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ICH LIEBE MODE
„Du kannst nicht mit den Revolutionen deiner Eltern bekleidet rumlaufen.“
VON CHRISTOPHER BOLLEN
Eine Sache möchte ich als Erstes klarstellen: „Ich liebe Mode“ zu sagen, ist ungefähr das Gleiche, wie „Ich liebe Hunde“ zu sagen oder „Ich liebe Demokratie“. Demokratie zu lieben, heißt nicht, sie die ganze Zeit und unter jeglichem Vorzeichen zu lieben, zum Beispiel, wenn irgendein Wichser die Stimmen des tollen Souveräns gewinnt. Und Hunde zu lieben, heißt nicht, dass man lächelnd zuschaut, wenn Killerbestien Kinder zerfleischen. Die Mode hat viele Schmuddelecken und viele verachtenswerte Charaktere, die sich in ihre Ränge schummeln. Letztendlich mag es naheliegend sein, zu glauben, dass der Mode weder die Seele der Kunst, noch der Geist des guten Glaubens innewohnt. Im Prinzip ist es nichts anderes als der glorifizierte Kommerz. Auf diese Art betrachtet, ist Mode glamouröser Kapitalismus. Sie wird auch bezichtig, der Grund für Essstörungen, die Entwertung der Religion, verschlüsselte Vergewal-tigungsfantasien, den Verfall jeglicher Bedeutung, den Tod der Subkultur, die Verweiblichung der Männer (Eigentlich heißt es die Entmannungaber macht das Sinn?) und die Vermännlichung der Frauen zu sein. Das Gleiche trifft zugegebenermaßen auch für den Rock’n’Roll zu. Aber was bleibt uns dann noch übrig? Bedeutet das, dass wir uns schuldig fühlen sollten, wenn wir uns an Kleidern erfreuen, die für uns gestaltet worden sind? Oder lieber als Opfer und von der Werbung verleitete Trottel, weil wir etwas Neues und Seltsames wollen, als ob es uns besser gehen würde, wenn wir Overalls aus Rohbaumwolle tragen würden, solange sie nicht von Adam Kimmel oder Ann Demeulemeester sind?
Ähnlich wie die Kunst ist die Mode nach wie vor eine der wenigen professionellen Optionen, die auch unangepassteren Gestalten offen stehen. Ich bin dieser Industrie dankbar, dass sie die Exzentrizitäten und die marginalisierten Lebensstile ihrer wichtigsten Akteure immer wieder empor gehoben und ihr Schaffen in Produkte verwandelt hat, deren Wirkung bis in Zonen vorstößt, in denen noch viele der alten Klischees vorherrschen. Man kann den Leuten keinen Vorwurf daraus machen, wenn sie das einzige Spiel spielen, bei dem man sie mitmachen lässt.
Es ist oft darauf hingewiesen worden, dass Mode subversive Codes jeglicher Bedeutung beraubt und sie als populäre Ware vermarkten würde, wodurch ihre zuvor explosiven Potenziale neutralisiert werden: Als die Avantgarde-Designer Viktor und Rolf in ihrer Herbstkollektion 2008 Sicherheitsnadeln verwendeten, eigneten sie sich den Punk an, ohne seinem schmuddeligen Rebellionsethos treu zu bleiben oder seiner spektakulären Verweigerung (obwohl man den Models das Wort „No“ ins Gesicht geschrieben hatte). Die Mode ist dazu da, die Bevölkerung der Welt einzukleiden und muss gleichzeitig die Spinnereien, die Designer, die Ladenbesitzer und die Verkäufer bezahlen. Dazu noch die Zeitschriften und die Anzeigenkunden, die sich für sie interessieren. Aber die Subversion ist auch Mode. Der Sinn der Subkultur ist es, sich permanent gegen die Hegemonie aufzulehnen, und wenn ihre Zeichen entfremdet wurden oder nicht mehr aktuell sind, müssen die Widerständigen neue, unerwartete, aufrüttelnde visuelle Methoden der Revolte finden. Wenn dieses Wechselspiel aus Erfindung und Aneignung kein integraler Bestandteil des Systems wäre, würden die meisten Frauen auch heute noch Hauskleider tragen und die Lederjacke stünde immer noch für Rebellion. Man kann nicht mit den Revolutionen seiner Eltern bekleidet rumlaufen. Es ist ein nostalgischer Irrtum, zu denken, dass es eine Zeit gab, wo Kleider etwas bedeuteten und dass Chanel oder H&M sich da nicht hätten reinhängen dürfen. Auf diese Weise wird Mode zu einem persönlichen System des Ausdrucks von Anpassung oder Ablehnung. Die Mode ist eine der wenigen konsequenten (vor allem aber auch absichtlich inkonsequenten) Arten, zu zeigen, wer wir als Individuen sind. Wir tragen es sprichwörtlich auf der Haut.
Aber ist das nicht alles etwas nichtssagend und hohl? Ist es nicht nur ein hübscher Gag, der auf einem sinnentleerten Verlangen beruht? Ich dachte das zunächst auch, aber ich denke ebenfalls, dass es einen Moment gibt, in dem man selber Verantwortung für Fragen der Leere oder des Sinns übernehmen muss. Ist man als Mensch wirklich weniger wert, wenn man ein Logo trägt? Das klingt nach einer eher düsteren Prognose für die Stärke der Identität der Menschen. Nicht alle kreativen Radikalen arbeiten außerhalb des Systems Sogar elitäre Menschen müssen die Tatsache anerkennen, dass wirkliche Veränderung (change, change, and always change) die größte Aussicht auf Erfolg hat, wenn sie der Welt mit einer Art Händedruck begegnet. Ist Mode Kunst? Die interessantere Frage ist doch: „Ist Kunst Mode geworden?“ Das ist nach wie vor etwas, das man nicht fragen darf. Die bildende Kunst macht ein Riesentrara, wenn man sie mit der Mode vergleicht, weil sie weiß: Das würde bedeuten, zuzugeben, dass das, was ihre Revolutionen tat-sächlich vorantreibt, nichts anderes ist als der Markt. Was ist zweifelhafter: etwas in dem vollen Bewusstsein zu erschaffen, dass es sehr wohl ein Preisschild bekommen wird und dass es Teil einer Ökonomie ist, von der es bis zu einem gewissen Grad mitbestimmt wird, oder so zu tun, als würde man immer noch außerhalb des Systems liberale Gesten fabrizieren, während man selbst und seine Galerie von den Nebenprodukten dieser Gesten fett und rund wird? Da bewundere ich fast die Ehrlichkeit der Modewelt. Sie macht sich nichts vor, wenn es darum geht, wie weit der Markt eine Rolle in ihren Entwicklungen spielt. Die Kunst könnte in ihrer Garderobe auch einen ehrlicheren Spiegel gebrauchen.
Letztendlich liegt die Schattenseite der Mode in der Fetischisierung sich ständig wandelnder Objekte. Die Sonnenseite ist aber, dass es sich dabei immer noch um ein individuelles Spiel der Entscheidungen handeln kann. Solange wir uns mit Stoffbahnen bekleiden müssen, werden diejenigen, die bereit sind, die Würfel selbst in die Hand zu nehmen, sie für sich gebrauchen, mit ihnen herumzuexperimentieren und sie zu Werbetafeln oder Vorzeigemodellen verarbeiten. Selbst wenn man Mode hasst, heißt das immer noch, dass man sich ihrer Macht bewusst istund alles was Macht hat, kann benutzt, angeeignet oder in andere Bahnen geleitet werden. Wir wollen nicht, dass aus unseren Leben bloßer Lifestyle wird, denn Luxusmarken sind schnell erschaffen. Aber die beste Art, nicht zu einem Sklaven der Mode zu werden, ist ihr Potenzial willkommen zu heißen und zu umarmen. Sklaven umarmen ihre Meister nicht. Verweigerung ist nicht gleich Revolution. Probieren wir doch mal, wie das so passt.
Christopher Bollen war der Chefredakteur des V-Magazine
und von VMAN
und mitwirkender Redakteur bei Visionaire
, bis er uns gerade mitteilte, dass er jetztkein großes DingIngrid Sischy als neuer Chefredakteur der Zeitschrift Interview
ersetzt.