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BLUTSPRITZER AUF GÄNSEBLÜMCHEN IN DER SONNE

Ein Interview mit Siouxsie Sioux

INTERVIEW: STEVE LAFRENIERE, FOTOS: SØLVE SUNDSBØ/ART + COMMERCE
Make-Up: Siouxsie Sioux  Haare: Mark English  Outfit: Pam Hogg

Siouxsie Sioux hätte im September 1976 niemals damit gerechnet, jemals auf Welttournee zu gehen. Damals stand sie mit einer Band aus Nichtmusikern, nämlich Marco Pirroni, Steven Severin und Sid Vicious, auf der Bühne im 100 Club und kreischte hauptsächlich zu dem ohrenbetäubenden Lärm der Jungs, wenn man den Beschreibungen der damals Anwesenden glaubt. Sie versuchte sich in einer Interpretation des Vaterunsers, während sie dem Gespucke der Zuschauer auswich. 30 Jahre später beinhaltet die Show Roadies, Lichteffekte und Kostümwechsel. Aber das Schicksal hat seine eigenen Pläne. Sechzehn Siouxsie and the Banshees-Alben, zehn Creatures-Alben und eine unfassbare Anzahl von Singles, darunter große Hits: „Hong Kong Garden“, „Dear Prudence“, „Cities and Dust“, „Peek-a-Boo“ und „Israel“. Später ist sie mit ihrem Soloalbum Mantaray weiterhin bestens im Geschäft und versetzt die Leute mit ihrem Glitter-Glam-Voodoo-Ding immer noch in bittersüßen Schmerz. Nach ihrer kürzlichen USA-Tournee rief Vice sie in Frankreich an.

Vice: Wo in Frankreich bist du gerade?

Siouxsie:
Im Südwesten, in der Nähe von Toulouse und Bordeaux. Wir sind nicht weit von den Pyrenäen.

Und Spanien. Also bist du nach deiner Solotour wieder auf dem Weg nach Hause?

Ja. Wir waren im Februar in den Staaten. Danach in Großbritannien und haben eine paar Gigs in Orten außerhalb Londons gespielt, was ich schon seit über zehn Jahren nicht mehr gemacht hatte, und schließlich auch London. Im Shepherd’s Bush Empire gab es eine echt tolle Show.

Wie findest du die USA jetzt so?

Diesmal hat mir Amerika echt Spaß gemacht. Wir haben außer ein paar ausgewählten Klassikern fast ausschließlich neues Material gespielt und die Reaktionen waren super. Viele treue Fans, aber es kommen definitiv auch neue, jüngere Fans.

Unsere letzte Show war in Orange County, Kalifornien, und da waren diese ganzen superjungen Kids—natürlich in Begleitung ihrer Mütter. Ein Mädchen, die war so um die neun oder zehn, konnte alle Texte mitsingen.

Ich kann mir vorstellen, dass Kinder ein Siouxsie Sioux-Konzert toll finden, klar.

Meine Catsuits waren echt der Hit, glaube ich. Mit meinem Emma Peel-Look habe ich sie echt gekriegt.

Empfindest du dein neues Soloalbum als eine Fortsetzung deiner Arbeit mit den Banshees und den Creatures?

Was die Texte betrifft, ist dieses Album sehr viel direkter als die anderen. Ich habe mich persönlich stark verändert. Und über die Jahre habe ich auch viele Aspekte der Popwelt und der Musik-industrie und des Lebens überhaupt gesehen.

Du warst mittendrin in der Stinkbombe des 1976/77er Punk, aber deine erste Platte kam erst 1978 heraus.

Ja, wir waren die letzten von diesen Bands, die unter Vertrag kamen. Wir haben uns aus einer Menge von diesem Scheiß rausgehalten, wo es nur darum ging, das, was in den Anfangsjahren los war, auszubeuten. Außerdem hat die Tatsache, dass ich eine Frau bin, viele Labels abgeschreckt. Sie konnten mit einer Band samt junger Frau mit „Attitüde“, wie sie es nannten, nichts anfangen. Als wir unter Vertrag kamen, hatten wir schon unser eigenes Publikum und waren nicht mehr auf den Hype angewiesen und mussten uns nicht darauf einlassen, wie die Plattenfirmen normalerweise vorgehen.

The Scream wäre 1976 wahrscheinlich noch nicht so erfolgreich gewesen. Als es 1978 herauskam, war das musikalische Vokabular gerade wieder dabei, sich zu erweitern.

Genau. Für mich bedeutete der frühe Punk aber etwas, das ein bisschen weiter und umfassender war als das, was dann daraus wurde. Es wurde sehr klischeehaft, das Drei-Harmonien-Wunder, bla bla bla. Und sehr männlich. Am Anfang war es toll, eine Frau zu sein. Wenn Leute den Punk heute darstellen, entgehen ihnen diese Aspekte oft. Es ging in Wirklichkeit viel mehr darum, die Dinge aufzumischen und es wurden viele Veränderungen erreicht. Musikalisch auch, aber hauptsächlich auf sozialer Ebene.

Es wird nicht oft erwähnt, aber Punk wurde ursprünglich auch von sehr vielen Schwulen und Frauen mit ins Rollen gebracht.

Das sollten die Leute unbedingt mal verstehen! Es kotzt mich echt an, wenn nicht das komplette Spektrum dargestellt wird. Sie leiern immer die üblichen Verdächtigen runter und achten nie auf die Vielfalt dessen, was da abging. Wenn man diese Facetten unter den Tisch kehrt, wird das Ganze weniger bedrohlich.

Du hast Probleme mit dem, was sich dann zu Hardcore entwickelte.

Oh, das habe ich gehasst. Wie einfallslos und widerlich. In England hatten wir die Angelic Upstarts und Sham 69. Diese ganze „Oi! Oi! Oi!“-Fußballmusik.

Aber was ist mit den Batcave Kids, die dich als eine Art Queen of Darkness verehrten?

Das ist schon wieder ein sehr einseitiger Blick auf einen Aspekt der Band. John McGeoch sagt zum Beispiel, dass das ganze Batcave-Ding sich um richtige Monster und Randgestalten drehte. Bei uns geht es nicht um Eimer voll Blut, sondern mehr um die Spannung von Blutspritzern auf Gänseblümchen in der Sonne.

Ja, deine Stimme hat diese besondere Spannung und Mystik immer verkörpert. Sie ist manchmal ein schon fast monströses Instrument.

Stimmt, aber das kommt auch daher, dass ich nie eine musikalische Ausbildung hatte. Eine Menge Musiker und Sänger wollen außerdem wie jemand anderes klingen. Ich wusste von dem Moment an, als ich anfing, Musik zu machen, dass ich nicht wie jemand anderes klingen wollte. Ich kann mich noch erinnern, wie ich etwas von William Burroughs las, wo es hieß, dass man seine Stimme als Instrument verwenden soll, aber auch als Waffe. Dass ein Ton Glas zum Zerplatzen bringen kann und eine Bassnote dazu führen kann, dass den Leuten die Eingeweide rausfallen.

Der sogenannte „brown sound“.

Ja. Ich weiß noch, wie ich dachte, „Hmm, das klingt gut.“ Und folglich hatte ich 1979 beim ersten Mal im 100 Club drei Mikrofone, die aneinander befestigt waren. Ich war so naiv und dachte, dass es einen fiesen Effekt geben würde. [lacht] Natürlich sind drei Mikro-fone halt einfach nur drei Mikrofone.

Manchmal bin ich mir nicht mal sicher, welche Nationalität deine Stimme hat.

Viele englische Sänger haben einen amerikanischen Akzent, mit diesem komischen gedehnten Klang. Aber unser Klang war immer—in Ermangelung eines besseren Wortes—europäisch. Was echt ironisch ist, denn ich bin mit jeder Menge Sixties-R&B aufgewachsen Atlantic, Tamla, Motown. Aber auch Klassik, Filmmusik und den englischen Künstlern, wie Bolan, Roxy und Bowie. Ich bin sehr wählerisch damit, was für Sänger ich mag.

Gehört Julie Driscoll da mit dazu?

Ja! Ich habe ihre Version von „This Wheel’s on Fire“ gecovert.

Noch jemand mit einer großen Stimme und einem schwer einzuordnenden Akzent.

Nico gehört da auch dazu. Und außerdem eine Menge männlicher Sänger, die nach meinem Empfinden auch eine eigene Stimme haben, wie Jim Morrison und Iggy Pop. Ich fand sogar Hendrix’ Stimme toll. Und Howlin’ Wolf. Einfach unverwechselbar. Ich habe keine Ahnung, wie die Leute eine Stimme danach bewerten können, ob sie hübsch ist oder den Ton trifft.

Du bist so krass, wenn du live auftrittst. Machst du all diese Dinge, die unter Sängern so üblich sind, um deine Stimme zu schützen?

Wenn man viel tourt, ist das für die Stimmbänder sehr anstrengend. Eine Sache, die ich in letzter Zeit gelernt habe, ist, Aufwärmübungen zu machen, bevor ich auf die Bühne gehe.

Bist du je auf die Bühne gegangen und es kam einfach nichts aus deinem Mund?

In der Vergangenheit schon. Ich bin schon auf die Bühne gegangen, obwohl ich wusste, dass ich eine Kehlkopfentzündung habe—das schlimmste Gefühl der Welt. Am Anfang haben wir oft fünf oder sechs Tage hintereinander gespielt und sind zwischendurch gereist. Diese Quälerei verträgt die Stimme nicht. Ich träumte dann immer davon, eine Background-Sängerin zu sein und nicht im Spotlight stehen zu müssen. Aber es gibt auch Sänger, die immer mehr oder weniger auf derselben Tonhöhe bleiben. Sie drücken die Stimme weder nach oben, noch nach unten. Es spielt sich alles in der mittleren Tonlage ab.



Es ist wirklich erstaunlich, dass du nie mit einem Stimmtrainer gearbeitet hast.

Als ich wusste, dass ich versuchen wollte zu singen, schickte mich unser damaliger Manager zu Tony de Brett, der, glaube ich, schon versucht hatte, Johnny Rotten das Singen beizubringen. [lacht] Na ja, ich bin jedenfalls hingegangen und hatte eine Stunde mit ihr und dachte: „Hm, OK …“

Ich muss sagen, deine Live-Auftritte sind eine Offenbarung. Du wirkst, als würdest du irgendeine Art von Transformation durchmachen.

Ich liebe es zu touren und live aufzutreten. Richtig loszulegen und sich von keinerlei physischen oder sonstigen Hindernissen zurück-halten zu lassen. Auch die Feinheiten, die Kontrolle, die man über das Ganze hat. Es ist alles sehr befreiend.

Du hattest vorhin schon mal euren Gitarristen aus den 80ern, John McGeoch erwähnt.

Mit Abstand der beste Gitarrist dieser Ära. Viele jüngere Musiker, wie Radiohead und Johnny Marr, zitieren ihn.

Er war fantastisch in Magazin und später in Nick Caves Band. Wie schreibt man mit so einem Gitarristen Songs? Den Text zuerst?

Wir arbeiteten auf sehr informelle Weise. Erst spielten wir zusammen im selben Raum, wo wir nah beieinander saßen, und ich beschrieb die Sachen. Ich hatte eine Melodie für die Vocals und er dachte sich dann was dazu aus. McGeoch war sehr anpassungsfähig und fantasievoll, aber ich glaube nicht, dass er vorher schon mal auf diese offene Art und Weise gearbeitet hatte.

Warte mal kurz, die Banshees waren eine Jam-Band?

Ja, es war ziemlich offen. Wir haben sogar auf der Bühne Material gespielt, das noch nicht völlig ausgereift war.

Ihr wart bekannt für eure improvisierten B-Sides.

Wir haben so ziemlich jedes Jahr ein Album rausgebracht und sind viel getourt. Daher habe ich mich immer sehr auf die B-Side-Sessions gefreut, weil es eine Möglichkeit war, wieder dazu zurückzukehren, wie wir zu Anfang gearbeitet hatten. Wir gingen dann für zwei oder drei Tage ins Studio und schauten einfach, was dabei rauskam. Und das konnte so ziemlich alles sein. Normalerweise waren es Severin, Budgie, ich und was wir im Studio so fanden—manchmal war das halt nur ein Klavier. „OK, wir haben drei Tage und wir müssen zwei Songs schaffen. Schau’n wir mal, was passiert.“ Ich finde manche der B-Sides besser als die eigentlichen Album-Tracks, besonders bei den späteren Alben. „Peek-a-Boo“ war zum Beispiel ursprünglich als B-Side entstanden.

OK, ein anderes Thema. Ich fand immer, dass die Banshees eine „Filmband“ waren.

Auf jeden Fall. Von The Scream an kann man das klar hören. Diese Bernard Herrmann-mäßigen Tracks und Schostakowitsch. Wir fuhren alle auf Filme ab und hatten unsere Lieblingssoundtracks.

Wen magst du im Film momentan?

Tarantino liebt Musik. Ich mag es, wie er Kontraste benutzt. Für eine harte Szene benutzt er etwas ganz Leichtes. Und David Lynch natürlich.

Keine französischen?

Ich spreche zwar französisch, aber im Film geht es mir zu schnell. Ich muss sagen, dass ich mich nicht so sehr bemühe, französische Regis-seure auszuchecken. Aber der Typ, der Delikatessen gemacht hat, wie war sein Name …

Jean-Pierre Jeunet.

… genau, er hat eine Reihe Filme gemacht, die ich toll fand. Und erinnerst du dich an La Haine?

Der Skinheadfilm?

Ja. Vincent Cassel war der Hammer. Er war in dem letzten Cronen-berg-Film zu sehen, Tödliche Versprechen. Da ist er dieser verwöhnte Typ. Cronenberg ist mal so, mal so. Ich hab ein paar gesehen, die ich überhaupt nicht mochte. Erinnerst du dich noch an Existenz? [lacht]

Aber warum gibt es eigentlich noch keine Siouxsie-Filme—immerhin hast du schon in einem John Maybury-Film mitgemacht und Regisseure wie John Hillcoat angeheuert, um eure Videos zu drehen?

Ehrlich gesagt, hat man mich noch nicht gefragt. Vor Ewigkeiten wollten sie mal, dass ich in Breaking Glass mitspiele.

Dieser 80er-Jahre New-Wave-Quatsch? Seltsam.

Ich bin so froh, dass ich schlau genug war, nein zu sagen. Wenn ich bei einem Film mitmachen würde, dann wäre das Letzte, was ich spielen wollen würde, eine Sängerin. Ich habe gerade bei einem neuen Film von John Maybury mitgemacht, The Edge of Love. Er ist über Dylan Thomas. Angelo Badalamenti hat die Musik gemacht und ich habe mit ihm zusammen an einem Lied gearbeitet. Aber eine Rolle hat man mir noch nie angeboten. In einem guten Film würde ich sogar einen Cameo-Auftritt machen.

Ich hab schon einiges über diese Dylan Thomas-Biografie gehört. Liest du viel?

Bücher sind eins der wenigen Dinge, die ich sammle. Ich will immer mehr und mehr lesen, und das ist etwas, das ich vermisse, seit ich in Frankreich lebe. Ich kann nicht einfach in einen Buchladen gehen und mich umsehen. Obwohl es eine Menge französischer Autoren gibt, die ich liebe. Sartre, Camus. Samuel Beckett mag ich auch sehr und deutsche Schriftsteller wie Patrick Süskind.

Du hast vorhin auch Burroughs erwähnt.

Du erinnerst dich vielleicht, wie Bowie in den 70ern immer Burroughs zitierte. Indem wir Musikfans waren, bekamen wir eine Vorstellung von literarischen Dingen.

Und dann musstest du losziehen und einen Laden finden, der diese Sachen verkaufte.

Ja, es war eher ein soziales Ding und du hast versucht, mit Leuten in Kontakt zu treten. Damals dachte jeder natürlich, dass er völlig isoliert und der einzige Freak auf der ganzen Welt sei. Loszuziehen und Leute zu treffen, sei es bei Konzerten oder auf der Suche nach Büchern—die Freundschaften, die ich in der Zeit schloss, waren sehr wichtig. Mit manchen von ihnen habe ich immer noch Kontakt.

Wie ist es so, 50 zu sein?

Ich find’s gut. Es gibt viele Dinge, bei denen ich sage: „Oh, das macht jetzt plötzlich Sinn.“ Dann kann ich sie endlich vergessen.


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