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NA TOLL! - PART 1

Endlich hat der Mensch die Meere versaut

TEXT: THOMAS MORTON,
FOTOS: JAKE BURGHART

Ich bin gewiss niemand, der die Leute auf Partys in ewige Gespräche über Biodiesel verwickelt. Ich nenne sie auch nicht „ignorante Vollidioten“, sobald sie eine gewisse Skepsis gegenüber dem Klimawandel andeuten. Auf der anderen Seite gehöre ich aber mit Sicherheit auch nicht zu der Sorte „nach mir die Sintflut“-Typen, die behaupten, dass ihnen das Schicksal der Welt scheißegal wäre.

Das Problem des Rumprahlens in den beiden entgegengesetzten Lagern der Umweltschutz-debatte ist, dass im Grunde keiner wirklich eine Ahnung hat, wovon geredet wird. Jegliche Positionierung zum Klimawandel, zur Überbevölkerung und zum Ende der Ölvorräte beruht im Prinzip auf einer gigantischen Mystifizierung minimaler statistischer Abweichungen. Ja, selbst von den Wissenschaftlern, die das untersuchen, wird das Gros noch völlig unzureichend verstanden. Dazu kommt noch ein derartiges Geschrei und Gezerre, das wiederum schamlos politisch ausgebeutet wird. Man wünscht sich fast, dass einmal etwas unglaublich und unwiderlegbar Schreckliches passiert, sodass sich alle endlich einig werden müssen. Etwas, von dem man einfach ein Bild zeigen kann und sagt: „Siehst du? Wir sind geliefert.“




Nun ja, ich habe hier so eine Sache: Im Pazifik gibt es eine Stelle, etwa doppelt so groß wie die Bundesrepublik, die dermaßen mit Müll vollgeschüttet ist, dass sie sich davon nie wieder erholen wird. Ich habe es mit meinen eigenen Augen gesehen. Damit müsste der Fall ja klar sein. Was, ihr wollt mehr darüber wissen? Na gut.

Mitte der 90er Jahre segelte Charles Moore seinen Rennkatamaran von Kalifornien nach Hawaii zurück und entschied sich spaßeshalber, dabei das Zentrum des Nordpazifikwir-bels zu durchqueren. Der Wirbel ist ein gewaltiger Zusammenfluss verschiedener Strömungen im Umkreis einer permanenten Hochdruckzone—wenn ihr euch den Pazifik als eine riesige Toilette vorstellt, ist das die Stelle, wo die Kacke wie wild zu kreiseln anfängt, bevor sie verschwindet. Normalerweise vermeiden Boote die Gegend, da sie als eine windstille Todesfalle bekannt ist und folglich fand sich Moore, als er dort mit Motorantrieb durchschipperte, ganz alleine wieder. Er, seine Crew und ein endloses Meer von Müll.

Seit es den Wirbel gibt, funktioniert er wie ein natürlicher Anziehungspunkt für jegliche Form angeschwemmten Mülls in dieser Hälfte des Ozeans. Früher zog es Treibgut in die Mitte des Wirbels, wo es zu einer nährstoffreichen Brühe zersetzt wurde, weil bis vor etwa 100 Jahren alles biologisch abbaubar war. Das mochten die Fische und die kleinen wirbellosen Tierchen natürlich sehr. Dann fingen wir an, alles aus Plastik herzustellen, und mit dem Wirbel ging es den Bach runter.

Das Problem von Plastik ist, dass es sich nie vollständig auflöst—es sei denn, man hämmert mit soviel Gewalt darauf ein, dass es schließlich zu einem Diamanten wird. Mit der Zeit löst sich Plastik zwar photochemisch in seine einzelnen Polymere auf, aber diese kleinen Dinger bleiben für den Rest der Ewigkeit bestehen. Das bedeutet, dass—abgesehen von wenigen, biologisch abbaubaren Plastiksorten—jedes einzelne synthetische Molekül, welches je hergestellt wurde, immer noch existiert. Abgesehen von dem kleinen Teil, das in Fischernetzen oder am Strand landet, wird jedes Stück Plastik, das je im Pazifik versenkt wurde, letztendlich in das Zentrum des Wirbels gesaugt, wo es bis heute vor sich hintreibt.

Nachdem Captain Moore eine knappe Woche lang sich durch ein Meer aus Müll bewegte, beschloss er, sein Boot in eine mobile Forschungsstation zu verwandeln. Alle sechs Monate fährt er nun zu dem Wirbel und untersucht dort den Müll. Bei seiner letzten Reise fahre ich mit und stelle, zusammen mit einem 40-jährigen Arzt und einer mexikanischen Chemikerin und Mutter zweier Kinder, die Crew. Es ist wie eine Art Familienausflug, nur mit mehr Wissenschaft und wesentlich mehr Entsetzen.



Diese Wassermüllhalde befindet sich an einem der entlegensten Punkte der Welt. Um dort hinzusegeln, brauchen wir eine geschlagene Woche. Denkt daran, wie grauenvoll schon eine eintägige Autofahrt sein kann und projiziert das mal auf eine siebentägige Reise an Bord eines 15 Meter langen Bootes. Was das mit den Gehirnen der Insassen anstellt … Am ersten Tag lässt man das Land hinter sich. Bald sieht man auch keine anderen Boote mehr und irgendwann sieht man überhaupt nichts mehr, außer endlose Wellen und vereinzelte Seevögel. Wenn man tagelang nichts außer Wasser sieht, sind die ungefähr so aufregend, wie der Anblick einer UFO-Landung auf dem Kanzleramt.

Als wir den Punkt erreichen, den Gesang der Vögel im Vogelführer des Boots zu erkennen und heimlich beginnen eine komplette Seevogeloper zu komponieren, taucht der Müll auf.

Ohne eine wissenschaftliche oder wenigstens logische Grund-lage bin ich davon ausgegangen, dass der Kapitän mit uns auf eine zusammenhängende Masse konzentrierten Mülls zusteuern würde. Das stellt sich (leider?) als falsch heraus. Die Muster nach denen sich der Müll ansammelt, verändern sich je nach Strömung, also muss man einfach wahllos in eine Richtung fahren und darauf hoffen, auf Müll zu stoßen. Gelegentlich sehen wir ein paar Müllstücke nebeneinander hertreiben, aber meist ist es eine einfach nicht enden wollende Anzahl von einzelnen Müllstücken, die vorbei treiben. Das fand ich zuerst ein wenig enttäuschend, aber man darf natürlich nicht vergessen, dass unsere Fahrt nur einen winzigen, schmalen Pfad auf einer der größten offenen Wasserflächen der Welt abdeckt. Die Tatsache, dass wir fast die ganze Fahrt nicht aus dem Fenster kucken können, ohne ein Stück Müll vorbei treiben zu sehen, lässt über den Zustand des restlichen Ozeans nichts Gutes ahnen.

Die ersten paar Male, als wir Müll sichten, machen wir einen Riesenaufstand, um das Boot anzuhalten und den Müll einzusammeln. Dann fischen wir uns lediglich den Müll, den wir vom Deck aus erreichen können und später nur noch die Sachen, die interessant aussehen.


CONTINUED
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