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DOS & DON'TS
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MIKE LEIGH - PART 1INTERVIEW: STEVE LAFRENIERE FOTO: LEO LEIGH
Seit zwanzig Jahren bin ich ein Fan von Mike Leighs Filmen. Jedes Mal wenn ich einen neuen gesehen habe, führe ich anschließend in Gedanken ein Gespräch mit ihm und versuche, ihm seine intimsten Geheimnisse zu entlocken. Seine Charaktere sind so was von authentisch, dass ich oft das Gefühl habe, sie persönlich zu kennenmal bestechend ehrlich, mal auf so irrsinnige und skurrile Weise abgefuckt, dass sie mich in eine Sinnkrise stürzen. Könnte es etwa sein, dass Angela in Abigail’s Party irgendeine Behinderung hat? Aus welchem der zahlreichen Gründe sollte Johnny in Naked einen Hustenanfall vortäuschen? Ist Gary Oldman als Skinhead in Meantime nicht vielleicht ein bisschen verknallt in den nerdigen Tim Roth? Nicht viele Regisseure bringen mich dazu, dass ich mir solche Fragen überhaupt stelle. Als Vice mich fragte, ob ich für diese Aus-gabe wirklich mal mit Mike Leigh sprechen wollte, musste ich erst mal tief schlucken. Zunächst hat er den Ruf, kein einfacher Interviewpartner zu sein. Journalisten, von denen er annimmt, sie hätten ihre Hausauf-gaben nicht gemacht, setzt er der Legende nach schon mal vor die Tür. Wer glaubt, eine treffliche Interpretation seiner Filme liefern zu können, dem begegnet er mit offener Feindschaft. Na, hört sich doch großartig an. Dann sah ich seinen neuen Film, Happy-Go-Lucky, über eine Frau, die so vor Lebensfreude strotzt, dass Amélie dagegen aussieht wie Diamanda Galás. Zuerst mochte ich ihn nicht besonders. Für einen Film von Mike Leigh fand ich ihn irgendwie schwach. Aber in den folgenden Tagen ging ich vor meinem inneren Auge immer und immer wieder die einzelnen Szenen durch, zunehmend beeindruckt von der Dichte und der komplexen Verwobenheit seiner Charaktere. Tja, und jetzt liebe ich den Film. Deswegen habe ich mich dann doch darauf gefreut, den guten Mann ans Telefon zu kriegen. Wie sich herausstellt, ist Mike Leigh gar nicht so, wie alle behaupten. Er wird einfach nicht gerne missverstanden, das ist alles. Jeder noch so winzigen Fehlinterpretation seiner Arbeit widerspricht er vehement, immer penibel bedacht darauf, dass in der Öffentlichkeit kein falscher Eindruck von ihm entsteht. Ansonsten ist er verdammt witzig, vor allem, wenn es um Leute und Sachen geht, die er nicht mag. Er ist im Grunde genau wie die Hälfte meiner Freunde. Nur ist er nebenbei noch einer der besten Filmemacher auf Erden. Vice: Happy-Go-Lucky hat eine ganz andere Ästhetik als deine restlichen Filme. Mit sehr hellen und kräftigen Farben und im Breit-bildformat. Mike Leigh: Als ich an den Punkt kam, wo ich eine sehr klare Vorstellung von dem Film hatte, sprach ich mit meinem Kameramann Dick Pope über die Hauptfigur Poppy und was ich mit ihrer Darstellung vorhatte. Wir wollten ihre Lebenslust und diese positive Energie adäquat einfangen. Als wir mit den Dreharbeiten begannen, hatte Fuji gerade den Vivid-Film auf den Markt gebracht, der vor allem bei den Primärfarben sehr stark ist. Wir verwendeten ihn und somit war auch die Entscheidung getroffen, in Wide-screen zu drehen. Für dich eine Premiere … Ja, das stimmt. Wir haben schon bei früheren Filmen darüber nachgedacht, aber jetzt fühlte es sich zum ersten Mal absolut richtig an, um diese besondere Stimmung erzeugen zu können. Poppy ist ja schon fast unerträglich gut gelaunt, aber das ist nur eine ihrer Quali-täten. Wie stur sie sich den Ängsten des Lebens verweigert, ist auch großartig mit anzusehen. Wie kamst du darauf, gerade jetzt einen solchen Charakter zu entwerfen? In gewisser Weise richtet sich der Film gegen den vorherrschenden Pessimismus und diese Untergangsstimmung. Dass wir uns gegenseitig zerfleischen und unseren Planeten zerstören. In der Tat, die Lage ist ja auch sehr ernst und wir haben allen Grund, uns Sorgen zu machen. Aber während all das passiert, geht das Leben der Menschen weiter und sie müssen irgendwie damit umgehen. Nicht wenige dieser Men-schen sind Lehrer. Wenn man Kinder unterrichtet, ist man schon fast zwangsläufig ein Optimist, schließlich investiert man in die Zukunft. Also ja, ich wollte einen Film machen, der von einer herzlichen, toleranten, optimistischen und grundlegend positiven Person handelt. Das wäre wohl uninteressant, wenn es sich nur um eine oberflächliche Simu-lation dieser Eigenschaften handeln würde. Aber wie du schon sagst, ist Poppy tatsächlich eine solche Person, sie glaubt wirklich daran. Natürlich ist dieser Eindruck auch maßgeblich der schauspielerischen Leistung von Sally Hawkins zu verdanken. Sie spielt ja auch in deinen letzten beiden Filmen, All or Nothing und Vera Drake, interessante Charaktere. Aber ich hätte vorher nicht gedacht, dass sie zu einer solchen Rolle fähig wäre. Sally hat eine bezaubernde Energie und einen immer wieder erstaunlichen Sinn für Humor, das hat sicher viel zu dem Entstehungspro-zess beigetragen. Wenn du meine früheren Filme kennst, dann weißt du, dass ich bei der Entwicklung der Charaktere eng mit den Schauspielern zusammenarbeite. Natürlich sind die Schauspieler nicht mit ihnen identisch, aber ich versuche trotzdem immer, ihre spezifischen Eigenschaften in die Charaktere zu integrieren. Nachdem ich schon zuvor mit Sally Hawkins gearbeitet und sie näher kennengelernt hatte, war mir absolut klar, dass ich ihr eine Hauptrolle geben muss. In einer Szene begegnet Poppy spät nachts einem Obdachlosen. Er redet wirres Zeug, aber sie sieht ihm in die Augen und scheint genau zu verstehen, was er meint. Bei deinem teilweise improvisatorischen Ansatz habe ich mich gefragt, ob Sally Hawkins wohl schon vorher wusste, wie diese Szene ablaufen wird. Alles, was du in meinen Filmen siehst, hat seinen Ursprung in der Improvisation. In den ersten Entwürfen weiß keiner der Schauspieler, was passieren wird. Aber wir bauen dann auf diesen Ergebnissen auf, extrahieren und kons-truieren bestimmte Szenen und drehen sie anschließend noch mal. Also wusste sie zunächst überhaupt nicht, wer die Person war, der sie da begegnete? Nein, nein, nein. Das würde meinem ganzen Arbeitsprinzip zuwiderlaufen. Im ursprünglichen Setting lief sie einfach herum und dann war da plötzlich dieser Typ. Ich erzähle den Schauspielern zunächst gar nichts über meine Filme. Weder über die Handlung, noch über die anderen Personen. Sie erfahren nur das, was ihr eigener Charakter zu dem entsprechenden Zeitpunkt wissen kann. Nach und nach finden die Schauspieler dann mehr über den gesamten Zusammenhang heraus. Aber immer nur aus ihrer Perspektive. Selbst wenn Sally sich jetzt den fertigen Film anschaut, weiß sie wohl nicht mehr über diesen Typen als du. CONTINUED MIKE LEIGH | 1 | 2 | 3 | 4 | >
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