklichen Menschen, die nichts anderes taten, als die ganze Nacht zu feiern und tagsüber in Cafés ihre Brummschädel auszukurieren. Wenn ich mal mit Geschichte konfrontiert wurde, dann stets in einem romantischen, halbironischen Kontext. So hatten meine Ex und ich unser erstes Date im Nazi-Flughafen Tempelhof, den beide von uns nie zuvor besucht hatten. Drei Jahre später wurde ich von der gleichen Frau belogen und betrogen, und mitten in meinem tiefsten Herzschmerz holten mich die Geister der Stadt ein. Nun wäre es lächerlich und respektlos gegenüber meiner familiären Vergangenheit, die Trennung von meiner Freundin mit den Verbrechen der Nazis an den Juden zu vergleichen. Aber ich konnte nicht anders, als eine Parallele darin zu entdecken, wie meine Freundin sich, ähnlich wie Deutschland in den 30ern, von einem selbstbewussten, attraktiven und zukunfts-gerichteten Riot Grrrl in etwas sehr Häss-liches verwandelte, das sich schon die ganze Zeit in ihr versteckt hatte. Ich vermisse die Zeit, als ich noch nicht wusste, was ich heute weiß. Unsere goldenen Jahre, begraben, statisch und scheinbar unveränderlich, unverzeihlich. Oder doch nicht? Verhält sich Geschichte dynamisch? Kann ich aus ihr lernen? Sie überwinden? Dies sind einige der zentralen Fragen, mit denen sich die Band Laibach auseinandersetzt. In Laibach finden sich all meine Obsessionen vereintdie blutige Geschichte Europas, die Randgebiete der Populärkultur, alberne Uniformen und Exfreundinnen. Laibach ist der Schlüssel. Die Art und Weise, wie sie das Mythische, Heroische, Tragischeaber auch das sehr, sehr Lustigeaus jener Vergangenheit extrahieren, die wie eine Banalität des Bösen erscheint, hilft mir irgendwie. Es hilft mir, nicht nur das Land zu verstehen, in dem ich geboren wurde und das ich verließ (Israel), sondern auch das Ende meiner romantischen Beziehung zu Berlin. Ein Blick auf die 2003er Setlist offenbart zugegebenermaßen eine Menge Warnhinweise: „Achtung!“, „Ende“, „Now You Will Pay“, „Hell: Symmetry“, „Das Spiel ist aus“, „The Great Divide“ und, haha, „Anti-Semitism“. Laibachs Auseinandersetzung mit Ge-schichte beginnt bei ihrem Namen: Ljubl-jana, die Stadt, in der sie arbeiten, wurde einst so genannt, unter anderem als sie von den Nazis besetzt war. In ihrer Ästhetik sind sie verwirrend und widersprüchlich, eine subversive Mischung aus den Kunstbe-wegungen des 20. Jahrhunderts und der totalitären Regime, wie dem Dritten Reich und dem jugoslawischen Kommunismus, in dem sie aufwuchsen. Dazu trägt der Sänger etwas, das aussieht wie ein Kopfschmuck aus dem alten Ägypten oder vom Mars. Laibach scheinen nicht in unsere Zeit zu gehören, aber nicht, weil sie keine Emo-Frisuren tragen oder wie Überbleibsel aus den 80ern wirken. Dabei waren sie zweifellos in den späten 80ern und frühen 90ern am einflussreichstenich spreche hier nicht nur von musikalischem Einfluss, ich spreche von einigen Hundert Kroaten, die mit Hilfe von gefälschten Pässen aus dem Kriegsgebiet fliehen konnten. Pässe, die von Laibach ange-fertigt wurden, genauer gesagt von dem Kunstkollektiv „Neue Slowenische Kunst“, dem Laibach als musikalischer Ableger angehören, das aber auch die Bereiche Design, Malerei, Theater und „reine und angewandte Philosophie“ umfasst. Ich be-sitze einen NSK-Pass und er sieht ziemlich echt aus. Während also Laibach für viele eine Band aus den 80ern sind (was vor allem die Schuld jener Fans sein dürfte, die ihre „Martial Industrial“-Phase glorifizieren), so stehen sie doch außerhalb der Zeit. Ähnlich wie Sun Ra klingen sie altertümlich und futuristisch zugleich. Und wie es sich für ein ordentliches Kollektiv gehört, beantworten sie Fragen, ohne bekannt zu geben, wer von ihnen genau antwortet. Ich weiß es zwar, aber ich bin NSK-Diplomat, deshalb behalte ich es für mich. Vice: Habt ihr Kindheitserinnerungen an bedeutende historische Ereignisse? Laibach: Natürlich, wir erinnern uns an alle wichtigen Ereignisse: Der erste Mensch auf dem Mond, die Ermordung der Kennedys, Titos Weltreisen und sein Besuch in unserer Heimatstadt Trbovlje, als wir Kinder waren, die Gründung der Bewegung der blockfreien Staaten, Aufstieg und Fall der Beatles, die Tode von Jimi, Brian, Janis und Jim, die russische Befriedung der Tschechoslowakei, die Studentenbewegung und ihre anarchischen Ideen und die Veröffentlichung des Songs „Je t’aime … moi non plus“ im Jahre 1969. Ist es wahr, dass die Punkbewegung in Jugos-lawien von der Regierung nicht nur toleriert, sondern sogar unterstützt wurde? Sie wurde nicht wirklich unterstützt, aber auf jeden Fall toleriert. Natürlich nur so lange, bis Laibach auftauchte. An was für andere historische Besonder-heiten in Jugoslawien und im gesamten Ost-block könnt ihr euch erinnern? Wir können schlecht für den ganzen Ost-block sprechen, aber in Jugoslawien hatten die Menschen generell mehr Freiheiten als im Westen, auch wenn sie sich dessen nicht unbedingt bewusst waren. Das galt auch für Dinge wie Sozial- und Krankenversicherung, Renten, etc. Wie nimmt euer Album „Volk“ auf nationale Repräsentationen von Geschichte Bezug? Die Songs auf „Volk“ waren von Hymnen inspiriert, die jeweils eine Nation oder einen Staat repräsentieren. Eine Nationalhymne ist immer eine patriotische Komposition, die Geschichte evoziert und die Traditionen und Kämpfe eines Volkes thematisiert. Das Kollektivbewusstsein einer Nation spiegelt sich in ihrer Hymne. Die Tatsache, dass die Menschheit in verschiedene Nationen aufgeteilt ist, hatte historisch einen gewaltigen Einfluss. Eine Nation konstituiert sich durch die Illusion eines gemeinsamen Ursprungs und auch durch den Hass auf ihre Nachbarn. Eine Nation erstreckt sich über alle Generationen, die Toten sind ebenso ihre Mitglieder wie die zukünftigen Nachkommen. ![]() In unseren postmodernen Zeiten, wo alterna-tive Geschichtsschreibungen, Verschwö-rungstheorien und dekonstruktivistische Les-arten allgegenwärtig sind, hattet ihr da jemals Angst, dass Laibach durch die Art der Geschichtsinterpretation zu einer Schwä-chung von historischer Normativität und Kontinuität beitragen könnte? In der Welt von Akte X und 9/11 fällt etwa die Idee der Holocaust-Leugnung auf fruchtbaren Boden. Wie beurteilt ihr eure Verantwortung gegen-über historischen Tatsachen? Tatsächlich interessieren wir uns nicht besonders für Tatsachen. Wir sehen und ver-stehen Geschichte als Fiktion und unsere größte Verantwortung ist es, unverantwort-lich zu sein. Glaubt ihr, dass man zu einer stärkeren und stabileren Person wird, wenn man in einem kommunistischen Staat aufwächst, der eine bestimmte Mythologie propagiert (in diesem Fall die des dialektischen Materialismus)? Seid ihr besser für das Leben gewappnet als die Kinder des kapitalistischen Individua-lismus? Da haben wir keinen Zweifel. Auf jeden Fall sind wir resistenter gegenüber der materiellen Welt als die Kapitalisten-Babys. Wenn ihr euch anschaut, welche Bands einen „altertümlichen“ Look pflegen, dann kom-men sie meist aus der Metal- oder Disco-Ecke (Earth Wind & Fire hatten eine „ägyptische“ Phase und eine ehrenhafte Erwähnung gebührt der deutschen Eurovision Band Dschingis Khan). Könnt ihr dafür eine Er-klärung anbieten? Du vergisst Sun Ra, Parliament, Boy George, Axl Rose, Run DMC, Jamiroquai, etc. Eigentlich haben fast alle Rockmusiker einen „altertümlichen“ Look, von Led Zeppelin bis Marilyn Mansonwenn man bedenkt, dass sie ihre langen Haare im Grunde Jesus Christus und seinen Jüngern verdanken. Laibach trugen schon die Uniformen von Grubenarbeitern, Soldaten und Jägern, aber auch Wander- oder Skiausrüstung und allerlei Eigenkreationen und Kombinationen daraus. Die Kopfbedeckung des Sängers ist zum Teil ein Ersatz für lange Haare und zum Teil ein ganz praktischer Schutz. Es hat nicht viel mit ägyptischer Mythologie zu tun. Was ist Laibachs Reaktion auf Fukuyamas These vom Ende der Geschichte? Nichts. Es ist nicht passiert. Viele der „martialischen“ Industrial-Bands, die sich an Laibachs Frühwerk orientieren, lehnen Modernismus, Liberalismus und sogar das ganze Projekt der Aufklärung ab. Sie sehen es als Fehler, als Irrweg der Geschichte, als Untergang eines vermeintlich goldenen europäischen Zeitalters. Wie positionieren sich Laibach zwischen einer krisengeschüttelten Demokratie und einer glorifizierten Vergangenheit, als jeder noch einen festen Platz in der Hierarchie hatte? Laibach wurden immer falsch verstandenaber dagegen haben wir gar nichts. Es gibt eigentlich keine Art, wie man Laibach falsch verstehen könnte. Ein Missverständnis ist genauso relevant wie jede andere Art von Verständnis. Wir stehen genau zwischen den beiden Seiten, die du erwähnst. Und wer weiß, vielleicht war das Projekt der Aufklärung tatsächlich ein Fehler, eine Verirrung der Geschichte. Immerhin hat die Aufklärung uns zwei vernichtende Welt-kriege gebracht. Heute ist es modern, modern zu sein, aber andererseits haben unsere Wünsche, Gefühle und unser Begehren ihre Wurzeln tief in der Vergangenheit. Um die gleiche Frage noch mal viel einfacher zu formulieren: Glauben Laibach, dass früher alles besser war? Vielleicht war es früher besser, aber es tut nichts zur Sache. Die Geschichte wird von Menschen gemacht und man kann sie weder wiederholen, noch hinter sich lassen. Sollte die junge Generation auf den Rat der Älteren hören? Ja, aber nur um anschließend genau das Gegenteil zu tun. AVI PITCHON Laibachs Volk ist bei Mute erschienen. www.myspace.com/laibach
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