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HAROLD BLOOM - PART 1


INTERVIEW: JESSE PEARSON
PORTRÄT: TARA SINN, MIT EINEM FOTO VON MICHAEL MARSLAND/YALE UNIVERSITY


Harold Bloom ist der weltweit bedeutendste Literaturkritiker und damit wahrscheinlich auch der Letzte seiner Art. Bloom hält leidenschaftlich und beharrlich an dem ersten und wahrhaften Grundsatz der Literaturkritik fest—nämlich ein Buch einzig und allein nach seiner Güte zu beurteilen und es als eine eigenständige Sache anzusehen. Der ästhetische Wert der Prosa, die Vollkommenheit der Metapher, die Stärke und die Überzeugungskraft des Motivs—das sind die Dinge, auf die Kritiker wie Bloom achten.

Viele zeitgenössische Kritiker nehmen einen Roman und betrachten ihn durch verschiedene, völlig deplatzierte und irrelevante „soziologische Lupen“ wie Gender-, Feminismus- oder marxistische Ansätze und ähnlichen postmodernen Mist. Diese Kritiker werden von Bloom mit dem denkwürdigen Begriff „Schule des Ressentiments“ (the School of Resentment) betitelt und haben mittlerweile einen derart großen Einfluss, dass sie Schriftsteller, deren Karriere nach dem Aufkommen dieser Ressentiments begann, beeinflussen, ja sogar infiziert haben. Was wir also gegenwärtig beobachten können, ist eine Kritikerlandschaft, durch deren Einfluss das literarische Niveau abfällt und die—wie Bloom meint—zur Verblödung der gesamten Welt beiträgt. Es ist eine ziemliche Sauerei, die möglicherweise nicht wiedergutzumachen ist.

Zurück zu Harold Bloom, dem alten Rufer in der Wüste: Er hat nicht nur eines der wichtigsten und nützlichsten Bücher über Shakespeare (
Shakespeare. Die Erfindung des Menschlichen) geschrieben, sondern auch mit dem Begriff der „Einflussangst“ (the Anxiety of Influence) in seinem gleichnamigen Buch eine äußerst hilfreiche Theorie zur literarischen Evolution vorgeschlagen. Darüber hinaus hat er 1994 mit The Western Canon ein überragendes Werk abgeliefert, in dem er sich mit so ziemlich der gesamten akademischen Welt—also der School of Resentment—anlegt. Mit diesem Buch hat Bloom zum ersten Mal sehr ausführlich dargelegt, was hinsichtlich der großen schriftstellerischen Werke für die Menschheit als wirklich wichtig, ja essenziell gelten sollte—angefangen von der Bibel und dem Gilgamesch-Epos bis hin zu den Texten unserer Zeit. Und wenn die Herren Professoren und Kritiker dieser Welt mein Exemplar dieses Werks haben wollen, müssen sie es mir schon aus meinen kalten, toten Händen reißen.

Vice rief den vielbeschäftigten Kritiker in seinem Büro in Yale an, um das folgende Interview zu führen. In Yale unterrichtet Bloom zwei Kurse pro Woche, in deren Genuss wir leider nicht mehr kommen werden, da wir einfach zu alt dafür sind.

Vice: Ich wollte zuerst mit Ihnen über The Western Canon sprechen.

Harold Bloom:
Meinen Sie die ganze Kategorie oder was ich dazu geschrieben habe?

Ich meine Ihr Buch gleichen Namens.

Gut, aber können wir vorher eine Vereinbarung treffen? Lassen Sie uns nicht über diese verdammte Liste sprechen.

Haha. Sie meinen den Anhang am Ende des Buches mit der Liste aller kanonischen Werke?

Die Liste war nicht meine Idee. Das kam von meinem Verleger, den Herausgebern und meinen Agenten. Ich habe mich dagegen gewehrt, aber letztendlich aufgegeben. Ich hasse sie. Ich habe sie erstellt, ohne lange darüber nachzudenken und dabei viele Dinge ausgelassen, die drin sein hätten sollen und ein paar Sachen in die Liste aufgenommen, die ich heute gern rausschmeißen würde. Aus der italienischen und schwedischen Übersetzung konnte ich die Liste raushalten, aber sie ist in all den anderen Übersetzungen, also in 15 oder 18 oder so. Ich habe die ganze Sache einfach satt. Weltweit und auch hier haben die Leute die Liste kritisiert und attackiert und dabei das Buch gar nicht gelesen. Lassen Sie uns also vereinbaren, dass wir die Liste nicht erwähnen, OK?

OK. Deal.

Ich wünschte heute, ich hätte nichts damit zu tun. Ich habe die Liste wirklich ohne viel Nachdenken zusammengestellt. Dank meines ziemlich guten Gedächtnisses habe ich das in circa drei Stunden an einem Nachmittag zusammengetragen.

Es scheint diese Art Sache zu sein, die ein Verleger verlangt, um das Buch attraktiver für den normalen Leser zu machen.

Vergessen Sie die Liste und lassen Sie uns über was anderes sprechen.

Ich habe mit dem College 1994 begonnen. Im selben Jahr wurde dieses Buch veröffentlicht.

1994. Das war vor langer Zeit, 14 Jahre mittlerweile. Ich bin jetzt 78 und habe ein schreckliches Jahr hinter mir. Ich wäre fast gestorben, aber jetzt geht es mir wieder gut und ich unterrichte sogar wieder.

Was ist passiert?

Eine Reihe von Unfällen und Krankheiten. Im Herbst habe ich mir sprichwörtlich fast den Rücken bei einem Sturz gebrochen. Das hat mich sechs Monate lang lahm gelegt und mich fast das Leben gekostet. Aber lassen Sie uns das vergessen. Das ist längst überwunden.

Wenn ich mir das Buch jetzt ansehe und daran denke, dass es veröffentlicht wurde, als ich mit dem College anfing, dann …

Wo waren Sie auf dem College?

Nun, das ist Teil des Problems: Ich war auf einem kleinen Liberal Arts College ohne Noten und ohne Hauptfächer. Lassen Sie uns nicht den Namen erwähnen ... Hmm, oder warum eigentlich nicht, also, ich war auf dem Hampshire College.

Ah ja, das kenne ich sehr gut. Es soll sehr elitär sein. Ich erinnere mich gut daran, dass ich mal von diesem College für einen Vortrag eingeladen wurde, den ich dann aber abgesagt habe, weil ich das Gefühl hatte, dass es nicht funktionieren würde.

Es hätte bestimmt nicht funktioniert. Heute denke ich, dass ich lieber Ihr Buch hätte lesen sollen, anstatt das Hampshire College zu besuchen. Dann wäre ich heute in einer besseren Verfassung. Aber sagen Sie mir, denken Sie, dass es besser oder schlechter um die „School of Resentment“ bestellt ist, seitdem ihr Buch veröffentlicht wurde?

Die haben natürlich merklich an Einfluss gewonnen. Vergegenwärtigen Sie sich nur einmal den enormen internationalen und auch US-amerikanischen Niveauverlust hinsichtlich ernsthafter Literatur bzw. Lektüre und den damit untrennbar verbundenen Verfall von Standards.

Sie kämpfen aber immer noch weiter und unterrichten Studenten.

Ja, aber ich habe den akademischen Kreisen den Rücken gekehrt, obwohl ich immer noch in Yale unterrichte. Heute gehöre ich praktisch keiner Fakultät an—ich wurde quasi zu meiner eigenen Fakultät oder Nicht-Fakultät, als ich 1976 das Institut für englische Literatur verließ. Das ist sehr lange her, 32 Jahre mittlerweile. Ich habe ziemlich früh damit begonnen Bücher zu schreiben—von den späten 80ern bis zum heutigen Tag, was mittlerweile 20 Jahre sind—die sich an ein nicht-akademisches Publikum auf der ganzen Welt wandten. Das hat auch sehr gut funktioniert: Ich habe eine breite Leserschaft und werde in einer Vielzahl von Übersetzungen veröffentlicht. Es gibt also eine rettende Restmenge an Lesern für mich da draußen, wie ich entdeckt habe. Auf der anderen Seite leidet jedes dieser Länder genau wie die USA unter einem Niveauverfall.

Das passiert in allen Kulturbereichen und Medien, aber vorwiegend in Büchern.

Das hat viel, wenn auch nicht ausschließlich, mit dem technologischen Fortschritt zu tun. Heutzutage lesen Jugendliche nicht mehr wirklich ernsthaft und gehen weder in Museen, um sich Bilder anzuschauen, noch auf Konzerte, um sich richtige Musik anzuhören—zu der auch authentischer Jazz gehören würde. Gegenwärtig sind die Menschen im „Zeitalter der drei Bildschirme“ gefangen. Mit dem geringsten Übel angefangen sind das: die Kinoleinwand, der Fernsehbildschirm und der Computerbildschirm. Letzterer ist dabei besonders schädlich.

Es ist zum Teil sehr enttäuschend, da das Internet so eine gute Sache hätte sein können, eine Art unzerstörbare Bibliothek von Alexandria, aber stattdessen ist alles voll mit Pornozeug.

Das führt uns wieder zurück zu der rettenden Restmenge an Lesern. Sie, Mr. Pearson, sind Teil dieser Restmenge. Ich sage das bereits seit Jahren: Wenn man tatsächlich ein ernsthafter Leser werden will oder bereits einer ist, dann ist das Internet eine sehr gutes Werkzeug. Es ist eine unerschöpfliche Ressource. Wenn man allerdings keine Standards hat und nicht weiß, wie man ernsthaft liest, dann ist das Internet eine Katastrophe, weil man einfach nur einen grauen Ozean voller Text vor sich hat, in dem man gezwungenermaßen untergeht.


CONTINUED
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