GELIEBTES MONSTER - PART 3Die seltsame Odyssee des Alfred Chester
TEXT: BLAKE BAILEY
Chesters Apartment verfällt langsam zu einer dunklen und kalten Ruine. Strom gibt es schon lange nicht mehr, aber Chester hat noch Gas, da der Zähler innerhalb der verschlossenen Wohnung angebracht ist und er nicht mehr an die Tür geht, wenn es klingelt. Bald ruft auch eine Frau von der Telefonfirma an, um ihm zu sagen, dass sein Telefon in Kürze abgestellt werde. Chester verspricht, seine Rechnung zu zahlen, sobald seine Hepatitis besser sei und die wohlmeinende Frau gewährt ihm Aufschub. Ihr Herz erkühlt jedoch, nachdem Chester eine ganze Nacht lang mit einem Freund in London plaudert. Bleibt also nur noch das Gaszumindest bis zu dem Tag, als Chester ein lautes Krachen vom zweiten Stock seines Penthouses hört. Ein Angestellter der Gaswerke hat mit der Unterstützung zweier Polizisten eine Tür bei der Feuerleiter aufgebrochen und reißt daraufhin den Gaszähler aus der Wand, womit nun auch die letzte der häuslichen Dienstleistungen verschwunden ist.
Zu dieser dunklen Stunde wird seine Karriere, als auch sein Liebesleben, urplötzlich zu neuem Leben erweckt. Chesters ver-nichtende Rezension von Updikes Pidgeon Feather (eine deutsche Auswahl wurde unter dem Titel Glücklicher war ich nie veröffentlicht) in der 1962er Juli-Ausgabe des Commentary löst heftige Debatten aus. Chester wird quasi über Nacht zu einer allgegenwärtigen kritischen Instanz. Redakteure lassen ihm freie Hand, alles, was er nur will, sei es alt oder aktuell, kann er rezensieren. Chester ergreift die Gelegenheit, um ein paar alte Rechnungen zu begleichenso auch mit Henry Miller, „einem Würstchen, dessen lächerliche 15 Zentimeter revolu-tionären Posierens das verzweifelte Verlangen unserer Welt voller sehn-suchtsvoller Liebhaber von Größe nach philosophischen Hengsten, Bullen und Böcken usw. wohl kaum befriedigen vermag.“ Im selben Sommer verliebt sich Chester kurzzeitig in einen verirrten Beatnik namens Extro Emen (einem nom d’amour), von dem ein Freund sagt, er habe „das Gesicht eines Engels von Fragonard [und] den Körper eines Rockstars.“ Allen Berichten zufolge, ist der junge Mann außerdem ausgesprochen vulgär und dumm, aber, wie Chester immer beteuer: „Intelligenz hat mit Liebe nichts zu tun; zum Reden habe ich meine Freunde.“ Die Romanze stirbt ein paar Monate später in Vera Cruz, wo Extro beginnt, rohen Knoblauch zu kauen, um sich Chesters Küsse zu erwehren, dessen braune, verrotteten Zähne einen sehr viel schlim-meren Geruch ausströmen mussten als der Knoblauch.
Ähnlich wie der Dichter Byron kommt Chester nach New York zurück, um festzustellen, dass er berühmt istzumindest herrscht große Nachfrage. „Die Verleger machen Jagd auf mich“, schreibt er Paul Bowles, den er im Winter zuvor kennenlernt. „Ich hatte gestern Lunch mit Jason Epstein [von Random House] und wir waren wie zwei Juden aus der Textilindustrie, wie wir so versuchten, cleverer als der andere zu sein. Ich gewann die Oberhand, als ich sagte: ‚Fuck you, dann bring mich halt nicht heraus, alle anderen sind ganz scharf darauf.‘“ Epstein ringt sich zu einer Vorrauszahlung von 2.500 Dollar durch und kurz darauf zieht Esquire mit seiner Ernennung von Chester zum „glühenden Zentrum“ nach. „Ich möchte irrsinnig berühmt werden“, tönt er, „und das bald. Und reich und das bald.“
Zumindest das erste Ziel scheint fast zum Greifen nahe. Im Frühjahr 1963 überredet man ihn, der Theaterkritiker des Partisan Review zu werden („sich in das alte Mieder von Mary McCarthy zu zwängen“), indem man freie Eintrittskarten für ihn und seine Freunde verspricht. Bald erlangt er unter Theaterbesuchern eine notorische Berühmtheit. Wenn Chester ein Stück wirklich nicht zusagt, beginnt er, den Schauspielern auf der Bühne kontra zu geben und ihnen Alternativen zu den fürchterlichen Texten ihres Skripts vorzuschlagen. Natürlich endet das oft darin, dass er aus dem Theater geworfen wirdaußer wenn, wie es gelegentlich vorkommt, ein Stück so schlecht ist, dass das Publikum es vorzieht, Chester zuzuhören.
Aber es ist Chester nicht beschieden, glücklich zu sein. Trotz des lang ersehnten Ruhmes. Noch im selben Sommer 1963 entschließt er sich überraschend zu fliehen und Bowles Einladung, in Marokko zu leben, anzunehmen. Er zerlegt das Mobiliar seines Penthouses und verbrennt es im Kamin, verkauft wenig später dem New Yorker eine Geschichte (Beds and Boards) über ein Ehepaar, das ebendies tut. Mit der gleichen Sorgfalt verbrennt er auch alle Brücken hinter sich: „Ich bin ein wenig deprimiert“, schreibt er einem Freund, „denn gestern war ich auf einer Party und heute habe ich erfahren, was ich alles getan habe, ohne dass ich mich daran erinnern kann: Ich biss Muriel fast bis auf die Knochen in den Finger, ohrfeigte Jay, biss Dennis Galvin so fest in den Oberarm, dass er immer noch Schmerzen hat, zertrümmerte Walters wertvolle Teetassen, versuchte Jerry Rothlein einen runterzuholen, bewarf Dennis Selby mit einer Bloody Mary und versuchte später wiederholt, ihn aus dem Fenster zu werfen, legte meine Hand auf die Fotze eines Mädchens namens Sally und spritzte den Leuten Limettensaft in die Augen.“

Chester in Marokko mit seinen Freunden Neil Derrick und Edward Field, 1964. Kurz zuvor war seine Perücke bei einem Koch-Unfall verbrannt. Foto mit freundlicher Genehmigung von Edward Field. |
Paul Bowles stellt später fest, dass er noch nie jemanden gesehen hat, der sich so schnell in das Leben Marokkos eingewöhnt hat, wie Alfred Chester, der innerhalb von zwei Tagen nach seiner Ankunft „verheiratet“ (wie er es nannte) war. Edward Field und Neil Derrick kommen aus Paris, um Chester bei der Ankunft seines Bootes in Gibraltar abzuholen. Die drei nehmen die Fähre nach Tanger und legen die zwanzig Meilen zu dem Dorf Asilah mit dem Taxi zurück. Am selben Nachmittag nimmt Bowles sie mit an den Strand, wo die Fischerboote gerade zurückkom-men, um den Fang des Tages auszuladen. „Dieser groß gewach-sene Fischer kam über den Sand auf uns zu“, erinnert sich Field, „und hielt einen großen Fisch in der Hand. Er war 19 Jahre alt und von einer ungezähmten Schönheit. Paul stellte ihn Alfred vores war Dris.“ Dris ist auch nicht viel heller als Extro Emen und sehr viel unge-hobelter, spricht aber ein wenig gebrochenes Spanisch und ist zumin-dest in einer Beziehung hoch-begabtglücklicherweise in der, die Chester am wichtigsten war. „Toll!“, grunzt Dris jedes Mal, wenn Freunde ihn fragen, wie der Sex mit dem haarlosen „Nazarin“ (Nicht-Muslim) sei. „Wie mit einem Baby zu vögeln.“
Die ersten Monate teilen sich Chester und Dris ein schmuddeliges Mietshaus in Bowles Nähe in Asilah. Marokko ist ausgesprochen billig und Chester kann seinen Lebensunterhalt, einschließlich der Kosten eines Dienstmädchens/Hexe, von den 100 Dollar, die er monatlich für seine Kolumne in der New York Herald Tribune Book Week erhält, bestreiten. Während es mit seiner Freundschaft mit Bowles („ausgetrocknete alte Tunte“) schon bald bergab geht, findet Chester in Bowles Frau Jane eine Art Seelenverwandte. Sie und Chester sind beide homosexuelle Juden, die sich selbst als Freaks betrachten. Jane, die auf einem Bein hinkt, bezeichnete sich selbst als „Crippy, die itzige Lesbe“ und beide fühlen sich, sowohl im Leben als auch in der Kunst, vom Surrealen angezogen. Beiden ist auch gemeinsam, dass sie seit Jahren dabei sind, immer mehr den Verstand zu verlieren.
Chester verlässt Asilah im Oktober, um dem unwiderstehlichen Angebot einer großen Wohnung am Rande von Tanger, die weniger als 30 Dollar im Monat kostet, zu folgen. Die besondere Attraktion: eine Terrasse in der Größe eines Tennisplatzes, von der man eine spektakuläre Sicht auf eine sanfte Hügellandschaft hat. Wenn Chester nicht an der Schreibmaschine sitzt, verbringt er seine Tage hier, sonnt sich, trinkt Rum und raucht Haschisch. „Cut!“, ruft er jedes Mal, wenn sich eine Wolke zwischen ihn und die Sonne schiebt. „Schick sie zu Paul Bowles zurück!“ Seine äußerliche Zufriedenheit ist aber zunehmend mit Furcht durchsetzt. Die Drogen und der Alkohol verstärken seine Paranoia und die Stimmen in seinem Kopf werden immer lauter.
„Ich habe keine Freunde hier“, schreibt er im Februar, nachdem die Bowles anfangen, sich von ihm fernzuhalten. „Den ganzen Tag Arbeit, die ganze Nacht Dris. Und Pot.“ In seiner Einsamkeit beginnt Chester Zeit im Bat Palace zu verbringen, einer schmuddeligen Ruine, wo Beatnik-Aussteiger leben. Sie sitzen den ganzen Tag herum und kiffen, nehmen LSD und diskutieren düster über Mystizismus und Politik. Chester findet sie lächerlich und sagt das auch: „Sie denken, sie sind Revolutionäre. Sie sind aber einfach nur egoistische, selbstbezogene Kinder aus der Mittelklasse. Amerika bringt keine Revolutionäre hervor. Dafür ist es viel zu clever. Ich bin der einzige amerikanische Revolutionär auf diesem Planeten.“
Chesters Wahn gewinnt zunehmend die Kontrolle über ihn. Er beginnt ein Buch über seine verschiedenen Fantasievorstellungen zu schreiben. Er ist sich sicher, dass es ein Meisterwerk wird und will seine Energie nicht mehr auf das Schreiben von Kritiken verwenden. Der Hexe aus Asilah zahlt er 500 Franc, damit sie einen Zauber über seine Mutter verhängen soll, um sie zu zwingen, ihm Geld zu schicken. Außerdem schreibt er einen Brief an Jackie Kennedy, in dem er sie bittet, seine Patronin zu werden. „Ich habe Angst“, schreibt er danach an Field. „Ich meine, stell dir vor, einen Brief an Jackie Kennedy zu schreiben! Meinst du, dass ich verrückt bin?“ Ein anderes Mal stürmt er in Paul Bowles’ Wohnung und beginnt zu schreien, dass dieser Gerüchte über ihn verbreite und dass er sein Leben in Marokko ruiniere. Bowles bemerkt in einem Brief an Ira Cohen (einer der Stammgäste des Bat Palace), dass er genug von Chesters Blödsinn hat und ihn „auslöschen“ lassen werde. Cohen zeigt Chester den Brief im Scherz, den er ihr aus der Hand reißt und der in einem öffentlichen Park ein Treffen mit Jane Bowles arrangiert. „Um nicht lange drum herum zu reden“, sagt er, „10.000 Dollar oder sonst …“ Er erklärt der perplexen Frau, dass er vorhabe, sie und Paul beim amerikanischen Konsul als Mörder anzuzeigen. „Aber Alfred, ich liebe dich doch“, antwortet Jane. „Erzähl mir keinen Scheiß!“, brüllte er zurück und lässt sie im Park stehen.
Chesters mentaler Zustand erhält einen weiteren Rückschlag durch den Verlust seiner Perücke, die eines Tages beim Anzünden des Herdes Feuer fängt. Chester gelingt es, sich das Ding vom Kopf zu reißen, bevor die Flammen seine Kopfhaut erreichen, aber die Kunstfasern der Perücke sind fast völlig zerschmolzen, bevor er die Flammen löschen kann. Chester beginnt eine Art Kappe, eine sogenannte tageeya, zu tragen. Die sind aber nicht viel besser, als die zerlumpten Filzhüte seiner Jugend. Schließlich hört er auf, seine Glatze vor der Welt zu verbergen. Einmal kommen die Bowles zum Lunch zu Besuch, finden Chester auf dem Boden liegen und an die Decke starren. Obwohl keiner der Gäste etwas über seine neuerliche Kahlheit verlauten lässt, beschuldigen sie Chester wütend des Snobismus.
Chesters Erzählungsband von 1965, Behold Goliath, floppt sowohl in den Staaten als auch in England. „Das Geschriebene zerfällt zu geistiger Verwirrung und homosexueller Ekstase“, heißt es in einer nicht untypischen Rezension im Harper’s Magazine. Chester ist zu diesem Zeitpunkt überzeugt, dass sein Roman The Exquisite Corpse seinen Rufund nicht nur denneu etablieren wird. Der Roman ist noch auf der Suche nach einem amerikanischen Verlag, als Chester im selben Sommer Besuch von seiner alten Bekannten Susan Sontag bekommt, die inzwischen als die „Queen des Camp“ bekannt ist. Sontag ist vom mentalen Verfall ihres Freundes und Mentors schockiert. Er beschuldigt sie zunächst, Dris verführen zu wollen und bittet später um ihre Hand an. Sein Gehirn sei von Röntgenstrahlen zerstört worden, sagt er, und dass das amerikanische Konsulat ihn ausspioniert und verbrennt in einem plötzlichen Anfall von Panik seine Tagebücher und Briefe. „Ist er immer so?“, fragt Sontag Ira Cohen. Als am Abend ihrer Abreise die Lichter in Chesters Viertel ausgehen, denkt er, dass sie hingerichtet worden sei. „Sie war“, schreibt er später, „jedoch leider nicht hingerichtet worden. Sie lebt in New York City und steckt sich Kämme in den Arsch, um so ihre intellektuelle Aktivität zu fördern.“
In der Zwischenzeit schickt sein Vermieter der marokkanischen Regierung ein Bittgesuch, dass sie ihn des Landes verweisen möchten. Eines der Zimmer in Chesters gemietetem Haus ist bis zur Decke mit verfaulten Orangen vollgestopft, und er hat eine Mauer eingerissen, damit er leichter nach draußen kommt, um dort Kinder zu fangen und zu verprügeln, die seine Hunde ärgern und überhaupt jede Menge Lärm machen. Das ganze Viertel ist in Aufruhr. Im Dezember 1965 wird Chester schließlich von der Polizei zur Fähre eskortiert und Columbine und Skouras werden von den Behörden beseitigt.
CONTINUED
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