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DOS & DON'TS
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MELANCHOLISCHE GESCHICHTEN VOM TOD DER KÖNIGEVon Barry Gifford
Dieser Typ hat wahrscheinlich den Status einer lebenden Legende verdient, aber er ist so charmant und auf dem Teppich geblieben, dass wir bezweifeln, dass er mit so einer Auszeichnung einverstanden wäre. Mit die beste amerikanische Prosa, Poesie und Sachliteratur gehen auf sein Konto. Es ist also kein Wunder, dass zwei von David Lynchs besten Filmen, Wild At Heart und Lost Highway, mit Barrys Unterstützung am Drehbuch entstanden. Die Geschichte ist ein Auszug aus seinem kommenden, bis jetzt mit The Imagination of the Heart betitelten Buch. Das letzte Kapitel der Saga von Lula und dem Seemann wird in den USA im Mai herausgebracht.
Findet auf www.barrygifford.com heraus, was er sonst noch so treibt. Roys Freund Magic Frank arbeitete jede Samstag- und Sonntagnacht als Putzkraft im Tip Top Burlesque House. Eigentlich arbeitete er aber Sonntag- und Montagmorgen, da er erst um halb vier des Folgetages anfing. Laut Gesetz mussten die Gäste und Angestellten, die sich während der Geschäftszeiten im Tip Top aufhielten, mindestens achzehn Jahre alt sein, Magic Frank war aber erst sechzehn. Da die Auftritte der Mädels jedoch schon um drei Uhr endeten, galt diese Verordnung nicht für ihn. Den Job hatte ihm sein älterer Bruder Moose verschafft, der jeden Donnerstag mit dem Besitzer des Tip Top, Herman „Lights Out“ Trugen, Poker spielte. Trugens Spitzname spielte auf seine Angewohnheit an, bei jeder Gelegenheit das Licht auszuschalten, um so Stromgeld zu sparenso hatte es Moose Frank einmal erzählt. Trugen, der um die sechzig war, soll Gerüchten zufolge mit dem Komödianten W. C. Fieldsein weiterer berühmter Geizhals, der sein Telefon mit einem Vorhängeschloss sicherte, zu dem nur er den Schlüssel besaßbefreundet gewesen sein. In Berlin, so erzählte Moose, war Herman Trugen Besitzer eines bei den Nazis sehr beliebten Freudenhauses gewesen. Einige von den Nazis hatten ihm während des Holocausts auch bei der Flucht aus Deutschland geholfen. Seine beiden Schwestern und einer seiner Brüder sind aber in Auschwitz umgekommen. Magic Frank ging nicht gern allein zum Tip Top in der State Street, Ecke Congress Parkway, darum fragte er an Heiligabend seinen Freund Roy, ob er ihn nicht begleiten könne. Er versprach ihm auch, dass er ihn nach getaner Arbeit auf ein Frühstück einladen würde. Weihnachten hatte schon offiziell begonnen, als sich die beiden Sonntagnacht gegen halb drei auf den Weg zum Tip Top machten. Sie wollten früher da sein als sonst, weil sie noch die letzte Show des Abends sehen wollten. „Ich dachte, die lassen dich nicht rein, bis die letzte Show vorbei ist“, sagte Roy. „Ich habe einen Schlüssel für die Hintertür“, erwiderte Magic Frank. „Außerdem ist Trugen sonntags nie da, und den anderen Typen ist es egal, die nicken nur und winken mich rein. Die lassen mich kucken, wenn ich will.“ „Und was ist mit den Stripperinnen?“ „Was soll mit denen sein?“ „Kennst du welche?“ „Nicht wirklich. Wenn ich hier ankomme, sind die meistens hundemüde. Die ziehen sich dann schnell an und verschwinden.“ Ein kalter, unregelmäßiger Regen prasselte auf die Jungs nieder, als sie die Dearborn Street hinuntergingen und die Van Buren Street rechts liegen ließen. Als sie dann links in den Congress Parkway einbogen, blies ihnen einen kalte Böe direkt ins Gesicht. „Verdammt noch mal!“, schrie Frank. „Sobald ich die Möglichkeit habe, ziehe ich nach Miami.“ Magic Frank führte Roy in eine Gasse westlich der State Street. An der Rückseite des Tip Top schloss er die Hintertür auf. Roy folgte ihm durch die Büros in das Theater. Die Show lief noch, also schlichen sich die beiden einen Seitengang bis zur letzten Reihe hinauf und setzten sich. Zwei Männer im mittleren Alter mit roten Nasen standen auf der Bühne. „Wo warst du letzte Nacht, Al?“, fragte der eine den anderen. „Auf’nem Friedhof.“ „Auf’m Friedhof?“ „Das ist richtig, Joe.“ „Was hast du nachts auf’m Friedhof verloren?“ „Musste einen Steifen loswerden.“ Die knapp ein Dutzend Zuhörer kriegten diesen schalen Witz nicht mal richtig mit, obwohl er von Trommelwirbel samt Beckenschlag angekündigt wurde. Für Roy sahen diese beiden Komiker genauso heruntergekommen aus, wie sich die Band anhörte, als diese den Einlaufsong für die letzte Stripperin des Abends spielte. „Und nun ihr Würmer, ergötzt und beglückt euch ...“, verkündete Joe, der Typ mit dem schlechten Friedhofswitz. „... direkt aus Paris, der Metropole im Süden von Illinois, die Frau, die keinen unberührt lässt, die stolze Besitzerin der schönsten Brüste im gesamten Mittleren Westen, Miss May Flowers!“ May Flowers betrat die Bühne von der linken Seite und das Komikerduo verließ sie auf der rechten. Eingehüllt in ein eng anliegendes, bodenlanges, knallgelbes Abendkleid, tänzelte sie asynchron zur lustlosen Darbietung des Songs „Night Train“. Ihr hochgestecktes Haar war feurig rot. „Sonny Liston ist zu diesem Song immer in den Ring einmarschiert“, flüsterte Roy. Vor ihrem Strip hätte man Miss Flowers auf knappe 40 geschätzt. Nach ihrer Showeinlage dachte Roy, dass sie sogar noch älter aussah. Ihre Brüste waren lang und schmal und außerdem sehr weit voneinander entfernt. Die Nippel waren mit silbernen Pailletten bedeckt. Als Miss May Flowers ihre Brüste aus der Gefangenschaft befreite, hingen diese fast bis zu ihrem Bauchnabel herunter. Während des Herumstolzierens und der unweigerlichen Entblößung konnte Roy bei den anwesenden Beobachternviele von denen hatten den Eintritt nur bezahlt, um der Kälte der Straßen zu entfliehenkeine nennenswerten Reaktionen feststellen. Die meisten von ihnen verhielten sich passiv, wenn nicht sogar fast komatös, in jedem Fall unbeeindruckt von dieser traurigen Darbietung. Die Gäste, die in ihren Sitzen tief schlummerten, wurden von der Künstlerin nicht bemerkt, da ihr Schnarchen von den wenig begeisternden Klängen von Jimmy Forrests berühmter Komposition übertönt wurde. May Flowers beendete ihren Akt ohne große Schnörkel. Nachdem sie alle Kleidungsstücke abgelegt hatte und nur noch das strategisch positionierte goldene Lamé-Dreieck einen kleinen Teil ihres Körpers versteckte, verließ sie hastig die Bühne und anschließend auch das Gebäudedas dachten zumindest alle. Als Roy und Magic Frank hinter die Bühne gingen, war von Miss Flowers keine Spur mehr zu sehen. Auch die Musiker wollten so schnell wie möglich aufbrechen, während zwei leichenblasse Platzanweiser die Gäste in die unwirtliche Nacht entließen. Ein Teil von Franks Job bestand darin, die Lichter auszuschalten und die Türen zu schließen, so dass die Platzanweiser einfach gingen, nachdem der letzte Gast das Theater verlassen hatte. Roy fragte Magic Frank, ob er ihm behilflich sein könne, und Frank trug ihm auf, die Abfallkörbe in den Büros zu leeren und den Abfall dann in eine Mülltonne auf der Rückseite des Gebäudes zu entsorgen. Roy sammelte also den Abfall aus allen Abfallkörben in einem großen Abfallkorb und brachte ihn dann raus. Vorher stellte er noch einen Stuhl zwischen die Tür und den Rahmen, so dass er sich nicht versehentlich ausschließen konnte. Als er den Abfall in die Mülltonne kippte, verließ May Flowers das Theater. Sie hatte eine Tasche und ein Köfferchen mit Tragegriff bei sich. Sie trug einen schweren Bibermantel und einen kleinen, dazu passenden Hut. Roy zitterte im eisigen Regen. „Eine scheußliche Nacht, nicht wahr?“, sagte sie. Roy sah sie an und fragte: „Wie kriegen Sie Ihr ganzes Haar unter diesen kleinen Hut?“ „Du meinst die Perücke, die ich während der Show trage? Die ist hier drin“, sagte May Flowers und hob das Köfferchen. „In der linken Tasche meines Mantels ist eine Schachtel Zigaretten und ein Feuerzeug. Wärst du so nett, sie rauszuholen und mir eine anzustecken?“ Roy stellte den Abfallkorb beiseite, fischte mit einer Hand in der Tasche von Mays Mantel und holte eine Schachtel Viceroys und ein goldenes Feuerzeug hervor. „Nimm eine und zünde sie mir bitte an, Darling“, bat sie ihn. Roy legte eine Zigarette zwischen seine Lippen und zündete sie an. Von Nahem sah sie seiner Großmutter sehr ähnlich. „Steck sie mir einfach rein“, sagte May Flowers und öffnete ihren Mund. Roy nahm die Zigarette aus seinem Mund und steckte sie ihr zwischen die Lippen. Dann verstaute er die Schachtel wieder in der Manteltasche. „Du bist wirklich ein Engel, Kleiner“, sagte sie. „Tu mir einen Gefallen und ende nicht so wie diese Penner, die in solchen Lokalen abhängen und nichts Besseres zu tun haben, als sich gegenseitig melancholische Geschichten vom Tod der Könige zu erzählen. Frohe Weihnachten.“ May Flowers ging fort. Roy nahm den Abfallkorb wieder auf und ging zurück ins Gebäude. Magic Frank verstaute gerade Wischmopp und Eimer in einem Schrank. „Ich habe gerade May Flowers getroffen“, erzählte ihm Roy. „Sie hat mich gebeten, ihr eine Zigarette anzuzünden.“ „Echt jetzt? Was hat sie noch gesagt?“ „Dass ich nicht so enden soll wie die Männer, die hier herkommen.“ Später, als die beiden in einem Imbiss saßen, sagte Frank: „Wow, die erste Nacht im Tip Top und du triffst May Flowers.“ Ein geschmackloser, sparsam mit Lametta geschmückter Weihnachtsbaum stand neben der Tür. „Ja“, sagte Roy. „Aber es wäre toller gewesen, wenn ich nicht vorher ihre Brüste gesehen hätte.“ Copyright © 2008 Barry Gifford. Alle Rechte vorbehalten.
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