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MARTIN AMIS - PART 2


INTERVIEW: JAMES KNIGHT


Was denkst du von der momentanen Situation der Literatur?

Es wird immer produziert werden, ich mache mir eher Sorgen um das Lesen. Poesie ist schon tot, wenn es darum geht. Bei Poesie musst du die Uhr anhalten. Wenn du ein Gedicht liest, dann sagt der Dichter: „Halt, schau dir dieses Gedicht an!“ Die Leute mögen die einsame Reflektion nicht mehr, also hat Poesie keinen Platz mehr in unserer Kultur. Das wird sich irgendwann auch auf den Roman ausweiten. Die Tage der langen, reflektierten, literarischen Diskurse, so wie die großartigen Saul Bellow-Romane, die zu ihren Zeiten acht Monate lang Bestseller waren, sind gezählt. Heute werden Romane geglättet und forciert. Das ist eine Reflektion des Zeitalters.

Gibt es irgendwelche jungen Autoren, die du bewunderst?

Ehrlich gesagt, ich lese nichts von Autoren, die jünger sind als ich. Sein Lesen nach Autoren auszurichten, die sich nicht durch die Zeit bewährt haben, kommt mir schrecklich unökonomisch vor. Ich lese mit großem Interesse meine Freunde, wie Will Self und Zadie Smith. Es scheint alles ziemlich gesund da draußen, aber ich traue mir keine Generalaussage zu, wo der Roman sich heute befindet.

Im Gespräch mit Self hast du gesagt, dass „die Mittelschicht in deinen Romanen unterrepräsentiert ist.“ Es scheint, als hegst du eine wiederkehrende Faszination für die unteren Klassen.

Ich mag Extreme. Ein Protagonist braucht ein gewisses Maß an Spielraum. Die Oberschicht ist oft abschreckend, aber es gibt dir einfach die Freiheit, ein bisschen extremer und extravaganter zu sein, wenn du dich abseits der Mittelschicht bedienst. Der Druck am unteren Ende des Spektrums ist echt krass und führt dazu, dass Charaktere sich dort zu interessanten Gestalten verformen. Über die Mittelklasse schreibt jeder. Die sollen nicht wegen Vernachlässigung jammern, weil ich nicht über sie schreibe. Alle Romane sind streng genommen für den Küchenabfluss bestimmt. Es ist nur so, dass manche Abflüsse teurer sind als andere.

Du hast ein Buch erwähnt, an dem du gerade arbeitest. Kannst du uns mehr darüber erzählen oder bekommst du dann Schwierigkeiten?

Ich hoffe nicht. Es wird eine Romansammlung über die gesellschaftliche Revolution und der Protagonist ist 20 Jahre alt. Der Titel ist The Pregnant Widow, was sich von einem Kommentar des wundervollen russischen Denkers Alexander Herzen ableitet. Er sagt, dass, wenn sich die politische oder gesellschaftliche Ordnung durch eine Revolution verändert, man froh sein soll, dass das Alte dem Neuen weicht, aber das Problem ist, dass mit dem Tod der neuen Ordnung kein Erbe einhergeht. Du bekommst kein Kind, sondern eine schwangere Witwe, und dass zwischen dem Tod und der Geburt viel Leid und Trübsal liegt. Ich würde sagen, dass sogar jetzt das Baby der gesellschaftlichen Revolution erst in 30 Jahren auf die Welt kommen wird.

So wie London spielen auch die USA oft eine Rolle in deinen Büchern. In Gierig beschreibst du das Land als Musterbeispiel ungezügelten Konsums, so wie London immer sein wollte, nur ohne die britischen Hemmungen.

Amerika ist ein wilder Ort, ein großartiger Ort und ich glaube, so wie Henry James I., dass es eher eine Welt ist als ein Land. Als Ort kann man es schwer verallgemeinern. Nachdem ich die letzten acht Jahre angsterfüllt zugeschaut habe, bin ich ziemlich aufgeregt wegen der Wahlen, weil in Amerika verdammt viel falsch laufen kann und hier endlich mal jemand Beeindruckendes ist, der helfen kann, diese riesige Wunde im amerikanischen Leben zu heilen. Ich glaube, es könnte sein, dass eine großartige Ära eingeläutet wird.

Vielleicht eine Ära, in der wir die Geburt des Babys der gesellschaftlichen Revolution sehen?

Vielleicht.

Es war mal im Gespräch, dass David Cronenberg einen Film aus London Fields macht. War da was dran?

Ja, war es. Ich habe ihn ein paarmal getroffen und er schrieb das Drehbuch etwas um, aber er hätte nur einen Bruchteil des Romans bekommen, also wurde es auf Eis gelegt. Das Projekt ist aber immer noch am Leben. Sie haben The Rachel Papers, gedreht, das hat Spaß gemacht und Dead Babies auch irgendwie. Sie machen meine Filme chronologisch—einfach nur in Intervallen von 20 Jahren. Fürs Kino zu schreiben, hat mir noch nicht viel Spaß gemacht. Ich habe ein großartiges Drehbuch für eine Adaption von Northanger Abbey verfasst, das Miramax dann gekauft und gebunkert hat. Ich weiß nicht, was jetzt damit ist. Vielleicht sollte ich mich mal erkundigen. Das Kino ist ein tolles Medium und auch ein sehr junges. Wie Bellow sagte: „Das Kino handelt vom Äußeren, wo der Roman sich mit dem Inneren beschäftigt.“ Also gibt es da noch viel zu entdecken.

Warum bist du vor zwei Jahren aus Uruguay weggezogen?

Meine Frau ist halb aus Uruguay und halb aus New York—eine aufregende Mischung. Sie hat da unten ungefähr 25 Cousins ersten Grades. Wir haben das Land irgendwann für einen Winter besucht und sind dort geblieben. Wir sind dann weggezogen, als unsere Mädchen größer wurden und bessere Schulen brauchten. Die Landschaft ist fantastisch, aber es war politisch zu still, um Einfluss auf mein Schreiben zu nehmen. Es ist eine richtige Anomalie, wie sanft und vernünftig es im südamerikanischen Kontext ist.

Du hast kürzlich damit begonnen, an der Manchester Universität zu lehren. Warum ausgerechnet Manchester?

Ziemlich einfach: Sie haben mich gefragt. Mein Vater hat gelehrt und war ziemlich gut darin und deshalb dachte ich, ich könnte das bestimmt auch gut. Es macht mir Spaß, ich mag meine Kollegen, was bei einem Job echt selten ist. Ich lehre einfach nur Literatur. Was soll da noch angenehmer sein? Ich pfusche meinen Studenten nicht rein, wenn sie schreiben. Um genau zu sein: Ich sehe noch nicht mal, was sie schreiben. Wir reden ein bisschen darüber und ich spreche viel von Nabokov, Kafka und Dostejewski, welche sowieso die Typen sind, von denen ich gerne spreche. Ich bin ziemlich zufrieden mit mir.

Stimmt es, dass du erst ein Mod und dann ein Hippie warst in den Sechzigern und Siebzigern?

Ich war ein Mod, aber nach meinem fünften Roller-Unfall war das auch vorbei. Und dann, ja, ich war ein ziemlich opportunistischer Hippie. Diese ganze Musik und freie Liebe klang toll, aber ich war nie sonderlich fromm. Bei Mod ging es mehr darum, die richtigen pinken Socken am richtigen Tag anzuhaben. Das Hippie-Ding war eine stimmige Idee, aber es hatte auch eine dunkle Seite. Wie John Updike mal sagte, war es ein „faszinierender, dunkler Karneval“. Dieser ganze Optimismus hatte eine kleine schwarze Schattenseite, in der du—wenn du lange genug darin herumbohrtest—Charles Manson finden konntest.

The Second Plane von Martin Amis ist jetzt bei Vintage erschienen und ab sofort erhältlich.


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