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WILD AMERICA - PART 1

Von Wells Tower

Er hat schon für Harper’s, den Oxford American und den New Yorker, die Washington Post und unzählbar viele andere Magazine und Zeitungen geschrieben. Er war so nett, uns einen Auszug aus seiner Debütsammlung Everything Ravaged, Everything Burned: Stories zu schicken, die nicht nur andere Autoren, sondern auch Kritiker, in sahnige Verzückung versetzt. Sie erscheint im März bei Farrar, Straus and Giroux.



Sie wachte vom Klang des Glöckchens am Halsband ihres Katers auf. Er hatte ihr etwas mitgebracht: eine junge Taube, die er aus ihrem Nest gestohlen und nun in halbzerfleischtem Zustand auf Jaceys Kopfkissen ausgebreitet hatte. Die Kreatur war rosa, fast durchsichtig, und hatte purpurne Wangen und lavendelfarbene Ringe um die Augen. Sie sah aus wie ein angegarter Radiergummi, der davon träumte eines Tages eine Prostituierte zu werden. Jacey schrie kurz auf, sprang dann aus dem Bett und rettete sich ins Bad, wo sie die Tür zuknallte, um den Kater auszusperren. Sie hoffte, dass er den Vogel essen würde, so dass sie ihn nicht noch einmal würde sehen müssen.

Es war elf Uhr dreißig. Ihre Mutter würde bis abends um acht in der Apotheke Eckerd mit Pillenzählen beschäftigt sein. Jacey musste den Tag also mit ihrer Cousine Maya verbringen, die diese Woche zu Besuch war. Vor vier Tagen war Maya aus den Bergen zu ihnen runtergekommen, um sie noch einmal zu besuchen, bevor sie ihre Ausbildung an einer kostenlosen staatlichen Schule für die besten jungen Tänzer des Bundesstaats anfing. Jaceys Meinung nach war Maya schon viel zu lange hier. Als Kinder hatten sie fast jeden Sommer freudig zusammen verbracht. Sie hatten sich als Team durchs Summercamp gequält, hatten in Bergseen Molche gefischt und in den Eckläden in Charlotte Schokolade und Lippenstift geklaut, und später dann Wein und Schmerztabletten von Mayas unglücklicher Mutter. Sie hatten miteinander ihre ersten Küsse geübt, und einen Sommer, als Jacey zehn war, hatten sie den Grind von den Knien der anderen gegessen, um dadurch einen Pakt zu besiegeln, nach dem sie eines Tages ihre Familien in demselben Doppelhaus an der Küste Carolinas aufziehen würden.

Als die Pubertät zuschlug, verlor ihr mit Grind besiegelter Pakt irgendwie an Bedeutung und die Mädchen gingen unterschiedliche Wege. Mit fast sechzehn war Maya jetzt eine 1,77 m große Gottesanbeterin mit einer legendären Körperhaltung und einem Ruf als großartige Ballerina, während Jacey immer noch mit fettig glänzendem Kinn und Stirn und einer Figur wie ein Glas saure Gurken durch die Gegend lief. Maya erwähnte oft seufzend Rudolf Nurejew, mit der Bemerkung, dass es sehr schwierig sei, einen toten Mann zu lieben. Sie machte sich in einer von New Yorker Kritikern übernommenen Sprache Gedanken über ihre Kunst—„Es ist so schwer, eine Balance zwischen Präzision und Leidenschaft zu finden“—was für Jacey ungefähr so verständlich war wie Walgesang. Sie machte sich Sorgen über die kostbaren Knorpel in ihren Knien und Knöcheln und sagte: „Ich werde es mir nie vergeben, wenn ich wieder als Model arbeiten muss“—denn sie war bereits in örtlichen Werbebeilagen einer Kaufhauskette erschienen.

Es war nicht so, dass Jacey keine eigenen Talente gehabt hätte. Sie hatte eine ganz gute Singstimme, einen rauen Alt, der immer den Ton traf. In einer Schulrevue hatte sie die Hymne „Stawberry Wine“ mit so viel Hingabe und Sehnsucht vorgetragen, dass sich der Sportlehrer, ein grauhaariger Gnom, dessen Ausdruck von Gefühlen zuvor nie über „Muskeln arbeiten, indem sie sich verkürzen“ hinausgegangen war, ein paar Tränchen aus dem Auge wischen musste. Und wenn schon. Jacey rannte mit Sicherheit nicht in der Gegend rum und erzählte ständig, dass bald ganz Manhattan oder Nashville verrückt nach ihr sein würden. Stattdessen hatte sie vor, sich irgendwie durch eine Karriere als Apothekerin oder Physiotherapeutin durchzuwursteln und vielleicht gelegentlich zu Hause ein bisschen zu singen—falls sie einen Mann finden sollte, der einigermaßen Gitarre spielen konnte. Während Maya sich entschieden hatte, weit über den dornigen Brombeerbüschen des Lebens hinweg zu schweben, war sich Jacey nicht zu schade ein kleiner, ehrlicher Kiesel zu sein, der schlicht durchs Gestrüpp rollte.

Obwohl das jetzt mit großer Wahrscheinlichkeit die letzten Sommertage waren, die die Cousinen miteinander verbringen würden, zeigte Maya verletzend wenig Interesse daran, Zeit mit Jacey zu verbringen. Die Liste der gemeinsamen Aktivitäten, die Maya bereits abgelehnt hatte, umfasste: in der Mall Schlittschuhlaufen gehen, einen Film im Kino sehen, eine geheime Bierparty in einem benachbarten Viertel besuchen, shoppen gehen und zusehen, wie die Freiwillige Feuerwehr ein abbruchreifes Haus anzündet, um es dann zu löschen. Maya schien alle Vergnügungen der Gegend um Charlotte als eintönige, hinterwäldlerische Langeweile zu betrachten—und das als jemand, dessen Heimatort aus ein paar Bahngleisen, zwei Dutzend Provinzdeppen und Handwerkern und ein paar Hunden bestand. Was sollte man mit so einer Person anfangen? Man sollte kein nettes Wort mehr mit ihr wechseln, bis sie am Montag zu ihrer Tanzschule abreiste—und genau das beschloss Jacey zu tun, als sie die Treppe hinabging.

In der sonnendurchtränkten Enge des Wintergartens rekelte Jacey sich auf der Klappliege. Der trockene, erdige Geruch der Steppdecke stieg ihr angenehm in die Nase. Jacey beschloss, dass sie ganz entspannt hier liegen bleiben würde, bis ihr Vater am Abend kam, um sie zum Essen auszuführen. Er kam aller zwei Wochen mit dem Auto aus Southern Pines, wo er mit seiner Frau wohnte, um sie zu besuchen. Jacey war immer noch nicht ganz über das halbe Jahrzehnt glühender Feindschaft hinweg, die sie ihrem Vater gegenüber nach der Scheidung ihrer Eltern durchlebt hatte. Ihre Auseinandersetzungen erreichten vor zwei Jahren ihren Tiefpunkt, als Jacey versuchte, ihren schüchternen Vater mit einer Nagelfeile zu erstechen. Nachdem die Geschichte die Runde gemacht hatte, betrachtete Jaceys gesamte Verwandtschaft sie als die peinliche Verrückte der Familie, der ein Leben in Armut und Schande vorbestimmt war—und das, obwohl Jacey eine gewissenhafte Schülerin war und es vier Semester hintereinander in die Ehrenliste der Klassenbesten geschafft hatte. Mit ihren gewaltsamen Neigungen gegenüber ihrem Vater hatte sie abgeschlossen. Hass kann sehr ermüdend sein, wenn er keinen Spaß mehr macht und inzwischen fehlte ihr die Energie dafür. Und überhaupt hatte ihr Vater eigentlich gar nichts so Schlimmes getan, außer vielleicht eine große, laute Frau zu heiraten, deren Steghosen zu ihrem allemein sehr generalhaften Gebaren passten. Jacey freute sich darauf, ihren Vater heute Abend zu sehen. Sie hoffte, ihn überreden zu können, mit ihr in Crawdaddy’s Restaurant zu gehen, so dass sie ihre geliebten Cajun Chicken Nuggets essen konnte.

Jacey machte den Fernseher an. Sie brachten Golf, noch mal Golf, Mama’s Family und die Sendung Wild America. Der Moderator Marty Stouffer ging seinem Hobby nach, das darin bestand, seine bloßen Hände auf irgendetwas Abscheuliches und Faszinierendes aus der Natur zu legen—heute zum Beispiel einen Haufen frisch abgeworfenen Basts von Elchgeweihen. Da waren Adern und alles drin. Es sah aus wie ein Teppich vom Tatort eines Mordes.

„Schau dich mal an, so gemütlich“, sagte Maya als sie um Viertel vor zwölf in den Wintergarten trat. Sie war in ihrem neusten Style bekleidet, einer Wolke aus zarten Tüchern und Schals à la Stevie Nicks. In einer Hand hielt sie ein Taschentuch und in der anderen eine Schachtel Zigaretten der Marke Vantage. Maya rauchte ganz offen und niemand machte ihr deswegen Vorwürfe, denn in ihrer Branche wurden Zigaretten als eine Art Vitamine angesehen. Maya gähnte und begann ihre Haare zu einem Knoten hochzustecken. Es hing ihr in dichten Wellen bis auf die Hüfte hinab und sie beschwerte sich oft darüber, um meist im selben Atemzug zu verkünden, dass sie sie einer Firma spenden würde, die Perücken für Krebskranke anfertigt. Es war wirklich ein Wunder, dass Maya sich mit ihren ganzen um sie wabernden Kleidergespinsten und ihrer moralisch hochwertigen Haarpracht nicht längst selbst mit der Glut ihrer Zigaretten in Brand gesteckt hatte.
„In meinem Bett liegt ein toter Vogel“, sagte Jacey, ohne vom Bildschirm aufzublicken.

Maya sah sie fragend an. „Ist das ein Geheimcode für irgendwas?“

„Für einen toten Vogel in meinem Bett.“

„Im Ernst? Jetzt gerade?“

„Ja.“

„Was für ein Vogel denn?“

„Was Ekliges“, sagte Jacey. „Ein hässliches, nasses kleines Baby.“

„Kann ich es sehen?“

„Nein“, sagte Jacey.

„Warum nicht?“

„Weil ich Scopes mit dem Vogel da eingesperrte habe, darum. Und ich lass ihn nicht raus, bis er ihn gefressen hat.“

„Bist du aber clever“, sagte Maya.

„Was soll ich denn sonst sein?“, fragte Jacey.

Maya sah etwas verwirrt aus. Sie lachte verunsichert mit einem kehligen Glucksen. Jacey bemerkte mit Genugtuung, dass ihre ignorante Behandlung schon eine erste Wirkung bei Maya zu zeigen schien. Maya begann eine ganze Salve von Niesern loszulassen, als hätte sie sich plötzlich erkältet. „Entschuldigung“, sagte sie.

„Irgendwas hier bringt mich zum Niesen.“

Jacey drückte sich noch einmal durch alle Kanäle und blieb dann wieder bei Stouffer hängen, der immer noch mit dem widerlichen Elchbast hantierte. „Halt dir halt die Nase zu.“

„Hm-hm“, schnüffelte Maya. „Du hast ihn also einfach dort liegen lassen? Den Vogel?“

„Ja.“

„Ich kann ihn rausschmeißen, wenn du willst. Mir machen tote Sachen nichts aus.“

„Scope macht das schon“, sagte Jacey und fühlte sich angesichts Mayas plötzlicher Nettigkeit schon fast wieder etwas klein und kindisch. „Hey, hast du Hunger?“

Maya sagte, dass sie sehr gerne einen Happen essen würde, und Jacey begab sich in die Küche, um ihnen beiden einen riesigen Gourmetbrunch zuzubereiten. Sie rührte etwas Cheddar an ein paar Eier und klaubte mit einem Buttermesser einen grauen Brocken Steak aus der Eiskruste am Boden des Gefrierfachs. Sie ließ es klappernd in eine Pfanne fallen und drehte das Gas auf, bis das Fleisch sich zu wellen und zu qualmen begann. Dann löschte sie es mit einem Schluck Rotwein aus einer offenen Karaffe ab.

„Oh, mein Gott“, stieß Maya aus, als sie nach dem ersten Bissen wieder auf ihren Teller mit dem Steakstückchen von der Größe eines Dominosteins schaute. „Jace, das ist ohne Scheiß das Beste, was ich je zwischen die Zähne gekriegt habe.“

„Ist noch reichlich da“, nuschelte Jacey mit saftig vollem Mund.

„Oh, lieber nicht“, sagte Maya, was Jacey als Beleidigung hätte verstehen können, wenn Maya ihr nicht netterweise erklärt hätte, dass sie von rotem Fleisch, so gerne sie es aß, immer auf dem Topf landete. Jacey ließ sich den Rest des Steaks schmecken, während Maya ihr Frühstück mit einem dünn mit Cashewbutter bestrichenen Cracker beendete, welche sie beide extra aus den Bergen mitgebracht hatte.


Die nächste Dreiviertelstunde lagen die Mädchen in friedlicher Eintracht auf dem Klappbett und unterhielten sich über die Eigenheiten ihrer Mütter, beides alleinstehende Damen, und über die Mängel ihrer Väter und der Frauen ihrer Väter. Sei redeten über Rock’n’roll, Shampoo und einen neuartigen Weinkühler, der in besseren Geschäften erhältlich war. Dann warf Maya einen Blick auf die Taschenuhr aus Messing, mit der sie zur Zeit gerne angab. Sie sagte, „Ach, Mist. Jace, meinst du, dass es Tante June etwas ausmachen würde, wenn ich kurz in Charleston anrufe? Ich muss leider. Ich kann ihr auch Geld dafür geben.“

„Wen willst du denn in Charleston anrufen?“

„Oh, so einen Typen, Doug“—auch ein Model, wie Maya erklärte, mit dem sie letztes Frühjahr für eine Werbung für den Big Stick Surf Shop in Myrtle Beach fotografiert worden war, in einer gestellten Umarmung vor Meereshintergrund. Maya griff in ihre Guatemala-Fair-Trade-Tasche, die sie immer bei sich trug, und zog ein Foto von einem sonnengebräunten jungen Mann mit einem Halsband aus Kaurischnecken am Strand hervor. Seine Zähne waren so weiß, dass sie fast unecht wirkten, und seine Augen unter den dunklen, zerzausten Haaren waren groß und feucht wie die eines Rehs. Er war von einer derartigen Schönheit, dass Jacey das Foto umdrehte, um zu schauen, ob es nicht aus einer Zeitschrift ausgeschnitten war.

„Ist das dein Freund?“, fragte Jacey.

„So sieht er es anscheinend zumindest“, sagte Maya. „Er ist mich ein paarmal besuchen gekommen. Er will mich im August mit zum Burning Man-Festival in Nevada nehmen. Er redet immer davon, dass man in Nevada schon mit sechzehn heiraten kann. Ich hab ihm bestimmt schon hundertmal nein gesagt, aber er geht absichtlich darüber hinweg. Ehrlich gesagt, er nervt ein bisschen.“

Jacey hielt das Foto immer noch umklammert. „Ich weiß nicht, Maya. Bestimmt gäbe es einige Leute, die sich einen Fuß abhacken lassen würden um mit jemandem, der so aussieht, auszugehen.“

„Hübsch aber dumm, der arme Doug“, sagte Maya seufzend. „Neulich habe ich ihm erzählt, dass ich in Surinam zum Peace Corps will und er hat mich gefragt, ob es in Afrika noch Tiger gibt.“

Jacey fand, dass Maya in dieser Angelegenheit selbst nicht besonders clever war. Man würde ja ein tolles Rennpferd nicht schlechter beurteilen, nur weil es nicht besonders gut französisch spricht. Jacey sagte aber nichts, weil sie auch nicht wusste, wo Surinam eigentlich lag. Wenn sie hätte raten müssen, würde sie sagen, dass es irgendwas mit dem Vietnamkrieg zu tun hatte.

Maya sah Jacey scharf an. „Aber das ist nicht der eigentliche Grund, warum ich ihn loswerden muss. Da ist noch was anderes.“

„Was denn?

„Es ist ein Geheimnis. Du musst schwören, dass du es keinem erzählst.“

„Klar“, sagte Jacey.

„Niemandem. Noch nicht mal—wie heißt sie noch—Dana.“

„Wir sind nicht mehr befreundet.“

„Du darfst es noch nicht mal in dein Tagebuch schreiben. Wenn Tante June es rausfindet, bin ich echt am Arsch.“

„Mein Fresse, ich hab’s kapiert! Jetzt spuck’s endlich aus!“

Das Geheimnis war Folgendes: Maya hatte etwas mit Roger Pettigrew, dem stellvertretenden Direktor der Schauspielschule, am Laufen, an der Maya nächste Woche anfangen sollte. Sie hatte ihn voriges Frühjahr auf einem landesweiten Wettbewerb in Lenior kennengelernt. Von da an schrieben sie sich und seine Briefe zeigten angeblich, dass er ein ehrlicher und liebevoller Mensch war, der, wie Maya sagte, trotz des Alterunterschieds „mich und meine Welt absolut versteht.“

„Wie alt?“

„Er ist gerade fünfunddreißig geworden“, sagte Maya.

„Oh mein Gott! Hast du grad fünfunddreißig gesagt?“, schrie Jacey.

Mayas Gesicht wurde kalt und finster. Sie griff nach ihren Zigaretten. „Super. Ich wusste, dass es bescheuert ist, es dir zu erzählen.“

„Hör zu, Maya, ich werde dich garantiert nicht verpetzten, aber mal im Ernst, fünfunddreißig.“

„Klar, stempel die ganze Sache einfach ab, wenn du dich dann besser fühlst, aber ich hab genug von Jungs“, sagte Maya unwirsch. „Ich kann nichts dafür, dass ich eine reife Seele habe.“

„Hm, wahrscheinlich nicht.“

Maya seufzte. „Ich liebe ihn, Jacey.“

Was sollte man darauf antworten. Jaceys Vater war selbst gerade erst siebenunddreißig.

„Er öffnet einfach diese Türen in mir“, sagte Maya. „Es ist, als wüsste er Dinge über mich, die ich noch nicht mal selber weiß.“

Jacey biss vor unterdrückter Abscheu die Zähne zusammen, bis ihre Kiefer zu knirschen begannen. „Gott, und habt ihr, na ja, habt ihr beide ...“ Jacey wusste nicht recht, wie man es nennen sollte, wenn ein fünfunddreißigjähriger Recke der Künste ein junges Mädchen besteigt.

„Ob wir ein Liebespaar sind?“

Liebespaar—da fingen ihre Eckzähne gleich wieder zu knirschen an. Wer hatte denn davon geredet? Vor ihrem geistigen Auge tauchte ein Bild auf, wie die beiden es unter einem blühenden Ast trieben, während im Hintergrund Schwäne zusahen. „Habt ihr?“, fragte Jacey.

„Roger will noch bis Thanksgiving warten, bis ich sechzehn werde.“

„Du solltest überhaupt warten, wenn du mich fragst. Ich glaube du wärst verrückt Doug aufzugeben.“ Jacey starrte auf das Foto und strich ihm mit dem Finger übers Haar. „Surinam. Ich würde ihn sogar nehmen, wenn er die Erde nicht auf ’nem Globus finden würde.“

Maya kicherte mit einem hallenden Gluckern in ihre Teetasse. „Nun, du kannst ihn haben, Jace. Ich halt es kaum aus, mit ihm telefonieren zu müssen. Nachdem ich Roger erlebt habe und gemerkt habe, wie es sein kann. Wenn ich mich mit Doug auch nur unterhalte, fühle ich mich schon fürchterlich einsam. Wenn er redet, ist es nur ein Geräusch. Wie das Rauschen in einer Muschel.“

„Siehst du, ich liebe dieses Rauschen! Es ist entspannend!“

„Dann würdet ihr beiden ein gutes Paar abgeben.“

„Ja, außer, dass er nie auf mich stehen würde.“

„Glaub mir, Jacey, er könnte von Glück reden, wenn er jemand wie dich kriegt.“

„Na, klar.“

„Warum denn nicht? Du bist hübsch. Du bist sexy. Ich würde eine Million Dollar geben, um deine Augen und deine süßen Sommersprossen zu haben. Glaub mir, du verkaufst dich unter Wert. Er würde noch nicht mal deine Witze verstehen. Du würdest dich sofort langweilen.“

„Das würde bestimmt nicht passieren“, sagte Jacey.

„Dann fahr du mit ihm nach Nevada. Vier Tage mit Doug würden mich umbringen, ganz im Ernst.“

„Ich würde sofort mit ihm fahren.“

Maya lachte ihr zwitscherndes Lachen. „Fantastisch. Du würdest mir echt den Arsch retten.“

„Nein, ich meins ernst!“, sagte Jacey, die jetzt mit überschlagenen Beinen und vor Aufregung durchgedrückten Rücken auf dem Sofabett saß und mit vor Interesse quiekender Stimme sagte: „Ich bin dabei.“

„OK, OK. Verschluck nicht deine Zunge. Ich muss ihn jetzt auf jeden Fall mal anrufen. Meinst du, Tante June hätte was dagegen?“

Jacey war etwas schwindelig. „Garantiert nicht!“, sagte sie und rannte los, um das schnurlose Telefon zu holen.

Maya schien es ein wenig unangenehm zu sein, dass Jacey ihr so auf der Pelle hockte, während sie in Charleston anrief. Aber Jacey, die kurzzeitig vor lauter Fantasien darüber, mit Doug, dem rehäugigen, Kaurimann durch die Felsen Nevadas zu gleiten, den Verstand verloren hatte, machte keine Anstalten, sich von der Stelle zu rühren. Sie wollte mit anhören, welche Schliche und Tricks Maya anwenden würde, um diese Sache zu deichseln. Ihn sanft abservieren, um ihm dann im richtigen Moment Jacey als Ersatz unterzujubeln, so müsste man es wohl machen—wie bei der Stelle in Indiana Jones, wo Jones den goldenen Götzen von der gewichtempfindlichen Empore reißt und ihn im selben Moment beherzt mit einem Sack Sand ersetzt. Ein delikates Manöver, das nur jemand wie Maya mit ihrem erwachsenen und fremdartigen Geschick bewerkstelligen konnte.

Enttäuschenderweise war Dougs raue Stimme für Jacey kaum zu hören. Sie wünschte, sie hätte daran gedacht, das Gespräch von dem Telefon in ihrem Zimmer aus mitzuhören.

Maya begann schlauerweise nicht sofort das Gespräch auf ernstere Themen zu lenken, sondern lullte ihn erst mit etwas Small Talk ein. Sie redete über einen Flohstich an ihrem Knie. Dann hatte sie ihm etwas über jemanden, den Jacey nicht kannte, namens DJ Now-and-Later zu erzählen. Dann begann sie das Shooting für einen Belk-Leggett-Touristik-Werbeflyer mit ihm zu besprechen. Zu diesem Zeitpunkt fand Jacey, dass es nun langsam an der Zeit wäre, bezüglich der Reise zum Burning Man zur Sache zu kommen. Stattdessen plätscherte das Gespräch noch weitere sieben (wahrscheinlich teure) Minuten mit bedeutungslosem Geplänkel vor sich hin, bevor Maya schließlich sagte: „Ich hab dir doch erzählt, das ich nicht zu Hause bin, du vergessliches Dummerchen. Ich bin in der Nähe von Charlotte bei meiner Tante June und meiner Cousine Jacey.“

Als Maya ihren Namen erwähnte, beschlich Jacey kurz ein beglückendes Angstgefühl, dass sie ihr das Telefon in die Hand drücken würde. Was würde sie zu so einem Mann sagen? Jacey schaute Maya panisch an und schüttelte mit dem Kopf. Diese warf ihr darauf einen verständnislosen Blick zu und redete weiter. Obwohl sich Maya mit diesen Dingen sicher besser auskannte, fand Jacey in diesem Moment, dass sie durchaus ein wenig Anleitung gebrauchen könnte. Sie tippte Maya ans Knie. „Was ist denn?“, flüsterte Maya.

„Sag doch einfach, dass ich witzig bin“, sagte sie.

„Was?“

Jacey schluckte.

„Sag ihm einfach, dass ich witzig und sexy bin.“

Maya nickte. „Hey, Doug? Ich hab eine Nachricht für dich von meiner Cousine. Ja. Sie sagt, dass ich dir sagen soll, dass sie witzig und sexy ist.“ Jacey hatte das Gefühl, gleich kotzen zu müssen.

Natürlich tut sie das, du Dummerchen.“ Maya zwinkerte Jacey zu, rollte dann mit den Augen und hielt kurz die Hand über den Hörer, um Jacey zu sagen: „Ich soll dir sagen, Dankeschön.“

Jacey starrte ihre Cousine einen Moment lang fassungslos an. Beim Verlassen des Wintergartens musste sie sich zusammenreißen, um nicht loszurennen.


In Jaceys Zimmer hatte Scopes, der Kater, noch keine Anstalten gemacht, den Vogel zu killen. Er hatte sich daneben auf das Kissen gehockt und schien sich darauf einzurichten, ihn den ganzen Tag lang einfach anzustarren. Jacey warf einen finsteren Blick aus dem Fenster. Ihr Blut pochte in ihren Wangen. Sie wünschte, dass sie etwas Wertvolles hätte, was sie zerschmeißen könnte. Sie hörte, wie Maya den Hörer auflegte und ihr Atem wurde etwas ruhiger. Dann nahm Jacey das Telefon und rief bei den Buttons an, um mit Leander zu sprechen.

Jacey hatte vor zehn Tagen mit Buttons geknutscht. Es war eher aus Versehen passiert und eigentlich hatte Jacey vorgehabt, nicht mit ihm zu reden, bis die Schule im Herbst wieder anfing, wenn überhaupt. Leander war nicht mal einen Meter fünfzig groß. Er wurde hinter seinem Rücken und manchmal direkt im Gespräch Little Buttons genannt. Er war bis zur achten Klasse zu Hause unterrichtet worden und hatte recht breit gefächerte Interessen. So spielte er ganz gut Posaune und war darüber hinaus gerade dabei, sich als Loser einen Namen zu machen. Zu seinen Kumpels gehörten sowohl die Nerds aus der Blaskapelle als auch die rangniedrigen Hippies, die noch hinter den Kiffern am Rand des Schulgeländes Footbag spielten. Little Button hielt es auch nicht so mit der Körperpflege. Seine Augen trieften und ihm klebte so häufig ein Krümel im Mundwinkel, dass man sich schon fragte, ob er ihn nachts neben sich auf einen Untersetzer auf den Nachttisch legte, um ihn sich morgens wieder anzukleben. Einmal stürzten sich seine Kumpels in der Mittagspause mit einer Schermaschine auf ihn und der Haarball, der beim Schneiden zustande kam, war ein Wunderwerk aus Schmutz und Fett, mit dem man Footbag spielen konnten, ohne dass er seine Form verlor.

Es gab aber auch ein paar mildernde Umstände für die Tatsachse, dass Jacey ihm an dem Abend neulich so nahe gekommen war. An diesem Tag war Jacey mit ihrer besten Freundin, Eileen Gutch, auf die Magnolie geklettert, deren Äste weit über die New Life Church reichten. Sie hatten jeder bereits drei Flaschen Little Kings Cream Ale intus, als ein starker heißer Regen herabzuprasseln begann. Gutch verzog sich angesichts des Wetters schleunigst nach Hause. Jacey blieben noch zwei Stunden, bis ihre Mutter sie abholen würde, also lief sie allein, benebelt und schweren Herzens die nassen Straßen der Downtown entlang, die genauso glänzten, wie man es sich für den süßesten Sommerfilm seines Lebens vorstellen würde.

In der Nähe des Parkhauses sah sie, wie Little Buttons aus einem Gebüsch gestolpert kam. Sie waren nicht befreundet, hatten aber zwei Jahre hintereinander zusammen Englischunterricht gehabt und auch gemeinsam an den alltäglichen Besprechungen mit den Klassenleitern teilgenommen. Sein Hemd war voller Gras und er hatte eine riesige rote Beule an der Stirn. Er erklärte, dass er sich den Kopf gerade an irgendwas gestoßen hatte, während er mit seinen Kumpels eine Runde den „Elevator“ oder den „Charlotte Classic“, wie es auch genannt wurde, ausprobiert hatten. Dabei muss man zuerst hyperventilieren und wenn einem dann einer der Kumpels auf das Brustbein schlägt, verliert man bei einem kostengünstigen High kurzzeitig das Bewusstsein. Leanders Partner war ebenfalls verschwunden, als das schlechte Wetter aufzog. Und so hatte Jacey in einem Akt bierseliger Zärtlichkeit und regennächtlichem Verlangen Leanders Hand in ihre genommen und ihn zum Planetarium geführt. Nicht in die Haupthalle, wo man vier Dollar bezahlen musste, um zuzusehen, wie der Sternenprojektor die Konstellationen an die Decke warf, sondern zu einer alten, kostenlosen Abteilung, dem kopernikanischen Sonnensystemmodell auf der zweiten Etage. Wenn man dort gegen einen grünen ovalen Knopf an der Wand hieb, verdunkelte sich zunächst der Raum. Danach setzte sich eine in der Decke versteckte Mechanik knackend und quietschend in Gang und ließ die Planeten des Sonnensystems—verbildlicht von mit Day-Glo-Farbe besprühten Schaumstoffbällen—fünf Minuten lang um eine gelbe Partylampe, die die Sonne darstellte, torkeln.

Sie und Button lagen anderthalb Stunden in dem Raum und schlugen achtzehnmal auf den grünen Knopf. Das Geknutsche war streckenweise ziemlich heftig, aber es passierte nichts, was man nicht wieder gut hätte machen können. An einem Punkt unterbrach Little Buttons seine Anstrengungen kurz, um Jacey zu fragen, ob sie noch Jungfrau sei—eine Frage, die sie nicht mit hundertprozentiger Sicherheit beantworten konnte. Die Geschichte war folgende: Letzten Sommer war sie bei einem mehrtägigen Schulcamp in Tennessee mit einem Jungen aus New Jersey in einem Zelt gelandet, der zu diesem Zeitpunkt ebenfalls dreizehn war. Er machte sich gnadenlos über sie her und seine Bemühungen glichen einer Imitation des feurigen französischen Stinktiers Pepé Le Pew. Auf wundersame Weise hatte das zu Jaceys erstem richtigen Kuss und ihrer ersten mehr oder weniger unbekleideten körperlichen Begegnung mit einem Jungen geführt. Aus technischen Gründen hatte sie „den Diamant“ nicht komplett „abgetreten“, wie Eileen Gutch den Akt gern bezeichnete. Wenn sie es in Zahlen hätte ausdrücken sollen, hatte Jacey ihren Diamanten wahrscheinlich zu vierzig Prozent abgetreten. Jetzt im kopernikanischen Sonnensystem flüsterte sie also: „Nicht wirklich“, und Little Button regte diese Nachricht so an, dass er zu hecheln begann, als stünde er kurz vor seinem nächsten Charlotte Classic.

Leander Buttons hatte sie am Tag nach ihrem Intermezzo im Sonnensystem dreimal und am Tag danach viermal angerufen. Jacey hatte ihn nicht zurückgerufen. Bis zu diesem Morgen hatte sie wenig Sinn darin gesehen, von einem schmuddeligen Zwerg wie Leander angehimmelt zu werden. Aber jetzt, mit ihrer unerträglichen Cousine im Haus, hatte Jacey den Blues. Also dachte sie, dass es gut sein könnte, wenn jemand, irgendjemand, vorbeikäme und sie einfach eine Weile gern mochte, egal wie viel Krümel derjenige an der Backe hängen hatte.

„Jacey?“, zwitscherte Leander in seiner fisteligen Stimme ins Telefon.

„Ja, Leander.“

„Wow. Das ist ja komisch, dass du mich anrufst“, trötete er. „Ich habe dir ja nur ungefähr fünfzigtausend Nachrichten aufs Band gesprochen.“

„Tut mir leid.“

„Du hättest mir wenigstens Bescheid sagen können, dass du gut nach Hause gekommen bist. Hätte dich ja schließlich wer wegfangen und umbringen können, oder?!“

„Na ja, ich wurde sogar ermordet, aber nur ein bisschen. Aber hör mal, Leander, was machst du denn heute so?“

„Nicht viel. Posaune üben.“ Er spielte zum Beweis einen kleinen Tusch. „Dann habe ich meiner Schwester versprochen, dass ich ihr bei den Peanutbutterkeksen helfe, sie ist deprimiert und will backen. Dann geh ich vielleicht mit Josh Gurskis und ein paar Typen bowlen.“

„Ich habe eine Idee. Vergiss das einfach alles“, sagte Jacey schnell. „Komm lieber zu mir nach Hause. Ich will mir heute ein paar Filme ansehen.“

„Bei dir zu Hause?“, er klang misstrauisch. Er schien eine Falle hinter dem Angebot zu vermuten.

„Ja, Leander, bei mir zu Hause.“

„Mit deinen Eltern?“

„Nein. Ohne Eltern. Meine Mutter ist den ganzen Tag außer Haus. Sie arbeitet.“

„Und an was für Filme denkst du so?“

„Lass mich überlegen. Auf jeden Fall hab ich Der weiße Hai und Scott & Huutsch, und Excalibur und noch einen, wo ich nicht weiß, was es ist, weil die Beschriftung nicht mehr zu erkennen ist.“

„Was denkst du denn, was es sein könnte?“

Jacey seufzte. „Mann, Leander, ich weiß es nicht! Aber wenn es schon so abgenutzt aussieht, ist es sicher etwas Gutes. Also, mach mal ’nen Spruch, kommst du oder kommst du nicht?“

Er sagte, er würde in einer Stunde da sein.


Little Button musste mit einem Moped der Marke Puch acht Meilen bis zu Jaceys Haus fahren, das außerhalb der Stadt in einer Ansammlung von Backsteinbungalows am Rande eines städtischen Wäldchens lag. Jacey stürzte die Treppe runter, als sie das Moped in die Auffahrt knattern hörte. Als sie an der Haustür ankam, hatte Leander den Motorradständer schon ausgeklappt und betrachtete eine Delle in dem blauen Seitenflügel der Puch.

„Was ist los?“, fragte sie.

„Na, auf dem Weg hierher bin ich fast verunglückt. Jemand hat auf dem Piney Mountain Drive eine Coladose nach mir geschmissen.“

„Nicht im Ernst! Bist du verletzt?“

„Nee, es war nur eine leere Dose, aber ich bin trotzdem fast gegen einen Baum gefahren. So ein Arsch. Er hat Glück gehabt, dass ich es so eilig hatte herzukommen, sonst wäre ich ihm hinterhergefahren, um zu kucken wo er wohnt und ihm bei Gelegenheit die Reifen zu zerstechen.“

Jacey konnte sich ehrlich gesagt gut vorstellen, warum jemand das Bedürfnis haben könnte, mit einer Dose nach Little Buttons zu werfen. Sein Aufzug schrie praktisch danach. Seine Haare hatten heute nicht die übliche Nestform. Vielmehr hatte er sie mit solchen Unmengen Stylingcreme nach hinten gekleistert, dass sie wie ein Stück frisch gepflasterte Straße aussahen. Sein Hemd war wohl ein für Nightclubs bestimmtes Exemplar aus einem glänzenden Stoff. Dazu trug enge schwarze Jeans, die sich unten über einem Paar Fransenmokassins verengten, die aussahen, als hätte er sie von irgendeinem bayrischen Zuhälter geklaut. Auf der einen Seite fühlte sie sich geschmeichelt, dass er sich die Mühe gemacht hatte, sich derart aufzustylen, aber gleichzeitig zeugte das Outfit von einer Intensität und Seltsamkeit seiner Zuneigung, die Jacey in keinster Weise teilte. Außerdem war ihr nun ihr eigener Aufzug etwas peinlich, der aus abgeschnittenen Jeans und einem T-Shirt von ihrem Job als Tütenpacker in dem Lebensmittelgeschäft von Harris Teeters stammte.

„Wofür hast du dich den so in Schale geschmissen, Leander?“

„Gefällt es dir nicht?“

„Doch, doch, es gefällt mir. Es ist nur, irgendwie, ziemlich viel auf einmal.“

Buttons starrte unglücklich auf den Boden. „Meine Schwester Gina hat es ausgesucht. Ich habe ihr gesagt, dass ich dich besuchen fahre und da hat sie mir dieses ganze Zeug angezogen. Jetzt sehe ich bestimmt aus wie ein Vollidiot.“

Jacey lachte. „Nein, Leander, du siehst völlig OK aus. Du siehst toll aus. Echt toll.“

Du siehst toll aus“, sagte Little Buttons und schlenderte zu ihr herüber. Er blickte ihr ins Gesicht und sie fühlte sich plötzlich ganz schüchtern. Er roch sauber. „Es ist komisch dich zu sehen.“

„Ja?“

„Ja. Es ist komisch und toll“, sagte er.

Jacey schaffte es keine Grimasse zu ziehen, als er sie umarmte und ihr einen flüchtigen Kuss auf die Wange gab. Da sie keinen Widerstand leistete, setzte Buttons seine Umarmung fort und seufzte und schluckte ihr ins Ohr, wobei er seine Hand über die erhabene Stelle gleiten ließ, wo Jaceys BH ihr in den Rücken schnitt.

„OK, OK, Leander“, sagte Jacey.

Er wich zurück und begann sich nervös das Haar zu durchwühlen. Dann machte er eine eigenartige, leicht spastische Bewegung, bei der er mit der Hand über seinen Reißverschluss strich und seine Hüfte ein wenig drehte.

„Tut mir leid“, sagte er.

„Nein, kein Problem“, antwortete Jacey. „Ich hatte nur nicht erwartet so durchgequetscht zu werden.“

Leander knackte seine Handgelenke.

„Na, egal, ich finde, dass wir Der weiße Hai kucken sollten, zumindest, wenn das, was du hast, der erste Teil ist“, sagte Leander. „Die Stelle, wo sie nachts auf dem Boot sind, ist cool.“

Jacey war sich gerade nicht mehr so sicher, wie clever es war, sich zu einem Nachmittag auf dem Sofa mit Leander zu verpflichten. Eine altmodische Hollywoodschaukel wäre wahrscheinlich passender gewesen. Sie hätte es vorgezogen, mit Little Buttons an der frischen Luft zu sitzen, um das Gesicht, das sie im Planetarium geküsst hatte, erst mal im Tageslicht zu sehen, bevor sie mit ihm auf der Couch festsaß.

Jacey ging auf Abstand und starrte auf den grünen Bungalow auf der anderen Straßeseite, als sei er erst in der Nacht davor gebaut worden.

„Jacey?“

„Was, Leander?“

„Gehen wir rein?“

„Gleich“, sagte Jacey, die keine Ahnung hatte, was sie jetzt eigentlich tun sollte.

In diesem Moment erschien Maya auf der Vortreppe. Sie hatte ihre Zigeunerschals gegen ein T-Shirt, Turnschuhe und ein Paar blaue Baumwollshorts eingetauscht, die nicht viel größer waren als ein Paar Unterhosen und ihre Beine schier endlos erscheinen ließen.

Sie war ihrer Cousine immer noch wegen des Telefonats nach Charleston böse und das würde sich so rasch auch nicht ändern, obwohl sie ihr dankbar war, dass sie angesichts Leanders Klamotten kein Gesicht verzog. Ganz die liebenswerte Scheinheilige war Maya jetzt wieder ausgesprochen nett und schwesterlich. Sie sagte, dass sie einen Spaziergang machen wollte und fragte, ob sie Jacey etwas Birch Beer oder ein Stück Kuchen aus dem kleinen Laden um die Ecke mitbringen solle.

Als Jacey näher darüber nachdachte, schien es ihr, dass ein kleiner Ausflug zu dem Laden gar keine schlechte Idee war—eine Art Eingewöhnungsphase, bevor sie sich mit dem Weißen Hai und Buttons in das düstere Innere des Hauses zurückzog. Jacey schlug vor, gemeinsam zu dem Laden zu gehen, um Sachen für einen „Movie Salad“ zu kaufen—Popcorn mit geschmolzener Butter, Salzstangen, Brezeln und M&Ms. Buttons bot an, dass er Jacey auf der Puch mitnehmen könnte. Jacey lehnte ab. Sie hatte ziemliche Vorbehalte, was das Mitfahren auf Mopeds betraf. Sie war ziemlich gut mit Ricky Murphy befreundet gewesen, der letztes Frühjahr hinten von einem Scooter gerutscht war und sich an der Bordsteinkante den Schädel gebrochen hatte.

Auf dem Weg die Smithfield Road entlang, redete Maya weder von Nurejew, noch dem Modeln, noch davon wie großartig sie sei. Stattdessen pries sie Jaceys Vorzüge, ihre tolle Stimme, ihre herausragenden Leistungen beim Sechzig-Meter-Sprint (Jacey hatte die Art unerwartete Leichtfüßigkeit, die man gelegentlich bei eher kräftig gebauten Menschen findet). Sie erzählte, wie Jacey in einem der Sommercamps ihrer Kindheit eine Gruppe Methodistenkinder ausgetrickst hatte, die ihnen bei der Anmeldung fürs Kanufahren zuvorgekommen waren, indem sie sie daran erinnerte, dass die Ersten am Tag des Jüngsten Gerichts die Letzten sein würden und das die Sanftmütigen die Erde besitzen werden. Die dümmlichen frommen Mädchen konnten ihre Paddel gar nicht schnell genug wieder abgeben und die Cousinen hatten den See den ganzen Tag lang für sich. Jacey konnte nicht anders, als die Schwärmerei zu genießen. Es war erstaunlich, wie Maya es immer wieder schaffte, dass man sie nie über einen längeren Zeitraum hassen konnte.

Wie sich herausstellte, war der Laden ohne Angabe eines Grundes geschlossen und Maya schlug vor, dass sie alle in den Wald gehen sollten. „Denn schaut mal, was ich hier habe“, sagte sie und zog einen zerknitterten Joint aus ihren winzigen Shorts. Was konnte man schon besseres an diesem Tag machen, als sich unter den Bäumen zu bekiffen? Leander sagte, wie toll es wäre, sich Der weiße Hai bekifft anzukucken. Jacey hatte nichts dagegen einzuwenden.




CONTINUED
WILD AMERICA
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