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DOS & DON'TS
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CSI BERLIN: TATJANA BERGIUS HAT FRÜHER SCHRECKLICHE DINGE FÜR DIE POLIZEI GEZEICHNETINTERVIEW: TOM LITTLEWOOD Vor zwei Jahren habe ich Tatjana Bergius für die Cops-Ausgabe interviewt. Sie hat früher für die Berliner Polizei gearbeitet und Zeichnungen von Vergewaltigern, Mördern und anderen schrecklichen Menschen, ihren Taten und den Schauplätzen der entsetzlichen Verbrechen gemacht. Kurz nachdem wir uns kennengelernt hatten, gab sie ihren Job auf, weil ihr all die Dinge, die sie während der Zeit sehen musste, das Ganze verdorben haben. Ich habe sie angerufen, um mal nachzufragen, was sie nun stattdessen macht. ![]() MORE DRAWINGS BY TATJANA BERGIUS 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | > Vice: Hi Tatjana, hier ist Tom vom Vice Magazine. Wir haben uns vor zwei Jahren mal getroffen. Tatjana Bergius: Hi Tom, wie geht’s dir? Gut, Danke. Also warum hast du aufgehört, für die Polizei zu arbeiten? Na ja, was ich am Anfang nicht begriffen habe, war, dass mein Vertrag auch beinhaltet, dass ich alle Verbrechensszenen von schwerwiegenden „Vorfällen“ zeichnen muss. Mord, Raub, Brandstiftung, solche Sachen. Und ich musste rund um die Uhr erreichbar sein, um all das zu zeichnen. Was bedeutete das? Du kommst am Schauplatz eines Verbrechens an, im Haus oder der Wohnung von irgendjemandem. Der Kommissar erklärt dir schnell die Sachlage, aber du hast keine Ahnung, was da wirklich passiert ist. Das ist wie, wenn eine böse Mutter eine Schauerszene aus einem gestörten Märchen erzählt. Am Anfang war es total exotisch. Aber du musst alles unterdrücken, was du fühlst, um diese Arbeit zu machen. Was war das Schlimmste, das du jemals gesehen hast? Einmal habe ich den Abdruck eines toten Babys gesehen. Überall war Asche, die auf den Körper gefallen war, und als die den Körper entfernten, blieb der Abdruck zurück. Nachdem ich das gesehen hatte, konnte ich nicht mehr richtig weiterarbeiten. Und du musstest das dann alles zeichnen? Ich musste alles in dem Raum zeichnen. Stühle, Tische, Spiegel und den Abdruck des toten Babys. Ich weiß nicht, warum ich das so schlimm fand. Ich habe viel schlimmere Dinge und eine Menge Leichen gesehen. Aber deswegen wolltest du dann schließlich aufhören? Zuerst habe ich weiter gearbeitet, aber ein Jahr später ist alles wieder hochgekommen. Bei mir wurde posttraumatischer Stress diagnostiziert. Ich zog in ein Kloster, ungefähr eine Stunde von Berlin entfernt, und malte ein Bild für jeden Tag. Jeden Tag. Ein Jahr lang. Wie hast du diese Bilder angefangen? Ich nahm Fotos aus Magazinen. Das erste war der Eingang zum Psychiatrie-Flügel des Krankenhauses, wo damals Hitler diese schrecklichen Experimente mit Menschen gemacht hat. Jedes Mal, wenn ich etwas Verstörendes gesehen habe, habe ich es gemalt und eine Geschichte daraus gemacht. Erst die Psychiatrie, dann Willy Nelson und Johnny Cash, der an einem Schuhladen für Frauen vorbeiläuft. Klingt beängstigend. Es war echt schlimm. Es konnte alles sein. Einmal habe ich den Dalai Lama ohne Brille gemalt. Eine ziemlich bunte Mischung also. Ja, aber es war alles mehr oder weniger apokalyptisch. Es ist ein großes Problem in der Welt, dass die Menschen die Existenz des Bösen leugnen und so tun, als wäre alles in Ordnung. Das habe ich jeden Tag an den Verbrechensschauplätzen gesehen. Das Böse ist überall, aber die Menschen akzeptieren es. Um genau zu sein, wurde es schon akzeptiert und jetzt haben die Menschen das Recht, es zu ignorieren. Denkst du, die Menschen werden das durch deine Arbeit realisieren? Ich will einfach nicht diese netten, hübschen Bilder machen, die alle abstrakt und schön sind. Ich male alles in schwarz, als würde es sich hinter Schatten verstecken. Was hat dich als Erstes zum Zeichnen bewegt? Als ich zwölf war, habe ich die Robert Crumb-Comics meines Vaters gefunden. Ich dachte: „Wow, die Sachen sind großartig, merkwürdig und lustig.“ Ich war froh, dass es solche Sachen gab. Weißt du noch, was du als Erstes gezeichnet hast? Als ich ungefähr fünf war, habe ich eine Skelett-Braut gemalt. Es war ein Geschenk für meine Mutter. Sie war total verrückt nach Dada und hat damals in den Siebzigern die erste Dada-Ausstellung kuratiert. Ich war damals dieses fünfjährige Mädchen, das sich stundenlang Dada und Dix ansah. Kriegsopfer, Krüppel, Huren... Überall waren Prostituierte. Ich wollte auch Künstlerin werden. Wie bist du dann Polizei-Zeichnerin geworden? Ich habe da eigentlich nur gearbeitet, um mehr Übung zu bekommen. Ich fand es spannend, ein Gesicht aus Worten zu kreieren. Es ist, psychologisch gesehen, hart. Da kommen diese Mädchen, die gerade vergewaltigt worden sind und du hast keine Ahnung, was mit ihnen passiert, wenn sie wieder gehen. Du fängst an, dir Sorgen zu machen. Also waren deine Bilder eine Art Therapie? Natürlich. Sie basieren auf wahren Begebenheiten und Geschichten, die ich aus Dingen entwerfe, die ich gesehen oder gehört habe. Wenn du kleine Details hörst, fängst du an, die Lücken zu füllen. Und du warst mitten in dieser Welt? Total. Obwohl ich in Berlin geboren wurde, bin ich nie in die richtig armen Gegenden gekommen, wie Ahrensfelde oder Lichtenberg. Aber durch meinen Job wurde ich in die Unterwelt gesaugt. Du kannst der Gesellschaft direkt ins Herz kucken und es ist so, wie Nietzsche sagte: Der Mensch ist böse, die Frau ist gemein.
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