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Die Berliner halten’s einfach und ungepflegt, was aber nach diesem krassen Sommer des New-Rave-Neon-Glitter und Glamour nicht sonderlich verwundert. Besonders die Typen geben sich größte Mühe, ihre Klamotten dreckig und abgenutzt aussehen zu lassen. Secondhand reicht einfach nicht mehr aus. Deine Klamotten müssen seit mindestens zwei Jahrzehnten getragen und vor allem nicht gewaschen worden sein. Es ist auch viel von diesem überzogenen Gold- und Silberschmuck in Umlauf, wodurch die Leute noch etwas mehr nach hinterhältigen Zigeunern aussehen. Glücklicher-weise tragen einige Typen einen eher klassischen, maßge-schneiderten Look mit passenden Jacken und mit weniger nach Maßschneiderei anmutenden Hosen, die dem Ganzen dann ein 20er-Jahre-Feeling verpassen.

Beide Geschlechter tragen diese omnipräsenten karierten Flanellhemden—oftmals zu groß und in die Hosen gestopft. Rot ist die Farbe der Wahl. Als etwas verschrobene Daumenregel gilt: Umso weiter das Hemd, desto enger die Hosen (oder sogar Leggings). Mädchen tragen auch aus übergroßen Hemden geschneiderte Kleider mit todschicken Gürteln. Am gängigsten dazu sind Chelsea-Boots für Typen und goldfarbene oder Leopardenmuster-Hackenschuhe für Mädchen.

Berliner stehen einfach drauf, so viele Modeepochen wie nur möglich in einen Look einzubringen. Kombiniere einfach eine alte Jeansjacke von Diesel aus deiner Schulzeit mit hochgekrempelten Karottenhosen von Henrik Vibskov und den verrücktesten Stöckelschuhen, die sich auftreiben lassen, und du kannst auf die Piste. Roter Lippenstift ist zwar unmöglich aber dieser Tage sehr angesagt. Frisuren fallen sehr flauschig und etwas unorganisiert aus.

Es ist ein Wunder, dass die in Sachen Mode recht unbeständigen Deutschen immer noch nicht von dieser Hautengen-Jeans-Marotte gelangweilt sind. Ganz im Gegenteil: In letzter Zeit tragen immer mehr Leute diese Scheißdinger und zwar enger und kürzer als jemals zuvor. Ein paar Abtrünnige versuchen mit aller Macht, den Spieß umzudrehen, indem sie hochtaillierte, extraweite Schlaghosen mit kleinen süßen kräuseligen Blusen tragen. Man kann ihnen nur viel Glück wünschen.

Auf der anderen Seite wird Berlin immer und ewig seine schwulen Nachtclubliebhaber haben, die verzweifelt an ihrem Acid-Washed-80er-Jahre-Style hängen, als würde der morgen aus der Mode kommen (hihihi). Die Jacken sind meist secondhand mit Puffärmeln. Die Shirts müssen entweder ganzflächig bedruckt oder mit riesigen Buchstaben versehen sein. Bei den Turnschuhen regieren knöchelhohe Modelle von Reebok oder Nike im Retrolook. Mit diesem Style ist es wie mit Kakerlaken—selbst wenn eine Atombombe die ganze Stadt dahinrafft, die Viecher überleben.

Fotos: Christoph Voy; Styling: Sarah Sharon Carsten

CONTINUED
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