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Fotos: Richard Kern





NA TOLL! - PART 2

Endlich hat der Mensch die Meere versaut

TEXT: THOMAS MORTON,
FOTOS: JAKE BURGHART

Das Treibgut besteht zum Teil aus ein paar ganz coolen Sachen, die aus Containerschiffen gefallen sein müssen, wie ganze Kisten voller Hockeymasken oder Nike-Schuhe. Vielleicht habt ihr die Geschichte der Gummienten gehört, die 1992 in einem Sturm verloren gingen und seitdem von Ozeanografen verwendet werden, um die Meeresströmungen genauer kartieren zu können. Das ist vielleicht eine positive Sache an der ganzen Geschichte, obwohl: Das wäre so, als würde man sich für AIDS und Cholera bedanken, weil sie den Epidemiologen so viele neue Erkenntnisse bescheren.

Bevor die Müllsammelei schließlich anfängt, uns gleichermaßen zu langweilen wie zu deprimieren, gelingt es uns, einen Motorrad- und einen Bauhelm, sowie ein paar Kinderschwimmringe mit Haifischzahnabdrücken zu ergattern. Wir können es außerdem gerade noch so vermeiden, in etwas hineinzufahren, das wie ein Schiffs- oder Telefonmast aussieht. Die meiste Zeit ist es aber einfach normaler Müll, wie Colaflaschen und Einkaufstüten. Das meiste scheint aus Asien zu stammen, was bedeutet, dass es 8000 Kilometer zurückgelegt hat, um hier anzukommen. Das Verblüffende und wirklich Schlimme an der Sache ist, dass nur etwa ein Fünftel des Zeugs von Booten stammt. Der Rest gelangte vom Land in irgendein Gewässer und trieb langsam aber beständig zum Meer. Wie der Kapitän mindestens zehnmal wiederholt: „Der Ozean liegt flussabwärts von allem.“



Innerhalb der Kernzone wirft Captain Moore ein Schlepptau aus und beginnt in Petrischalen Wasserproben zu sammeln. Ohne ein Mikroskop, denke ich, geben diese Proben wahrscheinlich nicht viel her, aber als ich die erste sehe, ist es erschreckender als der gesamte Mist davor.

Ich sehe ein paar vereinzelte Wasserläufer und winzige Quallen, aber in der dichten Konfettiwolke aus Plastikpartikeln gehen sie völlig unter. Wie eine Schneekugel voll Müll. Aufgrund früherer Proben errechnet Moore für das soeben entnommene Wasser ein Verhältnis von Plastik zu den normalen Bestandteilen des Meerwassers von 6:1. Je mehr wir uns dem Zentrum des Wirbels nähern, desto größer wird das Verhältnis. Letztendlich ziehen wir Proben hoch, die so aussehen, als bestünden sie komplett aus Plastik.

Dieser Teil der Fahrt beschäftigt mich am meisten. Schlimm genug, Teile des Planeten mit Müll zu überziehen, der theoretisch wieder entfernt werden kann. Selbst ausgelaufenes Öl und radioaktiver Staub lassen sich ja zumindest bis zu einem gewissen Grad bereinigen. Aber wir erreichen mit dem Versauen unseres Plane-ten wirklich eine ganze andere Liga, wenn wir die Zusammenset-zung des Meerwassers an einem Ort, der soweit wie möglich von jeglicher Zivilisation entfernt ist, auf grundlegende Art und Weise verändern. Wir ficken der Welt damit gründlich und für immer und ewig in den Arsch. Trocken.

Aber das Schlimmste kommt erst noch:

Sobald das Plastikkonfetti klein genug ist, um von einer Qualle verschluckt zu werden, beginnt es seinen Weg über die Nahrungskette zu uns zurück. Denn die Quallen werden außerhalb des Müllberges von kleinen Fischen verschluckt, die also die Plastikanlagerungen absorbieren. Große Fische fressen einen Haufen kleinerer Fische, um daraufhin von größeren Fischen gefressen zu werden. Wenn der Punkt erreicht ist, an dem wir die Viecher rausholen und essen, haben wir es mit palettenweise Plastik zu tun, das sich in ihrem Fett abgelagert hat. Es ist wie eine klischeehafte, dystopische Sci-Fi-Version der Geschichte des Lebenszyklus. Wir essen unseren eigenen Müll.



Wirklich! Biologen fanden im Pazifik Kadaver von Vögeln, die verhungerten, weil ihre Mägen einfach vermüllt waren und nicht genügend Nährstoffe aufnehmen konnten. Also außer den Verdauungstrakt zu verstopfen, hat zersetztes Kunststoff die Eigenheit, fremde Chemikalien, die ins Wasser sickerten, aufzusaugen. Es gibt eine eigene Kategorie von Pestiziden und Lösungsmitteln, die als schwer abbaubare organische Schadstoffe bezeichnet werden und genau dafür ausgelegt sind, sich an lose Synthetika anzuheften. Jeglicher Lebensform, die den Fehler begeht, sie zu verschlucken, fügt das irreversible Schäden zu. Die Chemikerin an Bord ist dabei, die häufigsten Schadstoffe im Pazifik, DDE und DDT, zu untersuchen. Richtig, das ist das gleiche DDT, welches auch Baby-Adler umbringt. Es gilt außerdem als ein potenzieller Krebsauslöser und wird mit männlicher Unfruchtbarkeit und Entwicklungsstörungen in Verbindung gebracht. Der Ozean wimmelt nur so von dem Zeug.

Selbst Plastik, das frei von fremden Giftstoffen ist, kann den Körper mit seinen Bestandteilen zerstören. Grausam, oder? Bisphenol A ist ein Grundstoff, der in Dingen wie Campingflaschen und Dildos verwendet wird. Es ist außerdem ein synthetisches Östrogen und kann daher das Fortpflanzungssystem komplett aus der Bahn werfen. Dr. Frederick vom Saal von der University of Missouri studiert seit zehn Jahren die Wirkung von Bisphenol A auf Labormäuse und stellte fest, dass die Anwendung des Wirkstoffs bei Tieren eine absurd anmutende Anzahl von gesundheitlichen Problemen zur Folge haben kann, darunter männliche Unfruchtbarkeit, Prostatakrebs, Hyperaktivität, Typ-2-Diabetes, Brustkrebs, Hodendystopie und Geschlechtsumwandlung. Man muss es wirklich ironisch sehen, dass Menschen geschlechtsumwandelnde Merkmale erleiden können, wenn sie unwissentlich ein Bestandteil essen, welcher zur Herstellung von Dildos benutzt wird.

Vom Saals Untersuchungen sind Grund heftiger Diskussionen, weil es dabei um die Aufnahme so verschwindend kleiner Mengen geht und keiner wirklich weiß, wie das endokrine System funktioniert. Seine Entdeckungen haben tatsächlich einen Hauch einer nicht ganz glaubwürdigen „Lösung aller Rätsel“ an sich. Im Gespräch mit ihm habe ich aber den Eindruck, dass sogar er selbst ein wenig überrascht ist und dem skeptisch gegenübersteht. Immerhin soll dieser eine Stoff hinter fast allen großen Gesundheitskrisen der letzten 30 Jahre in den USA stecken. Selbst wenn nur eine der Vermutungen auf der Liste wirklich stimmt—schlimm genug wäre das.

Am schlimmsten jedoch ist die Annahme, dass diese Chemi-kalien schwerwiegendste Deformationen der DNA auslösen. „Ein einziges verformtes Chromosom reicht schon aus und man hat eine Sache wie das Down-Syndrom“, sagt vom Saal. „Wenn man sich das genetische Material von Tieren ansieht, die niedrigen Mengen von Bisphenol A ausgesetzt waren, sieht das aus, als hätte jemand eine Gewehrsalve auf ihre DNA abgefeuert.“


Am äußeren Rand des Wirbels krachen wir noch in ein eine Art Weißen Wal des Meermülls: ein Geisternetz. Geisternetze sind lose Knäule aus Fischernetzen und Angelsehne, die frei durch den Ozean treiben und sich alles einverleiben, was ihren Weg kreuzt. Sie sind die Leviathane des heutigen Ozeans. Man fand Geisternetze, die mehrere Kilometer lang waren und aus deren Knoten haufenweise Ruder, Haifischschädel und komplette Schildkrötenpanzer herausragten. Wir finden ein Netz, das bei weitem nicht an diese Größenordung heranreicht. Trotzdem ist es locker doppelt so groß wie ich, wiegt 100 Kilo und beheimatet außer einer Zahnbürste auch eine Großfamilie Tropenfische.

Völlig ausgeschlossen, diesen riesigen Netzklumpen hinter uns an Land zu schleppen. Wir hieven es an Bord, befestigen einen GPS-Tracker für die Ozeanografen daran und lassen es wieder zu Wasser. Unser Kameramann Jake springt hinterher, um zu filmen, wie es im Wasser gleich einer Wolke aus zerfaserten Fäden und Plastik davonschwebt. Als er wieder an Bord kommt, sieht er aus, als hätte ihm jemand Glitter über die Brust geschmiert. Sein Andenken an die winzigen Plastikstückchen.

THOMAS MORTON


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