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EIN EXPERTE ÜBER TURKMENISTAN UND DESSEN


INTERVIEW: TIM SMALL, FOTOS: NICOLAS RIGHETTI


Vice: Du bist also ein Experte für Dikta-turen, ja?

Nicolas Righetti:
Tja, das könnte man so sagen. Aber es klingt etwas anmaßend.

Dann sagen wir einfach, dass du ein einigermaßen smarter Fotojournalist bist,der gerade aus Turkmenistan zurückgekehrt ist und zuvor einige Male in Nordkorea war. Kann man diese beiden Diktaturen vergleichen?

Sie haben einen unterschiedlichen Rhythmus. Aber für Außenstehende dürften sie recht ähnlich aussehen. Zum Beispiel scheinen sie sich in einem permanenten Kriegszustand zu befinden—was eigentlich nicht der Fall ist.

Du meinst, sie wollen den Anschein erwecken, dass Krieg herrscht.

Es soll so aussehen, als ob sie sich im Krieg mit diesem bösen Feind befinden, der nur darauf wartet, das Land zu überfallen und die Regierung zu stürzen. Turkmenistan und Nordkorea benutzen Angst, die Angst vor dem Feind und der Außenwelt, um die Bevölkerung zu kontrollieren. Auch der Personenkult spielt eine wichtige Rolle. Aber die Nordkoreaner sind schon viel weiter in ihrer Vorstellung vom „neuen Menschen“. Auf diesem Gebiet haben sie viel mehr erreicht als etwa Castro oder Khomeini. Wenn man sich dort aufhält, merkt man schnell, dass es nicht einfach nur die Plakate und Statuen sind, sondern dass sich das ganze Volk in diesem kollektiven Wahnsinn befindet. Und wenn man die Hauptstadt verlässt, stellt man fest, dass in diesem Land absolut alles nordkoreanisch ist. Nahrungsmittel, Materialien, Produkte, Bilder, alles scheint innerhalb der Landesgrenzen gemacht zu sein. Wahrscheinlich träumen diese Leute auch noch jede Nacht von ihrem Land.

Ist die Situation in Turkmenistan weniger befremdlich?

Die turkmenische Diktatur hat nie in einem so hohen Maße die Kontrolle über die Bevölkerung ausgeübt wie die Kim-Familie in Nordkorea. Nyyasow wollte vor allem an der Macht bleiben und Angst erzeugen. Er schrieb auch ein Buch, die Ruhnama, die für jeden zur Pflichtlektüre erklärt wurde. Selbst wer einen Führerschein machen wollte, musste eine Prüfung zur Ruhnama ablegen. Nyyasow behauptete auch, eine Abmachung mit Gott zu haben, dass jeder, der die Ruhnama dreimal liest, automatisch in den Himmel kommt. Das klingt für uns eher lustig, für die Leute dort ist es das aber nicht. Trotzdem ist die Atmosphäre in gewisser Weise lockerer als in Nordkorea. Das Land wird nicht vollständig von dem Regime dominiert. Die Leute sind etwas menschlicher. Sie scheinen ihren eigenen Kopf zu haben und müssen auch nicht in allem mit der Partei übereinstimmen. Auf intellektueller und sozialer Ebene ist das Klima weniger repressiv.

Was ist mit all den absurden Dingen, für die Nyyasow bekannt war? Er benannte zum Beispiel die Monate nach sich und seinen Familienmitgliedern. Realisieren die Turkme-nen, wie lächerlich das ist?

Ich denke schon. Nachdem ich das Vertrauen der Leute gewonnen hatte, waren viele von ihnen froh, mir zu erzählen, dass ihre Regierung es etwas übertreibt und nicht immer richtig liegt. Generell haben viele Menschen Angst und wollen nicht reden, aber diejenigen, die ich näher kennenlernte, vor allem Studenten und Lehrer, haben mich gewarnt. Sie sagten, die Situation sei gefährlich, ich sollte das Land verlassen und besser wieder kommen, wenn alles wieder normal ist. Sie wissen auf jeden Fall Bescheid.

War Nyyasow ein beliebter Herrscher?

Ja. Nyyasow war sehr charmant, er spielte seine Rolle sehr gut. Er gab sich den Beinamen „Türkmenbasy“—Vater der Turkmenen—und er wollte das Bild eines guten Vaters vermitteln. Dabei ist wirklich interessant, dass Nyyasow seine Eltern verloren hat, als er noch ein Kind war. Er selbst hat niemals elterliche Liebe erfahren. Aber auf den Propagandabildern ist er immer am Lächeln. Er wollte den Menschen Liebe geben und sie liebten ihn im Gegenzug dafür. Ein weiterer interessanter Aspekt, den ich so noch nicht erlebt habe, ist, dass die Bevölkerung bereit war, alle anderen Parla-mentsmitglieder und Minister zu hassen, nur um ihn lieben zu können.

Was meinst du damit?

Nyyasow hat seine Minister und Offiziellen öffentlich kritisiert, im Gegensatz zu den Journalisten, die das nicht durften. Seine Stimme gegen Korruption und Inkompetenz machte ihn zu einem Volkshelden. Ich habe im Fernsehen drei „Verhandlungen“ gesehen, in denen Nyyasow seine Minister anklagte. Er fragte: „Habt ihr das Geld der Regierung gestohlen?“ Und dann senkte der Bildungs-minister den Kopf und sagte: „Ja, ich habe drei Millionen Dollar vom Türkmenbasy gestohlen. Es tut mir sehr leid.“ Daraufhin wurde Nyyasow erst sehr wütend, aber dann lachte er und machte einen väterlichen Witz: „Du wolltest das Geld doch gerecht mit mir teilen, oder?“ Er konnte ihnen vergeben, und sie hatten ja ohnehin keine Ahnung. So konnte er den Leuten weismachen, dass sie nur arm sind, weil er von Idioten und Dieben umgeben war. Nyyasow musste das tun, weil die Regierung den eigenen Wohlstand eigentlich nicht rechtfertigen konnte und die Bevöl-kerung sich gefragt hat, warum sie nichts von dem Geld sieht.

Wurden die Minister bestraft?

Sie kamen ins Gefängnis, wurden, sagen wir, zu acht Jahren verurteilt. Aber nach einem Jahr erließ Nyyasow eine Generalamnestie, weil die Gefängnisse voll waren und die Minister saßen plötzlich wieder in der Regie-rung. Das war alles Theater.

Was war mit den irrsinnigen Großprojekten wie der riesigen Goldstatue von Nyyasow, die sich um die eigene Achse drehte und dabei der Sonne folgte? Wollten die Menschen die denn nicht abreißen und draufpissen?

Nicht wirklich. Die Grenzen Richtung Wes-ten waren mehr oder weniger dicht. Es gab den Afghanistankrieg und davor waren die Sowjets da. Die „Vorbilder“ waren Moskau oder sogar Kasachstan. Kasachstan war für die meisten Menschen so was wie New York. Die meisten wussten nicht mal, wo Europa liegt. Für sie war dieser Irrsinn normal. Da gab es wenige Ideen für Alternativen, sie kannten nur ihre Diktatur, umgeben von anderen Diktaturen.

Turkmenistan ist ein islamisches Land und ich habe gelesen, dass Nyyasow behauptete, ein „direkter Nachkomme von Mohammed“ zu sein. Hatten die turkmenischen Imame da-zu nichts zu sagen?

Er behauptete auch, der dreizehnte Prophet des Islams zu sein. Aber dieser Mann war so schlau, sich selbst als Opfer der Um-stände darzustellen. Er sagte Sachen wie: „Ich möchte das nicht, das Volk will es. Ich möchte nicht der dreizehnte Prophet sein, aber mein Volk hat mich darum gebeten.“ Er ist bekannt für seine Behauptung, die Leute würden ihn so sehr lieben, dass er nachts nicht schlafen könne. Und wenn die Imame sich beklagten—zum Beispiel als er befahl, die Ruhnama neben dem Koran zu platzieren—ließ er einfach ein paar Mo-scheen zertrümmern.

Erzähl mir von diesem witzigen Plakat, das du fotografiert hast. Das, auf dem Nyyasow gerade auf seine Uhr schaut.

Das ist mitten im Zentrum der Hauptstadt Asgabat, deren Architektur Nyyasow maßgeblich geprägt hat. Ich fragte meinen Führer nach dem Plakat und er erklärte mir: „Unser Führer hat eine Rolex.“ Ich war schockiert. „Warum gibt es ein Plakat von ihm, wie er auf seine Uhr schaut?“ Er antwortete: „Unser Führer ist wie wir. Wir schauen auf unsere Uhren. Er tut es auch.“ Ich sah zwar sonst niemanden mit einer Rolex, aber die Idee ist genial. Da erkennt man seine kommunistischen Wurzeln. Die Idee, sich als volksnah zu zeigen.

Stimmt es, das Ausländer 50.000 Dollar bezahlen müssen, wenn sie eine turkmenische Frau heiraten wollen?

Ja. Turkmenische Frauen gelten als sehr schön und die Ruhnama enthält eine Philosophie der Jugend. Sie besagt, dass Männer und Frauen sehr jung heiraten sollten. Nyyasow wollte verhindern, dass zu viele junge Menschen das Land verlassen. Er erließ ein Gesetz, wonach jeder Ausländer, der eine Frau heiraten und außer Landes bringen will, 50.000 Dollar bezahlen muss.

Behauptete er nicht auch, dass die Turk-menen das Rad erfunden hätten?

Ja, das ist toll. Steht auch in der Ruhnama. Das Buch ist der Wahnsinn. Viel besser als die rote Mao-Bibel, das grüne Buch von Gaddafi oder die Sachen von Kim Jong-Il. Ein bisschen einseitig, aber spannend. Er erklärt darin, dass die Turkmenen das Rad erfunden haben. Und die Straßen. Und die Autos. Er behauptet auch, dass er direkt von Jesus abstammt und gleichzeitig von Mohammed.

War die Einreise nach Turkmenistan für dich schwierig?

Ich habe einen Freund, der bei der Schweizer Tourismusbehörde arbeitet. Er schrieb mir einen Brief, in dem er erklärte, ich sei von der Tourismusbehörde offiziell beauftragt, alle turkmenischen Hotels zu begutachten und zu fotografieren. Das war super, ich bekam ein Auto mit eigenem Fahrer, bezahlt von der turkmenischen Regierung. Ich bin dann die ganze Zeit von einem Hotel zum nächsten gereist.

Waren die Hotels gut?

Asgabat ist eine unglaubliche Stadt mit vielen beeindruckenden Hotels. Es gibt auch Tou-risten: Iraner, Russen, Türken, aber nicht besonders viele. Nyyasow ließ zu
viele Hotels bauen. Vielleicht 500 Mal mehr als nötig.

Was dachten die Leute über dich?

Ich bin ein Schweizer und blond, also dachten sie, ich wäre ein Russe. Ich versuchte ihnen zu erklären, dass ich aus der Schweiz bin, aber sie wussten nicht, wo die liegt oder was das überhaupt sein soll.


Love Me, Turkmenistan von Nicolas Righetti ist bei Trolley Books erschienen (trolleybooks.com).


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