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Von Peter Sutherland





Foto mit freundlicher Genehmigung von Edward Field.

GELIEBTES MONSTER - PART 4

Die seltsame Odyssee des Alfred Chester

TEXT: BLAKE BAILEY

Vom Flughafen aus ruft Chester seine alte Freundin Harriet Sohmers an und fragt sie, ob er ein paar Tage bei ihr wohnen könne. Sie ist hoch erfreut, dass Chester nun endlich sein zwei Jahre altes Paten-kind Milo kennenlernen wird, mit dem sie schwanger gewesen ist, als Chester nach Marokko ging. „Und hier war er nun, mein nunmehr perückenloser Liebling“, erinnert sie sich. „Dünner, härter aussehend und die blassen Augen glänzend vor Wahn.“ Er redet unablässig über die grünen Volkswagen, die ihn durch die ganze Welt verfolgen. Die Aliens, die seinen Kopf als einen Radioempfänger benutzen und so weiter. Einmal beschuldigt er sie, eine Wanze in seinem Zimmer installiert zu haben. Schließlich schnallt sie ihren kleinen Jungen sicher in einem Stuhl fest und konfrontiert Chester mit einem 20 Zentimeter langen Messer hinter dem Rücken: „Verhalte dich normal“, befiehlt sie ihm, „oder verschwinde.“

Chester siedelt in ein aufzugloses Apart-ment in der Nummer 71, St. Mark’s Place um. Er beginnt an seiner Novelle The Foot zu arbeiten—einer fragmentarischen Be-schreibung seines jetzigen und vergan-genen Lebens. „Die Feuerwehren und die schreiend roten Autos“, schreibt er, „sind an der Ecke zwischen St. Mark’s Place und der First Avenue. Eine hysterische Personifikation meines Innenlebens.“ Chester fleht seine Mutter an, ihm Geld für Vorhänge zu geben, damit er den Lärm etwas dämmen kann und als sie sich weigert, greift er sie tätlich an—oder, wie er es sah, nicht sie, sondern das Double, das sie für diese Szene engagierte.

Später, vor Gericht, wird er mit seiner ganzen, völlig verschreckten Familie konfrontiert: „Es fiel mir schwer, ein Lachen zu unterdrücken“, bemerkt er. „Meine kleine, beige bestrickte Mutter mit ihrer loyalen und sie liebenden Brut, mit mir, dem Monstermörder auf der anderen Seite des Tisches.“ Er wird gerichtlich aufgefordert, sich psychiatrische Hilfe zu suchen und beginnt mit regelmäßigen Sitzungen bei der renom-mierten Psychologin Laura Perls.

Eine erfreuliche Nachricht ist immerhin, dass Simon und Schuster seinen Roman annehmen. Richard Kluger, Chesters Lektor bei der Book Week, hat vor kurzem bei diesem Verlag angefangen und seinen Chef Robert Gottlieb überzeugt, dass Die Sehnsucht der Menschen-fresser das—wenn auch etwas eigene—Werk eines Genies ist. Beiden Männern ist klar, dass das Buch sich schwer verkaufen würde und Kluger ist froh, als er erfährt, dass die einflussreiche Susan Sontag eine große Bewunderin des Werks dieses Autors ist. Während eines Lunchs mit Kluger, weigert sie sich aber standhaft, ihren Namen auf irgendeine Weise mit dem Chesters in Verbindung bringen zu lassen: „Ich bin es leid für Amerikas Homosexuelle die Glucke zu spielen“, bemerkt sie. Die Sehnsucht der Menschenfresser kommt im folgenden Jahr heraus und wird weitgehend ignoriert.

Chester wartet die Reaktion auf das Buch nicht ab. Dank einer lang erwarteten Erbschaft beginnt er, die Welt auf der Suche nach einem sicheren Hafen zu durchkreuzen. Einmal findet seine Lektorin bei André Deutsch, Diana Athill, ihn zusammengesunken vor sich hin starrend in ihrem Londoner Büro sitzen. Er frage sich, ob er wohl etwas für sie abtippen könne. Und dann: „Kannst du den Premierminister anrufen und ihm sagen, dass er aufhören soll?“ Die britische Regierung schikaniere ihn, erklärt er—die Stimmen wollen nicht verstummen. Das Schlimmste ist, dass Chester klar wird, dass er nie wirklich existierte, dass sein gesamtes Werk von mysteriösen Anderen geschrieben wurde. Als Athill taktvoll fragt, was ihn denn nach London führe, entgegnet ihr Chester mit einem „versteinerten“ Blick: Er wäre—wie sie sehr wohl wisse—wegen dem hier, was sie ihm in Fez gesagt habe. „Aber sicher, warst du das“, sagt er, als sie ihn darauf hinweist, nie in Fez gewesen zu sein. Athill geht nicht weiter darauf ein und holt ein Manuskript, das Chester abtippen kann. Er denkt, dass das Tippen auf der Schreibmaschine helfen könne, die Stimmen zu unterdrücken. Athill arrangiert ein Treffen mit einem Arzt in der R.D. Laing’s Tavistock-Klinik im East End. Bevor er geht, präsentiert Chester ihr ein komplett fehlerlos getipptes Manuskript.

Ein Freund, Norman Glass, der ebenfalls in London lebt, lässt es sich nicht nehmen, Chester in der Klinik zu besuchen. Chester (vielleicht unter dem Einfluss starker Beruhigungsmittel) scheint Glass kaum zu erkennen und schlurft in langsamen Schritten vorüber. Das einzige Anzeichen von Gefühl, das er zeigt, ist, als er erwähnt, einen anderen Patienten mit einer Schüssel Brei beworfen zu haben—er kichert. Als Glass sich verabschiedet, versucht er Chester zu umarmen: „Und dann befiel mich Trauer, denn er reagierte in keinerlei Weise, außer mit dem kompletten Fehlen jeglicher Reaktion. Ich hatte das unheimliche Gefühl, gleichzeitig etwas Versteinertes und etwas schrecklich Weiches zu berühren.“ Als Glass ein paar Tage später zurückkommt, erwähnt Chester, dass er gleich von Brian Glanville vom BBC interviewt werden würde und bittet Glass, an seiner Stelle zu gehen. Er schlägt vor, Glass den Kopf zu scheren und seine Nase zu ändern. Schließlich gehen beide gemeinsam. „Repräsentiert Norman Mailer die amerikanische Jugend?“, fragt Glanville seinen Gast mit freundlicher Stimme. „Nein, tut er nicht“, säuselt Chester. „Lesen viele Neger James Baldwin?“ „Nein, tun sie nicht.“ Zum Glück ist das Gespräch bald beendet und Chester geht zurück in die Klinik.

Ein paar Wochen später ist er wieder in Marokko, wo er auf dem Berg von Tanger in unmittelbarer Nähe von Leuten wie der Woolworth-Erbin Barbara Hutton eine Villa mietet. Paul Bowles ist von Chesters wachsender Exzentrik wenig beeindruckt: „Alfred ist immer noch auf seinem Verlorene-Identität-Trip“, berichtet er. Wenn überhaupt, scheint er Chester als eine Art leidlich amüsanten Freak anzusehen. „Lass uns schauen, wie es Alfred geht“, schlägt er seinem Freund John Hopkins eines Abends verschmitzt vor. Sie finden ihn, mit einer Art Tanga bekleidet, auf dem Boden eines weiß getünchten Zimmers liegen. Er schläft, während ein neues Paar Hunde (laut Hopkins) „auf ihn kackten und pissten.“ Ein riesiges Feuer lodert fast bis zur Decke. Als Bowles und Hopkins sich auf den Heimweg machen, rennt Chester ihnen hinterher und wettert über eine Dinnerparty, zu der er nicht eingeladen wurde. „Sein Aussehen und sein Verhalten waren so seltsam“, erwähnt Hopkins. „Er schwitzte wie ein kleiner Hummer, dass man nicht recht wusste, ob er ein menschliches Wesen war.“ Nach einer Weile landet Chester bei einer Meute „alter französischer Junkies und Tunten und saufender Ladys“, wie Bowles sie beschreibt. Er erneuert auch seine Freundschaft mit Jane Bowles, die inzwischen ebenfalls fast völlig irre ist. Sein letzter Aufenthalt in Marokko endet, als er im Mai 1968 dauerhaft des Landes verwiesen wird.


„Die Idee mit Israel trug ich schon eine ganze Weile mit mir herum“, schreibt Chester. „Eine Art latenter, halbherziger Hoffnung, dass es einen Ort auf dieser Welt gab, wo Menschen, die gelitten hatten, zusammengekommen waren, um einander vor Schmerz und Verfolgung zu bewahren: ein Ort der liebevollen Zuwendung.“

Es soll anders kommen. Im August 1969—nach einem unglücklichen Jahr in Brooklyn Heights—zieht Chester mit seinen Hunden in den obersten Stock eines großen, leer stehenden Hauses, das einer evangelischen Kirche in Ost-Jerusalem gehört. Es dauert aber nicht lange, bis sich regelmäßig eine Schar Kinder um den mit Eisenspitzen gespickten Zaun versammelt, um die Hunde und ihr Herrchen zum Wahnsinn zu treiben. Wie immer ist auch der Verkehrslärm ein Problem, der sich trotz der vernichtenden Briefe an Shimon Peres (damals noch Verkehrsminister) nicht zu verringern scheint.

Chester findet in Jerusalem immerhin eine ihm wohlgesonnene Seele, die hilft, ihn zumindest ein wenig vor dem Schmerz und der (eingebildeten) Verfolgung zu schützen. Robert Friend, ein Dichter mit einem Lehrauftrag an der Hebräischen Universität, hat Chester ein Jahr zuvor fast in New York getroffen—auf das Bestreben ihrer „besessenen“ gemeinsamen Freunde Edward Field und Neil Derrick: „Sie erzählten eine Anekdote nach der anderen“, erinnert sich Friend. „Darin wurde Alfred als ein geliebtes sagenumwobenes Monster beschrieben, zu fantastisch, um wahr zu sein.“ Friend findet die Geschichten faszinierend, entscheidet sich aber vorerst gegen ein Treffen. Chester hingegen hört ebenfalls von Friend und ruft diesen eines trostlosen Tages im Sommer 1970 an.

Field und Derrick übertreiben nicht, wie Friend bald herausfindet. Obwohl Chester seine Tage unter dem Einfluss von Cognac und Barbituraten verbringt und oft kaum in der Lage ist zu sprechen, erscheint er Friend als eine faszinierende Kreatur. „Jemand, dem nichts entgeht“, wie Henry James es ausdrücken würde. Er spricht mit einer zögernden, lallenden Stimme, verzieht das Gesicht, wenn immer ihn eine plötzliche Einsicht ereilt und verheddert sich in verworrenste Abschweifungen, ohne jedoch wirklich den Faden zu verlieren. Er sagt immer, was er denkt, egal was es ist. „Deine Prosa ist enttäuschend“, verkündet er, nachdem er Friends Dissertation über E.M. Forster liest. Friend entgegnet ihm darauf mit tief empfundenem Lob für seine Arbeiten, worauf dieser ihn anblafft: „Literatur ist Scheiße!“—seinem permanenten Refrain. Chester verbringt seine klareren Stunden jetzt damit, Krimis zu lesen und Bach zu hören, und das Wenige, was er noch schreibt, ist flach und humorlos—von der Verzweiflung abgestumpft.

Er hat schlechte Tage und schlechtere Tage. Einmal, als Friend bei Chester klingelt, erscheint ein wildes Auge im Türspalt: „Ich kann dich nicht reinlassen“, flüstert Chester. „Aber Alfred, ich bin dein Freund.“ „Meine Stimmen sagen mir, dass ich dich nicht hereinlassen soll.“ Die Tür knallt zu. Gelegentlich versucht Chester, seine Angst in Worte zu fassen. Die Welt sei in einer riesigen Flasche gefangen und man werde unablässig von Aufpassern beobachtet, die nie schlafen. Anders ausgedrückt, sein ganzes Leben werde auf eine Leinwand projiziert. Die meiste Zeit über ist Chester aber einfach nur trübsinnig. Kurz vor dem Ende ruft er Friend an, um ihm mitzuteilen, dass seine Mutter am Vortag gestorben sei. Er hätte ihren Tod die ganze Nacht betrauert, sagt er leise, und jetzt sei seine Trauerzeit vorbei. Er klingt, als hätte er sich damit abgefunden.

Die finale Krise kommt im Sommer darauf, als Chesters Mietvertrag ausläuft. Die Vorstellung noch einmal aufs Neue umziehen zu müssen, scheint mehr, als er ertragen kann. Es ist zu viel—er braucht absolute Ruhe, einen Garten für seine Hunde und so weiter. Jeden Tag nimmt er ein Taxi, von dem er sich erfolglos in der Stadt herumfahren lässt, im Osten wie im Westen. Zwei Wochen lang verschwindet er komplett. Später kommt heraus, dass er mit seinen Hunden nach Athen geflogen ist, aber dort gibt es ebenso wenig für ihn zu tun. Schließlich findet Chester, wenige Tage bevor sein Vertrag ausläuft, ein Haus in einer entlegenen Vorstadt. Statt erleichtert zu sein, spricht er von seinem Umzug, als sei es sein letzter Schritt in die Vergessenheit. „Wirst du mich besuchen?“, fragt er Friend immer und immer wieder. Friend ist so besorgt, dass er Chesters neue Nachbarin kontaktiert und sie inständig bittet, ihn im Falle einer Notsituation anzurufen.

Ein paar Wochen später ruft sie an: Chester ist tot. Sie hat sich über den fürchterlichen Gestank gewundert, der aus seiner Wohnung kommt und schließlich die Polizei gerufen. Die brach die Tür auf und fand Chester in der Küche inmitten eines Trümmerhaufens aus leeren Flaschen. Nachdem man die Leiche entfernte, lockt man seine Hunde, Momzer und Towzer, mit ein paar vergifteten Hühnerköpfen aus dem Wandschrank. Sie riechen ein paarmal zögernd an dem Fleisch, bevor sie es gierig verschlingen.

Unter Chesters Papieren ist ein letzter Essay, Letter From the Wandering Jew, dessen letzte Zeilen einem Abschiedsbrief gleichkommen: „Ganz sicher ist der Tod kein Traum … und es gibt dort wahrlich eine Heimat, ein Nirgendwo, ein Nirgendwann, lautlos und friedlich, die finale Utopie, die ewige Freiheit, das Ende des ständigen Jagens nach dem Guten und einer Heimat.“


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