|
|
DOS & DON'TS
RELATED ARTICLES
|
||||||||||||||||||||||||||||||||
SCHUTZLOSThis Moment In Black History kennen the Meaning of Soul
Es gibt zwei Arten von politischen Bands und Musikern. Es gibt noch eine dritte Kategorie, das sind so Typen wie Bono oder Bob Geldof, die in ihrer Freizeit die Welt retten, so wie andere Schwerreiche in den Snowboardurlaub fahren. Ein Privatvergnügen, das sicher gut für ihr Ansehen und ihr Karma ist, aber an dieser Stelle nichts zur Sache tut. Wir hätten da also zum einen die Art von Band, in der junge Menschen sich zusammen finden, die die Linernotes ihrer Platten mit Camus-Zitaten ausschmücken, die dir auf die Frage nach der Uhrzeit eine zweistündige ideologiekritische Predigt über soziale Zwänge halten und einen Herzinfarkt kriegen, wenn jemand im AJZ eine Flasche Coca Cola auf den Tisch stellt. Oder wenn jemand eine Flasche Cola auf den Tisch stellt, die KEINE Flasche Coca Cola istdie Flausen dieser Spinner sind ja kaum noch zu durchschauen. Und dann gibt es auf der anderen Seite Bands wie This Moment in Black History aus Cleveland. Also Leute, bei denen die „Dialektik der Aufklärung“ im Bücherregal neben einem Jahrgang des Mad Magazine steht und bei denen du davon ausgehen kannst, dass sie es nicht nötig haben, aus dem einen oder dem anderen etwas zu zitieren, um einen gescheiten Eindruck zu machen. Wenn sie etwas zitieren, dann bedeutet es nicht: „Seht her, ich hab ein Buch gelesen“, sondern: „Probier doch mal dieses Buch, wenn du Lust hast. Es hat uns angeregt, als wir diesen einen Song schrieben, der dich, nebenbei bemerkt, gleich umblasen wird.“ Das ist auch so eine Sache. TMIBH machen Musik, die auch ohne Message funktionieren würde. Aber mit Message ist es die beste musikalische Geschichtsstunde, die du seit Nation Of Ulysses gehört hast. Vice: Gut, also This Moment In Black History, richtig? Wie sieht dieser Moment genau aus? Chris (voc): Der Bandname hat zwei Bedeutungen. Er bezieht sich zum einen auf die Tatsache, dass wir mit diesem Planeten unfassbar nachlässig umgehen und zum Anderen auf einen Fernsehspot aus den 80ern über die afroamerikanische Ge-schichte. Wir gründeten die Band, als wir gerade auf den Zweiten Irakkrieg zusteuerten und wir konnten kaum glauben, was da passierte und wie schamlos die Regierung die Öffentlichkeit belog. Da konnten wir gar nicht mehr anders, als uns so zu nennen. Der jeweils aktuelle politische Status Quo ist also ein entscheidender Einfluss für die Band? Würde ich schon sagen. Die letzten Jahre waren ganz schön beängstigend, es ist nicht die beste Zeit, um am Leben zu sein. Und es wird ja alles nur noch trostloser. Das Weltklima dreht total durch, es wird immer wärmer. Aus unerfindlichen Gründen gibt es immer weniger Bienen und mindestens die Hälfte der Leute, die ich kenne, geht davon aus, dass die Welt spätestens 2012 untergeht. Es ist verrückt. Ich hoffe nur, dass ich dabei bin, wenn es richtig apokalyptisch wird. Ich wünsche mir so eine Art Zombie-Attacke oder wenigstens eine unaufhaltbare Epidemie und zwar möglichst bald. Was ich aber eigentlich noch sagen wollte: Unser Name ist zugleich auch ein Versuch die Leute daran zu erinnern, dass Rock’n’Roll afroamerikanische Musik ist. Diese Tatsache scheint in den letzten Jahren und Jahrzehnten irgendwie unter den Teppich gekehrt worden zu sein. Ihr seid sehr subtil, wenn es darum geht, mit Referenzen zu arbeiten oder euch auf Kultur- und Musikgeschichte zu beziehen. Ihr macht das auch auf eine sehr humorvolle Weise. Wie versteht ihr selbst dieses Verhältnis von Bewusstheit und Humor? Es gibt ja diese Redewendung: „You’ve got to laugh to keep from crying.“ Das ist natürlich ganz schön klischeehaft, aber du weißt ja wie das mit den Klischees ist, es gibt sie nicht ohne Grund. Auf jeden Fall fasst das unser Verständnis von Humor und Bewusstheit gut zusammen. Du kannst dich selber in den Wahnsinn treiben, indem du dir über die inneren Widersprüche moderner Gesell-schaften den Kopf zerbrichst oder du kannst diese Ungereimtheiten aufgreifen und sie als Intrumente benutzen, um aus Müll, Plattencovers, Chevy Chases 78er Haar-schnitt, Soundschnipseln aus existenzialis-tischen schwarzen Vampirfilmen und Art Blakeys zerbrochenen Drumsticks einen Palast zu bauen. Was benutzt ihr denn außerdem noch auf eurer Baustelle, um mal bei diesem netten Bild zu bleiben? Wir haben so viele Einflüsse, dass es fast schon eklig ist. Wenn wir alle vier hier wären und du uns nach unseren Einflüssen fragen würdest, wäre wahrscheinlich ein drei Stun-den langes „Stream of Consciousness“-Geschwafel das Ergebnis. Das und ein paar ordentliche Kopfschmerzen. Ich gebe dir mal eine spontane und persönliche Top-Liste: Da wären Frühachtziger Hardcore, Hip-Hop, William S. Boroughs, Robert Moog, Physik, Alice und John Coltrane, Dave Chappelle, Skateboarding, Jamsessions mit Mülleimer-deckeln, Big Chuck and Lil John, der Bart-Simpson-Löschstift, der seit zehn Jahren in Bims Couch steckt, Bill Ward, WJMO (lokaler Radiosender), Solid Gold Soul, Teddy Pendergrass, Harriet The Spy, Jimi Hendrix, John-Luc Godard, Sun Ra, Paul Mooney, Huggy Bear, also die englische Riot Grrrl-Band, nicht der Starsky and Hutch-Charakter und LeBron James. Um noch mal auf diese Humorsache zurück-zukommen: Unterscheidet ihr zwischen Humor und Ironie? Definitiv. Wir versuchen Ironie zu vermeiden, weil es zu oft im aktuellen Rockgeschäft eingesetzt wird, um von der Abwesenheit von Sinn und Bedeutung abzulenken. Ironie wird oft als Schutzschild von peinlichen und überempfindlichen Hipster-Wannabes be-nutzt, die davor zurückschrecken, etwas von ihrer Seele zu zeigen, aus Angst sie könnten verletzt oder zurückgewiesen werden. Wenn jede deiner Handlungen auf einem Witz oder einer Retro-Geste aufbaut, dann hat sie letztendlich keine echte Substanz und damit auch keine Angriffsfläche. Ihr kommt aus Cleveland, einer Stadt, die ihr eigenes Kapitel in der Punkrock-Geschichte hat. Ihr covert auf dem neuen Album Songs von Spike In Vain und Easter Monkeys. Kann man davon ausgehen, dass ihr euch dem musikalischen Erbe eurer Stadt sehr verpflichtet fühlt? Die Geschichte der Cleveland-Szene ist extrem wichtig, für jeden von uns. Die frühen Punksachen gingen wahrscheinlich am häufigsten durch die Presse, aber es gab ja auch schon so großartige Künstler wie Jay Hawkins, Bobby Womack oder Albert Ayler. Jeder in der Band befasst sich mit dem musikalischen Erbe Clevelands als wäre es eine verdammte Wissenschaft. Das geht weit über das Lesen von Büchern oder das Plattensammeln hinaus. Wie weit? Nur als Beispiel. Buddy spielt mit Charlie Ditto von den Easter Monkeys in einer Band namens Short Rabbits. Und wir alle von TMIBH waren Musiker in einer Free-Jazz-Oper des Autors und Musikers R.A. Washington, die sich dem Leben von Albert Ayler widmete. Wir sehen das schon irgend-wie als Mission, Aufmerksamkeit für die ziemlich unterbewertete aber tatsächlich sehr vitale Musikszene in Cleveland zu erzeugen. So lange ich denken kann, gibt es hier wahnsinnig gute Bands und zig DIY-Loca-tions, in denen du Konzerte veranstalten oder besuchen kannst. Ihr solltet mal eine gesamte Ausgabe über die letzten 25 Jahre der Cleveland Rockgeschichte machen, das wäre echt sweet. Ihr habt die aktuelle Platte Richard Pryor gewidmet. Erklär mal die Bedeutung von Pryor jemandem, der ihn nur als den gutmütigen, lustigen Typen aus 80er Holly-wood-Komödien kennt. Pryor war viel mehr als ein Komödiant und Schauspieler. Er war einer der ersten, der auf die Bühne ging und auf eine grundehrliche Weise die verschiedensten Charaktere der Unterschicht repräsentierte. Er war ein moderner Geschichtenerzähler und nicht zuletzt hat er das Bild von Stand-Up-Comedy für immer verändert. Er hatte es nicht nötig, auf billige Pointen oder lächerliche Requisiten zurückzugreifen, er arbeitete einfach mit Situationen aus dem täglichen Leben, die teilweise genau so verstörend wie witzig waren. Quincy Jones hat mal etwas gesagt, was das Besondere an Pryor ziemlich gut auf den Punkt bringt: „Ich habe immer gedacht, dass ein Lachen nichts anderes ist als ein lautes Geräusch deiner Seele, die sagen will: ‚Das ist die Wahrheit, oder?!‘ Richard Pryor ist die Wahrheitsmaschine. Er hat schwarzen Straßenhumor auf die höchste universale Ebene gehoben.“ Nuff said. Wenn du eine Sache, die mit der amerikanischen Gesellschaft falsch läuft, mit einem Fingerschnipsen lösen könntest, welche wäre das? Das ist eine verdammt schwierige Frage, denn die amerikanische Gesellschaft scheint ausschließlich aus Problemen zu bestehen. Aber ich fange einfach mal mit den Repara-tionen für die Opfer Sklaverei an. Schnipps! Wer mehr darüber wissen will, sollte mal bei Wikipedia „Reparations For Slavery“ eingeben. Wenn man sich euren MySpace-Blog so anschaut, könnte man meinen, euch würde auf Tour ein bisschen das Glück fehlen. Ihr habt in letzter Zeit viele Shows abgesagt. Was ist da los? Oh Mann, wir hatten so viel Ärger auf Tour, das glaubst du gar nicht. Meistens spielte unser Van verrückt. Wir fahren gerade den vierten Van in fünf Jahren. Guter Schnitt, oder? Ich kann gar nicht alles aufzählen, was so passiert ist. Ich versuch dir eine kleine Auswahl zu geben. Auf dem Weg von L.A. nach Cleveland waren wir mal in einen Van eingeschlossen, bei dem die Ölleitung leckte. Der Innenraum füllte sich andauernd mit giftigem Rauch. Wir mussten 2.300 Meilen mit offenem Fenster fahrenim Dezember. Ich hatte mir einen Schal um den Mund und die Nase gebunden, war in eine Decke gehüllt und musste meinen Kopf trotzdem noch jede Stunde aus dem Fenster stecken, weil der Gestank mich völlig benommen gemacht hat. Dann war da noch so eine Sache, wo wir im tiefsten New Mexiko den Van für mindestens eine halbe Meile durch die Wüste schieben mussten. Oder die Tage in L.A. als das Getriebe den Geist aufgab, wir mitten in einer Tour steckten, sämtliche restlichen Shows absagen und die Hälfte unseres Zeugs verkaufen mussten, um die Tickets für den Flug nach Hause bezahlen zu können. Ich könnte ganze Bücher mit solchen Geschichten füllen, aber ich höre mal auf, das zieht mich gerade total runter. Dann höre ich auch besser mit den deprimierenden Fragen auf. Danke, Chris. AR This Moment In Black Historys Album It Takes A Nation Of Assholes To Hold Us Back ist bei Coldsweat Records (CD) und X-Mist (LP) erschienen. www.myspace.com/thismomentinblackhistory
| |||||||||||||||||||||||||||||||||