| Das weltweit erste Foto der New Yorker Galaxy Toobin’ Gang. Foto von Jaume Santaeularia. Oben rechts: Ein Legowelt-Plakat in Bergen. Foto von Theydon Bois. Unten rechts: Hercules in New York. |
Den zweiten Monat in Folge melden wir uns direkt aus New York, wo wir uns gerade mit ein paar Typen unterhielten, die eine so unglaubliche Platte gemacht haben, dass vermutlich einige hundert Leute mit dem Gedanken spielen, sie sogar zu kaufen. Wir reden hier natürlich von der Galaxy Toobin’ Gang, ist klar! Ganz im Gegensatz zu letztem Monat, wo wir ein wenig mit Andy Butler von den quasi völlig unbekannten Hercules & Love Affair plauderten. Kaum hatten wir uns versehen, strahlte uns der Typ von sämtlichen Magazincovern der Welt aus an, fast so, als ob der Hype schon wieder vorbei wäre, und wir sahen aus, als ob wir keine eigenen Ideen hätten. Schuld daran ist ihr verdammter Pressesprecher, der mich eiskalt anlog und behauptete, es würde in nächster Zeit kaum eine Story über Hercules erscheinen, dabei wusste er genau, dass es nicht stimmte und das
Vice-Interview nur das erste von unzähligen weiteren war. Am besten ich ignoriere diese PR-Fritzen in Zukunft.
Übrigens sollten wir erwähnen, dass Hercules nicht das erste Mal zu Unterhaltungszwecken in New York auftaucht. 1970 kam der Film
Herkules in New York ins Kino, mit dem muskelbepackten Newcomer Arnold Schwarzenegger in der Hauptrolle (auf Grund seines komplizierten, ausländischen Namens erhielt er das Pseudonym „Arnold Strong“). Der Film enthält ein paar echte Highlights (youtube ist dein Freund: youtube.com/watch?v=D5FpADrNcNI). Arnie alias Hercules spricht in einem echt üblen österreichischen Akzent und er freundet sich mit Pretzie an, einem kleinen dürren Typen, der ihm den liebevollen Spitznamen „Hoic“ verpasst. Ihr Verhältnis erinnert ein wenig an das von Joe Buck und Razzo Rizzo in
Midnight Cowboy. Am Endesorry, dass wir das verratenwird Hercules von einem kurzhaarigen Samson gerettet, einem, äh, biblischen Charakter.
OK, zurück zur Galaxy Toobin’ Gang. „Toobin’“, oder „tubing“, bezeichnet die lustige Aktivität, auf einem aufblasbaren Gummireifen über Schnee, Wasser und durch die Luft zu surfen. Es gab auch mal ein Videospiel
Toobin’ von Atari, das 1988 seinen Weg in die Spielhallen fand. Es war aber nicht besonders witzig. Der Gedanke, elegant durch das Weltall zu cruisen, und zwar eingekuschelt in einen gemütlichen Gummireifen wie man ihn an einem Traktor findet, dürfte den meisten von uns in schwer bekifftem Zustand schon mal durch den Kopf gegangen sein. Die Galaxy Toobin’ Gang hat jetzt den perfekten Soundtrack für diese Reise geschaffen. Schöne Erinnerungen an die frühen Autechre und Jean Michel Jarre werden da wach, während Tangerine Dream aus dem Hintergrund winken. Cooles Zeug, sollte mittlerweile bei Crème Organization erschienen sein. Das Cover wurde von Lee Douglas gestaltet, dem Produzenten des letztjährigen Meisterwerkes
New York Story auf Rong. Auf den Namen kam William Burnett, 31, als er mit seinem Musikerkumpan Eliot Lipp im Studio rumhing. Angeblich war keiner von beiden auch nur ansatzweise bekifft: „Ich erinnere mich noch, wie wir in dem kleinen Zimmer saßen und rumalberten und Eliot meinte irgendwie wir schweben durch die Galaxis und ich sagte: ‚Vielleicht auf diesen großen Gummireifen?‘ Und dann ging das so, yeah, we are totally toobin’… galaxy toobin“, erzählt Burnett. „In der gleichen Nacht haben wir das ‚Toobin’ Theme‘ gemacht. Die Sache mit der ‚Gang‘ kam später. Das war meine Idee und eine Hommage an diese alten Italo-Gangs.“
Als DJ und Moderator der Short Bus Radioshows nennt sich Burnett „Speculator“, weil seine Freunde behaupten, er würde permanent spekulieren, meistens über Platten und Synthesizer. Unter dem Namen Grackle macht er auch Musik für das Strange Life Label von Danny „Legowelt“ Wolfers. Zusammen haben die beiden mal als Smackulator eine LP für Bunker gemacht, du erinnerst dich? Um Kohle zu verdienen, arbeitet er auch noch als Trainer und Manager in einem Schwimmbad in Manhattan. „Ein cooler Job“, sagt er, „wenn keiner kommt, sitze ich nur rum und surfe im Internet.“ Eliot Lipp kennst du vielleicht als weitere Version von Prefuse 73 oder Dabrye, das heißt, seine Alben fallen in die bodenlose Lücke zwischen Elektronika und Hip-Hop. Burnett traf Lipp in L.A. auf der Smackulator-Tour und sie schraubten zusammen an ein paar Synthies.
Die vorherige Erwähnung von Legowelt veranlasst uns, auf einen feinen CD-Release von Strange Life hinzuweisen, Franz Falckenhaus’
The Europa Judgement. Der Name eines Agenten aus dem kalten Krieg, der von einem bizarren Mysterium ins nächste stolpert, ist eines von Wolfers unzähligen Pseudonymen. Das Ganze erinnert auf seltsame Art an das winterliche Wien und entführt den Hörer in eine geheimnisvolle Welt
Suspiria-esker Spannung. Das Thema wurde von Wolfers zuerst 2002 auf seiner als Squadra Blanco veröffentlichten LP
Night of the Illuminati aufgegriffen. Offenbar muss er ununterbrochen arbeiten, weil sein Gehirn vor Ideen übersprudelt. Zum Jahreswechsel schickte er uns zwei andere Strange Life-CDs, die nur aus Synthie-Klängen bestehen, Smackos
Pacific Northwest Sasquatch Research und
The Cambridge Murders von Phalangius, beide von ihm komponiert. Als wir kürzlich in Bergen waren, war dort die ganze Innenstadt mit Legowelt-Postern gepflastert. Egal, wo wir hinschauten, Danny Wolfers starrte uns an, als wäre er eine allgegen-wärtige Disco-Instanz. Es hatte etwas ungemein Beruhigendes.
PIERS MARTIN