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Foto mit freundlicher Genehmigung von Edward Field.

GELIEBTES MONSTER - PART 1

Die seltsame Odyssee des Alfred Chester

TEXT: BLAKE BAILEY

In der Bullenhitze eines Augusttages 1971 findet die Jerusalemer Polizei eine teils verweste Leiche. Seltsam haarlos liegt diese in einem zweistöckigen Vorstadthaus in der Nähe des Jerusalem International YMCA. Der Fußboden ist mit Kisten übersäht, deren Inhalt zwischen alarmierend vielen Pillendosen und Schnapsflaschen über alle Zimmer verteilt ist. Zwei halb verhungerte Hunde hocken heulend und knurrend in einem verschlossenen Wandschrank. Mehr als alles andere, sind es die Hunde, die diesem meschuggenen Glatzkopf zu einer notorischen Berühmtheit in der Gegend verhelfen: Sie hatten mehrere Kinder angefallen. Sehr zur Freude ihres ansonsten eher trübsinnigen Besitzers, der überzeugt war, dass seine Nachbarn, wie auch der Rest der Welt, sich auf übelste Art über ihn lustig machten.

Die israelischen Zeitungen greifen die Geschichte auf: Der amerikanische Schriftsteller führte, wie sie berichten, ein Leben extre-mer Ausschweifungen. Eine Odyssee aus Drogen, Alkohol und käuf-lichem Sex, welche ihn von New York nach London, von Paris nach Tanger führte, bis ihn in Jerusalem schließlich die Racheengel des Herrn ereilen. Diese Legenden passen nur schlecht zu dem dicklichen, vor sich hin brabbelnden Einsiedler hinter dem YMCA. Mal abgesehen von den wenigen Malen, als er plötzlich mit weit aufgerissenen Augen aus seiner Tür rennt, um die Kinder anzuschreien, die sich am Zaun versammeln.

Die New York Times hält sich jedenfalls mit reißerischen Gerüchten jeglicher Art zurück. Der knappe Nachruf berichtet lediglich, dass Alfred Chester der Autor von Romanen wie Die Sehnsucht der Menschenfresser und Jamie Is My Heart’s Desire ist, er einige O. Henry-Preise und ein Guggenheim-Stipendium erhielt und unter anderem für den Commentary, den Partisan Review und den New York Review of Books als Kritiker tätig war. Nicht besonders viel für einen Mann, der acht Jahre zuvor zum „glühenden Zentrum des literarischen Universums“ vom Esquire-Magazins ernannt wurde.

Gore Vidal, der Chesters Leben als „eine faszinierende schwarze Komödie“ bezeichnete, erinnert sich an die Zeiten, als der Autor in den Jahren vor dem Stonewall-Aufstand als Hoffnungsträger der schwulen Literatur gesehen wird: „Ich hatte keinerlei Zweifel daran, dass ein wahrer Meister die Bühne betreten hatte, ein Genie mit Köpfchen.“ Vidal selbst und eine Handvoll anderer populärer Autoren schneiden schwule Themen mehr oder weniger durch die Blume an, aber Chester entschied sich für eine sehr viel offenere Herangehensweise. Das Thema wird förmlich gefeiert—selbst seine mondänsten Leser sind schockiert. Die Geschichte In Praise of Vespasian zum Beispiel, über die ekstatischen Nächte eines jungen Mannes in den Pissoirs von Paris, wird selbst von Chesters verlässlichstem Sprachrohr, dem Partisan Review, angewidert verrissen: „Unsere Kritik richtet sich nicht gegen das Thema oder seine Details“, moniert der Chefredakteur, „sondern gegen die rhapsodische Art, mit der es behandelt wird.“ Ein weiterer Grund für Chesters Verbannung aus dem glühenden Zentrum an die dunklen Ränder, ist die zunehmende Verworrenheit seiner Werke. Der Titel seines Roman The Exquisite Corpse (Die Sehnsucht der Menschenfresser) von 1967 ist einem surrealistischen Gesellschaftsspiel entlehnt, bei dem Sätze nach dem Zufallsprinzip zu Geschichten verknüpft werden. In Chesters Roman ändern die Figuren in jedem Kapitel die Identität, wechseln ihre Maske und ihr Geschlecht, während sie sich vor dem Hintergrund einer ansonsten völlig prosaischen Welt erotischen und gewaltsamen Ritualen hingeben. Kurz ausgedrückt, ist es die Art Buch, die einem die Karriere ruiniert, obwohl ihm interessanterweise in den letzten Jahren eine Art Kultstatus zuteil wird. 1999 wird es in der vom Advocate publizierten Liste der „100 besten schwulen Romane“ aufgeführt, und im selben Jahrzehnt prognostiziert der Kritiker Allen Hibbard, dass „das Buch, wenn es einmal besser bekannt ist, zweifelsohne zum Favorit von Akademikern werden wird, welche die Mechanismen des Postmodernismus und die soziale Konstruktion von Identität und Gender demonstrieren möchten.“

Chester, der akademische Maschen verabscheut und sich selbst als „den einzigen amerikanischen Revolutionär“ bezeichnet, hätte sich bei dieser Vorstellung sicherlich totgelacht. Sein obsessives Interesse an dem prekären Wesen der menschlichen Identität ist kein schicker, intellektueller Schachzug—es ist eine zutiefst persönliche Fixierung, die ihn langsam aber sicher in den Wahnsinn treibt. Zur selben Zeit geht er auch als Kritiker seinen eigenen Weg und fällt gnadenlos über literarische Größen, wie Nabokov, Salinger oder Updike, und etwas marginalere Figuren her. Den wegweisenden schwulen Roman City of Night, dessen Klappentext kokett einen „Roman über die Liebe und die endlose im Dunkeln tappende Suche nach Liebe“ verspricht, beschreibt Chester im New York Review of Books bissig: „Wäre wohl besser, du würdest mit dem ‚endlosen im Dunkel Tappen‘ aufhören und anfangen zu arbeiten, Jack.“ Kein Geringerer als Edmund Wilson fühlt sich bewegt, Chester einen Fanbrief zu schreiben, in dem er ihn als „den einzigen Kritiker in New York“ lobt, „der wirklich eine Meinung hat.“ Was Chester auf seine gnadenlos streitlustige Art mit „Was für ein Witz!“ kommentiert.


Wer war Alfred Chester? Er kann es selbst kaum sagen. „Ich kam vor dreißig Jahren auf diesem Planeten an“, schrieb er im Alter von 37 und bezeichnete sich als „Venusianer“, der gegen ein „hübsches Kind mit braunen Locken“ eingetauscht wurde. Eine seiner typisch indirekten Annäherungen an das Trauma, das er sein Leben lang nicht überwinden kann: eine schwere Scharlacherkrankung, die ihn für immer seiner Körperbehaarung beraubt. Die schlecht sitzenden, orangefarbenen Perücken, die Chester während seines gesamten Erwachsenenlebens zu tragen pflegt (zumindest, bis die letzte in einem Feuer in seiner Küche zerschmilzt), werden zu einem Sinnbild seiner Entfremdung. Wie es ein Freund beschreibt, sieht Chester mit seinen schweren, wimpernlosen Lidern und seinen hübschen Lippen, die er zu einem permanent herausfordernden Schmollmund spitzt—damit keiner auf die Idee kommt, das unsägliche Ding auf seinem Kopf anzusprechen—aus „wie eine maskuline Bette Davis.“

Alfred Chester wird am 7. September 1928 in Brooklyn als Sohn jüdischer Eltern geboren. Die tun ihr Bestes, um Alfred zu helfen mit seinem Haarverlust klarzukommen. Als Erstes holen sie unter großem finanziellen Aufwand einen mandschurischen „Haarrestaurator“ nach New York, dessen einjährige Behandlung sich jedoch als wirkungslos herausstellt. Die wenigen Versuche Alfreds, sich in die Welt hinauszuwagen, liefern ihn den starrenden Blicken und dem Spott der anderen Kinder aus. Oft flieht er sogar auf sein Zimmer, wenn Leute zu Besuch kommen. Zu der Zeit scheint der Besuch einer öffentlichen Schule für Alfred ausgeschlossen und er geht etliche Jahre in ein Jeschiwa, eine jüdische Talmudschule, in der er auch in Innenräumen eine Kopfbedeckung tragen kann. Allerdings keine Kippa, welche die anderen Jungen tragen, sondern Filzhüte, die er solange trägt, bis sie völlig zerfetzt sind, bevor er sie durch einen neuen ersetzt. „Ich hatte das Gefühl, dass jegliche Veränderung nur noch mehr Aufmerk-samkeit auf meinen Kopf lenkte.“

Als Alfred mit 14 Jahren kurz davor steht, an der Abraham Lincoln High School anzufangen, schlägt seine ältere Schwester Molly vor, ihm eine Perücke zu kaufen. Die Familie begleitet ihn zu „Simmons and Company“, einem edlen, in Brooklyn gelegenen Salon, wo ein fescher Toupetkünstler ihn durch ein paar goldene Lamévorhänge hindurch in das innere Heiligtum—und zu einem neuen Selbst—führt. „Ich saß da und akzeptierte die Perücke“, schrieb Chester in seiner autobiografischen Novelle The Foot.

Es war, als hätte man meinen Körper mitten entzwei gehackt. Vom Kopf abwärts. Krach! Mit einem einzigen Schlag in zwei geteilt, wie ein trockener, kleiner Baum. Wie ein trauriger, kleiner New Yorker Baum. Ich trug sie nur zur Schule. Meine Mutter setzte sie mir jeden Morgen vor dem Spiegel in der Küche auf den Kopf, kämmte sie sorgfältig, bauschte und plusterte sie auf und strich sie dann wieder glatt. Bevor ich aus dem Haus ging, quetschte ich einen Hut darüber und plättete die Perücke damit zu einer Art Matte. Ich hasste sie und schämte mich ob ihrer und fühlte mich schuldig.


Die Perücke macht alles nur noch schlimmer, aber der völlig verschämte Chester bringt es nicht fertig, sich von ihr zu trennen. Die Welt unterteilt sich nun in „Perücken-Leute“ und „Hut-Leute“, also Freunde an der Schule, die ihn ausschließlich mit der Perücke, und Freunde zu Hause, die ihn ausschließlich mit dem Hut kennen. Keiner, außer seiner engsten Familie, darf ihn ohne eines der beiden sehen. Die Gefahr, „jemanden aus dem einen Lager in dem anderen zu sehen“, ist eine Quelle permanenten „Horrors“ für Chester. Horror davor, „dass die Perücken-Leute mich ohne die Perücke erwischen könnten. Oder die Hut-Leute mit ihr. Horror. Die Art Horror, die man verspürt, wenn ein Mann einen mit einem Messer in der Hand aus einer mitternächtlichen Hecke anspringt.“

Die erzwungene Einsamkeit führt zu einer frühzeitigen künstlerischen Reifung und Chester liefert in der Literaturklasse der New Yorker Universität einen glänzenden Einstieg. Hier stößt er gleichzeitig auf seine erste ernsthafte Konkurrentin, Cynthia Ozick. Ihr gemeinsamer Lehrer, Mr. Emerson (der nach dem Ende des Semesters in ein Wäldchen geht und sich erschießt), befeuert diese Rivalität mit schadenfrohem Enthusiasmus. Er behandelt sie wie zwei „gefesselte Kampfhähne“, wie Ozick es beschreibt. In dem ersten Essay, den sie für die Schule schreiben, macht sie den Fehler ein Wort zu benutzen, mit dem sie noch nicht richtig vertraut ist: taciturn—wortkarg. Der spitzfindige Emerson putzt sie darauf vor der gesamten Klasse runter. Dann bittet er Chester vorzulesen—eine Lektion in Demut, die Ozick nie vergisst. „Hinter der Zerbrechlichkeit loderten in diesem jungen Mann gefährliche Feuer“, schreibt sie in Alfred Chester’s Wig:

Die grobe Kappe falschen orange-gelben Haars bebte—sie rutschte Chester in die Stirn und wellte sich im Nacken nach oben, wackelte ihm über den Ohren. Er war kühn, er war aufrüttelnd, er war laut genug für einen Mann, der auf einem Ohr taub ist. Das war Ehrgeiz. Das war mein geheimes Selbst. Er war besser als ich! „Das reicht. Setzen, Chester!“, schrie Mr. Emerson. „Meine Herren, nie wird es eine Frau geben, die schreiben kann …“


Nach der New York University schreibt sich Chester bei einem Magisterprogramm an der Columbia University ein. Er will den Wunsch seiner Mutter nachkommen, „wenigs-tens ein Lehrer“ zu werden. Es dauert nicht lange, bis er die Schule verlässt und nach Paris übersiedelt. Er nimmt sich dort ein Zimmer im Hôtel de la Loire, nahe der Sorbonne. Weniger als einen Monat nach seiner Ankunft verliebt er sich in einen jungen Israeli namens Arthur Davis. Er hat eine erstaunliche Ähnlichkeit mit Marlon Brando und für Chesters bewundernde Ohren ist er „fraglos der beste Pianist seit Liszt“. Leider ist Arthur aber heterosexuell, behauptet das zumindest. Nach mehreren Wochen keuscher, neckender Kameradschaft ist Chester schließlich so frustriert, dass er versucht, Arthur mit einem Schal zu erdrosseln—eine Geste, die einen anderen, durchaus gewünschten Effekt erzielt und nicht ganz untypisch für die darauffolgende Roman-ze sein soll. „Ganz Paris schien darüber Be-scheid zu wissen, da wir alle Straßen Hand in Hand entlangliefen“, schreibt Chester. Und eine Woche später: „Letzte Nacht vor dem Café Flore tobte ich und schrie und hinkte (ich hatte mir das Gelenk beim Rennen nach dem Bus verstaucht) den Boulevard St. Germain hoch und runter, während Arthur mir—sehr zu Freude der Passanten—hinterher jagte. Ich frage mich die ganze Zeit, wie George Sand und Chopin es geschafft hatten, es miteinander auszuhalten.“


CONTINUED
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