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DOS & DON'TS
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STILLE NACHT - PART 2Von Blake BaileyWenig später kam Todd durch die Tür gepoltert und schleppte einen riesigen Plastikkanister mit sich hereinein lebenswichtiges Utensil aus der Zeit vor dem Gefängnis, als er praktisch aus dem Auto heraus gelebt hatte. Aber sein Auto gab es nicht mehr. Alles, was davon übrig war, war dieser Container, der, als er ihn auf den Küchenfußboden krachen ließ, laute Klirr- und Klappergeräusche von sich gab. Er war gefüllt mit Klamotten und den Sachen, die er in dem Schnapsladen gekauft hatte. Ohne jegliches Schamgefühl öffnete er eine Literflasche Jack Daniels und nahm einen großzügigen Schluck. „Ahhh!“, sagte er und rülpste. „Todd, du kannst das hier drin nicht trinken!“ Sagte meine Mutter. „Ja, Todd“, sagte ich, „trink es draußen.“ Keiner lachte. Seine blutunterlaufenen Augen auf uns beide gerichtet, nahm er noch einen Schluck und rülpste erneut. Eine Weile stritten sie sich, ob Todd ein Recht hätte, im Haus meiner Mutter Alkohol zu trinken. Todd war der Meinung, dass sein Leben ein beschissenes Unglück nach dem anderen war und jetzt hatte er auch noch sein Auto verloren, das ihm sechs lange Jahre treu gedient hatte (wenn man den Gefängnisaufenthalt abzog eigentlich drei) und, bei Gott, er hat es sich in Anbetracht all dessen verdient, sich zu besaufen und keiner würde ihn daran hindern. Ich sah das ein. Ich sagte: „Hör zu. Ich gehe jetzt in das andere Zimmer und kucke fern. Todd, es ist mir egal, ob du dich zu Tode trinkst, aber tu es bitte in deinem eigenen Zimmer und vor allem leise, OK? Und Ma. Lass es einfach gut sein. Mal im Ernst, wen zum Teufel schert’s?“ Keiner von ihnen antwortete. Sie warteten, dass ich ging. Sie hatten sich noch einiges zu sagen, und ich war kein Teil dieser Unterhaltung. Ich war ein Außenseiter; ich verstand nicht, um was es hier wirklich ging und sie hatten auch nicht vor, es mir zu erklären. Ein paar Stunden später lag ich im Dunkeln auf dem Sofa, unter dem ich in Reichweite einen Feuerhaken versteckt hatte. Durch den Korridor sah ich ein schwaches Licht aus dem Zimmer meines Bruders dringen. Alle halbe Stunde passierte das Folgende: Meine Mutter schlich sich leise durch das Wohnzimmer, um mich nicht aufzuwecken, und drehte dann im Flur den Thermostat runter, den mein Bruder in seinem angetrunkenen Zustand immer auf Stufe Acht oder so hochdrehte. Dann öffnete sie leise die Tür zum Zimmer meines Bruders und zischte ihm zu, den Thermostat in Ruhe zu lassen und endlich schlafen zu gehen. Todd machte ihr daraufhin irgendwelche Vorhaltungen. Das ging dann vielleicht fünfzehn Minuten lang so und dann kam meine Mutter in das Zimmer zurück. Binnen Sekunden hatte Todd den Thermostat dann schon wieder hochgedreht und die Lüftungsrohre begannen zu ächzen, worauf wenig später meine Mutter wieder durch das Wohnzimmer geschlichen kam, usw. Irgendwann hörte ich deutlich, wie mein Bruder sagte: „Wenn du diesen Thermostat noch einmal anrührst, bringe ich dich um.“ Die ganze Anspannung muss wohl zu viel für mich gewesen sein, denn danach schlief ich ein. Meine Mutter weckte mich am nächsten Morgen auf. Sie hockte neben der Couch. „Jetzt, wo sein Auto weg ist, wird er nie von hier verschwinden!“, sagte sie in einem abgehackten, hysterischen Flüstern. „Du musst ihm sagen, dass er hier weg muss! Du musst ihn irgendwie hier rauskriegen!“ „Wie ist die Sache mit dem Thermostat denn ausgegangen?“, fragte ich sie. Sie warf einen nervösen Blick über ihre Schulter und bedeutete mir, ihr in den Flur zu folgen. Todds Tür stand einen Spalt offen. Sie schob auf und uns schlug ein kalter Geruch aus Bourbon und Schweiß entgegen; und da war Todd, nackt, neben einem der Heizlüftungen zu einer Art zitternden Fötus zusammengekrümmt. Meine Mutter hatte in Sachen Thermostat anscheinend den längeren Atem bewiesenmit Sicherheit ein teuer erkaufter Siegund er musste wohl eingeschlafen sein, bevor er sie umbringen konnte. Sie schloss die Tür und zog mich in die Küche. „Was soll ich bloß machen?“, fragte sie. Ich hatte mir darüber natürlich meine Gedanken gemacht. Ich erinnerte meine Mutter, dass wir ausgemacht hatten, dass sie mich heute in die Stadt fahren würde, damit ich ein Auto mieten und ein paar Freunde besuchen könnte. Stattdessen würden wir aber zur Polizei gehen und veranlassen, dass sie Todd von ihrem Grundstück entfernten. Meine Mutter sah nicht ganz überzeugt aus. „Du meinst, du willst ihn festnehmen lassen?“ „Wenn das nötig sein wird, ja.“ „Nein, mein Schatz.“ Sie schüttelte ihren Kopf. „Das kann ich nicht. Er ist auf Bewährung. Sie werden ihn wieder in den Knast stecken.“ „Das klingt so, als fändest du das schlimm.“ „Es ist doch fast Weihnachten.“ „Er hat letzte Nacht gedroht dich umzubringen! Er wird dich umbringen.“ Sie schüttelte immer noch ein wenig den Kopf, also zog ich meine Trumpfkarte. „Denk an deine Katzen.“ Ungefähr eine Stunde später hörte ich, wie Todd sich regte und sah ihn aus seinem Zimmer ins Bad huschen. Sein Gesicht trug einen Ausdruck herausfordernder Gereiztheit. Er duschte eine Ewigkeit und huschte dann mit (gereizt) gesenktem Blick in sein Zimmer zurück und kam schließlich ganz ordentlich mit einem Pullover und Hosen bekleidet wieder hinaus. Er bezog hinter meiner Mutter in der Küche Position und wollte offensichtlich ihre Aufmerksamkeit; sie schnitt aber weiter Zwiebeln. Schließlich begann er mit einem gekünstelten Räuspern zu sprechen: „Ich entschuldige mich für jegliche Unannehmlichkeiten, die mein gestriges Verhalten dir bereitet haben mögen. Ich nehme an, ich war einfach sehr, na ja, verstört, da ich gerade das Einzige, was mir irgendetwas auf der Welt bedeutet hat, verloren hatte, aber sicherlich war das kein Grund, mein Unglück an anderen auszulassen. Ich hoffe aber, dass wir das Ganze jetzt vergessen und ein schönes Weihnachtsfest haben können.“ Diese Ansprachezu drei Teilen Selbstmitleid und zu einem Teil Reuewar nicht dazu angetan, auch das weichste Herz zur Vergebung zu bewegen und meine Mutter war unbeeindruckt. Ich sah aber, wie ihr ein Anflug von Schuld um die Mundwinkel spielte. „Was willst du an dein Omelett dran haben?“, fragte sie in einer neutralen Stimme. Irgendwie schafften wir es mit einem mühsam aufrechterhaltenen Gespräch durchs Frühstück und schließlich schafften es meine Mutter und ich auch, mit der Erleichterung Strafgefangener bei ihrer Ankunft am Ende des Fluchttunnels, aus dem Haus und zum Auto. Todd schaute uns von der Tür aus wehmütig hinterher. Er hatte mich eigentlich selbst zu dem Autoverleih bringen wollen. Wir saßen in einer kleinen Kabine einem Polizisten gegenüber, der meiner Mutter mit ausdruckslosem Gesicht ein paar Fragen stellte und sich Notizen machte. „Und Sie sagen, dass er gewalttätig ist?“ „Nuner ist potenziell gewalttätig. Er trinkt!“ Der Mann schrieb es auf. „Also ist er Ihnen gegenüber noch nicht wirklich handgreiflich geworden?“ „Können wir ihn nicht einfach ins Krankenhaus bringen?“, fragte meine Mutter flehend. „Ich will ihm helfen. Er braucht Hilfe.“ „Er ist gewalttätig“, sagte ich dem Polizisten. „Er hat sie angegriffen und er ist zu Schlimmerem fähig. Zu viel Schlimmerem. Gestern Abend hat er angedroht sie umzubringen.“ „Hat er nicht!“ „Doch, hat er.“ „Er war besoffen!“ „Stimmt. Er hat im Suff gedroht sie umzubringen, und er ist die meiste Zeit besoffen. Das ist so ungefähr, als würdest du sagen, dass er geatmet hat, als er es sagte.“ Der Polizist schrieb lustlos mit und ich erwähnte Todds kürzlichen Gefängnisaufenthalt und eine paar andere Meilensteine. „Er muss in eine Anstalt“, sagte ich. „Eine psychiatrische Einrichtung wäre gut, aber Knast tut es zur Not auch.“ „Auf keinen Fall!“, sagte meine Mutter. Der Mann legte seinen Bleistift ab. Er ließ seinen Blick mit hochgezogenen Augenbrauen über seine Notizen gleiten und sagte, dass sie höchstenfalls Todd wegen unerlaubten Betretens vom Grundstück entfernen lassen könnten. Das könnten sie gerne tun. „Können Sie ihn nicht in ein Krankenhaus bringen?“, fragte meine Mutter. „Mit seiner Zustimmung, klar.“ Ich lachte. „Und“, sagte er und runzelte auf unbestimmte Weise die Stirn. „Möchten Sie, dass wir ihn vom Grundstück entfernen?“ „Ja“, sagte ich. „Bitte.“ Wir trafen uns circa eine Meile vom Haus meiner Mutter entfernt mit einem Polizeiauto. Einer der Polizisten war ein stämmiger Typ um die fünfzig mit einem Walrossschnauzbart, der auf eine Weise die Dramatik der Situation zu verdeutlichen oder zu unterstreichen schien. Er erklärte uns, wie das Ganze laufen würde. Er versicherte meiner besorgten Mutter, dass Todd weder verhaftet noch auf irgendeine Weise behelligt werden würde, solange er keinen Widerstand leiste. Er riet uns, im Hintergrund zu bleiben und sie die Sache einfach machen zu lassen. Sein Partner, ein angespannt wirkender, jüngerer Typ, nickte zustimmend: So läuft das. Todd ging nicht gleich an die Tür. Ich machte mir Sorgen, dass er das Polizeiauto gesehen und aus einem Hinterfenster abgehauen warum dann im Wald zu warten, bis die Luft rein sei und uns dann umzubringenaber dann flog die Tür auf und hier war Todd. Einen Moment lang wirkte er verblüfft: Seine Augen zogen sich zusammen und er schien den Kopf ein wenig zur Seite zu neigen. Dann warf er mir, meiner Mutter und den Cops einen scharfen Blick zu und sagte: „Wollen Sie nicht reinkommen, Officers?“ Wenn er nüchtern war, wusste Todd, dass es keinen Sinn hatte, sich mit Polizisten anzulegeneine der kleinen Weisheiten, die er sich auf seinen dunklen Pfaden angeeignet hatte. Seine Stimme klang ruhig und besorgtWas könnte wohl das Problem sein?und als der Angespanntere der beiden Cops ihn bat, von der Tür wegzutreten, kam Todd der Aufforderung rasch aber gefasst nach. Dann bat er die Polizisten mit fast komisch anmutender Schüchternheit, ihm doch ins Wohnzimmer zu folgen und sich zu setzen. Sie blieben stehen. Todd fragte sie, ob es ihnen etwas ausmachen würde, wenn er sich setzen würde; tat es nicht. Todd machte es sich in einem Stuhl bequem, schlug die Beine übereinander und wartete darauf, dass man ihn die Lage erklärte. „Sir“, sagte der Walrossbart, „Ihre Mutter möchte, dass Sie ihr Haus verlassen.“ Todd warf meiner Mutter einen verwunderten Blick zu: Das kann doch unmöglich stimmen. „Todd, du brauchst Hilfe“, sagte sie. „Du bist ein Alkoholiker und du brauchst Hilfe.“ „Ein ‚Alkoholiker‘?“ Er schüttelte langsam seinen Kopf, als hätte er den Witz nicht verstanden. „Weil ich letzte Nacht ein bisschen zuviel getrunken habe, bin ich plötzlich ein ‚Alkoholiker‘?“ Ich war kurz davor, an diesem Punkt in ein verächtliches Lachen auszubrechen, entschied mich aber meine Würde zu wahren. Ich seufzte und warf den Polizisten einen leidenden Blick zu. „Todd“, sagte meine Mutter, „bitte lass dich von diesen Herren ins Krankenhaus bringen.“ „Ich geh in kein Krankenhaus. Ich bin bei bester Gesundheit.“ Nach einem kurzen Nachdenken fügte er hinzu: „Es ist der Tag vor Weihnachten!“ „Weihnachten fällt dieses Jahr aus“, sagte meine Mutter. „Na ja“, sagte Todd, „was mich betrifft, findet Weihnachten dieses Jahr nach wie vor definitiv statt.“ Ich seufzte noch einmal bestimmtein Seufzen, das nach einem Ende dieses traurigen Schauspiels verlangte. Mit zurückhaltender Würde wendete ich mich dem älteren Cop zu und fragte ihn, wo man Todd hinbringen würde, wenn er nicht ins Krankenhaus wollte. Der Mann antwortete mit einer langen Ausführung. Er sagte, dass man Todd zum Ende der langen, mit Kies befestigten Einfahrt bringen würde, wo er dann auf ein Taxi warten müsste. Einen Moment lang wendete ich mich Todd zu (der Polizist redete noch), der die Gelegenheit nutzte, um mir einen Blick zu zuwerfen, der wohl dazu dienen sollte, mich einzuschüchtern und gleichzeitig an meine nobleren Gefühle zu appellieren. Seine Augen waren voll Hass, aber auch voll Nähe und Trauer, dass es so weit gekommen war. „Ich wette, das macht dir einen Riesenspaß“, sagte er. „Es ist eine der schlimmsten Erfahrungen meines Lebens“, antwortete ich. Die Art, wie ich es sagte, klang rührselig und etwas feige, aber im Prinzip meinte ich es wirklich so. Es war ganz sicher ein schlimmer Moment. Aber gleichzeitig war das natürlich genau die Art Bemerkung, die man machen würde, wenn man sich seiner Rolle als der gute Bruder, der Reifere, der einfach nur das will, was für seine leidgeprüfte Mutter gut ist, hingibt. Was heißen will, es machte mir Spaß, wenn ich ehrlich bin. „Nun, gleich ist es ja vorbei“, sagte Todd. „Fürs Erste.“ „Haben Sie das gehört?“, fragte ich den Polizisten, der die Augen schloss und nickte. Er war ein anständiger Typ, der diese Dinge einfach bedauernswert und traurig fand. Die beiden Polizisten gingen ans Werk. Der jüngere begleitete Todd in sein Zimmer und stand in der Tür, während er packte. Ab und an lachte der Mann nervös und ich wusste, dass Todd versuchte, ihn mit seinem Charme und ein paar aufgesetzten Scherzchen für sich einzunehmen. („Mann, das ist ja wirklich eine tolle Weihnachtsstimmung! Im Ernst mal, ich hoffe, die beiden kriegen nur Kohlen in ihre Weihnachtsstrümpfe ...“) Schubladen wurden mit wohl kalkulierter Zurückhaltung geöffnet und geschlossen, Kleiderbügel aus Draht klirrten leise. Schließlich kam Todd mit seinem Seesack über der Schulter aus dem Zimmer. Er setzte den Sack im Wohnzimmer auf dem Boden ab und wendete sich den Cops zu. „Ich möchte, dass ihr Jungs wisst“, sagte er, „dass ich eure Professionalität absolut bewundernswert finde. Ihr hättet nicht höflicher und freundlicher sein können, und ich möchte, dass ihr wisst, dass ich euch das nicht vergessen werde.“ Auf einer bestimmten Ebene meinte Todd das auch sodie Polizisten waren wirklich nette Typen. Auf der anderen Seite wollte er ihre Nettigkeit so aber der herzlosen Doppelzüngigkeit seiner Familie gegenüberstellen (noch dazu Weihnachten), um damit anzudeuten, dass er eines Tages vielleicht in der Lage sein würde ihre Freundlichkeit und unsere Grausamkeit zurückzuzahlen. Und auf einer weiteren, noch finstereren Ebene stellte er sich bereits eine kommende Anhörung vor Gericht vor: „Nein, der Angeklagte war ausgesprochen höflich. Er schien über die ganze Angelegenheit wirklich überrascht und traurig zu sein ...“ „Todddeine Geschenke“, sagte meine Mutter und sammelte sie unter dem Weihnachtsbaum zusammen. Als Todd zögerte sie anzunehmen, hockte sie sich hin und begann, sie ganz ordentlich in seinen Seesack zu packen. Zwei Dinge fielen mir auf: Erstens, dass nur meine Mutter sich so etwas trauen würde, und zweitens, dass Todd, in Anbetracht der Umstände, ziemlich wenig zusammengepackt hatte (er hatte noch nicht mal den restlichen Alkohol eingepacktmit Sicherheit des Anscheins wegen, aber ich fand es dennoch bedenklich). Irgendwann stand er schließlich an der Küchentheke und suchte in den Gelben Seiten nach einem Motel. „Das hier ist gut“, bemerkte der jüngere Polizist und tippte mit dem Finger auf eine Anzeige. „Es ist sauber und billig und liegt auf halbem Weg zwischen hier und der Stadt.“ Todd nickte und rief an, um ein Zimmer zu reservieren. Dann bestellte er ein Taxi und erklärte dem Typen am Telefon geduldig den Weg zu unserer entlegenen Ecke. Beim Auflegen schüttelte er schweigend den Kopf, als wäre das alles einfach nur zu seltsam, um es in Worte zu fassen. „Ma, du meinst das nicht wirklich ernst“, sagte er. „Komm schon. Ich bin dein Sohn, um Himmels Willen. Es ist Weihnachten.“ „Das hast du dir selbst zu verdanken!“, sagte meine Mutter, mit ihrem unerschütterlichen deutschen Hang zu Plattheiten. „Ja, und das Leben hat es so gut mit mir gemeint“, sagte er. Ich konnte mich nicht länger zurückhalten. Ich bemerkte höhnischund nicht zum ersten Maldass es immer das Leben war, das Schuld hatte, und nie Todd. Er machte einen Schritt auf mich zu. Der ältere Cop sah, wie ich mich in Stellung brachte, und griff nach Todds Arm. Der jüngere Cop griff, etwas zögerlich, nach Todds anderem Arm und Todd erschlaffte auf fast komische Weise in ihrem Griff. Als sie ihn zur Tür führten, drehte er sich zu mir um und sagte drohenden Blickes: „Bis baaald!“ Und das war das Letzte, was wir von ihm sahen. Wir gingen davon aus, dass er in einer Stunde oder so wieder hier sein würde, also galt es als Erstes ein Gewehr zu kaufen. Meine Mutter hatte nichts weiter als eine alte Schrotflinte, die aussah, als sei sie seit Alamo nicht mehr abgefeuert worden und zu der es zudem keine Munition gab. Nach einem Blick in die Gelben Seitendie immer noch offen auf der Theke lagenfuhren wir zu einem Sportgeschäft an der Interstate-Autobahn, wo ich dem bärtigen Typen in der Feuerwaffenabteilung unser Anliegen schilderte; er trug eine Tarnjacke und schielte uns unverwandt mit nur einem Auge an. „Wofür brauchen Sie es denn?“, fragte er, als ich erwähnte, dass ich seit meiner Kindheit nicht mehr geschossen hatte und etwas ganz Schlichtes wollte. „Um zu schießen, wissen Sieauf Leute.“ „Neein!“, protestierte meine Mutter. Der Mann nickte und bückte sich unter den Ladentisch, wo er eine kurzläufige Pistole in einer Ziegenlederhülle hervorholte. „Dann brauchen Sie die hier“, sagte er. „Smith und Wesson Achtunddreißiger, einfach zielen und schießen.“ Ich bezahlte mit meiner American-Express-Karte und präsentierte meiner Mutter die handlich in einer Plastikhülle verpackte Pistole. Fröhliche Weihnachten. Dann gingen wir in ein chinesisches Restaurant und planten bei Spare Ribs und Martini unsere Strategie. „OK, du hast also die Pistole in der Hand“, sagte ich. „Was sagst du zu ihm?“ „Setz dich hin.“ „Und wenn er das nicht tut? Wenn er näher kommt?“ „Dann erschieße ich ihn“, sagte sie und nahm kichernd einen Schluck Gin. Wir fühlten beide die Anspannung, aber ich mahnte meine Mutter zum Ernst. Ich hatte sie immer und immer wieder wegen Todd gewarnt und jetzt konnte sie ja sehen, wo es hingeführt hatte! In angetrunkener Feierlichkeit sagte ich ihr, dass ich, wenn sie Todd jemals noch einmal in ihr Leben lassen würde, für keinen von ihnen beiden mehr Verantwortung übernehmen würde. Sie nickte ein wenig abwesend. „OK.“ „OK, was?“ Sie zuckte mit den Schultern. „Todd ist nicht so schlimm, wie du denkst. Es ist nicht alles schwarz und weiß, weißt du. Es gibt auch ein bisschen Grau!“ „Es gibt auch ein bisschen Grau. Mein Gott, das war mir noch nie bewusst! Hast du einen Stift? Das muss ich mir aufschreiben.“ So ähnlich hatte sich mein Vater früher über ihre platten Sprüche lustig gemacht. Sie gab sich lächelnd ihren Erinnerungen hin. „Hör zu“, sagte ich. „Von jetzt an, und da würden mir deine Katzen wahrscheinlich zustimmen, ist alles schwarz. Kein Grau. Wenn du dich dem Grau hingeben willst, tu es ohne mich. Hast du mich verstanden?“ Sie nickte einsichtig. „OK. Du hast die Pistole. Was sagst du?“ „Setz dich hin.“ „Und wenn er das nicht tut?“ Sie schlug mit Wucht auf den Tisch. „Ich erschieße den Bastard.“ Als wir beim Wal-Mart hielten, um Patronen zu kaufen, wurde es schon dunkel. Ein spindeldürrer mit einer blauen Weste bekleideter Jugendlicher zerrte eine Palette Munition hervor und sagte (wobei er auf die Kiste zeigte), dass das hier die mit der hohlen Spitze seien, die wir bräuchten. „So gehen sie rein“, sagte er und deutete mit Daumen und Zeigefinger ein zentimetergroßes Loch an, „und so kommen sie raus“er formte mit beiden Händen eine übergroße Grapefruit. Wir kauften eine Kiste mit vierundzwanzig Stück. „Hmm, das wär’s wohl mit ihn nur leicht anschießen“, merkte ich an. Ich sollte noch erwähnen, dass ich, als wir aus dem Restaurant kamen, Todds Motel angerufen hatte, ob er dort eingecheckt hätte. Hatte er nicht, außer er hatte es unter falschem Namen getan. Wahrscheinlich lungerte er irgendwo in der Nähe des Hauses herum und wartete, dass wir zurückkamen. Und wenn wir wirklich Pech hatten, hatte er sich inzwischen ebenfalls eine Pistole gekauft. Wir mussten an seine Tage als Gewehrschütze denken. Meine Mutter hielt auf der Kiesauffahrt an und wir feuerten abwechselnd in das Ufer eines Teichs. Beim Aufprall spritzten dicke Brocken Schlamm in die Höhe und eine dunkle Wolke Vögel erhob sich in die Lüfte. Irgendwo hörte uns Todd vielleicht. Das Haus war eine verschwommene Silhouette in der puderigen Abenddämmerung. Als meine Mutter das Auto anhielt, rollte ich mich auf der Beifahrerseite heraus. Ich rollte mich wirklich herauswie ein bescheuerter Bulle aus irgendeiner Fernsehserie. Ich presste mir die Pistole gegen’s Ohr und huschte wie ein Wicht von Gebüsch zu Gebüsch, um das Haus abzucheckenschaute vorsichtig durch die Fenster und hockte mich dann wieder hin, um die Pistole in Richtung des dunklen Wäldchens zu wedeln, und so weiter. Schließlich hatte ich das Haus komplett umrundet und bedeutete meiner Mutter, dass alles in Ordnung sei. Sie sprang aus dem Auto und watschelte in ungeschickter Eile den vereisten Pfad hinauf, wobei sie ihre Handtasche nach dem Schlüssel durchwühlte. Ein seltsam erschütternder Anblick. Es dauerte eine Weile, bis der Adrenalinschub abgeebbt war. Wir machten im Haus alle Lampen an und zogen die Gardinen zu, dann goss sich meine Mutter einen Brandy ein und machte ein paar Anrufe. Sie rief einen 24-Stunden-Schlosserdienst an, einen Bekannten, der bei einer Immobilienfirma arbeitete und ihr einen guten Deal für eine ausgeklügelte Sicherheitsanlage machen konnteund die Einrichtung derselben schon am nächsten Morgen, wenn nicht sogar noch am selben Abend erledigen würdeund verschiedene andere Leute, die Todd kannten und versprachen, uns Bescheid zu sagen, sobald sie irgendwie mitkriegten, wo er sich aufhielt. Nach dem letzten Anruf kippte meine Mutter den Rest des Brandy runter und setzte sich zu mir auf die Couch, wo ich mit der Pistole auf dem Schoß Fernsehen kuckte. Ein paar Minuten später klingelte das Telefon. Wir rührten uns nicht. „Ich finde es ziemlich erbärmlich“, lallte Todd auf den Anrufbeantworter, „ziemlich sauerbärmlich, dass ich Weihnachten in irgendeinem verlausten Motel verbringen muss. Ich bin achtunddreißig Jahre alt“, fügte er hinzu und verfiel dann in eine lange betrunkene Stille. Meine Mutter macht Anstalten aufzustehen, aber ich zog sie auf’s Sofa zurück. „Stille Nacht, heilige Nacht“, sang Todd auf Deutsch. „Alles schläft, einsam wacht ...“ Er sang das komplette Lied von der ersten bis zu letzten Strophe, seufzte, nahm einen Schluck (wir hörten das Eis im Glas klirren) und legte auf. Also war er, wie es schien, in irgendeinem Motelund bestimmt war es wirklich ein verlauster Dreckstall, statt des sauberen Ladens, den der nette Cop empfohlen hatte, da Todd eine gewisse Abgeranztheit nichts ausmachte und er sein Geld sicher lieber für Schnaps und Drogen aufheben wollte. Das war immerhin beruhigend. Der Rest des Abends verlief ganz angenehm. Der Schlosser kam rasch, machte seinen Job und verschwand wieder. Wir saßen da und tranken Todds Schnaps und machten schon ein paar Geschenke auf. Meine Mutter hatte irgendeine Art Hopi-Gebetsstab oder Räucherstäbchen, die sie irgendwann anzündete, um damitetwas wackligen, aber würdevollen Schrittesdurch das Haus zu gehen und Rauch auf alles zu wedeln, was von Todds Geist noch übrig war. Ihre Katzen kamen eine nach der anderen aus ihren Verstecken und gesellten sich im Wohnzimmer zu uns, als wäre nie etwas passiert. STILLE NACHT 1 | 2 |
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