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DIE DISTANZ ZUM MITTELPUNKT DER GALAXIS

von Gus Visco

Der Autor Gus Visco lebt in der Bronx. Er arbeitet gerade an einem Geschichtsroman über die gescheiterten Versuche der Sowjetunion, von Nowaja Semlja aus die arktischen Medien zu beherrschen. Für diese Ausgabe hat Gus eine Geschichte geschrieben, die irgendwo an der Grenze zwischen Zukunftsliteratur und Satire spielt.



Nach der Ankunft des Gutgekleideten hatten viele Menschen Fragen. Noch weit mehr Menschen hatten eine Bitte. Die meisten wollten etwas über seinen Heimatplaneten wissen, Cephei Altory. Neugierige Frauen fragten ihn oft nach seiner wahren, nichtmenschlichen Erscheinungsform. Offizielle aus Politik und Militär versuchten, ihm Geheimnisse über die Cepheianische Kultur zu entlocken. Die Eltern kranker Kinder baten um Heilung. Die Eltern toter Kinder baten um ein Wunder. Ein paar Verrückte baten gleich um verschiedene Wunder, manche meinten sogar, sie lautstark einfordern zu müssen. Talkshowmoderatoren und Redakteure baten um Interviews—Gelegenheiten für weitere Fragen. Der Gutgekleidete nickte nur milde lächelnd und wies alle Anfragen zurück.

„Achtung bitte“, sprach er in die Fernsehkameras in dem bis zum letzten Platz gefüllten Konferenzraum. „Ich bin hier im Auftrag der Regierung von Cephei, um ihre Welt vor externen Angriffen zu schützen. Mir ist es nicht erlaubt, in irgendeiner Weise in die internen Angelegenheiten ihres Planeten einzugreifen. Für weitere Informationen konsultieren Sie bitte die angezeigte Website.“ Ohne hinzusehen, deutete er auf seine Körpermitte und verließ sich darauf, dass sein Mitarbeiter im richtigen Moment die Adresse einblendete. „Also, das ist ‚The Well-Dressed Man‘, alles in einem Wort, Punkt ‚Cepheian Academy‘, Punkt ‚org‘.“

Unter thewelldressedman.cepheianacademy.org konnte man einen Cepheianischen Satelliten erreichen, den der Gutgekleidete höchstpersönlich bei seiner Ankunft in der Erdumlaufbahn installiert hatte. Auf der Website fanden sich jedoch nur sehr wenige Informationen, ein paar Porträts des Gutgekleideten, Links zu ein paar auf der Erde ansässigen Selbsthilfegruppen für Suizidgefährdete und eine Liste mit häufig gestellten Fragen, darunter unter anderem diese:

Ist der Gutgekleidete ein Gott?

Nein, er ist kein Gott. Er ist ebenso sterblich wie ein Mensch und wurde von einer technologisch und geistig weit überlegenen Zivilisation entsandt. Der Gutgekleidete hat den Befehl, sämtliche Tempel oder Statuen, die zu seinen Ehren erbaut werden, zu zerstören. Versuchen Sie nicht, den Gutgekleideten anzubeten.

Kann der Gutgekleidete meine toten Angehörigen wiederbeleben?

Nein.

Was sollte ich über Cephei Altory wissen?

Cephei Altory ist eine künstlich konstruierte Welt im Cepheianischen Planetensystem, in der Nähe des Mammatusnebels von NGC 4192—der Apparition-Galaxie—etwa sechzig Millionen Lichtjahre von der Erde entfernt. Es ist eine legendäre Welt voller Wunder, aber vermutlich am bekanntesten für die Cepheianische Akademie, in der die meisten Superhelden des bekannten Universums ausgebildet werden.

Ist die Erde jetzt wieder ein sicherer Ort, um eine Familie zu gründen?

Ja. Der Gutgekleidete wurde ausgebildet, um bedrohliche externe Kräfte zu bekämpfen. Monogam lebende, heterosexuelle Paare werden ermutigt, sich fortzupflanzen.

Wo befindet sich der Goldmann? Gibt es noch andere wie ihn?

Der Gutgekleidete hat die Maschine, die unter dem Namen „Goldmann“ bekannt ist, dauerhaft deaktiviert. Sie wird an einem sicheren Ort aufbewahrt. Untersuchungen des Erdinneren durch den Gutgekleideten haben keine Hinweise auf ähnliche Gefahren ergeben. Die Herkunft des Goldmannes bleibt jedoch weiterhin ungeklärt.


Zehn Jahre zuvor hatten Minenarbeiter in Südalgerien ein Objekt ausgegraben, das von seinen Gliedmaßen und Proportionen an einen Menschen erinnerte, aber deutlich größer war und über eine vergoldete Hülle verfügte. Nachdem man ihn etwa zur Hälfte ausgegraben hatte, ließen sich plötzlich Geräusche aus dem Innern des Goldmannes vernehmen. Lichter begannen zu blinken, verschiedene Bereiche öffneten und schlossen sich wieder, die Strahlenmessgeräte der Forscher spielten verrückt. Dann erhob er sich.

Das Ausmaß der Zerstörung, das die Erde in den folgenden Tagen erschütterte, übertraf alles bisher Dagewesene. Der Goldmann blies tödliche chemische Partikel in die Luft und löschte damit ganze Nationen aus. Aus der Umlaufbahn vernichtete er Millionen mit seinem Laserstrahl. Vom Grunde des Ozeans löste er Erdbeben und Flutwellen aus und ließ Küstenstädte im Meer versinken. Er zielte auf Industrie, auf Infrastruktur, auf alles, was von Menschenhand erbaut wurde. Gelegentlich schien er eine Fehlfunktion zu haben, wie eine Maschine, die ihre besten Jahre bereits hinter sich hatte. Schließlich, endlich, schaltete er sich wieder ab, aus unbekanntem Grund.

Binnen kürzester Zeit hatte der Goldmann die Weltbevölkerung halbiert. Jeder zweite Mensch war tot. Eine globale Delegation aus Wissenschaftlern kam zu dem Schluss, dass der Goldmann mehr als fünfundvierzig Millionen Jahre im Erdinneren verbracht hatte, und dass er definitiv nicht von der Erde stammen konnte. Mehr konnten sie nicht herausfinden, ohne sich zu nah heranzuwagen. Man wusste nicht, warum er sich bei seiner Entdeckung einschaltete und es gab keine schlüssige Theorie, warum er sich wieder abgeschaltet hatte. Aus Angst, ihn erneut zu aktivieren, ließ man ihn einfach liegen, isoliert, in einem Flussbett, in das er gestürzt war.


Eine Dekade später sah die Welt die Ankunft des Gutgekleideten. Auch er untersuchte den Goldmann und kam zu einem ähnlichen Schluss: 45 Millionen Jahre alt, außerirdischen Ursprungs. „Altertümlich“, berichtete er seinen Meistern auf Cephei Altory. „Die Technologie ist recht primitiv, er wurde offensichtlich für militärische Zwecke gebaut. Ein Großteil der Galaxis ist noch unerschlossen. Ich schlage vor, ein besser ausgerüstetes Untersuchungsteam runterzuschicken.“ Er drückte auf „Senden“ und beobachtete die drei grünen Lämpchen an seinem Transponder. Sie blinkten zweimal, die Nachricht wurde übermittelt. Er wartete auf Antwort. Zwei rote Lichter blinkten dreimal. Verbindung unterbrochen. Keine Antwort. Er drückte erneut den Knopf, um eine neue Verbindung herzustellen.

„Ich habe die Maschine deaktiviert“, fuhr er fort. „Sie stellt für die Menschen keine Gefahr mehr da. Ich erwarte den Befehl zu meiner Rückkehr. Die Erde braucht keinen Superhelden.“ Noch einmal drückte er auf „Senden“. Wieder erhielt er eine Bestätigung, dass die Nachricht versendet wurde. Wieder blinkten die zwei roten Lichter dreimal auf. Verbindung unterbrochen. Keine Antwort.


Der Gutgekleidete hatte nicht den Befehl eine Botschaft zu errichten. Stattdessen richtete er sich in den maroden Überresten eines Wohnwagens in einem Wald bei Provo, Utah, ein, nicht weit von dem Flussbett, in dem der Goldmann seine Ruhestätte gefunden hatte, aber doch isoliert genug, so hoffte er, um nicht weiter von Menschen belästigt zu werden. Er barg die Einzelteile des Goldmanns aus dem Fluss, türmte sie hinter dem Wohnwagen auf und bedeckte sie mit einer Plane.

„Scheiß drauf“, dachte sich der Gutgekleidete, „das muss reichen.“

Anschließend flog er nach Provo, um in einem Sizzler-Restaurant sein Mittagessen einzunehmen.

„Du siehst blöd aus“, rief ein kleiner Junge vom Nachbartisch herüber: „Du bist zu groß.“

„Ich bin exakt drei Meter groß, durchaus angemessen für einen Superhelden“, erwiderte er.

Der Junge spuckte dem Gutgekleideten auf seinen gegrillten Lachs.

„Sie sollten ihrem Sohn Manieren beibringen“, bemerkte der Gutgekleidete in Richtung der Eltern des Kindes. Sie starrten ihn mit kalten Augen an. Er starrte zurück, mit einem Blick, der eine Antwort erwartete. Die Eltern sagten nichts. Der Gutgekleidete faltete seine Serviette zusammen und machte sich auf den Weg. Die Bedienung an der Theke sah ihn ungläubig an: „Du bist doch dieser Typ!“, rief sie. Sie war dünn, blass und ihr ganzes Gesicht schien aus einem Stirnrunzeln zu bestehen.

„Ich bin der Gutgekleidete“, sagte er und richtete seinen Blick auf das Namensschild der Bedienung: „My Name Is...“, stand darauf, sonst nichts.

„Meine Eltern sind tot“, sagte sie. „Sie wurden vom Goldmann getötet. So ziemlich jeder meiner Verwandten und Freunde wurde vom Goldmann getötet.“

„Mein Beileid“, entgegnete der Gutgekleidete und reichte ihr einen Fünfziger.

„Ich kam aus Seattle“, fuhr sie leise fort.

Der Gutgekleidete nickte anerkennend. Seattle existierte nicht mehr.

„Der Besitzer hat mit mir ein Schnäppchen gemacht“, sagte sie. „Er hat mich gekauft und hergebracht. Ich lebe dort hinten.“

„Du kannst dich glücklich schätzen“, erwiderte der Gutgekleidete. Trotz ihrer kindlichen, unterernährten Erscheinung schätzte er sie auf etwa fünfzehn, dann wäre sie fünf gewesen, als das Massaker des Goldmanns begann. „Vor zehn Jahren bestand ein Drittel der Weltbevölkerung aus Waisen wie dir. Die meisten hatten nicht so viel Glück. Sie haben nicht überlebt.“

„Kannst du mir helfen?“, fragte sie.

„Wie soll ich dir helfen? Ich weiß nicht, was du dir darunter vorstellst.“

„Du kannst meine Eltern wieder zum Leben erwecken. Ich weiß, dass du es kannst. Im Radio haben sie gesagt, du machst das ständig.“

Der Blick des Gutgekleideten schweifte ab zu dem Bild über der Theke: ein fetter Mann in schäbigem Anzug—vermutlich der Besitzer des Restaurants, und damit auch der Besitzer dieses Waisenkindes—schüttelte einem anderen fetten Mann in einer gepanzerten Polizeiuniform die Hand.

Er stellte sich vor, wie diese beiden Männer mit einem Militärkonvoi nach Fort Seattle gereist waren, ein paar Meilen östlich des Kraters, der einmal Seattle war, um Waisenkinder einzukaufen. Damals hatten die Verantwortlichen dort die Waisen gegen dringend benötigte Vorräte eingetauscht. Er stellte sich vor, wie das Mädchen sich in ihrer ersten Nacht im neuen Bett auf dem Küchenboden des Restaurants in den Schlaf geweint hatte. Wie der fette Mann sich an ihr vergangen hatte, nachts, als niemand in der Nähe war. Die Emotionen, die mit diesen Gedanken einhergehen sollten, blieben aus. „Ich kann niemanden zum Leben erwecken, dessen Zeit abgelaufen ist“, sagte der Gutgekleidete. Er beugte sich zu ihrem Gesicht hinunter, sofern ihm das als Drei-Meter-Mann bei einem gerade halb so großen Mädchen möglich war, und flüsterte: „Eines solltest du wissen. Wenn deine Eltern es wert waren, gerettet zu werden, dann hätte ich es sowieso nicht geschafft. So läuft das bei mir. Ich komme immer einen Schritt zu spät, wenn es wichtig ist.“

Er verließ das Restaurant, ohne Wechselgeld für den Fünfziger zu verlangen.

Über dem Parkplatz zogen sich dunkle Wolken zusammen. Der Gutgekleidete blickte prüfend Richtung Horizont. Das Restaurant grenzte an ein ehemaliges Einkaufszentrum, das den Flammen zum Opfer gefallen war. Aus der Ferne hörte er Gewehrschüsse, aber es waren weit und breit keine Menschen zu sehen. Am Straßenrand bemerkte er zwei Hunde, die dabei waren einen dritten zu zerfleischen. Er hob einen Stein, um den Angriff zu unterbinden, zögerte, und ließ seine Hand wieder sinken. Stattdessen sah er eine Weile zu, bis die Zuckungen des dritten Hundes aufgehört hatten, dann flog er davon.


Den Rest der Nacht verbrachte der Gutgekleidete damit, die Einzelteile des Goldmanns wieder zusammenzusetzen. Den primitiven gravimetrischen Flugantrieb hatte er entfernt, ebenso wie die meisten seiner Zylinderkolben. Der Goldmann war wehrlos wie ein neugeborenes Baby. Er verstaute diese Teile in einer rostigen Eisentonne, die er im Wald gefunden hatte. Anschließend entfernte er noch alle Komponenten, die nach Messgeräten und Generatoren aussahen und warf sie zu dem Rest in die Tonne. Weil es ihm nicht gelang, den optischen Resonator auszubauen, zerkratzte er die Linse, um den zerstörerischen Laser des Goldmannes unschädlich zu machen. Er entfernte die Panzerung an den oberen Arm- und Beinpartien, dahinter wurde ein Gewirr aus Kabeln und Isolierungen sichtbar. Nachdem er die Rüstungsteile in die Tonne gelegt hatte, installierte er die zweite Einspritzdüse und stellte den Leistungsregler auf fünf Prozent.

Zu neuem Leben erweckt, stand der Goldmann auf und bewegte sich direkt auf die Tonne mit den fehlenden Teilen zu. Er lief unsicher und wankend, wie ein Betrunkener. Der Gutgekleidete lachte. „Du gibst wohl nicht auf“, rief er. Er griff sich die Tonne und sprang auf das Dach des Wohnwagens, wo der Goldmann sie zwar sehen aber nicht erreichen konnte. Langsam umkreiste der Goldmann den Wohnwagen, auf der Suche nach einer Leiter. Mit jedem vorsichtigen Schritt schien er die Beschaffenheit des Bodens zu prüfen. Der Gutgekleidete schwebte vom Dach und stellte sich neben ihn.

„Du und ich, wir sind von der selbenGröße“, sagte er zum Goldmann. „Und ich wette, das ist nicht alles, was wir gemeinsam haben. Wenn wir Freunde wären—vielleicht wenn du mir beweist, dass ich dir vertrauen kann—dann könnten wir vielleicht ein paar deiner Teile wieder anbringen, nur um dich ein wenig stabiler zu machen.“

Der Goldmann antwortete nicht.

„Ohne meine Hilfe wirst du niemals an diese Tonne kommen. Warum versucht du nicht mal, mit mir zu reden?“

Der Goldmann fuhr mit der Suche nach einem Zugang zum Dach fort.

„Ich weiß, dass du mich hören kannst“, sagte der Gutgekleidete, „wenn du wolltest, könntest du mir auch antworten.“

Der Goldmann antwortete nicht.

Der Gutgekleidete bemerkte, dass die Panzerplatte, die das Gesicht des Goldmanns verbarg—oder die Stelle, wo ein Mensch ein Gesicht gehabt hätte—einige kleine Unebenheiten hatte, die entfernt an zwei Augen, eine Nase und einen Mund erinnerten. „Du und ich, wir sind gleich“, sprach er mit Nachdruck.

Der Goldmann stolperte an ihm vorbei, an nichts interessiert, außer an der Tonne auf dem Dach.

Die Miene des Gutgekleideten verdunkelte sich. „Du widerst mich an“, sagte er verächtlich. Er packte das Gesicht des Goldmanns und schleuderte ihn zu Boden. Der Goldmann stürzte der Länge nach in den Staub.

„Traurig und erbärmlich“, sagte der Gutgekleidete. Er sprang zurück auf das Dach des Wohnwagens und hob die Tonne drohend über seinen Kopf. „Ich sollte deine Hauptplatine zertrümmern!“, rief er. „Das wäre dein Ende, Roboter!“

Der Gutgekleidete blickte auf den Goldmann herab, der zu schwach war, um seinen Kopf aus dem Schmutz zu erheben. Er entschied sich dagegen, die Hauptplatine des Goldmanns zu zertrümmern.



© Kenneth Gangemi, 2008


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