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MARTIN AMIS - PART 1INTERVIEW: JAMES KNIGHT PORTRÄT: TARA SINN, MIT EINEM FOTO VON BEN RAYNER
Martin Amis ist einer der großartigsten Schriftsteller der Gegenwartsliteratur. Das wäre sogar unwiderlegbar, wenn er nach seinem dritten Buch, Gierig, das Schreiben an den Nagel gehängt hätte. Punkt. Sorry. Er schreibt über fesselnde, abgründige Charaktere, die um des Konsums willen blind für die eigene Gier konsumieren. Seine abscheulichen und manchmal urkomischen Kreationen ticken nach ihrer eigenen Uhr und sind trotzdem erschreckend nahe an dem Alltag, da draußen vor eurem Fenster. Amis gibt selten Interviews und ist bekannt dafür, dass er kratzbürstig und verschlossen ist. Nachdem ich alle seine Sachen verschlungen hatte und mehr als begeistert war, hat es mich fast wie ein minikleines Blatt Herbstlaub zittern lassen, als ich das Telefon in die Hand nahm, um ihn anzurufen. Glücklicherweise war Amis (seine Freunde nennen ihn „Marty“) nett, offen und ziemlich motiviert. Außerdem hat er eine hypnotische Art, Worte mitten im Satz zu betonen. Kuckt euch einfach das YouTube-Video an, wo er bei Charlie Rose über sein Buch Haus der Begegnungen spricht und ihr werdet wissen, was ich meine. Vice: Gab es beim Erwachsenwerden im Schatten des großen Kingsley Amis als Vater einen Punkt, an dem du dich bewusst für die Schriftstellerei entschieden hast oder war das schon immer klar? Martin Amis: Die Selbsterkenntnis kam, als ich ungefähr 13 war und Hefte und Tagebücher mit Geschichten und Gedichten voll schrieb. In dem Alter meisterst du eine ganze neue Art der Kommunikation mit dir selbst und lernst, dich in deinem Inneren zu artikulieren. Ich denke, jeder macht diese Phase durch und Leute, die Schriftsteller werden, wachsen einfach nie da raus. Ich jedenfalls nicht. Aber ich muss auch zugeben, mein Vater war ein früher Einfluss. Ich habe seine Sachen gelesen aber hatte trotzdem das Gefühl, dass die Schriftstellerei meine eigenständige Entscheidung war. Ich wusste, es würde nicht bei einem Buch bleiben, auf dem ich mich ausruhen könnte und mit dem ich meinen Vater beeindrucken könnte. Ich wusste es würde eine lange Reise werdenauf eine gute Art und Weise. Welche anderen Schriftsteller nahmen früh Einfluss auf dein Schreiben? Nun ja, ich hatte vor meinem ersten Buch noch nicht Bellow gelesen. Ich habe schon früh Austen gelesen, aber ich kann mir nicht vorstellen, wie sie irgendjemanden beeinflusst, dazu ist sie einfach zu strahlend. Ich habe auch etwas Nabokov gelesen, aber ich glaube, der größte Einfluss war Dickens. Seine Sachen sind einfach verrückt und wild, was mich in dem Alter betört hat. Man kann Austen nicht nachmachen, weil es reines Understatement ist, aber bei Dickens ist alles so haarig und kräftig, das kann man richtig verschlingen. Du scheinst dich schon früh für die Gegenwartihren Exzess und die Leereinteressiert zu haben, sowohl im zügellosen Konsum von Gierig, als auch im thatcheresken Kapitalismus von London Fields. Sicher, am Anfang auf jeden Fall, ja, aber du kommst an den Punkt, wo du nicht mehr in der Kultur bist. Du entfernst dich von ihr. Mein Vater hat das mal treffend beschrieben, als er sagte: „Ab einem gewissen Alter denkst du, es ist nicht mehr so, sondern anders. Aber du weißt nicht so recht, was anders genau bedeutet.“ Ich denke, es wäre verrückt zu denken, dass man immer voll angeschlossen sein kann. Du hast auch mal davon gesprochen, süchtig nach dem 20. Jahrhundert zu sein. Ist das 21. Jahrhundert dir bis jetzt nicht fesselnd genug? Das war für mich wahrscheinlich der Punkt, an dem so zu anders wurde. Das Buch, das ich momentan zu Ende bringe, spielt 1970, also klammere ich mich vielleicht wirklich an das 20. Jahrhundert. London hat immer eine vage Präsenz in deinen Büchern. Was fasziniert dich so an der Stadt? Ich war immer dankbar, in einer der großartigsten Städte der Welt zu leben. Es wäre völlig unmöglich gewesen, meine Bücher an einem Ort wie Cambridge zu schreiben. Es ging einfach darum einzutauchendarin zu leben, zu atmen und zu schwimmen. Fische stellen das Wasser nicht in Frage. Du sitzt einfach da, fühlst mit deinen Nervenenden dagegen und es kommt alles zur anderen Seite deines Stifts wieder heraus. Es gab Zeiten, da hast du andere Literaturformen gewählt, um die Gesellschaft so reflektieren, wie du es sonst in deinen Romanen tust. Romane entstehen in einem anderen Teil deines Bewusstseins und den Unterschied siehst du, wenn du Sachliteratur schreibst. Ich habe mich intensiv mit Stalinismus und russischer Geschichte beschäftigt, bevor ich Koba der Schrecklichedie zwanzig Millionen und das Gelächter (Sachbuch) und dann Haus der Begegnungen (Roman) schrieb. Wegen der formalen Unterschiede wirkten die gleichen Gefühle ganz unterschiedlich. Romane wirken wie eine Zeitlupe und Nahaufnahme, die es dir erlaubt, tiefer zu gehen und etwas anderes zu sagen. Es hat drei Jahre gedauert, um vom Gehirn in die Wirbelsäule zu wandern und dann war ich bereit, etwas zu sagen. Sogar wenn sie nicht direkt mit Politik zu tun haben, gibt es in deinen Büchern eine Atmosphäre von politischer Bedrohung. Mit der Zeit ist die Bedrohung vom Kalten Krieg zur Achse des Bösen gewandert, aber es gibt immer das Potenzial für ein politisches Armageddon. Als junger Mann war ich ziemlich unpolitisch. Ich war etwas links, aber ziemlich harmlos im Vergleich zu Trotzki-Anhängern wie Christopher Hitchens. Ich war voll unattraktivem Stolz auf mein mangelndes politisches Wissen. Literatur war das, was ich hatte und es war mein Ding. Obwohl ich in Einsteins UngeheuerTräume im Schatten der Bombe über Atombomben und in Pfeil der Zeit über den Holocaust schrieb, habe ich mich erst richtig in Politik gebildet, als ich anfing Russland zu studieren. Plötzlich verstand ich die Kategorien und Präzedenzfälle. Es wurde lebendig für mich. Als der 11. September kam, war ich nicht bereit für so ein interessantes Erlebnis in meiner Lebensspanne. Wenn ich meine Bücher mit einem Wort erklären müsste, würden sie von Maskulinität handeln und das hier war Maskulinität in einer ganz neuen Form. Es besinnt sich auf die gewalttätige Essenz der Männlichkeit, und die politische Geschichte des Menschen an sich ist ja auch die der Gewalt. Die gesellschaftliche Geschichte der Menschheit liegt dagegen im Sex. Das waren immer die interessantesten Fragen für mich: Wo liegen die Gründe dafür, dass Männer sich so verhalten und Frauen so behandeln, wie sie es tun? Wenn ich mich für Sachliteratur entschied, dann wegen dieser Fragestellungen. Sprichst du über The Second Plane, deine Sammlung von Stücken über den Islam? Ja. Ich hatte das Gefühl, etwas sagen zu müssen und Sachliteratur war ein sehr direkter Weg das zu tun. Also tat ich es. Deine Stilmittel, für die du berüchtigt bist, werden als postmodern klassifiziert. Waren das bewusste, formelle Entscheidungen oder hast du das unbewusst gemacht, weil die Geschichte es verlangte? Die Postmoderne ist jetzt auch nicht der großartige Zug, auf den alle dachten, aufspringen zu müssen. Es schwirrte so umher und wenn das in deiner Zeit passierte, machte es irgendwie für dich Sinn. Am Ende war es doch nicht die Goldader, auf die viele hofften, sondern eher eine Sackgasse, aber es war ziemlich vorausahnend im Sinne davon, dass das Leben selbst postmodern wird und Gebäude ihre Rohre an den Außenwänden tragen und Politiker offen über Handwerker sprechen. Es entwickelte sich eine ganz neue Ebene der Selbsterkenntnis und ein Interesse für die eigene Epoche, das es so im 18. Jahrhundert zum Beispiel nie hätte geben können. Die Geschichte beschleunigt sich noch immer und das will ich reflektieren. Wenn ich mich also zum Schreiben hinsetze, will ich die Form des Romans ausdehnen und damit spielen, so dass es eine bewusste und absichtliche Erweiterung der Form gibt. Wenn überhaupt, dann kehre ich jetzt zum Realismus zurück mit einer modernen Sensibilität ohne die Verzwicktheit der Postmoderne. CONTINUED MARTIN AMIS | 1 | 2 |
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